Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Todesdownloader, Mordkopierer

Illegale Downloads schuld an tödlichem Festivaldrama

HASSELT – Das Drama beim belgischen Popfestival „Pukkelpop“ Ende August war Experten zufolge eine indirekte Auswirkung des gestiegenen illegalen Downloads von Musik im Netz.

Megakonzerte sind für die Musikgruppen, die kaum noch CDs verkaufen, lebenswichtig geworden […] Diese Konzerte finden auf riesigen Bühnen statt, die mit Licht- und Videoequipment völlig überbelastet werden. Der Regen und der Wind richten nicht mehr Schaden an als früher. Allerdings ist der Schaden insgesamt viel höher als früher.

DNews

Kommentar

Aha, das Internet bringt Leute um, mindestens die vier Toten in Hasselt sind „vom Internet“ getötet worden. Weil in diesem Internetdingens Musik kopiert wird. Von skrupellosen Raubmordkopierern. Und weil sie nicht mehr wie früher, in der guten alten Zeit, von einer Contentindustrie kopiert wird, die ihre Produkte so allmedial vor jedes Ohr brachte, dass die Konzerte nur so voll mit zahlendem, begeistertem Publikum wurden.

Ich weiß nicht, wie es euch geht: Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass im Jahre 1985, als eines der größten und mit Sicherheit das größenwahnsinnigste Rockkonzert der bisherigen Geschichte auf wirklich riesigen Bühnen abgewickelt wurde, schon jemand über illegale Musikdownloads gesprochen hätte. Wie auch, mit einem 300-Baud-Akustikkoppler? Von einer Mailbox, die für neue Nutzer eher etwas undurchschaubar war? Und dennoch wurde dieses Konzert in der offen geäußerten Absicht veranstaltet, in möglichst kurzer Zeit einen möglichst großen Geldbetrag zu erwirtschaften, um diesen für humanitäre Zwecke zu spenden. Niemand ist auf die Idee gekommen, zu diesem Zweck Tonträger aufzunehmen und zu verkaufen. Schon damals waren also Konzerte für die Musiker ein besseres Geschäft als der Handel mit kopierter Musik durch die Contentindustrie — und ich spreche hier nicht von kleinen, unbekannten Bands, sondern von wirklichen Größen.

Der vom niederländischen Telegraaf — übrigens eine höchst fragwürdige Räuberpostille, die trotz ihrer größeren Textlastigkeit in den Niederlanden in einem ähnlichen Rufe steht wie in Deutschland die Bildzeitung — postulierte Zusammenhang zwischen Megakonzerten und übers Internet kopierter Musik ist also fragwürdig, wenn man mal der Höflichkeit halber das freundlichste Wort dafür nimmt. Übrigens ist es auch interessant, dass der niederländische Telegraaf in seiner kurzen und von der bundesdeutschen Contentindustrie drittverwerteten Meldung zwar Bezug auf „de deskundigen“ nimmt (wir würden auf Deutsch „Experten“ sagen), die im „Le Figaro“ solche Zusammenhänge herstellen, diese aber doch lieber nicht beim Namen nennt. Sonst könnte ja womöglich auffallen, dass diese „Experten“ nicht gerade unabhängig sind.

Ach ja, der „Figaro“, der aus alten Zeiten seinen guten Ruf in ein Jetzt gerettet hat, in welchem dieser gute Ruf kaum noch eine Grundlage hat, er steht in direkter Kooperation mit der seriös verkleideten Axel-Cäsar-Springer-Presse „Die Welt“ — und dort hat man aus reinem Gewinninteresse etwas gegen das für alle frei zugängliche Internet, aber dies keineswegs so sehr, dass man aus den Google-Suchergebnissen verschwinden möchte.

Es ist mir übrigens nicht gelungen, die referenzierte Originalmeldung über die Suchfunktion auf der Website des Figaro zu finden. Die zurzeit letzte Meldung, die das Wort „Hasselt“ beinhaltet, spricht nicht von Downloads (des téléchargements), sondern von einer Naturkatastrophe (une catastrophe naturelle). Es wäre wahrlich nicht das erste Mal, dass sich der „Telegraaf“ eine Quelle einfach ausgedacht hat. In solchen Dingen ist auch der niederländische Boulevard ziemlich schmerzbefreit. Die technikverneinende Usance der Journaille im Web, Links auf Quellen grundsätzlich zu unterlassen, lässt es auch nicht weiter auffallen, wenn die behaupteten Quellen gar nicht existieren. Die ganze Meldung geht also auf eine zurzeit völlig unüberprüfbare Quelle in einem Revolverblatt zurück, und die Abschreiberlinge der Contentindustrie — die übrigens nichts weiter als eine Kopierindustrie ist, deren Geschäftsmodell durch die Kopiermaschine Internet gerade den Bach runtergeht — haben es nicht für nötig befunden, die Meldung auch nur in fünf Minuten Benutzung einer Suchmaschine zu überprüfen, bevor sie den offensichtlich idiotischen Text unter dem Banner der Autorität des Journalismus als eine Nachricht verbreiteten. Dabei ist es genau diese Überprüfung von Quellen eine Leistung, die man von Journalisten eigentlich erwarten würde. Wenn die Nachrichten bei ihrer Überprüfung eine derartige Nacharbeit machen wie in diesem Fall, ist das bereits ein Zeichen dafür, dass der Journalismus überflüssig geworden ist, dass darunter nur noch das flotte Erstellen von Füllmasse verstanden wird, die zwischen die Werbebanner geklatscht werden soll.

An Menschen, denen das richtige Internet schon vertraut ist und die es deshalb gewohnt sind, fragwürdig klingende Meldungen zu überprüfen, richtet sich eine derartig offenbare Desinformation auch gar nicht, die müssen sich schon vor jeder Recherche angesichts der Absurdität des postulierten Zusammenhanges erstmal für ihren Scherzinfarkt hinsetzen. So etwas richtet sich mehr an Menschen, denen die Freiheit des Internet nicht so vertraut ist; die nicht gewohnt sind, eine Meldung ihrer Lieblingszeitung auch nur zu hinterfragen; die wegen ihrer Unkenntnis keinen Unterschied zwischen dem Internet und dem Rundfunk wahrnehmen können; die es ganz toll finden, dass sie mit einem jailbreak etwas auf ihrem werksseitig kastrierten Datensichtgerät installieren können und gar nicht bemerken, dass sie schon mit diesem Wort einräumen, sich in einem Technikgefängnis zu befinden. Es richtet sich an konsumdoofe Deppen, die möglichst in diesem Zustand verharren sollen, weil Aufklärung ganz allgemein schlecht für das Geschäft ist. Ich wollte, diese Leute wären eine Minderheit! Das sind sie aber nicht. Und wenn die Beglückungsideen der Contentindustrie irgendwann nach viel undurchschaubarer Lobbyarbeit Gesetz werden, dann werden diese Leute auch niemals mehr eine Minderheit werden.

Eines nur noch zum Abschluss. Dass bei den oben kurz referenzierten, recht monströsen Live-Aid-Konzerten niemand durch einen Unfall ums Leben kam, war Glück. Ob hingegen die vier Toten von Hasselt wegen eines Unglücks gestorben sind, oder ob sie daran starben, dass der Konzertveranstalter in der Absicht der Profitmaximierung an der Sicherheit gespart hat, das kann ich nicht sagen. An Downloads sind sie jedenfalls nicht gestorben.

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Eine Antwort

  1. Bio

    LOL
    Die so genannten Experten 😆

    „[…]dass der Journalismus überflüssig geworden ist[…]“

    Ist er nicht und war er auch nie – für die Propaganda! Genau so wie der Volksempfänger (Radio) und seine Nachkommen (TV)

    16. September 2011 um 20:56

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