Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Medien

DDR

Überschrift im Feuilleton der FAZ: Das Internet ist die DDR von heute

Und ich dachte immer, YouTube über einen Proxyserver zu schauen, um etwas anderes als Sperrtafeln und Sperrtafeln zu sehen, sei das Westfernsehen von heute…


Deutschland kann das!

Das folgende Plakat ist keine Satire. Ehrlich nicht.

Plakat der Bundesregierung -- Gut vernetzt. Mit Sicherheit. Deutschland kann das. -- Gute Internetverbindungen sind heute genau so wichtig wie eine zuverlässige Strom- und Wasserversorgung. Und auch für das digitale Netz gilt: Es muss so sicher wie möglich sein. Die DIGITALE AGENDA der Bundesregierung legt auf die IT-Sicherheit großen Wert. Künftig müssen deutsche Internetanbieter ihre Kunden warnen, wenn ihr Anschluss missbraucht wird - und empfehlen, was dagegen zu tun ist. Alle Krankenhäuse, Banken, Energie- und Wasserversorger werden gesetzlich verpflichtet, sich vor Cyberangriffen zu schützen. www.digitale-agenda.de

Quelle des Bildes vom Plakat der Bundesregierung: Designtagebuch

Angesichts der Tatsache, dass die informationstechnische Infrastruktur des Deutschen Bundestages gerade wegen eines “Cyberangriffes” zusammenbricht, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch Verwendung eines elementaren Sicherheits-Browser-Addons wie NoScript zu verhindern gewesen wäre, hat sich die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland für diese prächtige, zwerchfellerschöpfende Realsatire eine platschende Ankunft im Aquarium verdient.


Die Kinder! Zensiert das Internet durch!

Screenshot Focus Online mit der Schlagzeile: 'Suizid, Ritzen, Hungern: So gefährlich sind Kinderseiten im Internet'

Ohne Worte.


Alarm! 2023 ist das Internet weg!

Experten sind überzeugt, dass in acht Jahren das Netz zusammenbricht. Laut Andrew Ellis, einem Forscher von der Aston University in Birmingham, sind steigende Nutzerzahlen und große Datenmengen die Ursache. In nur acht Jahren soll das Internet durch die irrsinnigen Datenmengen komplett überlastet sein.

Focus Online — Zu große Datenmengen: Experte kündigt Kollaps an: 2023 bricht das Internet zusammen

Hierzu nur ganz kurz angemerkt

Die vom Focus seinen dumm gehaltenen Lesern¹ mit lautem Alarmtröten vorgetragene, auf einer statistischen Betrachtung des Datendurchsatzes basierende Hochrechnung eines sonderkompetenten Spezialexperten, dass in acht Jahren das Internet vollständig und unabwendbar zusammenbrichen wird, weil der Strombedarf für die Netzwerkinfrastruktur dann die Resourcen der Erde überschritten haben wird, erinnert in ihrer “wissenschaftlichen” Methodik stark daran, dass im Jahr 1910 London vollständig im Pferdemist versunken gehabt worden sein sollte. [Und diese dadaistisch konstruierte “Zeitform” ist so ungrammatisch, dass man mir meinen Unernst hoffentlich anmerkt.]

Wie wir alle wissen, kam es in London anders, und zwar wegen technischer Fortschritte und gesellschaftlicher Entwicklungen. Ich persönlich würde keine Vorhersage der technischen Entwicklung (und der Entdeckung neuer Algorithmen aller Art) der Informations- und Digitaltechnik in den nächsten acht Jahren wagen — bis auf die eine und überaus triviale Prognose, dass es in den nächsten acht Jahren ganz sicher zu weiterer technischer Entwicklung und zur Entdeckung neuer Algorithmen mit teilweise tiefgreifender Wirkung auf das gesamte Internet kommen wird. Wer sich die Zeit bis zum Ablauf dieser acht Jahre ein bisschen überbrücken möchte, beschäftige sich einfach mit früheren Prognosen der Weiterentwicklung der Informationstechnik (aber bitte vorher alle Flüssigkeiten aus dem Mund entfernen, sonst gibts eine große Sauerei).

¹Dumm halten: Dies geschieht, indem alarmistische FUD-Schlagzeilen in Kombination mit einen Verzicht auf jegliche brauchbare Information ins Redaktionssystem verklappt werden — eine von Focus Online und Bildzeitung her gewohnte Methode, die leider eine ungute Strahlkraft in den gesamten Journalismus hinein entfaltet und verheerend auf die rationalen Anteile der Meinungsbildung einwirkt.


Stoppt die Falschgeldchatter!

Schlagzeile 'Chip': Falschgeld aus dem Internet: Blüten kommen direkt aus Chatrooms

Mit dieser prächtigen Vorstellung eines Chatfensters auf dem Monitor, aus dem heraus das Zimmer mit einer Flut von Falschgeld überschwemmt wird (siehe auch das nichtssagende Symbolfoto unter der Schlagzeile), hat sich der Journalist im Auftrag des Computer-Fachmagazins “Chip” der Aufgabe entledigt, seinen Lesern kurz und knackig folgenden Sachverhalt zu beschreiben: Kriminelle Geschäfte mit gefälschten Banknoten werden über wechselnde und möglichst anonymisierende Internet-Kanäle angebahnt.

Vielleicht hätte der Journalist das auch in seiner Schlagzeile so sagen sollen…

Aber mit einer weniger reißerischen, etwas sachlicheren Schlagzeile — sagen wir einmal: “Falschgeld-Handel im Internet: Kriminelle wollen nicht erwischt werden” — hätte man ja nicht so eine gute facebook- und twitterträchtige Clickbait für den eigentlichen Inhalt des Artikels gehabt: Eine vom Pornografie-Anbieter Pornhub mutmaßlich gut bezahlte¹ ungekennzeichnete Werbung, die als redaktioneller Text ausgegeben wird.

Ich gratuliere der Redaktion des Fachmagazins “Chip” für den so mutig eingeschlagenen Weg aus der gegenwärtigen Krise des Journalismus und wünsche allen dort arbeitenden Autoren, Journalisten und Redakteuren auch weiterhin alles Gute auf ihrem weiteren Lebensweg. :mrgreen:

¹Ich kann beim besten Willen nicht annehmen, dass Werbung in der gedruckten Chip oder auf der Website Chip Online kostenlos ist. Schon gar nicht, wenn es sich um dermaßen halbseidene Reklameformen handelt, die mit einer offenen Verachtung der Intelligenz des Lesers einhergehen und damit sogar die Reputation der Marke Chip beschädigen.


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