Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Januar, 2013

Qualitätsjournalisten fordern zum Raubkopieren auf

Programmdateien und Seriennummern der Creative Suite 2 liegen für jeden frei zugänglich auf den Adobe-Servern. Das ist aber kein Freifahrtschein zum Herunterladen der Profi-Software, so Adobe.

[…]

Creative Suite 2 trotzdem herunterladen
Bevor Adobe den Download der Creative Suite 2 durch Nicht-Kunden untersagt hat, entwickelte COMPUTER BILD mit dem CS2-Downloader [Link von mir nicht übernommen] ein nützliches Download-Programm. Hinweis: Die Nutzung ist zwar nicht erwünscht, durch technische Maßnahmen seitens Adobe aber (noch) nicht blockiert. Das Programm finden Sie exklusiv auf der Heft-CD/DVD der COMPUTER BILD-Ausgabe 4/2013 (seit 26. Januar am Kiosk).

ComputerBild — Software für einst über 2.000 Euro: Adobe Creative Suite 2: Anleitung, Funktionen und Download
Der Titel der Seite lautet übrigens: „Gratis: Adobe verteilt Creative Suite CS2“

Kurzkommentar

Das ist genau die richtige Vorgehensweise an dem Tag, an dem Adobe endgültig klargestellt hat, dass eine nichtlizenzierte Nutzung dieser angebotenen CS2 illegal ist:

Ein Download der Software sowie die Nutzung der Seriennummern durch Personen, die CS2 oder Acrobat 7 in der Vergangenheit weder von Adobe direkt noch einem autorisierten Händler erworben haben, ist nicht gestattet und stellt eine Verletzung von Adobes Urheberrechten dar

Dieses klare Bekenntnis der „Qualitätsjournalisten“ zum „Geistigen Eigentum“ Adobes passt auch so vortrefflich zur gestrigen zweiten Lesung des so genannten „Leistungsschutzrechtes“ im Deutschen Bundestage — ein obskures Sonderrecht zum angeblichen „Schutz“ des „Geistigen Eigentums“ von Verlagsangeboten.

Ein Satiriker hätte sich weder einen besseren Text noch ein besseres Timing ausdenken können. Ein demächst durch absurde Standesrechte geschütztes Verlagswesen fordert unverhohlen seine Leser dazu auf, dass sie etwas anfertigen, was sonst im Propagandaton der Contentindustrie als „Raubkopien“ bezeichnet wird.


Bejubelte Veränderung

Die Expertenkommission zur digitalen Gesellschaft hat die Berliner Republik verändert.

Sueddeutsche.de — Kulturwandel durch das Internet: Wie die digitale Revolution [Bingo!] die Demokratie belebt

Kürzstkommentar

Wenn diese nahezu ergebnislose Internet-Enquete die „Veränderung der Berliner Republik“ war, wie es ein „Qualitätsjournalist“ hier herausjubelt, dann möchte ich den Stillstand nicht mehr kennenlernen. Immerhin wurde nach drei Jahren Nebelblah zur Verschleierung der üblichen BRD-Parteienpolitik im Sinne der Lobbyisten, und sei es auch jenseits jeder Vernunft, empfohlen, einen weiteren Ausschuss im Bundestag einzusetzen. Die in den dunklen Ecken des Reichstags vorangetriebene Lobbyarbeit des bezahlten Lügenrs Christoph Keese hat da sehr viel mehr veränderndes Potenzial für die „Berliner Republik“ gehabt — ein Wort zur Bezeichnung der BR Deutschland übrigens, das schon trefflich verdeutlicht, wie sehr sich in Berlin eine Parallelgesellschaft gebildet hat.


Der Spamterror aus dem Internet

[…] möchte ich Sie bitten, die Seite

www.spd-fraktion-hamburg.de

anzuwählen und mich dann dort anzuklicken. Ich möchte meine E-Mail-Adresse jetzt hier nicht in diesen Text direkt hinein schreiben, da es Programme gibt, die das Internet nach E-Mail-Adressen abscannen und einen dann mit Spam und Junk-Mails terrorisieren.

Daniel Gritz, SPD, Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft

Kommentar

Schön, dass Herr Gritz sich so viel Kompetenz erworben hat, dass er versteht, in welcher Weise die Harvester der Spammer das Adressmaterial besorgen und deshalb nicht im Internet seine Mailadresse angeben mag.

Das würde beinahe intelligent und kompetent wirken, wenn er nicht direkt in diesem Zusammenhang die Website seiner Bürgerschaftsfraktion angegeben hätte…

Detail aus der Vorstellung von Daniel Gritz auf der Website der SPD-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg

…auf der man „ihn“ dann anklicken kann und auf seiner dort vorhandenen Seite einen vollkommen offenen mailto:-Link mit seiner Mailadresse bewundern kann, den dort jeder Harvester ohne das geringste Problem abgreifen könnte. Nicht einmal die einfachsten Absicherungen gegen ein solches Abgreifen wurden vorgenommen (zum Beispiel das Zusammensetzen der Mailadresse in JavaScript).

Aber vermutlich betrachtet Herr Gritz die Website seiner Bürgerschaftsfraktion nicht als Bestandteil des Internet, sondern als irgendetwas völlig anderes. Vielleicht als eine Parallelwelt, die mit der leidigen Wirklichkeit nichts zu tun hat… 😀


Papier für analoge Wesen

Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, bleibt Optimist. „Solange sich Menschen noch als analoge Wesen verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach bedrucktem Papier geben“, erklärte der 74-jährige Grafikdesigner vor wenigen Wochen. Zeitungen würden deshalb nicht zu einem Nischenprodukt werden

Klaus Staeck, indirekt zitiert nach einem Artikel im Neuen Deutschland

Kurzkommentar

  • Solange sich Menschen noch als lesende Wesen verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach Telegrammen geben, das Telegramm wird nicht zum Nischenprodukt werden, das vom Telefon oder der E-Mail abgelöst wird.
  • Solange sich Menschen noch als biologische Wesen verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach Kutschen geben, das Pferdegespann wird nicht zum Nischenprodukt werden, das von Autos abgelöst wird.
  • Solange sich Menschen noch als schaffende Wesen verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach handgearbeiteten Produkten geben, das handgemachte Werkstück wird nicht durch industrielle Produktion abgelöst werden.
  • Solange sich Menschen noch als schriftbefähigte Wesen verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach handgeschriebenen Büchern geben, das Manuskript wird nicht zum Nischenprodukt werden, das vom gedruckten Buch abgelöst wird.
  • Solange sich Menschen noch als sinnlich empfindene Wesen mit Zatz verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach gemeißelten Texten und Rauchsignalen zur Rerr geben; sie werden nicht zum Nischenprodukt werden, das von der Schrift abgelöst wird.
  • Solange sich Menschen noch als gehende Wesen und Örrgkt verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach dem langsamen Voranschreiten und Wrärr beim Transport von Dingen und beim Fortbewegen geben; das meilenweite Tragen und Läptrn wird nicht zum Nischenprodukt werden, das vom Rad abgelöst wird.
  • Solange sich Menschen noch als Örrgk Grmmp Drk verstehen, wird es auch ein Grnz Bööüi geben, dass man sich als Llör von Ast zu Ast schwingt, das gewohnte Schwingen im Braatp wird nicht zum Grrek werden, das vom aufrechten Gang dieser Rrepa Ngrzzt abgelöst wird.

Mit leichter Sehnsucht blicke ich in die Zeiten zurück, in denen „sozialistische Zeitungen“ sich als fortschrittlich und fortschrittsbejahend verstanden haben. Das, was geblieben ist, ist die Realitätsverweigerung.


Verschlüsselung: Die Spezialexpertenkritik

Experten kritisieren gleich mehrere Schwachstellen in der Verschlüsselung. Vor allem bemängeln sie, dass bei verlorenen Passwörtern sämtliche Daten ebenfalls verloren gehen würden.

Golem — MEGA: Massive Kritik an der Verschlüsselung

Nuclear Powered Facepalm

Das sind aber auch ganz große von Golem zitierte Spezialexperten, die sich allen Ernstes zu wünschen scheinen, dass man bei einer „Verschlüsselung“ auch ohne Kenntnis des Schlüssels an die Daten kommen kann — Tipp für Denkfaule: Dann kann es wirklich jeder! — und die das Fehlen dieses „Features“ als eine bemängelnswerte Schwachstelle in der Verschlüsselung betrachten. Wenn diese Spezialexperten mir jetzt noch erklärten, warum man nach einem ihnen vorschwebenden Philosophie-Dschungel-Zen-Spezialkryptoverfahren überhaupt noch etwas verschlüsseln sollte, wäre mein Lachanfall noch größer geworden. Vielleicht finden sie ja im Aquarium der Blindfische jemanden, der sich mit solchen Verfahren besser auskennt als ich…

(Vielleicht sollte ich mal einen Bugreport für GnuPG schreiben, weil ich nach Verlust meines Keys meine damit verschlüsselten Dateien nicht mehr entschlüsseln kann und auf diesen Artikel einer deutschen IT-Fachpublikation verweisen. Aber mir ist gerade nicht so nach Albernheit zumute.)