Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für April, 2012

Wahr und unwahr

Wahr ist, dass der gegenwärtige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich den folgenden, nach Heise Online zitierten Ausspruch von sich gegeben hat:

Die Richtlinie des Bundesverfassungsgerichts von 1983, mit Daten sparsam umzugehen, „halte ich für richtig. Nur: Das rasante Wachstum des Internets hält sich nicht an diese Grundsätze.“

Hier geht es schließlich um die Errichtung von Infrastruktur für einen präventiven Polizeistaat, der mit allgegenwärtigem Auge alle Menschen nach Abweichungen von niemals publizierten Normen scannt, um die Abweichler unter die Lupe zu nehmen¹. Auf dem Hintergrund dieser grandiosen politischen Beglückungsidee einer allgemeinen und verdachtsunabhängigen Überwachung aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland wird ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes schon einmal zu einem Stück unverbindlicher Prosa.

Unwahr ist es aber, dass der gegenwärtige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich den folgenden, nur unwesentlich veränderten Satz gesagt oder auch nur gedacht haben könnte, um daraus Forderungen nach einer politischen Änderung abzuleiten:

Die grundlegenden Regelungen des Urheberrechtes, Kopien von Werken aller Art rar zu machen, um ein Geschäft mit der raren Sache Werk zu ermöglichen, „halte ich für richtig. Nur: Das rasante Wachstum des Internets hält sich nicht an diese Grundsätze.“

Hier wäre es ja um etwas ganz anderes gegangen, nämlich um die Interessen einer in der Lobby des Reichstages stark auftretenden Rechteverwertungsindustrie. Und nicht um so etwas für den Herrn Innenminister Unwichtiges wie das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.

Alle Menschen, die nicht zufällig Innenminister sind, sollten sich aber sehr genau einprägen (und immer wieder dokumentieren), welche politischen Beglückungsideen mit der bloßen Existenz des Internet begründet werden und welche nicht, damit als klares Muster sichtbar wird, welche Ängste sich hinter diesen Begründungen verbergen. Je genauer das dokumentiert ist, desto klarer wird den Menschen in Deutschland in zwanzig Jahren sein, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass ein moderner Staat so sehr den Anschluss an technische Entwicklungen verlieren konnte.

Angst macht übrigens dumm.

¹Genau so, wie das bereits heute durch die Überwachungskameras in den Innenstädten geschieht. Dort beurteilen die anonym bleibenden Menschen im Raum mit den vielen Monitoren andere Menschen danach, wie sehr sie von der Norm abweichen. Dieses Urteil führt dann zur Präsenz von privaten oder polizeilichen Sicherheitskräften bei bestimmten Erscheinungen urbaner Vielfalt und Lebendigkeit. Die fühlbare Ödnis der Innenstädte, deren öffentlicher Raum längst nicht mehr jenes Leben und jene Vielfalt aufweist, die einen Besuch der Innenstadt einmal interessant gemacht haben, ist direkt mit dieser Form der generellen, verdachtsunabhängigen Überwachung aller Menschen in diesen Innenstädten und der sich daraus entwickelnden psychologischen Dynamik geschuldet.


Der Expertinnentipp gegen Phishing

Die Kürzung im folgenden Zitat ist nicht sinnentstellend. Hier wird die Aufklärung über die Internetkriminalität durch die Polizei Stade vom Hamburger Abendblatt wiedergegeben:

Expertin für Internetkriminalität bei der Stader Polizei ist Kommissarin Svenja Wigger. Sie informierte die Unternehmer über die aktuellen Probleme im Internet. Dazu gehöre vor allem das sogenannte „Phishing“. Dabei verschaffen sich Kriminelle sensible Zugangsdaten wie Passwörter, indem sie unachtsame Internetnutzer austricksen. Mit Hilfe von schädigenden Computerprogrammen veranlassen sie die Nutzer, ihre Daten selbst preiszugeben.

„Phishing“-Opfer werden in der Regel Menschen, die ihre Bankgeschäfte über das Internet abwickeln. War der Angriff erfolgreich, wird Geld von den Konten der Geschädigten ins Ausland überwiesen. […]

Um es den Verbrechern schwerer zu machen, empfiehlt die Polizeikommissarin vor allen eine hochwertige Antivirensoftware, die möglichst häufig aktualisiert wird.

Hamburger Abendblatt — Polizei Stade: Kriminelle nutzen immer häufiger das Internet

Eigentlich will ich das gar nicht mehr kommentieren…

…aber wenn die „Expertin für Internetkriminalität“ allen Ernstes von sich gibt, dass eine „hochwertige“ [was immer das auch heißen mag und woran ein normaler Nutzer die Eigenschaft „Hochwertigkeit“ immer auch erkennen soll] Antivirensoftware gegen Phishing hilft, dann möchte ich die Laienkenntnisse bei der Polizei Stade gar nicht mehr kennenlernen.

Ein Extradummerchen an die „Qualitätsjournalisten“ des Hamburger Abendblattes, die so eine polizeiliche Realsatire im kühlsten Nachrichtenton ausgerechnet auf ihrer Website wiedergeben und nicht einmal merken, was für einen komplett und für jeden pubertierenden Jugendlichen durchschaubar unqualifizierten Bullshit die Frau Kommissarin da verzapft hat.

Ich kann nur hoffen, dass sich Internetnutzer an anderen Stellen Aufklärung über die Kriminalität im Netz holen als bei derartigen Spezialexperten. Sonst endet ihre Vorsicht vor Phishing beim Kauf einer hierfür nutzlosen Software und sie finden sich völlig überrascht als Opfer der Kriminellen wieder, die auf ihren Schäden sitzen bleiben.

Wer wirklich nicht weiß, wie man sich vor Phishing schützt: Selbst eigens gegen diese spezielle Form des Computerbetruges ersonnene Mechanismen werden von den Kriminellen ausgehebelt und können sogar gefährlich sein, weil sie eine „gefühlte Sicherheit“ vermitteln, die unvorsichtig macht. Das einzige, was wirklich gegen Phishing hilft, ist, dass man das Phishing sicher als solches erkennt, bevor man in der Mail herumklickt oder etwas anderes tut, von dem Kriminelle möchten, dass man es tue. Und das ist nahezu immer möglich, wenn man nur vor dem Klicken seinen Verstand gebraucht.


Waffenungleichheit

Derzeit herrscht der Kanzlerin zufolge eine „Waffenungleichheit“ zwischen den Experten im Internet und denen, die im Umgang mit den modernen Kommunikationsmedien noch ungeübt sind. „Das kann in einer Demokratie nicht sein“, warnte sie.

Zeit Online — Leistungsschutz: Merkel fordert offensiven Schutz des Urheberrechts

Anstelle eines Kommentars

Derzeit herrscht dem Autor des Alarmknopfes zufolge eine „Waffenungleichheit“ zwischen den Experten für Architektur und denen, die im Beurteilen statischer und ästhetischer Erwägungen noch ungeübt sind. „Das kann in einer Demokratie nicht sein“, warnt er.

Derzeit herrscht dem Autor des Alarmknopfes zufolge eine „Waffenungleichheit“ zwischen den Experten für Wehrtechnik und denen, die beim Umgang mit modernen Waffensystemen auf Rat und Vermittlung einer Armee angewiesen sind. „Das kann in einer Demokratie nicht sein“, warnt er.

Derzeit herrscht dem Autor des Alarmknopfes zufolge eine „Waffenungleichheit“ zwischen den Experten für Lobbyismus und denen, die mit Geld und Manipulationsmöglichkeiten nicht so gut ausgestattet sind. „Das kann in einer Demokratie nicht sein“, warnt er.

Ach, ich habe schon keine Lust mehr… und kann für die Zukunft der Menschen in der BRD nur hoffen, dass die Frau Bundeskanzler hier falsch zitiert wurde und nicht wirklich einen derartig dummen Strunz aus ihrem Munde entlassen hat.


Die geben das nicht einmal zu!

Nur wenige Internetnutzer geben offen zu, schon einmal Raubkopien von Filmen, Musik oder Software heruntergeladen zu haben. In einer Umfrage des Aris-Institutes räumten 12 Prozent der Befragten ein, schon einmal illegale Inhalte aus dem Netz gezogen zu haben. 69 Prozent sagten dagegen, noch nie Derartiges getan zu haben […]

Für die Studie waren im April 1300 Menschen ab 14 Jahren befragt worden, darunter mehr als 1000 Internetnutzer [sic!].

Focus Online — Internet: Nur wenige stehen zu illegalen Downloads
Meldung ist von der DPA übernommen worden

Kommentar

Ich kann mir das so richtig vorstellen. Die meisten derartigen Umfragen sind ja heute aus Kostenersparnisgründen diese ziemlich unseriösen Umfragen über Telefon. Da ruft also jemand, den ich nicht kenne und der seine Mitarbeit bei einem so genannten Meinungsforschungsinstitut auf keine Weise zuverlässig belegen kann, an (und kennt also bei aller zugesicherter „Anonymität“ mindestens die Telefonnummer, was bereits für eine Identifikation des Haushaltes ausreicht) und fragt am Telefon, ob man etwas Illegales gemacht habe, das eine Menge Geld kosten würde, wird man dabei erwischt. Das gibt man doch sofort, bedenkenlos und völlig offen zu! Aber nur, wenn man zu diesem ungefähren Achtel der Bevölkerung gehört, das aus vertrauensseligen und leichtgläubigen Gimpeln besteht, denen auch mit Betrügereien aller Art das Geld aus der Tasche gezogen werden kann. Was sich dieser Unternehmensverband Bitkom gedacht hat, als er diese Umfrage in Auftrag gab, weiß ich natürlich nicht — aber dass sich auf diese Weise keine Übersicht über die Größenordnung der Nutzung eines Internetzuganges für Downloads von nicht-lizenzierten Werken (in DPA-Meldungsdeutsch: „Raubkopie“ und „Piraterie“) gewinnen lässt, hätte vorher durch eine halbe Minute Gehirnbenutzung einleuchten müssen.


Facebook-Communities, die auf Twitter abstimmen

Das Folgende ist kein eigentliches Zitat zum Thema „Internet“, aber es zeigt auf, was für ein Bild der Internetnutzer in der classe politique auftreten kann — die Hervorhebung im Zitat ist von mir:

[…] Koalitionen mit Linke, FDP und auch Piraten sind ausgeschlossen, da die Schnittmenge gar nicht vorhanden ist (FDP), zu wenig überlappt (Linke) oder gar nicht zu definieren ist (Piraten).

Bei den letzteren gibt es interessante Ansätze, aber in einigen Monaten wird man sehen, in welche Richtung sie sich entwickeln. Und die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, gewählt werden Menschen und keine Facebook-Communities. Da wird es sehr schwer in nichtöffentlichen Sitzungen (und die muss es immer dann geben, wenn Persönlichkeitsrechte betroffen sind, denn die Freiheit eines Einzelnen ist ein mindestens ebenso großes Gut wie dass der Allgemeinheit) erst eine Abstimmung via Internet oder Twitter zu veranstalten. Und wessen Antwort gilt, die Gemengelage ist nicht geklärt, von ganz links bis rechtsaußen.

Klaus Mertens, SPD, „beantwortet“ die Frage nach einer „großen Koalition“ mit der CDU bei der bevorstehenden Wahl in NRW

Kurzkommentar

Ich fasse zusammen: Gewählt werden Menschen und keine Facebook-Communities. Die Mitglieder der Piratenpartei sind aus der Sicht dieses Kandidaten der SPD also eher Facebook-Communities als Menschen, die das Internet offensiv und aktiv in ihre politischen Prozesse integrieren. Twitternde Facebook-Communities, die niemals den Schnabel halten, was eine ganz große Gefahr für die Freiheit des Einzelnen ist. Und nicht nur das, sie sind eine Internetmaschinerie, bei der wie beim Ziehungsgerät für die Gewinnzahlen im Deutschen Lottoblock alles mögliche rauskommen kann, wenn sie ihre politischen Automatismen ablaufen lassen, von ganz links (also gewalttätig kommunistisch) bis ganz rechts (also gewalttätig braun).

Womöglich gar noch weiter rechts als dieser Genosse von Herrn Mertens, als dieser offene Sozialdarwinist namens Thilo Sarrazin — dessen Mitgliedschaft in der SPD mich gar nicht mehr so sehr verwundert, wenn ich lese, was für Menschenbilder sonst noch in dieser Partei offensiv geäußert werden.

Disclaimer: Ich halte auch nicht viel von der Piratenpartei. Aber ich käme niemals auf die Idee, den Menschen in dieser Partei ihr Menschsein abzusprechen.