Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für April, 2013

Radikale Wurmkur

Der Landesrechnungshof (LRH) Mecklenburg-Vorpommern hat den Neukauf von 170 Computern durch das Schweriner Bildungsministerium gerügt. Nachdem ein Virus, der so genannte Conficker-Wurm, die Rechner des Lehrerfortbildungsinstituts IQMV in Schwerin, Rostock und Greifswald im September 2010 befallen hatte, wurden die zum Teil noch „nagelneuen“, verseuchten Rechner entsorgt und durch noch neuere ersetzt. Gesamtkosten für den Steuerzahler: 187 300 Euro

Ostsee-Zeitung.de: 170 neue Computer wegen Virus weggeworfen

Mit Grausen und akuten Hirnschmerzen wendet sich der Alarmknopf von diesen Lehrern ab, die nicht wissen, dass man ein Betriebssystem einfach frisch installieren kann und lieber das Geld mit vollen Händen aus den Fenster werfen. Der Alarmknopf hofft leise, dass diese Lehrer niemals Informatik-Unterricht geben werden. Das leise platschende Geräusch im Hintergrund kam vom Neuankömmling im Aquarium der Blindfische.

Nachtrag-Link, 15:30 Uhr: Heise Online — Schwerin: Virus-verseuchter Rechner? Ab auf den Müll damit…

Nachtrag-Witz 15:50 Uhr: Gut, dass ich nichts im Mund hatte! „Die hätten aber eine Menge Geld und Zeitaufwand für die Installation sparen können, wenn sie aus den alten Rechnern die funktionsfähigen Festplatten ausgebaut und sie in die neuen Rechner eingebaut hätten“. *brüll!*


Der CDU-Internet-Wahlkampf ist eröffnet

Zitat Heise Online: CDU setzt im Online-Wahlkampf auf Bilder, Videos und Netzwerke:

[…] Das Internet habe verglichen mit vergangenen Bundestagswahlen an Bedeutung gewonnen, sagte CDU-Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler am Donnerstagabend zur Vorstellung der überarbeiteten Website. „Da hat sich eben was verändert, das ist ganz klar. Das Thema Online hat eine größere Bedeutung gewonnen.“ Auf der Seite finden sich prominent Multimedia-Inhalte wie Videos. Nutzer können Verbindungen zu Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook aktivieren und Inhalte dort selbst weiterverbreiten.

Kommentar

Ah ja, kurz nach der Erdrosselung des von jeden Menschen mitgestaltbaren Raumes des Internet setzt die CDU für ihren Webwahlkampf auf das „Thema Online“ und hat dafür eigens eine neue Website gestalten lassen. Eine mit ganz viel Video.

Das ist doch eine gute Gelegenheit, mal die Kompetenz dieser Kompetenz-Simulatoren abzuklopfen und das HTML dieser neuen Website vom W3C-Validator auf Fehler überprüfen zu lassen.

Oh, was ist denn das:

Sorry! This document cannot be checked. I got the following unexpected response when trying to retrieve www.cdu.de: 500 Status read failed: Connection reset by peer

Na, sowas aber auch! Mit einem Browser kann man die Site aufrufen, aber wenn der W3C über seinen Validator die gleichen Inhalte anfordert, wird die Verbindung durch Webserver getrennt. Da versteht aber jemand, wie man die Direktive Deny from richtig einsetzt!

Fragt sich nur, warum das jemand tun sollte?

Ich habe mir den HTML-Quelltext mal mit Strg+U direkt angeschaut und direkt über die Zwischenablage in das Eingabefeld unter Validate by Direct Input eingetragen.

Und das Ergebnis dieses Minimalhacks auf dem Niveau eines siebenjährigen Netzkindes zeigt mir, warum das Ergebnis einer Überprüfung wohl von den Spezialexperten bei der CDU als nicht so werbewirksam empfunden wird:

Errors found while checking this document. Result: 107 Errors, 102 Warnings

Oops! 😯

Damit ist wohl klar geworden, warum der Webserver so konfiguriert ist, dass er den wichtigsten Validierungsdienst des Web nicht durchlässt. Die syntaktischen Fehler gehen bis hin zu LINK-Elementen im BODY des Dokumentes (für Laien: das ist so, als ob man in einem geschriebenen Satz die Wörter durchmischte und den Leser vor die Aufgabe der Interpretation stellt) und der Verwendung nicht spezifizierter Elemente (für Laien: Das ist so, als ob man sich Wörter in einem geschriebenen Satz einfach selbst ausdächte). Als ob solche syntaktischen Fehler nicht schlimm genug wären, wurden IDs von Elementen mehrfach vergeben (für Laien: Das ist so, als ob man mehreren Leuten die gleiche Nummer in den Personalausweis schriebe oder das gleiche Kfz-Kennzeichen mehrfach vergäbe, so dass eine eindeutige Identifikation anhand des Merkmals nicht mehr möglich ist). Da Ansprechen solcher Elemente mit JavaScript getElementById() oder das Formatieren solcher Elemente mit CSS ist eine Art Glücksspiel, dessen Ergebnis davon abhängt, wie die Browser mit dem Fehler umgehen.

Alles in allem erweckt die Lügensite der CDU zum Wahlkampf den Eindruck, von einem Menschen ohne technische Fachkenntnisse zusammengestrokelt worden zu sein, hauptsache, das Ergebnis sieht irgendwie ansprechend aus. Und hauptsache natürlich, es gibt viel Video…

Ja, CDU, jetzt verstehe ich, wie das bei euch ankommt, wenn das Thema Online eine größere Bedeutung gewonnen hat. 😀


CDU/CSU argumentieren für De-Mail

Die CDU/CSU-Fraktion argumentiert, dass [sic!] De-Mail-Verfahren habe „ein deutlich höheres Sicherheitsniveau als Kommunikationsformen wie herkömmliche E-Mail und Telefax“.

Spiegel Online — Trotz Experten-Kritik: Bundestag erklärt De-Mail per Gesetz für sicher

Immerhin haben die extrakompetenten Sonderspezialisten in Sachen Sicherheit aus den Unionsfraktionen, deren Namen der Spiegel trotz gekennzeichneten Zitates unter dem Schleier des peinlich berührten Schweigens hält, De-Mail nicht mit Rauchzeichen, sondern „nur“ mit Telefax verglichen.


Der pawlowsche Hund hat den Knall gehört…

…und reagiert darauf mit dem erwartungsgemäßen Speichelfluss:

Explosionen in Boston: CSU ruft erneut nach Vorratsdatenspeicherung

Nach den mutmaßlichen Terroranschlägen in Boston dringt die CSU erneut auf die Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Der Innenexperte der Partei, Uhl, sagte im Deutschlandfunk, die Speicherung von Kommunikationsdaten sei ein wichtiger Baustein, um Anschläge zu verhindern. Anders könne der Staat seine Bürger nicht schützen

Hans-Peter Uhl (CSU), indirekt zitiert nach dradio.de

Anstelle eines Kommentares gibt es einen Link auf Fefes Blog, der vom Alarmknopf wärmstens empfohlen wird.

Nachtrag

Wenn es um Angriffe auf den Datenschutz geht, trampeln Deutschlands Volksvertreter notfalls über Leichen

Indiskretion Ehrensache — Die Widerwärtigkeit des Hans-Peter Uhl


HTML-Protokoll

Das HTML-Protokoll ist für das Internet zentral wie die Luft zum Atmen

netzpolitik.org — Petition: Hollyweb, W3C und Lobbyisten für “Digital Rights Management” im HTML5-Standard

Kurzkommentar

Wenn man bei seinem „netzpolitischen“ Engangement nicht wie ein Qualitätsjournalist wirken möchte, der sich beim Verfolgen seiner industriellen Meinungsmache nicht um Faktenkenntnis und Fachwissen scheren muss, sondern einen Beitrag zur aufgeklärten politischen Willens- und Unwillensbildung leisten möchte, ist es nicht ganz unwichtig, den Unterschied zwischen einem Dateiformat und einem fürs derzeitige Internet recht wichtigem Netzwerk-Protokoll auseinanderhalten zu können. Wer „HTML-Protokoll“ schreibt, hat damit offensichtlich Probleme. Und wenn dieses „HTML-Protokoll“ dann für das Internet voller eilig weggebloggtem Pathos „so zentral wie die Luft zum Atmen“ wird, habe ich große Probleme, bei meinem Lachanfall noch Luft zu bekommen.

Kleine Zusatzanmerkung: Das Internet ist übrigens nicht das Web.

So, jetzt aber… rinn inne Blindfische! Platsch.