Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Juli, 2012

Es gibt einfach keine Möglichkeit

Im Moment gibt es keine bequeme Möglichkeit, [im Internet] Informationen über mich selbst mitzuteilen und gleichzeitig die Kontrolle über diese Information zu behalten

Mitchell Baker, Vorsitzende der Mozilla-Stiftung, zitiert nach Spiegel Online

Kommentar

Aha, Frau Baker, es gibt also kein preisgünstiges Hosting für nur wenige Euro pro Monat und auch keine fertige, freie und kostenlose Software für jeden nur erdenklichen Zweck der Mitteilung, vom simpel gestrickten Blogsystem über etwas größere Lösungen wie Serendipity und WordPress bis hin zum voll ausgewachsenen, professionellen CMS wie etwa Joomla. Gut, dass ich das von einer Spezialexpertin wie ihnen erfahren durfte, denn sonst hätte ich es gar nicht gemerkt und hätte die ganze freie Software, die ich zum Teil jeden Tag benutze, noch für eine Wirklichkeit gehalten. Haben sie es eben platschen gehört, Frau Baker? Das war ihre Ankunft im Aquarium der Blindfische.


Skandal! Polizei wirbt für Kinderpornografie

Screenshot Bild.de: Trotz der Panne bei Ermittlung zu einer vermeintlich kinderpornografischen Seite will das niedersächsisches Innenministerium an Internetfahndungen via Facebook festhalten. Wir müssen sicherstellen und das wird die Polizei auch tun, das so etwas in Zukunft nicht wieder vorkommen wird, sagte eine Sprecherin am Mittwoch in Hannover. Anch anderweitige Änderungen, etwa durch weitere Schulungen für die Beamten, seien nicht geplant. Zu der Panne am Sonntag war es gekommen, weil bei den Beamten zahlreiche Hinweise auf der Seite eingegangen waren. Daraufhin posteten die Fahnder, dass die Ermittlungen bereits angelaufen seien und erwähnten dabei auch die Adresse der Seite.

So hätte die springersche Bildzeitung mutmaßlich getitelt, wenn eine solche Panne nicht unter ihrem stammtischrelevanten Hardliner-Liebling Uwe Schünemann passiert wäre, sondern unter einem weniger von der Axel Springer AG geliebten Innenminister. Natürlich hätte sie auch Verharmlosungen wie „vermeintlich kinderpornografisch“ weggelassen, und nicht von einer „Panne“, sondern von einem „Skandal“ zu sprechen — nicht ohne den Namen des bei der Axel Springer AG weniger beliebten Politikers deutlich in der Überschrift zu erwähnen, zusammen mit eindeutigen sprachlichen Markern der Inkompetenz, Nachlässigkeit und Untragbarkeit. Vor allem, wenn sich nach einem derartigen Versagen eine Sprecherin hingestellt hätte und fröhlich ins Mikrofon palavert, dass dieses Versagen in der Internetarbeit der niedersächsischen Polizei keinerlei Konsequenzen für die Ausbildung der damit beauftragten Beamten haben wird.

Aber es war ja Uwe Schünemann, einer der Lieblinge des Blutblattes aus der Axel Springer AG, da wird mit gnädigem Blick über ein derartiges Versagen der Polizei hinweggesehen.

Und es ist ein Versagen, wenn die Polizei in ihrer Internetarbeit derartige Hinweise auf Websites mit möglicherweise (es war ja noch während der Ermittlungen) kinderpornografischem Material veröffentlicht. Ein Versagen, das deutlich macht, dass man — übrigens oft mit Arbeit überlastete — Polizeibeamte nicht „mal eben so nebenbei“ und ohne besondere Schulung damit beauftragen kann, von Bürgern gegebene Hinweise in einem Facebook-Profil zu bearbeiten und darauf kommunikativ angemessen zu reagieren. Ich bin mir sicher, dass jeder Polizeibeamte, der Texte für Steckbriefe und Presseerklärungen schreibt, auch hierzu ausgebildet wurde, damit die dabei entstehenden Texte rechtssicher und sachgerecht sind. Nur für das Internet scheint man es im niedersächsischen Innenministerium nicht für nötig zu befinden, für diesen Zweck geschulte Beamte einzusetzen. Weil man mutmaßlich das Internet trotz seiner durchaus beachtlichen Reichweite für „relativ unwichtig“ hält, weil die tollen „Facebook-Polizisten“ des Herrn Schünemann wohl nichts weiter als ein populistisches Strohfeuer ohne hierfür erarbeitetes Konzept sind, das vor allem wegen seiner Reklamewirkung mit möglichst geringem materiellen und personellen Aufwand entfacht werden sollte.

Diese Idee des Herrn Schünemann ist jedenfalls gescheitert.

Übrigens: Wenn ich die URL einer Website mit kinderpornografischen Inhalten hier veröffentlichte und mir dabei über die Möglichkeit derartiger Inhalte bewusst wäre, machte ich mich strafbar. Am LKA Niedersachsen sind diesbezügliche Ermittlungen noch einmal vorbeigegangen, denn die fragliche Website enthielt kein strafrechtlich relevantes Material. Das war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der URL allerdings noch nicht bekannt.

Quelle des Screenshots: Internet


Wozu das Internet taugt

Die „Qualitätsjournalisten“ des „Hamburger Abendblattes“ der Axel Springer AG erklären ihren Lesern in einem flugs geschriebenen Absatz, wozu ihrer Meinung nach dieses Internetdingens taugt:

Wenn das Internet außer für das ungehemmte Bestellen von Schuhen, das Klauen unbezahlter Filme und dem seuchenartigen Verbreiten niedlicher Katzenbaby-Videos zu etwas taugt, dann dafür: wie man sich möglicht gründlich zum Deppen macht.

Zur Steigerung des Genusses kann diese großartige Stellungnahme zur Tauglichkeit des Internet auch auf der Website des Hamburger Abendblattes nachgelesen werden, also im Internet. Stimmt, zum Deppen können sich diese „Qualitätsjournalisten“ im Internet machen… 😀

[Scan aus dem Hamburger Abendblatt | via]


Der das Internet erfand…

Tim Berners-Lee, der das Internet mit erfunden hat […]

Berliner Morgenpost — „Internet? Ich wusste nicht, was das war“

Nur eine einzige Korinthe…

Einmal abgesehen davon, dass auch der Rest dieses Textes ein ziemlicher Strunz für die Abteilung „Tittitainment, Uninteressantes und schlecht Recherchiertes“ ist, den man vor allem deshalb in die Journaille bringt, damit die eigentliche Botschaft, die Reklame, nicht so allein steht… Tim Barners-Lee hat das Internet nicht „miterfunden“, sondern es stand ihm bereits konzipiert und bewährt zur Verfügung. Tim Barners-Lee¹ Berners-Lee hat den außerordentlich erfolgreichen Internet-Dienst World Wide Web erfunden. Das ist übrigens Leistung genug!

Warum sollten in Produkten der „Qualitätsjournalisten“, die demnächst durch das unverschämte ständische Sondergesetz „Leistungsschutzrecht“ einen besonderen Schutz bekommen, auch faktisch zutreffende Informationen stehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Artikel zu Themen, in denen ich mich zufällig weniger gut auskenne, genau so vor groben sachlichen Fehlern strotzen.

¹Oops!


Symbolfoto: Wie die „Raubkopie“ aussieht

Von der DPA lizenziertes Symbolbild für eine Raubkopie aus dem Internet auf Focus Online

Focus Online — Internet: Bei Raubkopien schützt Unwissenheit nicht vor Strafe
Die Meldung wurde von der DPA übernommen

Ein Kandidat für das dümmste Symbolfoto des Jahres in Sachen Internet. Nur echt mit dieser schelmischen Bildunterschrift aus der Hirngruft:

Vielleicht steht es nicht überall „Raubkopie“ drauf, aber: Das Hoch- und Runterladen von urheberrechtlich geschützten Filmen, Spielen oder Liedern ist grundsätzlich verboten. Frank Rumpenhorst

Schon klar, das steht nicht überall drauf. Beim Focus scheinen also sie noch zu merken, dass die bildhafte Metapher zum (ansonsten inhaltlich durchaus annehmbaren) Artikel irgendwie hinkt, aber lassen sich deshalb nicht gleich davon abhalten, trotzdem ein dermaßen dümmliches Symbolfoto zu nehmen. Einfach nur, weil da ja ins Layout des Artikels ein Foto reingeklebt werden muss, ob es nun einen Wert für den Artikel hat oder nicht. Ein wunderbares Beispiel für den Alltag des „Qualitätsjournalismus“ im Internet: DPA-Artikel lizenzieren, damit man nicht selbst etwas schreiben muss, und dann das lächerlichste denkbare Foto drüberkleben. Es haben ja — trotz aller Kampagnen der Contentindustrie — schon erstaunlich viele Menschen mit dem verbotenen Hoch- und Runterladen von urheberrechtlich geschütztem Zeugs gemacht, aber bislang hat dabei noch niemand aus dem Internet eine gebrannte CD oder DVD mit dem Aufdruck „Raubkopie“ bekommen. Und jenen, die das Zeug auf eine CD oder DVD brennen, um es zu archivieren, wird gewiss eine trefflichere und sinnvollere Beschriftung einfallen…