Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Beiträge mit Schlagwort “Heise Online

Eine verschrobene Gemeinde…

Heise Online!

Nur eine kleine Frage:

Schlagzeile Heise Online: Deutsche Internetgemeinde wächst um 1,4 Millionen -- Teaser: In Deutschland sind nun 79,1 Prozent der Erwachsenen online. Das sind knapp zwei Prozentpunkte mehr als 2013.

Quelle des Screenshots: Heise Online

Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Telefonanschlüsse gemeldet hättet, von einer „Deutschen Telefongemeinde“ gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Autofahrer gemeldet hättet, von einer „Deutschen Autofahrergemeinde“ gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Herzoperierten gemeldet hättet, von einer „Deutschen Herzoperiertengemeinde“ gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Tabakraucher gemeldet hättet, von einer „Deutschen Tabakrauchergemeinde“ gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Nutzer von Microsoft Windows gemeldet hättet, von einer „Deutschen Windowsgemeinde“ gesprochen?

Wie, das geht doch gar nicht, das klänge ja alles komplett meschugge?

Ja, genau so meschugge klingt auch das Wort „Deutsche Internetgemeinde“, das ihr — wie ich mal für euch zum Guten annehmen möchte — von den Auftraggebern der Studie aus ihrer Presseerklärung einfach so abgeschrieben habt; abgeschrieben von einer ARD und einem ZDF, die ja auch in der laufenden Ukraine-Krise zeigen, wie gut sie in Propaganda und Massenmanipulation geübt sind. Anders als im sachlichen Wort „Internetnutzer in Deutschland“ klingt im „Gemeinde“ ja auch deutlich etwas Dumpfbündisches, Kleines, Verschrobenes an, ohne dass gleich eine Kategorie tiefer zum Wort „Sekte“ gegriffen wird.

Dass diese — von den Clipboard-Journalisten von Heise Online so beflissen wiedergegebene — Sprachwahl von ARD und ZDF in irgendeinem Zusammenhang mit der laufenden, ausgesprochen einseitigen Berichterstattung aus dem gegenwärtigen Ukraine-Konflikt steht, der vor allem aus Internetquellen energisch widersprochen wird, ist natürlich eine Verschwörungstheorie, der man vor allem in dumpfbündischen, kleinen, verschrobenen Gemeinden Glauben schenken würde. Ist ja klar. So sieht eben das komplette intellektuelle Selbstbedienungssystem der Propaganda aus. Und so intelligent ist es.

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Illegales Herunterladen

Für eine erste Abmahnung wegen illegalen Herunterladens von Bildern oder Musik aus dem Internet dürfen Anwälte künftig in der Regel höchstens knapp 148 Euro berechnen. Bisher sind es teils mehrere hundert Euro.

Heise Online — Gesetzespaket gegen Verbraucher-Abzocke in Kraft

Da hier Material der „DPA“ verbaut wurde, gehe ich davon aus, dass der folgende Hinweis vor allem dieser stinkenden Quelle geschuldet ist.

Kurzer, pedantischer, aber durchaus wichtiger Hinweis

Es gibt im Rechtsraum der BRD kein „illegales Herunterladen“. Punkt.

Illegal ist das Verbreiten urheberrechtlich geschützter Werke. Ebenfalls illegal ist die Beschaffung aus offensichtlich illegalen Quellen, wobei das Wort „offensichtlich“ im Zweifelsfall von einem Richter ausgelegt würde und ein Download selbstverständlich auch eine Form der „Beschaffung“ sein kann.

Beides sind Formulierungen, die den meisten Menschen klar machen, um was es geht — während das hier agenturzentral-journalistisch verwendete FUD-Wort¹ vom „illegalen Herunterladen“ ohne weitere Erläuterung der Rechtslage eher dazu geeignet ist, Unklarheit auszubreiten, weil nicht deutlich wird, was damit gemeint sein könnte und woran ein „legaler“ von einem „illegalen“ Download unterschieden werden kann.

Ich halte diese Sprachwahl übrigens für vorsätzlich manipulativ. Sie tut vom Klang der Worte her objektiv und gibt durch das eingedeutschte Wort „Herunterladen“ den Eindruck von Verständlichkeit, ist aber in Wirklichkeit verdummend und ermöglicht dem Lesenden deshalb nicht, verantwortlich zu handeln — wozu übrigens auch die informierte Entscheidung zum illegalen Handeln gehören kann, wie jeder Autofahrer weiß, der schon einmal „apokryph“ geparkt hat oder schneller als erlaubt gefahren ist. An die Stelle von Aufklärung und Wissen tritt eine diffuse Ängstlichkeit vor kostenbehafteten Rechtsrisiken bei der Nutzung des Internet. Als ich beim Lesen über diese Bezeichnung gestolpert bin, habe ich sofort nach unten gescrollt, weil Heise derartige Formulierungen vermeidet (es wäre eher von „Urheberrechtsverletzungen“ die Rede); und als ich den Hinweis „mit Material der dpa“ las, ist mir die mutmaßliche Quelle dieser speziellen Formulierung deutlich geworden.

Und was ist mit den Filesharing-Abmahnungen, über die immer wieder einmal berichtet wird?

Praktisch alle Filesharing-Abmahnungen beziehen sich darauf, dass ein Werk, wenn es über ein Protokoll wie BitTorrent heruntergeladen wird, während des Downloads und eine Zeitlang danach wiederum für den Download durch andere angeboten, also „verbreitet“, wird — was übrigens der Sinn von dezentralen Filesharing ist. Diese Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werke ist zweifelsfrei illegal, ohne dass sich ein Richter noch darum befleißigen müsste, herauszufinden, ob die Quelle eines Downloads „offensichtlich illegal“ im Sinne eines nicht lizenzierten Angebotes ist, so dass der Abmahnende auf der sicheren Seite steht, wenn seine Ansprüche gerichtlich überprüft werden sollten.

¹FUD: Fear, Uncertainty and Doubt


Ente des Jahres: Adobe verschenkt CS2

Das ist zugegebenerweise kein Internet-Thema, aber gehört sehr wohl hierher — denn das „Leistungsschutzrecht“, das so genannte „Qualitätsjournalisten“ für ihre ins Internet gestellten Machwerke beanspruchen, das ist ein Internet-Thema.

Wir erinnern uns: Dieses „Leistungsschutzrecht“ soll das „Geistige Eigentum“ der Presseverleger schützen, indem Zitate aus Verlagsangeboten (was ist das genau) im Internet in besonderer, über das gewöhnliche Urheberrecht hinausgehender Weise lizenzpflichtig werden. Dass aus der Etablierung eines derartigen Standesrechtes für ein zum Glück und allgemeinen Segen aussterbendes Medium weitreichende Probleme in der ganz gewöhnlichen Internetnutzung folgen; dass ein solches Standesrecht weit in die Grundrechte auf Meinungsäußerung, freie Wissenschaft, freie Lehre und indirekt durch Beeinträchtigung der Kommunikaiton im Internet in das Grundrecht auf Informationsfreiheit hineinragt; alles das ist diversen Mitgliedern der classe politique bei diesem Unterfangen zum Schutz der Privilegien einer durch die Kopierinfrastruktur des Internet obsolet werdenden Kopierindustrie gleichgültig. Vielmehr wird noch der „Schutz“ winzigster Splitter des „Geistigen Eigentumes“ durch eine fragwürdige, augenscheinlich in der Lobby des Reichstages von lichtscheuen Zeitgenossen diktierte Gesetzesidee über diese Grundrechte gestellt.

Auf diesem Hintergrund ist es interessant, wie sorgfältig die Verlagsanbieter eigentlich an anderer Stelle mit dem „Geistigen Eigentum“ umgehen; ob sie hier eine besonders verantwortungsvolle und vorsichtige, ja, vorbildliche Haltung an den Tag legen, oder ob es ihnen im Betrieb der Contentindustrie eigentlich recht gleichgültig ist, da es ihnen nur darum geht, den richtigen Content zu finden, um Leser zum eigentlichen Geschäft, zur Reklame, zu locken — so ähnlich, wie jeder Angler weiß, dass der Wurm nicht ihm, sondern den Fischen schmecken muss.

Die folgenden Zitate sind da ein kleines bisschen augenöffnend, denn sie erzählen die Geschichte eines großartigen „Geschenks“ der Firma Adobe:

Fast wie Weihnachten: Adobe schnürt ein dickes Software-Paket zusammen und verschenkt die Creative Suite CS2. Haken: Auf neueren Systemen kommt es teils zu Kompatibilitätsproblemen.

[…] Klar, dass Adobe nicht die aktuelle Creative Suite CS6 verschenkt. Die kostet schließlich rund 950 Euro […] Dennoch gibt es teure Profi-Software für lau – ein nettes Geschenk von Adobe

ComputerBild.de — Software für einst über 2.000 Euro: Adobe Creative Suite CS2: Software-Sammlung jetzt gratis herunterladen

Adobe macht den Kreativen ein schönes Geschenk zum Jahresbeginn. Die Software-Sammlung Adobe Creative Suite 2 gibt es komplett gratis – alternativ können die Programme wie Photoshop und Acrobat Pro auch einzeln heruntergeladen werden.

Voraussetzung zum Download der Adobe Creative Suite 2 ist lediglich eine kostenlose Adobe ID

t3n.de — Adobe verschenkt Creative Suite CS2

Adobe bietet derzeit seine Programmsammlung Creative Suite in der veralteten Version 2 kostenlos samt Seriennummern zum Download an. Mittlerweile wurde die Seite wieder abgeschaltet.

Die Adobe Creative Suite 2 und ihre Einzelapplikationen wie Photoshop, Premiere Pro, InDesign, Illustrator, Audition und Acrobat Pro sind jetzt kostenlos als Download erhältlich. Auch die notwendigen Seriennummern stellt Adobe zur freien Verfügung.

[…] Mittlerweile hat Adobe die Seite offenbar wieder abgeschaltet, unter der URL ist nur noch eine Fehlermeldung zu sehen.

Golem — Photoshop & Co: Adobe bietet Creative Suite 2 kostenlos zum Download an

Auf der Webseite des Software-Herstellers Adobe stehen die Anwendungen der Creative Suite 2 für Windows und Mac OS X inklusive Seriennummern kostenlos zum Download. Nutzungsvoraussetzung ist lediglich eine Adobe-ID

Heise Online — Adobe verschenkt die Creative Suite 2

Photoshop kostenlos zum Download gab es bisher nur als offizielle 30 Tage Trial oder über illegale Quellen, von denen man am besten die Finger lässt. Doch jetzt hat Adobe offiziell eine Version von Adobe Photoshop zum kostenlosen Download bereit gestellt.

[…] Den kostenlosen Download von Photoshop bekommen Sie über eine offizielle Webseite von Adobe. Damit das klappt, brauchen Sie eine Adobe ID, die Sie sich dort aber auch kostenlos anlegen können.

[…] Hintergrund warum Adobe überhaupt anfängt, seine Software zu verschenken, ist, dass die Aktivierungs-Server für die CS2-Produktlinie Mitte Dezember 2012 abgeschaltet wurden. Kunden, die sich das Produkt gekauft haben und neu installieren wollen, können ihre Software nicht mehr nutzen. Was als Workaround für bestehende Kunden gedacht war, hat Adobe aber nicht besonders professionell umgesetzt. Adobe scheint sich aber sehr wohl bewusst, dass sich jetzt jeder mit einer kostenlosen Adobe ID einfach Photoshop, InDesign, Premiere und Co. holen kann: Auf Nachfrage von CHIP Online gab es zwar bisher noch keine offizielle Antwort von Adobe. Im Support-Forum aber lässt ein Adobe-Mitarbeiter verlauten, man sich durchaus bewusst, dass die Software nun allen Nutzern mit Adobe ID bereit stehe: „Yea […] we are aware that the software is available for all users with an Adobe ID. You will want to have a valid license for a software title affected by the activation server outage. Please also keep in mind that due to the age of these software titles it is likely that they will not function properly on modern operating systems.“

Chip Online — Photoshop kostenlos: Windows und Mac Downloads [sic! Mit Deppen Leer Zeichen.]

Adobe verschenkt sein Profi-Grafiksoftware-Paket Creative Suit [sic! Da sitzt ein Spezialexperte in der Technikredaktion!] per Gratis-Download – zumindest in der Version CS 2 von 2005. Das Software-Paket kostete damals mehr als 2.000 Euro.

[…] Die Programme können jeweils einzeln als Installationsarchiv heruntergeladen werden, die dazugehörige Seriennummer steht direkt neben dem Download. Warum Adobe die Software im Wert von einst 2100 Euro verschenkt, hat das Unternehmen noch nicht angegeben.

The Wall Street Journal — Adobe verschenkt Creative Suit 2 [sic!] samt Photoshop

Nun, ich kann dem so markant kompetenten Techschreiber vom Wall Street Journal gern aushelfen und mitteilen, warum Adobe eine Software im Wert von einst 2.100 Euro verschenkt: Adobe verschenkt die Software gar nicht.

Die Erklärung von Chip Online deckt sich völlig mit der Darstellung auf der Adobe-Website. Offenbar hat hier ein Schreiber in einem Anfall journalistischer Sorgfalt vorm Online-Stellen eines Artikels mit dem Hinweis auf Adobes „Geschenk“ mal einen Blick auf die Adobe-Website geworfen und auf dieser recht unübersichtlichen Site auch die Suchfunktion gefunden, um den folgenden Hinweis zu lesen [Schnellübersetzung von mir]:

Beim Versuch der [m. Anm.: Online-] Aktivierung ihrer Create Suite 2, ihres Acrobat 7 oder von Macromedia-Produkten können sie eine Fehlermeldung bekommen, dass der Aktivierungsserver nicht verfügbar ist. Ab dem 15. Dezember [m. Anm.: 2012] werden die Aktivierungsserver für diese Produkte heruntergefahren […] Um Abhilfe für dieses Problem zu schaffen, haben wir eine Version dieser Software-Titel erstellt, die keine Aktivierung benötigen.

Und genau das sind die besagten Downloads der CS2, die eine längere Zeit am gestrigen Tage jeder Mensch mit einer Adobe-ID herunterladen konnte, um sie auf seinem Computer zu installieren, wenn er eine zwar acht Jahre alte, aber immer noch außerordentlich leistungsfähige Software haben wollte.

Was sich allerdings keiner dieser ganzen „Qualitätsjournalisten“ gefragt hat — und das angesichts einer Meldung, die sogar mich so stutzig gemacht hat, dass ich beim Bloggen darüber sofort eine recht flappsige Bemerkung geschrieben habe — ist die einfache Frage, warum Adobe auf seiner gesamten Website nichts von einer „geschenkten“ Version von CS2 erwähnt hat. Schon der handelsübliche Verstand sollte doch erkennen, dass ein solch außerordentliches „Geschenk“ nicht ohne begleitende Werbung, ohne entsprechende Presseerklärungen und dergleichen gegeben wird. Diese „Kleinigkeit“ wurde für mich schnell zum Grund, die Meldungen nicht zu glauben, sondern nach einem Kontext für das Downloadangebot Adobes zu suchen. Eigentlich wäre das ja die Aufgabe von Journalisten, und wenn sie diese Aufgabe nicht erfüllen, braucht man sie gar nicht mehr, aber lassen wir das…

Dass die bloße Möglichkeit, eine Software herunterzuladen und eine lokale Kopie dieser Software auf dem eigenen Rechner auszuführen noch nicht eine Nutzungslizenz beinhaltet oder die Anfertigung der Kopie legalsiert, sollte jedem Nutzer des Internet vollkommen klar sein. Wenn es jemanden nicht klar ist, wird er sich jedenfalls in einem Rechtsstreit nicht mit seinem Unwissen herausreden können. Genau so, wie jedem Nutzer von Verlagsprodukten vollkommen klar sein sollte, dass Dinge nicht zu Fakten werden, nur weil sie so in den Stories der „Qualitätsjournalisten“ zu lesen sind. In beiden Fällen kommt die Klarheit aus leicht zu machender Erfahrung.

Von einer Freigabe oder gar einem Geschenk ist von Seiten Adobes nicht die Rede. Und es ist niemals die Rede davon gewesen.

Dies wird im Adobe-Forum manchmal nicht ganz so eindeutig von Mitarbeitern kommuniziert [Schnellübersetzung von mir]:

Die einzige Änderung, die von Adobe vorgenommen wurde, ist, dass die Aktivierungsserver für CS2, Acrobat, Macromedia-Prodkute am 15. Dezember heruntergefahren wurden

Es gab jedoch auch die eine oder andere deutlichere Ansage von Adobe-Mitarbeitern [Schnellübersetzung von mir]:

Sie haben etwas Falsches gehört! Adobe bietet absolut keine freien Kopien von CS2 an.

Was stimmt, ist, dass Adobe die Aktivierungsserver für CS2 abschaltet und dass für bestehende lizenzierte Anwender von CS2, die ihre Software neu installieren müssen, Kopien von CS2 verfügbar sind, die keine Aktivierung, aber gültige Seriennummern erfordern. (Spezielle Seriennummern werden auf der Seite für jeden Download eines Produktes ausgegeben.)

Sie sind nur dann dazu ermächtigt, legal herunterzuladen und mit der Seriennummer zu installieren, wenn sie eine gültige Lizenz für dieses Produkt haben.

Das ist eigentlich alles, was man lesen muss, damit sich das Märchen von Adobes Geschenk in eine Schar schnatternder Zeitungsenten auflöst. Dass es nicht jeder „Qualitätsjournalist“ gelesen hat, der dieses Märchen als Meldung mit der Glaubwürdigkeit des Qualitätsjournalismus aufgeladen und als Wahrheit vor ein größtenteils naiv gläubiges Millionenpublikum gestellt hat, liegt daran, dass es gar nicht so einfach ist, diese Stellungnahme von Dov Isaacs zu finden — man muss dafür ja immerhin eine auf der Startseite des Forums durch deutliche Sichtbarkeit versteckte Suchfunktion benutzen und so einen fernliegenden Suchbegriff wie CS2 eingeben. In beinahe jedem der dabei gefundenen Threads kann man mehr oder minder deutlich lesen, wie der Sachverhalt wirklich aussieht, und so manches Mal schimmert durch die professionelle Freundlichkeit der Adobe-Supporter in der spatanischen Kürze der Antwort ein deutliches Genervtsein hindurch. Die haben nämlich nebenbei auch richtige Probleme von richtigen, zahlenden Kunden zu lösen…

Fasse ich einmal kurz zusammen (mit ein paar Spekulationen)

Adobe hat einen Lizenzserver für einige acht Jahre altes Produkte aus mir unbekannten Gründen abgeschaltet. Vermutlich stand der Wartungsaufwand, und damit die laufenden Kosten für diesen Server in keinem guten Verhältnis mehr zu seiner Nutzung für die Freischaltung dieser Produkte. Server warten sich nicht von allein (und verwandeln außerdem teuren elektrischen Strom in weitgehend wertlose Abwärme), und dass Adobe kein Weihnachtsmann, sondern eine wirtschaftliche Unternehmung mit Gewinnerzielungsabsicht ist, sollte auch außerhalb der Wirtschaftsredaktionen schon einmal aufgefallen sein.

Adobe ist eine Unternehmung, über die ich etwa gleichviel Gutes wie Schlechtes sagen kann, aber in diesem Fall kann ich nur ein gutes Wort sagen: Adobe hat festgestellt, dass seine acht Jahre alte Software immer noch in aktiver Benutzung ist und sogar hin und wieder noch einmal neu installiert wird. Arbeitsrechner werden ja gelegentlich neu aufgesetzt, oder aber beim Kauf eines neuen Rechners soll die bislang erworbene Software weitergenutzt werden. Sie war ja auch nicht ganz billig.

Auf diese Beobachtung hat Adobe mit einem geradezu vorbildlichen Kundendienst reagiert. Adobe hat nicht etwa duruch bloße Abschaltung des Aktivierungsservers die erneute Installation der Software verhindert, um seine Nutzer zu einem kostenpflichtigen und für Adobe damit lukrativen Upgrade zu nötigen, sondern Adobe hat eine Version der Software gebaut, die ohne Aktivierung durch den Lizenzserver nutzbar ist und diese Version für seine Kunden zum Download angeboten. Dabei war sich Adobe über eventuelle Missbrauchsmöglichkeiten vermutlich im Klaren und hat diese Entscheidung genau deshalb nicht so offen kommuniziert, dass sie Begehrlichkeiten nach bequemen kostenlosen Downloads bei irgendwelchen Geiz-ist-geil-Prolls mit großem Sammeltrieb und geringer Lust an eigener Kreativität weckt.

Über einen mir nicht näher bekannten Kanal ist dies in die Aufmerksamkeit der „Qualitätsjournalisten“ gelangt. (Die Zitate oben sind nur eine kleine Auswahl dessen, was sich gestern dazu lesen ließ — und vermutlich gibt es solche Meldungen in wenigen Stunden auch industriell auf Papier gestempelt zu erwerben.)

„Qualitätsjournalisten“ haben das — vermutlich nach Klick auf einen zugesteckten Link ohne Kontext — also gesehen und folgendermaßen bewertet: „Adobe bietet auf seiner eigenen Website ein für jedermann nach kostenloser Registrierung installierbares Paket älterer Versionen seiner Software an. Das ist ein Geschenk“. Eine Recherche, wieso es zu diesem „Geschenk“ kommt, fand ebensowenig statt wie die naheliegende Frage, warum es zu diesem an sich sehr werbewirksamen „Geschenk“ weder eine Meldung auf der Adobe-Website noch eine offizielle Presseerklärung gibt. Auch für eine halbe Stunde Nutzung der Suchfunktion im Adobe-Forum mit sich unmittelbar aufdrängenden Suchbegriffen war offenbar keine Zeit, als schnell eine „Story“ in das CMS geprügelt werden musste. Diese Sache mit dem „Geistigen Eigentum“, die immer, wenn es um die besonderen „Schutzbedürfnisse“ der Presseverleger im Speziellen und der Contentindustrie im Allgemeinen geht, als so unendlich wichtig erachtet wird, spielte im Falle Adobes auf einmal ebenso wenig eine Rolle wie auch nur die kleinste journalistische Sorgfalt, die sonst als „Qualitätsmerkmal“ herausgekramt wird.

Die diversen Presseprodukte haben die sensationelle Meldung voneinander übernommen, um Standardtextbausteine aus ihrem Textbausteinbestand ergänzt und brav in ihre Websites zwischen das eigentliche Geschäft der Presse, also zwischen die Reklame, geklatscht. Ich habe in einer Suche mit Google News nicht einen Artikel gefunden, der diese Meldung in Frage stellt und schließe daraus, dass keine von diesen vielen fürs Presseschreiben bezahlten, unterbelichteten Gestalten angesichts einer derartig unerwarteten und außergewöhnlichen Meldung einen Bedarf nach nur den einfachsten Recherchen gesehen hat. Adobe hat übrigens auch eine in der Website angegebene Telefonnummer und ganz gewiss auch einen geeigneten Ansprechparter für Anfragen der Presse…

Die Möglichkeit, dass es durch die Tätigkeit von „Qualitätsjournalisten“ — die ihr ganz spezielles „Geistiges Eigentum“ durch ein so genanntes „Leistungsschutzrecht“ zum Nachteile aller Menschen in der BRD zusätzlich „schützen“ lassen wollen — zu einer massenhaften Installation nicht-lizenzierter Software Adobes kommen könnte, hat in diesem forschen Streben nach schnellem, webbigen Content nicht zur Besinnung geführt. Zu einer solchen Besinnung und einem „vielleicht noch einmal nachschauen, was es damit auf sich hat“ kam es auch dann nicht, als Adobe den Download-Server kurzerhand abschaltete, so dass er nur eine für die meisten Nutzer unverständliche japanische Fehlermeldung präsentierte. Warum sollten Immaterialgüterrechte, die das Geschäft anderer Unternehmungen sind, für die (zu allem Überdruss meist auch noch unterbezahlten) Mietfedern der Verlagsmilliardäre auch eine Rolle spielen?!

Durch diese Haltung ist ein Schaden entstanden.

Es ist für Adobe nicht so sehr der finanzielle Schaden durch die „Raubkopien“, wie „Qualitätsjournalisten“ so etwas sonst gern nennen. Wer sich eine nicht-lizenzierte Kopie besorgen wollte, wusste schon vorher, in welcher Bucht mit Piratenschiff man illegalerweise an Software kommt, und zwar an wesentlich aktuellere. Und die Menschen, die sich den Kauf einer aktuellen CS nicht leisten konnten und freudig dieses „unfreiwillige Angebot“ einer veralteten und nicht mehr unterstützten Version wahrgenommen haben, hätten ohne ihren kostenlosen Download auch nicht mehr Geld für den Softwarekauf zur Verfügung gehabt.

Aber der konzentrierte Traffic für den Download einer obsoleten Software hat (bis zur schließlichen Abschaltung des Servers) technische Kosten verursacht. Bezahlte Supportmitarbeiter von Adobe mussten sich überdem im Forum mit immer wiederholten Anfragen herumschlagen, und an manchen Bearbeitungen der Fragen durch Moderatoren sieht man, dass dabei auch nicht immer der feinste Ton von Seiten der Fragenden geherrscht haben wird. (Ob wohl auch einige besonders üble Idioten völlig gelöscht wurden?) Und das alles für eine Software, die so alt und ungebräuchlich geworden ist, dass der Betrieb des Aktivierungsservers dafür aus Sicht Adobes wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll war. Ich kann es auch etwas drastischer ausdrücken: Wegen dieses Mülljournalismusses haben heute sehr viele hoffentlich gut bezahlte Menschen einen dreiviertel Tag lang Scheiße geschaufelt.

Wird Adobe noch einmal in einer ähnlichen Situation so eine vorbildlich kundenfreundliche Entscheidung treffen, oder wird Adobe vielmehr die Menschen zu einem Upgrade nötigen? Wird eine andere Softwarefirma, die diesen Vorgang mitbekommen hat, in ähnlichen Situationen zu Gunsten der Kunden oder zu Gunsten der eigenen Kostenersparnis entscheiden?

Das ist der Schaden. Es ist ein Schaden für alle, die Geld für Software ausgeben und in Zukunft wohl damit leben müssen, dass ihr vor ein paar Jahren gekauftes Programm zwar theoretisch immer noch alles könnte, wofür es einmal erworben wurde, aber nach einem Plattencrash oder dem Kauf eines neuen Computers oder einer Neuinstallation des Betriebssystemes nicht mehr installierbar ist.

Wer so etwas in Zukunft erlebt, bedanke sich bei „Qualitätsjournalisten“ — die zum Hohn auch noch so tun, als ob sie durch das Internet „enteignet“ würden.

Und eines ist da noch. Was soll Adobe jetzt eigentlich machen?

Für die meisten Menschen ist es derzeit eine „Wahrheit“, dass Adobe Software „verschenkt“. Wenn Adobe darauf reagiert, indem die Downloadmöglichkeit dauerhaft geschlossen wird, schafft das einen schlechten und aus Werbesicht eher unerwünschten Eindruck — und zwar für das Zurückhalten eines Angebotes, das am Markt wertlos ist.

Bei Adobe sitzen genau jetzt, in diesem Moment Menschen zusammen und beraten darüber, was aus PR-Sicht das günstigste Vorgehen wäre.

Sie werden vermutlich zu dem Schluss kommen, dass sie am besten eine Presseerklärung schreiben und für die Medienöffentlichkeit eine freundliche Lächelmaske aufsetzen, um das von „Qualitätsjournalisten“ herbeifantasierte „Geschenk“ zu bestätigen — natürlich nicht ohne vorher mit ihren Juristen die Haftungsfrage für die nicht mehr gepflegte Software voller bekannter Sicherheitslücken abgeklärt zu haben, was vermutlich auch nicht gerade eine Trivialtät sein wird.

Ob sich Adobe wohl gerade enteignet fühlt?

Von seinem „Geistigen Eigentum“?

Ich frag ja nur, mein stinkender Mitmensch „Qualitätsjournalist“…

Nachtrag, 8. Januar 2013, 17:00 Uhr

Jetzt, wo die Meldung aus dem „Aktuell“-Ticker herausgerückt ist, werden Korrekturen geschrieben, die kaum noch jemand liest, wie etwa bei Heise Online:

Adobe gibt also keine Erlaubnis für jedermann, die Software frei zu nutzen, schränkt die Nutzung allerdings auch mit keinem Wort ein. Nach wie vor stehen die Installer inklusive Seriennummern frei zum Download. Nachdem die Seite gestern zunächst offline war, hat Adobe anschließend sogar die Flucht nach vorne angetreten und die vorher nötige Anmeldung per Adobe-ID deaktiviert. Der Link ist nun öffentlich zugänglich. Adobe will die Nutzung nicht unterbinden, upgrade- und supportberechtigt sind Frei-Nutzer allerdings nicht

Tja, zu dieser völlig öffentlichen Freigabe und „Flucht nach vorn“ ist Adobe genötigt worden. Von „Qualitätsjournalisten“ mit einer tollen Story. Oder kurz gesagt: Adobe hat sich fast zu dem Schritt entschlossen, den ich vorhin bereits erwartet habe — nur eine öffentliche Erklärung, dass es sich um ein „Geschenk“ handelt, fehlt noch. Wer mag, kann den Verzicht auf eine Registrierung bei Adobe so deuteln, als wäre es ein Geschenk.

Ich tippe darauf (ja, es ist Spekulation), dass die Hausjuristen davon abgeraten haben, eine Software mit bekannten sicherheitskritischen Fehlern „offziell“ zu verschenken. Ansonsten könnte auf Adobe eine Haftungswelle zukommen. Man bedenke nur, dass in den USA die Produkthaftung so weit geht, dass es niemanden mehr überraschen würde, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind auf Schadenersatz verklagte, weil es bei der Geburt so große Schmerzen verursacht hat — und von einem US-Richter das Recht auf ein siebenstelliges Schmerzensgeld zugesprochen bekäme. Auf Einweg-Kaffeebechern in den USA ist übrigens die Aussage „Inhalt ist heiß“ gedruckt…

Wer eine CS2-Lizenz herumliegen hat oder keine Probleme damit hat, auf eigene Verantwortung eine nicht-lizenzierte Version von CS2 zu nutzen, kann die deutschsprachigen Versionen wieder herunterladen. Neben der dort angegebenen Seriennummer wird nichts benötigt, und die Software ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vollständig virenfrei.

Die ComputerBild hat es übrigens bis jetzt nicht für nötig befunden, unter die gestrige Falschmeldung auf ihrer Website einen korrigierenden Nachtrag zu schreiben — alle anderen hier zitierten Verlagsangebote haben dies getan. Für Leser bedeutet das: In der Website der ComputerBild kann eine sachlich vollkommen falsche Meldung auch dann stehenbleiben, wenn der Fehler längst allgemein bekannt geworden ist. Auf Grundlage dieser Beobachtung beurteile bitte jeder selbst, was das Meldungsarchiv der ComputerBild im Zweifelsfalle wert ist…

Nachtrag 31. Januar 2013: Adobe weist nun — beinahe einen Monat nach seiner „Enteignung“ durch „Qualitätsjournalisten“ — mit einem deutlichen Hinweis auf der Download-Seite unmissverständlich auf den korrekten Sachverhalt hin:

Die im Rahmen des Downloads erhaltenen Seriennummern dürfen ausschließlich von Kunden verwendet werden, die CS2 oder Acrobat 7 rechtmäßig erworben haben und weiterhin nutzen möchten. Ein Download der Software sowie die Nutzung der Seriennummern durch Personen, die CS2 oder Acrobat 7 in der Vergangenheit weder von Adobe direkt noch einem autorisierten Händler erworben haben, ist nicht gestattet und stellt eine Verletzung von Adobes Urheberrechten dar

Zu wie vielen hunderttausend Downloads und Nutzungen es wegen der hier beschriebene Falschmeldung gekommen ist, gehört zu den Dingen, über die Adobe allerdings schweigt.


Formulierungen, auf die ich gewartet habe

[…] das Problem der Meinungsfreiheit im Internet […]

Heise Online — Uno soll Meinungsfreiheit im Netz international einschränken

Ohne Worte


Breitband

Breitbandverbindungen gibt es europaweit inzwischen fast flächendeckend, meldet der „Fortschrittsbericht“ zur Digitalen Agenda. 95 Prozent aller Europäer haben Zugang zu einem Breitband-Festnetzanschluss. […] Deutschland liegt in diesem Bereich nur ganz knapp über dem EU-Durchschnitt.

Heise Netze vom 18. Juni 2012: 95 Prozent der EU-Bürger haben Breitbandzugang

Robert Wieland, Geschäftsführer von TNS Infratest, sagte, ein Leben ohne Breitbandanschluss sei noch Realität für 43 Prozent der Deutschen, auch wenn „wir hier 4,6 Prozentpunkte nach vorne gekommen sind“.

Heise News vom 26. Juni 2012: Kaum neue Internetnutzer in Deutschland

Beide Artikel stammen vom gleichen „Autor“.

Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der Journalismus in mehr bestand als in der Übernahme von Pressemitteilungen in den „redaktionellen“ Teil. Und dann denke ich wieder, dass es diese Zeit vermutlich nie gegeben hat, dass es erst durch das Internet möglich geworden ist, im Strom der industriell erstellten „News“ nicht einfach unterzugehen, sondern die Meldung von heute kurz mit der inhaltlich völlig anderslautenden Meldung aus der letzten Woche zu vergleichen. Im Zeitalter der alleinigen Papierzeitung lag diese eine Woche „alte“ Meldung ja schon auf dem wachsenden Müllberg vor den Städten oder im Vogelkäfig als Unterlage und wirkte nur noch psychologisch nach. Wenn es noch einen Journalismus im Zeitalter des Internet geben kann, dann muss er von deutlich anderer Beschaffenheit als der Einweg- und Wegwerfjournalismus der etablierten Presseverleger sein.