Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Piraten! Raub! Raub! Raub!

Mehr als 60 Prozent aller E-Books sind geklaut. Bei einzelnen Musiktiteln geht der illegale Download aber zurück

Jeder vierte Internet-Nutzer in Deutschland lädt einer Studie zufolge Dateien von illegalen Quellen herunter […]

Angesichts der Ergebnisse macht sich die Branche kaum Hoffnung. „Wir befürchten das Schlimmste“, sagt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der die Zahlen der Studie „erschreckend“ nennt. „Die Situation ist so unerträglich geworden, dass wir fordern, dass rechtsstaatliche Verhältnisse im Internet tatsächlich hergestellt werden.“

Welt Online: Web-Piraten rauben ganze Archive

Kommentar

Ganze Archive sind geraubt, wenn man der Website des springerschen Lügenschmierblattes „Die Welt“ glaubt. Und das Verrückte daran ist: Sie sind auch noch da, wo sie waren, diese ganzen Archive. Jede einzelne Datei. Ein „Raub“ ist es, bei dem nichts fehlt, und bei dem zu allem Überfluss noch nicht einmal Gewalt angewendet oder angedroht wurde.

Es wurde nämlich nichts geraubt. Es wurde kopiert. So, wie das bei digitalen Medien natürlicherweise technisch möglich und bis zur Alltäglichkeit üblich ist. Wenn ich eine Sicherungskopie meiner Festplatte anlege, sage ich ja auch nicht, dass ich einen Raub begehe. Ich erwarte, dass dabei eine perfekte Kopie von Informationen entsteht, und dass das Original immer noch verfügbar ist — schließlich will ich mit meinem Rechner weiterarbeiten, nachdem ich die Sicherungskopie gemacht habe. Das funktioniert so gut, dass ich mich im Großen und Ganzen darauf verlassen kann.

Doch es geht noch weiter. Dieser Text, den sie jetzt auf ihrem Bildschirm sehen, ist die Kopie eines Textes, der in auf einem Server in den USA in einer Datenbank vorliegt und der über das Internet auf ihren Rechner gebracht wurde. Fühlen sie sich schon als Räuber? Der Text wurde übrigens mit einigen technischen Daten (HTML-Auszeichnungen, Formatierungsanweisungen, Grafikdaten) angereichert, die aus anderen Dateien auf diesem Server stammen und jetzt ebenfalls auf ihrem Rechner als Kopie vorliegen. Diese Dateien stammen von vielen anderen Urhebern. Fühlen sie sich jetzt sogar als ein ganz schlimmer Räuber, der sich in einem „Raubzug“ gleich vieler „Dinge“ bemächtigt?

Damit der Text in die Datenbank kam, habe ich ihn in aller Ruhe mit meinem bevorzugten Texteditor geschrieben und über ein standardisiertes technisches Verfahren (nämlich XML-RPC) an die Blogsoftware übermittelt, so dass die Kopie in der Datenbank entstand. Ist die Blogsoftware jetzt ein Räuber? Oder sind ihre Programmierer Räuber. Oder ist es Automattic, die Firma, die dieses Blog zur Verfügung stellt?

Oder sind jetzt sie, oder ist die Blogsoftware, oder sind die Programmierer, oder ist Automattic auch nur ein Dieb, wenn es schon kein „Raub“ ist, weil das einfach eine zu absurde Metapher für den völlig gewaltfreien Vorgang einer Kopie ist?

Obwohl nach dem „Diebstahl“ nirgends etwas fehlt?

Mitnichten! Es handelt sich immer um Kopien. Um Kopien von Information, die im Gegensatz zu etwa einer Fotokopie in vertrauter Analogtechnik keinen Informationsverlust aufweisen.

Das in den letzten Jahren gewachsene, freie Internet, das die Contentindustrie am liebsten wieder abgeschafft sehen möchte, ist von seiner Beschaffenheit her eine riesige Maschine zur Anfertigung und zum Transport von Kopien. Die natürlich gegebene Möglichkeit der Digitaltechnik, eine fehlerfreie Kopie von Informationen zu erzeugen, macht das Internet überhaupt erst nützlich für Menschen. Das Kopieren ist kein Raub, kein Diebstahl und kein Verbrechen, es ist der Grund, weshalb es ein Internet gibt. Und jeder Mensch, der am Internet teilnimmt — sogar die Leute bei Welt Online, wenn sie einen solchen gegen das Internet und seine vielen Nutzer hetzenden Artikel auf ihre Website stellen — erwartet, dass die Kopiervorgänge fehlerfrei funktionieren.

Wenn eine Kopie einmal fehlerhaft ist, wenn das Verfahren fehlschlägt, liegt dies im Regelfall in einem Defekt in der Hardware, zum Beispiel an einer defekten Festplatte.

Eine kleine Abschweifung: So genannte „Kopierschutzverfahren“ sind — nüchtern betrachtet — nichts weiter als ein künstlicher Defekt, der angebracht wurde, um eine nützliche und natürliche technische Eigenschaft digitaler Daten zu verhindern, nämlich ihre verlustfreie Kopierbarkeit. Das Umgehen eines Kopierschutzverfahrens ist nichts weiter als eine Reparatur, die eine einwandfreie, natürliche und erwartungsgemäße Funktion wiederherstellt. Es ist eine Reparatur, die zunehmend kriminalisiert wird. Das ist — überträgt man es einmal in die nicht-digitale Welt — so absurd, als würde man den Menschen verbieten wollen, ein defektes Auto zu reparieren und ihnen gleichzeitig nur noch defekte Autos verkaufen. Und wer dann die ihm zur Verfügung stehende Intelligenz einsetzt und sich über eine derart absurde Restriktion hinwegsetzt, wer sein Auto repariert, damit es ihm nütze, würde als Gewaltverbrecher, als „Räuber“ bezeichnet und in einer breiten Propaganda — und irgendwann sogar gesetzlich, also mit Auflastung von Strafen — kriminalisiert. Das ist ungefähr die gegenwärtige Vorgehensweise der Contentindustrie, wenn Menschen natürliche technische Möglichkeiten nutzen wollen.

Es ist klar, dass die technische Eigenschaft digitaler Daten, verlustfrei kopierbar und damit beliebig und ohne großen Aufwand vermehrungsfähig zu sein, der Contentindustrie nicht gefallen kann, und dass deshalb so gezielt und über derart viele (von der Contentindustrie kontrollierte) Kanäle irreführende und niederträchtige Propaganda verbreitet wird.

Denn das bisherige Geschäft der Contentindustrie bestand darin, dass ihre Unternehmer die relativ hochpreisigen Produktionsmittel zur Anfertigung von Kopien anschafften, unterhielten und besaßen; dass diese Unternehmer nach Gesichtspunkten der Vermarktbarkeit darüber entschieden, bei welchen Werken sich die Anfertigung von Kopien lohnt und dass sie für den Verkauf dieser Kopien sorgten, der natürlich nicht nur die Betriebs- und Anschaffungskosten für die Kopieranlagen wieder hereinbringen musste (dazu gehörten auch Personalkosten), sondern auch Profit erwirtschaften sollte (das Risiko der Investitionen und des Betriebes wurde ja nicht aus Liebe und Selbstlosigkeit eingegangen).

Ein solcher Mittler in Form der Contentindustrie wird im Internet nicht mehr benötigt. Die „Produktionsanlagen“ zur Anfertigung einer Kopie sind ein preiswerter Alltagsgegenstand. Das Internet als Infrastruktur zum Verteilen der angefertigten Kopien verursacht dem einzelnen Nutzer kaum Betriebskosten. Sie sitzen genau jetzt an einer Anlage zur Anfertigung von Kopien, und sie benutzen diese Anlage, um eine angefertigte Kopie dieses Textes zu lesen. Das geschieht jeden Tag billionenfach. Es ist die natürliche Nutzung. Und genau das ist auch der besondere Vorzug der Digitaltechnik. Es ist weder Raub noch Diebstahl. Es ist auch für niemanden ein Problem, außer vielleicht für das bisherige Geschäftsmodell der Contentindustrie, ganz genau so, wie das allgemein verfügbare Kraftfahrzeug ein Problem für das bisherige Geschäftsmodell aller Stellmacher, Schreiner, Lackierer, Linierer und so weiter war, die vorher vom Kutschenbau lebten.

„Web-Piraten“ sind die Menschen, die eine Kopie anfertigen, schon gar nicht — aber dieses Wort hat die Website einer Zeitung aus dem Axel-Cäsar-Springer-Verlag wohl auch vor allem deshalb gewählt, weil mit diesem Wort mehr als nur unterschwellig eine in den kommenden Wahlen antretende politische Partei der Bundesrepublik Deutschland als Zusammenschluss von plündernden Schwerkriminellen verunglimpft werden kann. Diese Partei — man mag von ihr halten, was man will — setzt sich übrigens in einem Schwerpunkt ihrer Programmatik für die Wirkung der Bürgerrechte im Internet ein, zu denen selbstverständlich auch die natürliche Nutzung der technischen Möglichkeiten gehört. Die Ausbreitung von Furcht, Unsicherheit und Zweifel war schon immer ein gutes Mittel, um Menschen bei Entscheidungen zögerlich werden zu lassen. Auch bei Wahlentscheidungen. Die Elaborate aus dem Axel-Cäsar-Springer-Verlag können in diesem Punkt auf eine lange Erfahrung zurückblicken.

Angesichts dieser infamen und sprachlich brutalen Vorgehensweise tritt es fast in die Bedeutungslosigkeit zurück, dass der Begriff des „illegalen Downloads“ in dieser Studie sehr „kreativ“ gedeutet wurde:

Die hier angelegte Definition für illegale Downloads ist allerdings zweifelhaft. Laut Fußnote wurden alle Downloads, die „von Tauschbörsen, Sharehostern, privaten Websites, Blogs, Foren, ftp-Servern und Newsgroups“ durchgeführt wurden, pauschal als illegal deklariert. Illegal im Sinne der DCN-Studie war damit auch der Bezug eines der Millionen gemeinfreien oder kostenlos angebotenen Titel über diese Kanäle.

Aber es passt auch ins Bild.

Genau so, wie es passt, dass der Heise-Verlag so viel journalistische Ethik und Sorgfalt an den Tag legt, diese „Kleinigkeit“ zur Verbesserung einer vernunftgeprägten Meinungsbildung deutlich im Bericht zu erwähnen, während die springersche Welt ihren Schwerpunkt lieber in der emotionsgeprägten und manipulativen Beschimpfung aller Menschen legt, die das Internet und die dadurch gegebenen technischen Möglichkeiten nutzen, und darüber diese korrigende „Kleinigkeit“ für „entbehrlich“ hält. Und das, wohlgemerkt, auf einer Website. Wenn es nicht so bitter und wirksam wäre, ich würde darüber lachen.

Mit einer solchen, öffentlich eingenommenen Haltung wird die Chance zerstört, aus der alten und immer noch bestehenden Stärke der Contentindustrie heraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das auch ins Zeitalter des Internet tragen kann — eines Internet, das die bisherige Rolle der Contentindustrie vollständig überflüssig macht und damit das bisherige Geschäftsmodell vernichtet. Die meisten Menschen haben immer noch so viel Gefühl für ihre eigene Würde, dass sie es nicht mögen, wenn man ihnen offen zeigt, dass man sie verachtet.

Für den Heise-Verlag allerdings, für den scheinen die Chancen nicht zerstört zu werden. Er wirkt robuster als je zuvor.

Die einen gewinnen mit ihrem Angebot neue Kunden, die anderen verlieren mit ihrem Angebot Kunden.

„Marktwirtschaft“ und „Wettbewerb“ hat man das damals genannt und allgemein als gut und wichtig bezeichnet, um den Fortschritt und Wohlstand der gesamten Gesellschaft zu sichern und zu erhalten.

Damals, noch bevor man aus allen Zeitungen danach schrie und in der Lobby des Bundestages im Flüsterton einforderte, dass „der Staat“ — ja, derselbe Staat, der sich sonst bitte rauszuhalten hatte — jetzt doch bitte eingreifen möge und natürliche Technikbenutzung kriminalisieren solle; Gesetze gegen diese ganzen Verbrecher, Piraten, Räuber, Kopiermörder müssen her, gegen diese Menschen die einfach mit technischen Geräten und vorhandener Infrastruktur das tun, wofür diese Geräte und diese Infrastruktur da sind und geschaffen wurden.

Dass ausgerechnet der Axel-Cäsar-Springer-Verlag, der sich einst in seinen vielen Produkten so vehement für diese „Marktwirtschaft“ und diesen „Wettbewerb“ einsetzte, heute so vehement danach schreit, dass Restriktionen zum Gesetz werden, zeigt nur, welches Ziel der damalige Einsatz wohl wirklich verfolgte und heute ganz offen verfolgt: Das Ziel, die Mehrzahl der Menschen möglichst klein, unfrei und hörig zu halten.

Aber das ist für viele Menschen auch keine Neuigkeit.

Quelle des satirischen Bildes: literaturcafe.de

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26 Antworten

  1. Bio

    Ich stimme Dir weitgehend zu, aber Du hast noch etwas vergessen, für was die Contentindustrie noch gebraucht wird. Promotion und Marketing. Und. Um das alles als Musiker selbst zu machen, ist es ein sehr großer Aufwand, den viele Musiker auch aus Faulheit scheuen. Mal davon abgesehen, dass es äußerst schwierig bis unmöglich ist, als weitgehend unbekannter Musiker in den klassischen Medien gespielt zu werden. Gehe mal als „Noname“ zu einem Radiosender und versuche mit deiner Musik in die Rotation zu kommen – fasst unmöglich ohne Beziehungen dort oder mit viel Glück.
    Dafür gibt es haufenweise Leute in der Contentindustrie (hier auf die MI bezogen) und auch die finden Heute nur die Beachtung.
    Wenn man mit seiner Musik seine Brötchen verdienen will, sprich davon leben können will, reicht es nicht aus die Musik irgendwo hochzuladen und ein MySpace- oder Facebook-Profil zu haben. Sicherlich reicht es für den reinen Kopiervorgang, aber es ist ein Fulltimejob sich um z.b. die Fangemeinde zu kümmern bzw. erst einmal eine zu bekommen.

    Nun gut – lange Rede kurzer Sinn. Nicht dass ich das alles gut finde, ich selbst mag die Öffentlichkeit nicht und will mein leben nicht nach außen tragen (Fans wollen zumeist alles über den Musiker wissen. Die Musik reicht ihnen all zu oft nicht.) und werde deshalb auch nie Erfolg mit meiner Musik haben von dem ich leben könnte, aber leider ist das nun mal so im Musik-Business.

    3. September 2011 um 11:09

  2. Bio

    Passt hier, glaub ich, ganz gut:
    NoCopy

    8. September 2011 um 01:22

    • Ach, hier hat man wieder die übliche Nacharbeit… Drecksakismetscheißteil.

      8. September 2011 um 02:43

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  22. Jo, netter Artikel.
    Jetzt besteht das Problem nur noch darin, dass man das alles auch den Schmierfinken der normalen Presse/etc. mal in den Kopf hämmern muss, denn sonst wird weiterhin mit diesem Kampfbegriff Stimmung gefahren….

    27. Oktober 2012 um 11:58

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