Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Oktober, 2013

Digitale Logik

In der Logik digitaler Systeme sind wir immerzu verdächtig

Ranganathan Gregoire Yogeshwar in der FAZ

Ganz kurzer Kurzkommentar

Nein, Herr Yogeshwar, nicht in der Logik digitaler Systeme sind alle Menschen jederzeit verdächtig, sondern in der manifest paranoiden „Logik“ der Polizeien, Geheimdienste und Innenminister — also derjenigen staatlichen Organe, die die staatlich monopolisierte Gewalt überwiegend zum Schutze der Begüterten und Privilegierten ausüben. Ich hoffe, sie als Bildungsrepräsentationsgesicht des BRD-Quasistaatsfernsehens verstehen den Unterschied. Der psychisch-ängstliche Begriff des „Verdachtes“, den sie in ihrer primitiven, fernsehgeschulten Hypnose-Rhetorik zum Wesen der Digitaltechnik erheben, ist einem Datenverarbeitungssystem noch unbekannter als es die Grundlagen der Logik und Mathematik einem Idioten sind. Das platschende Geräusch war übrigens ein Neuankömmling im Aquarium der Blindfische.

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3D-Drucker

Hintergrundbild zu einer Nachrichtensendung mit einem Tintenstrahldrucker, aus dem ein Auto kommt

3D-Drucker. Mit einem großartigen Symbolbild aus der Hirngruft der RTL-Newsredaktion. Via @web_martin.

Ach ja, platsch!


Bis auf das letzte Bit

Das ist bislang der realsatirsche Dampfblah des Jahres:

Wir müssen in der Lage sein, und das ist auch Konsens mit der Bundesregierung, importierte IT-Systeme durchzuprüfen bis auf das letzte Bit und Byte. Und wir müssen importierte Technologien härten und sicher machen können

Bernhard Rohleder, Bitkom-Geschäftsführer

Es ist ja gar nicht so schlimm…

…aber: Bei dieser reißerischen, eher in die Boulevardpresse als in die Pressearbeit eines auf seriös machenden Fachverbandes passenden Formulierung habe ich unwillkürlich ein Bild vor meinen Augen, das nicht mehr weichen will. Ich sehe, wie die Bundesregierung und die Bitkom sorgsam, vielleicht sogar unter Anwendung eines Vergrößerungsglases, sicher jedoch mit ständigem Nachschlagen in technischer Dokumentation, in monatelanger, entbehrungsreicher geistiger Arbeit einen auf Endlospapier ausgedruckten Hexdump der Firmware eines importierten MP3-Players oder einer importierten Kamera oder eines importierten Telefones oder eines importierten Routers bis auf das letzte Bit und Byte durchprüfen. Und dieses Bild ist einfach in seiner Lächerlichkeit zu wertvoll, als dass ich es verschweigen möchte… 😀


Tauschbörse

Stellvertretend für viele „qualitätsjournalistische“ Schundwerke, die solche Texte direkt aus dem NITF-Ticker in den redaktionellen Teil ihrer Druckwerke und Websites übernehmen, hier nur ein einziger Screenshot des gegenwärtigen netzblinden Unfugs, der in die Gehirne der Zuleser gestanzt werden soll:

Isohunt: Internet-Tauschbörse gibt auf und soll 100 Millionen Dollar zahlen

Quelle des Screenshots: T-Online.de

Kommentar

Schon an dieser Schlagzeile ist so viel falsch und vorsätzlich falsche Eindrücke erweckend, dass ich den Artikel nicht mehr lesen mag. Sie ist eine gezielte Dummhaltung von bislang Unwissenden und Propaganda gegen das Internet selbst.

Zunächst zum Wort „Tauschbörse“

Tausch…“ — Es gibt keinen „Tausch“ im gewöhnlichen Sinn des Wortes im Internet. Da sagt niemand „Ich habe zwei Hosen, du hast zwei Jacken, komm, ich geb dir eine Hose und du gibst mir eine Jacke dafür zurück, so hat keiner von uns einen Mangel“. Das ist auch gar nicht nötig. Digitale Güter sind keine knappe Ware, mit der man irgendeinen Handel betreiben könnte. Es gibt immer genug von ihnen, weil sie beliebig verlustfrei kopierbar sind. Es handelt sich bei dem, was im Wort „Tauschbörse“ als „Tausch“ bezeichnet wird, um die Anfertigung von Kopien. Die „Tauschbörse“ ist etwas, was besser als der „Replikator“ aus dem Star-Trek-Universum bezeichnet werden sollte; eine technische Vorrichtung, die jedem Mangel an digitalen Gütern mit geringem Aufwand an Geld und Energie abhelfen kann. Auf diesem Hintergrund ist übrigens jede Kriminalisierung von so genannten „Tauschbörsen“ durch die Contentindustrie (die bislang mit ihren technischen Vorrichtungen ein Oligopol zur industriellen Anfertigung von Werkkopien bildete) nichts weiter als eine Kriminalisierung von Technik, die einen Mangel abhilft, und zwar durch Leute, die diesen Mangel aufrechterhalten wollen, um objektiv überteuerte digitale Güter verkaufen zu können und damit Reibach zu machen.

…Börse“ — Nach dem langen Absatz zum Thema „Tausch“ ist auch klargeworden, dass dabei auch nicht wie an einer Börse ein Preis oder Wert eines digitalen Gutes ausgehandelt wird. Das Bild der „Börse“ ist so falsch wie das Bild einer Orange auf einer Packung mit Bonbons, deren Geschmack mit „naturidentischen Aromastoffen“ produziert wird. Das heißt: Es ist so vorsätzlich falsch; es ist also eine Lüge, mit der Menschen psychisch manipuliert werden sollen, damit sie sich nicht mithilfe ihres Verstandes mit einem Thema auseinandersetzen. Das Wort ist ein dermaßen weitab der Wirklichkeit des damit Beschriebenen liegendes sprachliches Konzept, dass der Fehler darin jedem auffallen muss, der etwas über die Dinge weiß, über die er schreibt und spricht.

Und nun zu IsoHunt

IsoHunt ist nicht einmal eine so genannte „Tauschbörse“ gewesen. Es gab bei IsoHunt keine einzige Datei zu holen. Es gab nur Links, also Verweise auf andere Dateien im offen zugänglichen Internet. Also so etwas wie dieser Link, der den Alarmknopf jetzt auch nicht zur „Tauschbörse“ macht.

Diese Links lagen in einer Datenbank vor und konnten nach beliebigen Begriffen durchsucht werden.

IsoHunt war eine Suchmaschine für Torrents. Es handelte sich um eine Suchmaschine, die gegenüber den Inhalten der aufgefundenen Ergebnisse neutral war — also, um es mit etwas anderen Worten zu sagen, damit es auch deutlich wird, um eine unzensierte Suchmaschine.

Was das von „Qualitätsjournalisten“ so referenzierte und in Volksverdummung umgewandelte Urteil aus dem Dezember 2009, dass (auch von Suchmaschinen gefundene) Links zu Urheberrechtsverstößen ein Geschäftsmodell und eine Anstiftung zu Straftaten sind, wirklich bedeutet, ist also: In den Vereinigten Staaten von Amerika ist es durch Richterrecht kriminalisiert worden, eine den Inhalten gegenüber neutrale, also unzensierte, Suchmaschine zu betreiben. Eine rechtssichere Suchmaschine in den Vereinigten Staaten von Amerika darf nicht den Inhalten gegenüber neutral sein, sondern muss bestimmte Inhalte ausblenden — und dabei wird in der Praxis mit einer erschreckenden Willkür vorgegangen, die einen beliebigen Missbrauch des Zensurprivileges durch Inhaber so genannten „Geistigen Eigentums“ nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich macht. Im Gegensatz zum soeben verlinkten Vorgang bei Heise Online werden die meisten derartigen Eingriffe in die Suchergebnisse von niemanden bemerkt werden, weil sie nur marginale Websites betreffen.

Aber solche „Kleinigkeiten“ sind BRD-Qualitätsjournalisten bei ihrem Propagandakampf gegen die „Kostenloskultur“ des Internet (natürlich nach anderthalb Jahrzehnten kostenlos verfügbar gemachter Publikationen im Internet) ja egal — solange die Strategie verfolgt wird, Suchmaschinen durch künstliche Kriminalisierung dieser Dienstleistung abzumelken¹. Dass so etwas in letzter Konsequenz Zensur bedeutet, ist ein „Kollateralschaden“, der dabei ausgerechnet von jenen in Kauf genommen wird, die ansonsten im Selbstbeweihräucherungsmodus das Hohelied von der „Freien Presse“ singen.

Fußnoten

¹Was von den Fantastilliarden zu halten ist, die Google angeblich der Presse durch Zweitverwertung und Reklameeinblendung wegnimmt, habe ich schon vor etwas über einem Jahr angemerkt. Daran hat sich nichts geändert. Es ist immer noch die gleiche Lüge, die immer noch von der gleichen Presse in die Gehirne gestanzt werden soll.


Im Detail dargelegt

Entgegen der Mediendarstellung zu PRISM und weiteren Programmen wird Kommunikation über das Internet gerade nicht anlasslos und flächendeckend aufgezeichnet. Es geht ausschließlich um die gezielte Erfassung der Kommunikation Verdächtiger in Bereichen schwerster Straftaten wie Terrorismus, Organisierte Kriminalität und Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Ferner haben uns die USA mittlerweile im Detail verschiedene innerbehördliche, gerichtliche und parlamentarische Kontroll- und Aufsichtsmechanismen der dortigen nachrichtendienstlichen Überwachungsprogramme dargelegt.

Dr. Hans-Peter Friedrich (CSU), Bundesminister des Innern

Anstelle eines Kommentares…

…hier nur als milde Stimulanz für den Speireflex ein Bild von den Dokumenten, in denen die USA im Detail so alles mögliche dargelegt haben:

Foto der von den USA gelieferten Dokumente

Foto: Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Quelle des Fotos: Heise Online, ursprüngliche Quelle: @ThomasOppermann auf Twitter¹

Wie es in der Praxis aussieht, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Überwachung gegen Terrorismus, Organisierte Kriminalität und Verbreitung von Massenvernichtungswaffen richten, kann man etwa in diesem Erfahrungsbericht des offenbar schwerkriminellen Johannes Niederhauser lesen, den ich für die weitere Lektüre sehr empfehle.

¹Ich habe dieses Foto als Dokument des Zeitgeschehens im Kontext dieses Artikels verwendet, ohne das Urheberrecht des Fotografen zu beachten und ohne eine Lizenz für diese Nutzung zu besitzen. Nach meinem Kenntnisstand handelt es sich nicht um ein freies oder offen lizenziertes Bild. Ich bitte darum, diese Tatsache beim Anlegen von Kopien dieses Artikels zu beachten. Herrn Oppermann und anderen Mitgliedern der Classe politique lege ich nahe, solche Dokumente unter den Bedingungen einer Lizenz zur Verfügung zu stellen, die eine (offenbar gewünschte) Verwendung dieser Materialien nicht illegal und in der real existierenden Bananenrepublik Abmahnistan zum persönlichen Risiko macht.