Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

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Deutschland kann das!

Das folgende Plakat ist keine Satire. Ehrlich nicht.

Plakat der Bundesregierung -- Gut vernetzt. Mit Sicherheit. Deutschland kann das. -- Gute Internetverbindungen sind heute genau so wichtig wie eine zuverlässige Strom- und Wasserversorgung. Und auch für das digitale Netz gilt: Es muss so sicher wie möglich sein. Die DIGITALE AGENDA der Bundesregierung legt auf die IT-Sicherheit großen Wert. Künftig müssen deutsche Internetanbieter ihre Kunden warnen, wenn ihr Anschluss missbraucht wird - und empfehlen, was dagegen zu tun ist. Alle Krankenhäuse, Banken, Energie- und Wasserversorger werden gesetzlich verpflichtet, sich vor Cyberangriffen zu schützen. www.digitale-agenda.de

Quelle des Bildes vom Plakat der Bundesregierung: Designtagebuch

Angesichts der Tatsache, dass die informationstechnische Infrastruktur des Deutschen Bundestages gerade wegen eines „Cyberangriffes“ zusammenbricht, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch Verwendung eines elementaren Sicherheits-Browser-Addons wie NoScript zu verhindern gewesen wäre, hat sich die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland für diese prächtige, zwerchfellerschöpfende Realsatire eine platschende Ankunft im Aquarium verdient.


Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie klärt auf

Und jetzt winkt alle einmal mit traurigem Taschentuch den Steuergeldern hinterher, mit denen diese Realsatire produziert wurde! Ein winkender Gruß auch an Sigmar Gabriel!

[Direktlink zum Video | via Hadmut Danisch]


Neuland

Am 6. August 1991, also vor rund 22 Jahren, veröffentlichte Tim Berners-Lee seinen Entwurf des World Wide Web im Usenet (Focus Online berichtete) und hat auf diese Weise einen weiteren, heute sehr populären Dienst im Internet begründet. Die Internet-Dienste Usenet, E-Mail, Telnet, Gopher, FTP und diverse andere existerten damals bereits seit Jahren. Das World Wide Web wurde für viele Menschen nach der Veröffentlichung des Webbrowsers Mosaic Netscape 0.95 beta im Oktober des Jahres 1994 immer mehr zum „eigentlichen Internet“ und ist heute für die Mehrzahl der Menschen ein ganz gewöhnlicher Bestandteil ihres Alltags.

Am 19. Juni 2013, also gut sieben komplette Erdzeitalter der Computertechnik später, gab Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, anlässlich des Besuchs des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, auf dem Hintergrund einer von den USA betriebenen, nahezu allumfassenden Überwachung der weltweiten Internetnutzung und Telekommunikation den folgenden Witz zum Besten:

Das Internet ist für uns alle Neuland

Was haben wir alle gelacht! Fast so, wie bei diesem „Ich liebe doch alle„, das ebenfalls von einem Menschen mit deutlichen Realitätsverlusten ausgesprochen wurde… :mrgreen:

Quelle des Screenshots: Internet


Bundesregierung will sichere Speicherung von Passwörtern kriminalisieren

Zitat Heise Online — Bundesregierung will Auskunft über IP-Adressen neu regeln:

[…] wird betont, dass die Auskunftspflicht auch für Daten wie PIN-Codes und Passwörter gilt, mit denen der Zugriff auf Endgeräte oder damit verknüpfte Speichereinrichtungen geschützt wird. Dies könnte sich etwa auf Mailboxen oder in der Cloud vorgehaltene Informationen beziehen.

Aha, halböffentliche technische Verbindungsdaten wie IP-Adressen kann man also im gleichen Atemzug wie persönliche und für ihre Funktion unbedingt geheim zu haltende Zugangsdaten zu Internetdiensten nennen…

Eine ganz hervorragende Idee von totalen Blindfischen

Die Idee ist so hervorragend, weil sie wie ein Leuchtturm aus dem Ozean der sonstigen intelligenzverachtenden Idiotie und technischen Blindheit herausragt.

Einmal ganz davon abgesehen, dass man mit dem gleichen Geist und der gleichen Vorstellung allmächtiger Staatsapparate auch ein Gesetz machen könnte, das jeden Menschen dazu zwingt, einen Zweitschlüssel für seine Wohnung bei der nächsten Polizeidienststelle abzugeben: Eine Auskunftspflicht für Passwörter beinhaltet, dass jede sichere Speicherung von Passwörtern für illegal erklärt wird.

Passwörter werden — zumindest bei seriösen Anbietern — niemals im Klartext gespeichert, sondern in Form eines Hashes¹, damit einem möglichen Angreifer nach einem erfolgreichen Angriff nicht die Passwörter zur Verfügung stehen. Das angewendete Verfahren ist nicht umkehrbar. Es ist nicht möglich, aus dem gespeicherten Hash das Passwort zu rekonstruieren. Genau das ist auch der Sinn der Sache, denn sonst wäre diese Verschlüsselung als Schutz vor einem Angriff nutzlos.

Wenn eine Auskunftspflicht für gespeicherter Passwörter besteht, wird diese Form der Speicherung, die guten und bewährten Standards des Datenschutzes entspricht, illegal. Das hat unter anderem zur Folge, dass Internetanbieter in der Bundesrepublik Deutschland ihren Datenschutz mutwillig verschlechtern müssten, um einem solchen Nonsens-Gesetz Folge zu leisten und alle ihre Nutzer zum Setzen eines neuen, dann unsicher gespeicherten Passwortes auffordern müssten. Dies gälte auch für große Freemail-Provider wie… sagen wir mal… GMX und Web.de. Und es gälte auch für Versandhäuser und vergleichbare Geschäftsmodelle, wenn diese eine „App“ anbieten und damit eben eine „mit einem Endgerät verknüpfte Speichereinrichtung“.

Das Ziel dieser Idee, die Einrichtung einer…

Telecom-Anbieter müssen die erwünschten Daten „unverzüglich und vollständig übermitteln“. Über derlei Maßnahmen haben sie gegenüber ihren Kunden sowie Dritten Stillschweigen zu wahren.

…unkontrollierbaren Überwachungsschnittstelle für eine Vielzahl von Internetaktivitäten aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, ist ja deutlich genug; und dass in den Innenministerien der BRD viele Menschen sitzen, die 1984 nicht für einen mahnenden dystopischen Roman von George Orwell, sondern für ein Handbuch zur Gesellschaftsgestaltung halten, ist für einen regelmäßigen „Genießer“ des politischen Tagesgeschehens auch nichts Neues — aber dass sie dort in diesen ganzen Jahren voller antifreiheitlicher Ideen noch nicht einen Menschen gefunden zu haben scheinen, der auch nur eine Spur technischen Verständnisses hat und solche „Ideen“ auf technische Umsetzbarkeit untersucht, ist schon ein wenig dumm.

Ach ja, ins Aquarium der Blindfische ist gerade ein ganz besonders dickes Exemplar gefallen: Eine ganze Bundesregierung.

[via]

¹Natürlich wird nicht einfach nur ein Hash verwendet, sondern es werden zusätzliche Daten in den Hash aufgenommen (ein so genannter Salt) und die Hashfunktion wird in der Regel mehrfach angewendet. Alle Einzelheiten zu diesem gar nicht so einfachen Thema verrät die Websuchmaschine der Wahl. Ein erster, halbwegs allgemeinverständicher Einstieg ist das Lemma „Salt“ bei Wikipedia.


Widde widde wie sie mir gefällt

Zugegeben, dies ist kein Internet-Thema, passt aber aus verschiedenen Gründen in die große Liste:

Bei den Ermittlungen der „Besonderen Aufbauorganisation Bosporus“ haben die Behörden nach Auskunft der Bundesregierung über einen Zeitraum von zehn Jahren 20.575.657 Mal Funkzellen abgefragt. Dabei wurde nach Mobilfunkgeräten gesucht, die an mehreren Tatorten der Morde der rechtsgerichteten NSU-Terroristen eingebucht waren. Die so ermittelten 13.842 Datensätze wurden mit Hotelbuchungen und Mietwagenanmietungen und Finanztransaktionen abgeglichen […]

[…] die Funkzellenabfrage sei ein übliches Fahndungsmittel bei Tötungsdelikten. Auch der Abgleich mit anderen Daten sei infolge von einzelnen gezielten Ermittlungen durchgeführt worden und damit keine Rasterfahndung. Die erforderlichen Daten seien weiterhin gespeichert und werden bis zum Abschluss des Vollstreckungsverfahrens gespeichert bleiben. Die Auswertung und Weiterverarbeitung von Funkzellendatensätzen „unterscheidet sich grundsätzlich von einer Rasterfahndung, bei der personenbezogene Daten von Personen, die bestimmte vermutlich auf den Täter zutreffende Prüfungsmerkmale erfüllen, mit anderen Daten abgeglichen werden“, heißt es in der Antwort von Innen-Staatssekretär Ole Schröder.

Heise Online — Bundesregierung bestreitet Rasterfahndung bei Ermittlungen wegen NSU-Morden

Kurzkommentar

Eine Rasterfahndung ist es laut dieser Stellungnahme der Bundesregierung, wenn „personenbezogene Daten von Personen, die bestimmte vermutlich auf den Täter zutreffende Prüfungsmerkmale erfüllen, mit anderen Daten abgeglichen werden“.

Aber in diesem Fall ist das ja alles ganz anders, denn es wurden ja diesmal nur Rufnummern und Gerätekennungen (ja, „personenbezogene Daten“) von Personen, die ihr Handy in einem bestimmten Zeitraum in einer bestimmten Gegend eingschaltet hatten (und damit vermutlich auf den Täter zutreffende Prüfungsmerkmale erfüllten) mit anderen Daten von Hotelbuchungen, Mietwagenanmietungen und Bankgeschäften abgeglichen. Das ist also ganz offensichtlich, dass es sich um etwas völlig anderes handelt. Das sagt ja auch die Bundesregierung, also muss es ja stimmen.

Wie sehr eine Regierung, die so argumentiert, die Intelligenz der von ihr regierten Menschen verachtet, fühlt hoffentlich in diesem Moment jeder selbst. Um das zu fühlen, benötigt man nicht einmal technisches Verständnis.

In der Zukunft werden planvoll vorgehende Mörder sich übrigens genau merken, dass diese Form der Rasterfahndung ein „übliches Fahndungsmittel bei Tötungsdelikten“ ist und ihr Telefon ausschalten. So kann sich ein erheblicher Teil des kriminalpolizeilichen Apparates an den vielen zehntausend Leuten abarbeiten, bei denen der wichtigste „Anfangsverdacht“ darin besteht, dass ihr Handy zur Tatzeit in der Nähe war. Und wer gleich mehrmals dieses Pech hat und auch sonst in die polizeiliche Vorstellung vom Täter passt (also kein polizeibekannter Nazi ist), „freut“ sich über ein schwer bewaffnetes SEK, das seine Wohnung stürmt. Und das alles ist nicht die Willkür der Rasterfahndung, sondern etwas völlig anderes.

Ole Schröder, Staatssekretär des Inneren, kann dann zu diesen Zuständen ein fröhliches Liedchen absingen: „Zwei mal drei macht vier / widde widde witt und drei macht neune. / Ich mach mir die Welt / widde widde wie sie mir gefällt“. Wenn er das nur genügend in seine intelligenzverachtende Bullshit-Sprache packt, klingt es sogar so seriös, dass es von der Presse unter „Politik“ und nicht unter „Klatsch und Buntes“ wiedergegeben wird. Die Polizei, deren Tätigkeiten eigentlich in den Aufgabenbereich des Innenministeriums gehören, spricht unterdessen von „Döner-Morden“, wenn ein Grieche erschossen wurde…