Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

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Wozu das Internet taugt

Die „Qualitätsjournalisten“ des „Hamburger Abendblattes“ der Axel Springer AG erklären ihren Lesern in einem flugs geschriebenen Absatz, wozu ihrer Meinung nach dieses Internetdingens taugt:

Wenn das Internet außer für das ungehemmte Bestellen von Schuhen, das Klauen unbezahlter Filme und dem seuchenartigen Verbreiten niedlicher Katzenbaby-Videos zu etwas taugt, dann dafür: wie man sich möglicht gründlich zum Deppen macht.

Zur Steigerung des Genusses kann diese großartige Stellungnahme zur Tauglichkeit des Internet auch auf der Website des Hamburger Abendblattes nachgelesen werden, also im Internet. Stimmt, zum Deppen können sich diese „Qualitätsjournalisten“ im Internet machen… 😀

[Scan aus dem Hamburger Abendblatt | via]

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Der Expertinnentipp gegen Phishing

Die Kürzung im folgenden Zitat ist nicht sinnentstellend. Hier wird die Aufklärung über die Internetkriminalität durch die Polizei Stade vom Hamburger Abendblatt wiedergegeben:

Expertin für Internetkriminalität bei der Stader Polizei ist Kommissarin Svenja Wigger. Sie informierte die Unternehmer über die aktuellen Probleme im Internet. Dazu gehöre vor allem das sogenannte „Phishing“. Dabei verschaffen sich Kriminelle sensible Zugangsdaten wie Passwörter, indem sie unachtsame Internetnutzer austricksen. Mit Hilfe von schädigenden Computerprogrammen veranlassen sie die Nutzer, ihre Daten selbst preiszugeben.

„Phishing“-Opfer werden in der Regel Menschen, die ihre Bankgeschäfte über das Internet abwickeln. War der Angriff erfolgreich, wird Geld von den Konten der Geschädigten ins Ausland überwiesen. […]

Um es den Verbrechern schwerer zu machen, empfiehlt die Polizeikommissarin vor allen eine hochwertige Antivirensoftware, die möglichst häufig aktualisiert wird.

Hamburger Abendblatt — Polizei Stade: Kriminelle nutzen immer häufiger das Internet

Eigentlich will ich das gar nicht mehr kommentieren…

…aber wenn die „Expertin für Internetkriminalität“ allen Ernstes von sich gibt, dass eine „hochwertige“ [was immer das auch heißen mag und woran ein normaler Nutzer die Eigenschaft „Hochwertigkeit“ immer auch erkennen soll] Antivirensoftware gegen Phishing hilft, dann möchte ich die Laienkenntnisse bei der Polizei Stade gar nicht mehr kennenlernen.

Ein Extradummerchen an die „Qualitätsjournalisten“ des Hamburger Abendblattes, die so eine polizeiliche Realsatire im kühlsten Nachrichtenton ausgerechnet auf ihrer Website wiedergeben und nicht einmal merken, was für einen komplett und für jeden pubertierenden Jugendlichen durchschaubar unqualifizierten Bullshit die Frau Kommissarin da verzapft hat.

Ich kann nur hoffen, dass sich Internetnutzer an anderen Stellen Aufklärung über die Kriminalität im Netz holen als bei derartigen Spezialexperten. Sonst endet ihre Vorsicht vor Phishing beim Kauf einer hierfür nutzlosen Software und sie finden sich völlig überrascht als Opfer der Kriminellen wieder, die auf ihren Schäden sitzen bleiben.

Wer wirklich nicht weiß, wie man sich vor Phishing schützt: Selbst eigens gegen diese spezielle Form des Computerbetruges ersonnene Mechanismen werden von den Kriminellen ausgehebelt und können sogar gefährlich sein, weil sie eine „gefühlte Sicherheit“ vermitteln, die unvorsichtig macht. Das einzige, was wirklich gegen Phishing hilft, ist, dass man das Phishing sicher als solches erkennt, bevor man in der Mail herumklickt oder etwas anderes tut, von dem Kriminelle möchten, dass man es tue. Und das ist nahezu immer möglich, wenn man nur vor dem Klicken seinen Verstand gebraucht.


YouTube „klaut“ den „Kreativen“ Millionen

Einige Anmerkungen zum Interview des Hamburger Abendblattes mit dem Musiker Helmut Zerlett unter dem Titel „Streit um Internet-Plattform — Helmut Zerlett: YouTube verdient Millionen mit unserer Arbeit“, keineswegs vollständig, aber dafür exakt so sachlich, nüchtern und frei von Diskriminierungen und Beschimpfungen wie der Artikel in der Online-Präsenz des Hamburger Abendblattes.

Frage Hamburger Abendblatt: Im Streit zwischen der Gema und YouTube geht es auch darum, wie Musiker und Künstler entlohnt werden, deren Werke zu kaufen, aber auch bei YouTube zu sehen und im Zweifelsfalle sogar zu stehlen sind. […]

Genau, du springersches Kampf- und Lügenblatt, stehlen ist in dieser Suggstivfrage exakt die richtige Metapher zur Beschreibung einer nicht-lizenzierten Nutzung von Inhalten. Auch, wenn diese auch sonst gern in der Springerpresse gebrauchte Metapher an keiner Stelle zum Gemeinten passt. Aber es ist eben viel günstiger, wenn man jemanden als „Dieb“ bezeichnen kann, denn damit ist ein gewisser Schimpf und eine starke moralische Wertung verbunden. Wie anders klingt da „Nutzer von Kopien überall verfügbarer Werke, der aber keine Lizenz für diese Nutzung erworben hat“? Wer soll sich denn von solcher Nüchternheit ins Gehirn ficken Gewissen reden lassen?

Antwort Zerlett: Ich hoffe, dass man auch in Zukunft als Musiker von seiner Arbeit leben kann. Das ist eh immer schon sehr schwierig gewesen, wenn die Urheberrechte wegfallen, sogar unmöglich.

Klar, einer der beim öffentlich-unrechtlichen Rundfunk sitzt und somit sein Leben über eine zwangsweise von allen Menschen in der BRD eingezogene Gebühr abgesichert hat, der ist genau der Richtige, um über die Schwierigkeiten eines Künstlerdaseins zu sprechen. Diese so genannte „Rundfunkgebühr“ wird übrigens auch von vollständigen Rundfunkverweigerern eingezogen, und sie soll demnächst als Haushaltsabgabe in eine Quasikopfsteuer umgewandelt werden, weil es immer mehr Menschen in der BRD gibt, die ganz hervorragend ohne die diversen Beglückungsideen des halbstaatlichen Rundfunks der BRD leben können. Gerade für den hier so beflissen die Blubbersprechbläschen der Rechteverwerter wiedergebenden Herrn Zerlett ist es keineswegs unmöglich, gut zu leben, wenn die Urheberrechte wegfallen — da kenne ich ganz andere, die das mit gutem Recht sagen könnten, die es aber auch nicht sagen. Warum? Weil ihnen die Mitgliedschaft in der GEMA mehr gekostet als gebracht hat. Darum.

Frage Hamburger Abendblatt: Wie könnten Musiker an den Klickzahlen bei YouTube und anderen kommerziellen Portalen beteiligt werden?

Antwort Zerlett: Bei geschätzten Werbeeinnahmen von 20 Euro pro 1000 Klicks sollten doch wenigstens 2 Cent für die Musiker drin sein. Aber selbst das ist YouTube beziehungsweise Google schon zu viel. Unglaublich, aber wahr!

Hier lügt Herr Zerlett offen und bewusst. Der Betrag, um den es geht, sind nicht zwei Cent pro tausend Klicks. Die Forderung der GEMA liegt bei sechs Zehntel Cent pro Einzelklick, also bei sechs Euro pro tausend Klicks. Diese Forderung wird in diesem schmierigen Stück Propaganda also um gut zweieinhalb Größenordnungen zu gering angegeben. Dafür werden auf der anderen Seite Werbeeinnahmen von YouTube „geschätzt“, die relativ hoch erscheinen und nur plausibel wirken, wenn die tausend Videoaufrufe in beinahe allen Fällen zu einem Klick auf die Werbung führen. Nicht, dass Google nicht daran arbeiten würde, dermaßen effizient zu werben — aber so weit ist Google auch noch nicht. Und ich kann zumindest von mir sagen, dass ich niemals auf eine derartige Reklame klicke und sie in den meisten Browsern auch gar nicht erst zu Gesicht bekomme.

Wer eine Website betreibt und nebenbei mit AdSense-Werbung ein paar Klickercents zu verdienen trachtet, kann ja selbst beurteilen, ob tausend Sitebesucher auch nur in der Größenordnung zu einer Werbeeinahme von zwanzig Euro führen. Wer das nicht aus eigener Anschauung besser weiß, sollte einfach mal jemanden fragen, der eine Website mit eingebetteter AdSense-Werbung betreibt. Aber dabei auf keinen Fall von zwanzig Euro pro tausend Besucher sprechen, sonst bekommt man mindestens einen Vogel gezeigt… 😀

Antwort Zerlett: Natürlich ist es nicht okay, illegal Sachen downzuloaden, jedoch sehe ich nicht den Internetuser, sondern eher Provider wie YouTube/Google als Gefahr. Diese verdienen dreistellige Millionensummen mit unserer Arbeit und schaden den Kreativen in viel höherem Ausmaß.

Irgendwelche belastbaren, überprüfbaren und somit auch nur diskussionsfähigen Belege oder auch nur plausibel klingende Argumentation, dass die Rechteverwertungsindustrie ohne Google und YouTube einen dreistelligen Millionenbetrag (in welchem Zeitraum eigentlich) mehr zur Verfügung hätte, fehlen in diesem empörenden Bullshit natürlich. Warum? Weil es diesem Mundstück der Kulturausverkäufer unter dem Banner einer angeblichen „Kreativität“ nicht um Diskussion geht, sondern um möglichst stark affektiv wirkende Propaganda.

Bei diesem propagandistischen Anliegen würde die kleine Hintergrundinformation, dass sich Googles YouTube praktisch überall auf der Welt mit den jeweiligen Rechteverwertungsgesellschaften einigen konnte und dass es deshalb praktisch überall außer in der BRD eine Kooexistenz der Musikindustrie mit YouTube zum beiderseitigen Vorteil gibt, doch nur stören. Diese Information würde nämlich den Sinn auf die Frage lenken, was in der BRD eigentlich anders ist — und das sind weder YouTube noch Google, das ist nur die GEMA. Der Rest würde sich dann sehr schnell erklären, die fehlenden Fakten würden lediglich das Bild etwas schärfer und schriller machen.

Antwort Zerlett: Hier hat YouTube erfolgreich das Gerücht in die Welt gesetzt, die Plattenfirmen oder die Gema würden Videos sperren lassen. Dies macht jedoch ausschließlich YouTube selbst, um eine Antistimmung gegen unsere Rechtevertretung beziehungsweise Plattenfirmen bei den Usern zu erzeugen. Mittlerweile gibt YouTube das auch unverblümt zu.

Nun, in Wirklichkeit sieht es ein kleines bisschen anders aus, dieses „In-die-Welt-Setzen“ eines Gerüchtes. Google blendete während eines laufenden Rechtsstreites mit der GEMA eine Tafel ein, dass Videos nicht zur Verfügung stehen, weil die GEMA nicht die Nutzungsrechte an der darin hörbaren Musik eingeräumt hat.

Das ist schon ein interessanter argumentativer Spagat des Herr Zerr-Lett: Wenn Google die Inhalte bringt, ohne dafür Geld an die GEMA abzuführen, macht es die Kunst selbst kaputt. Wenn Google das aber unterdrückt und seinen Nutzer einen Hinweis einblendet, warum die Darstellung dieses Videos unterdrückt wird, dann ist das auch böse, weil es die Aufmerksamkeit darauf richtet, dass ein deutscher Rechteverwerter ein größeres Geschäft mit dieser Präsentation von Inhalten machen will, als Google es für tragbar hält. Was soll YouTube dann sonst machen? Ein Testbild im Player darstellen? Oder weißes Rauschen? Das man an diesen Stellen nur in Deutschland sieht, wie jeder, der Mail- oder Web-2.0-Kontakte ins Ausland hat, schnell feststellen wird, wenn mal ein Link die Runde macht? Ohne weitere Erläuterung? Da müsste YouTube seinen Nutzern aber schnell eine Menge erklären, und ich glaube nicht, dass eine solche heimlichere Form zu einer größeren Sympathie gegenüber den industriellen Rechteverwertern geführt hätte.

Ach ja, Herr Zerlatt: Grüßen sie bitte ihren geistigen Verwandten Sven Regener von mir:

Und dann gehen sie einfach sterben! Eine kommende Generation, die es immer weniger ertragen kann und will, von derart schmierigen Propagandisten und Bauchrednerpüppchen der GEMA wie ihnen angelogen zu werden, wird sie nicht weiter vermissen — und ihre „Werke“ auch nicht.

Plonk.


Megaupload war keine Tauschbörse

Internet-Tauschbörse: Kim Dotcom auf Kaution aus U-Haft entlassen

Kommentar

Nein, Hamburger Abendblatt, dieses „Megaupload“ war keine Tauschbörse (wie etwa alle Peer-to-Peer-Filesharing-Dienste vom ollen Gnutella über eDonkey, eMule, Manolito, FastTrack bis hin zu BitTorrent), sondern ein Sharehoster. Es war ein zentraler Serverpark, bei dem Menschen Dateien hochluden und wieder runterluden. Kein Netzwerk gleichberechtigter Rechner zum Austausch von Daten. Ohne auch nur die Spur eines Tauschgedankens dahinter. Oder noch einmal: Etwas fundamental anderes.

Und nein, Hamburger Abendblatt, das ist keine Haarspalterei. Die Verwendung zutreffender Begriffe, die klare Trennung begrifflicher Kategorien ermöglicht erst das vernünftige Nachdenken über diese Erscheinungen des Internet, und damit auch erst den verantwortungsvollen Umgang mit diesen Erscheinungen. Der zentrale Serverpark namens Megaupload war nämlich kommerzialisierbar, und Kim Schmitz hat sich eine goldene Nase mit den nicht lizenzierten Kopien anderer Menschen verdient. Eine dezentrale Tauschbörse ist nicht kommerzialisierbar, weil ihr nicht ein Client-Server-Modell zugrunde liegt, sondern ein Peer-to-Peer-Modell.

Ich kann verstehen, dass ihr als Vertreter der Contentindustrie solche völlig verschiedenen Dinge zusammenkippen wollt, um die Empörung über einen Großverbrecher wie Kim Schmitz auf Dinge auszuweiten, mit denen er nichts zu tun hat. Aber eure hier angewendete Propagandamethode wirkt auf jeden, der auch nur grundlegende Kenntnisse hat, so, als würdet ihr ein Auto mit einem Paar Turnschuhe verwechseln, weil man sich ja mit beidem fortbewegen kann. Oder als brächtet ihr einen Volksentscheid mit dem Erlass eines Königs durcheinander, weil eben beides eine Regelung in der Gesellschaft begründet. Oder eben so, als sprächet ihr vom Netz wie ein Blinder vom Licht.

Ach, ihr wendet euch damit an die Unwissenden, damit sie unwissend bleiben und jeder weiteren Fehlinformation aufsitzen? Damit ihr ihnen zum Beispiel vielleicht morgen schon erzählen könnt, Suchmaschinen begingen Urheberrechtsverletzungen, weil man damit — Achtung! Ganz geheimer Geheimtipp! — nicht-linzenzierte Kopien¹ finden kann? Presse eben, ich hätte es mir gleich denken können!

¹Wenn man diese einfache Vorgehensweise mit ein paar späteren Produkten der Musikindustrie ausprobiert, landet man allerdings leicht bei zwielichtigen Fakeseiten, deren Betreiber zu wissen scheinen, dass zumindest von einigen Menschen auf diese naheliegende Weise gesucht wird.