Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Oktober, 2012

Fachkräftemangel

Die IT-Branche leidet unter Fachkräftemangel – und der wird sich nach Meinung von Experten künftig weiter verschärfen. Der Bitkom will dem Mangel mit einem Drei-Säulen-Modell begegnen. Dabei soll vor allem auch um weiblichen Nachwuchs geworben werden. […] Der Bitkom hat zur Behebung des Mangels eine Drei-Säulen-Strategie vorgeschlagen, die neben verstärkter Zuwanderung auch aus Nicht-EU-Ländern und einer Reform des Bildungssystems eine Qualifizierungsoffensive vorsieht, um vor allem weibliche Fachkräfte stärker zu gewinnen.

Meldung der DPA, die vermutlich vollständig auf eine Presseerklärung der BITKOM zurückgeht und von sueddeutsche.de übernommen wurde

Muss man das noch kommentieren?

Der schlimme, schlimme „Fachkräftemangel der IT-Branche“ — als Sammelbegriff ist dieses sehr allgemeine Wort ungefähr so tauglich wie eine Bezeichnung „Arbeitermangel in der holzverarbeitenden Industrie“, das dann alle Tätigkeiten vom Baumfällen über Sägewerker, Drechsler, Küfer, Wagner Zimmermann bis hin zum Musikinstrumentenbauer, Holzschuhmacher und Sargschreiner zusammenfassen soll, und es wirkt nur deshalb nicht so absurd wie meine eben probierte absurde Zusammenfassung, weil die aus solchen abgeschriebenen Presseerklärungen informierten Menschen zu Analphabeten der Informatik gemacht werden — also, dieser schlimme, schlimme Fachkräftemangel, den man mit dem Vehikel eines bewusst unscharf und nichtssagend gewählten Wortes gleich noch ein bisschen größer und erschreckender rechnen kann, er ist ja eine wirklich sehr neue Erscheinung. Und wie dieses tolle Schlagwort zu deuten ist, weiß sogar die deutschsprachige Wikipedia zu berichten:

In Deutschland gilt der Begriff „Fachkräftemangel“ primär als ein interessengeleitetes Schlagwort […] Darüber hinaus führt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft 240.000 gemeldete Stellenangebote für Fachkräften im MINT-Bereich, also Ingenieure (79.400), Mathematiker und Naturwissenschaftler (4.400), Datenverarbeitungsfachleute (49.200) und Techniker (34.000)[9] auf, denen 74.000 Arbeitslose mit entsprechenden Qualifikation gegenüberstehen. Jedoch wird diese Studie unter anderem von Karl Brenke (DIW) scharf kritisiert, da diese Zahlen hochgerechnet würden, um auch freie Stellen zu berücksichtigen, die nicht den Arbeitsagenturen vorliegen […] In der Diskussion sind auch immer wieder zusätzliche Anwerbeanstrengungen für Fachkräfte aus dem Ausland, wobei viele eingewanderte Hochqualifizierte in Deutschland bereits in Niedriglohnjobs arbeiten und keine ihrer Qualifikation entsprechende Position erlangen

So mancher erfahrene Informatiker, der mit 38 Jahren zusammen mit etlichen anderen erfahrenen Informatikern im Wartebereich seines zuständigen Jobcenters sitzt und erlebt, dass ihn niemand für seine Arbeit angemessen bezahlen will, wird sicherlich sehr erstaunt derartige Darstellungen in der Journaille sein. Aber auch ein Mensch, dem diese leidvolle Erfahrung erspart bleibt, kann sich relativ leicht die Frage stellen, wieso es bei diesem seit fünfzehn Jahren immer wieder aus dem Rhetorikkoffer herausgeholten Schreckgespenst des so fürchterlich drückenden „Fachkräftemangels“ der IT-Branche so gar keine Versuche betrieblicher Qualifizierungsmaßnahmen gegeben hat, sondern immer nur die Forderung, billigere und wegen ihrer dann entstehenden Lebenssituation ausgeliefertere Leute aus dem Ausland beschäftigen zu können.

Neu ist jetzt allerdings, dass „weibliche Fachkräfte“ gewonnen werden sollen. Ob die sich wohl eher für den ganz speziellen Informatik-Lebensstil begeistern werden? :mrgreen:

Advertisements

Ressort: Computer / Internet

Computer - Internet: Bericht: Steve Jobs's Luxusyacht fertiggebaut

Jawoll, ihr „Qualitätsjournalisten“, die ihr euch am liebsten noch durch ein so genanntes „Leistungsschutzrecht“ alimentieren lassen würdet, weil niemand mehr für euern täglichen Schrott Geld ausgeben will: Dieser Tittitainment-Müll ist genau die Art von Meldung, die wir alle im Ressort „Computer – Internet“ lesen wollen. Nicht!


Bundesregierung will sichere Speicherung von Passwörtern kriminalisieren

Zitat Heise Online — Bundesregierung will Auskunft über IP-Adressen neu regeln:

[…] wird betont, dass die Auskunftspflicht auch für Daten wie PIN-Codes und Passwörter gilt, mit denen der Zugriff auf Endgeräte oder damit verknüpfte Speichereinrichtungen geschützt wird. Dies könnte sich etwa auf Mailboxen oder in der Cloud vorgehaltene Informationen beziehen.

Aha, halböffentliche technische Verbindungsdaten wie IP-Adressen kann man also im gleichen Atemzug wie persönliche und für ihre Funktion unbedingt geheim zu haltende Zugangsdaten zu Internetdiensten nennen…

Eine ganz hervorragende Idee von totalen Blindfischen

Die Idee ist so hervorragend, weil sie wie ein Leuchtturm aus dem Ozean der sonstigen intelligenzverachtenden Idiotie und technischen Blindheit herausragt.

Einmal ganz davon abgesehen, dass man mit dem gleichen Geist und der gleichen Vorstellung allmächtiger Staatsapparate auch ein Gesetz machen könnte, das jeden Menschen dazu zwingt, einen Zweitschlüssel für seine Wohnung bei der nächsten Polizeidienststelle abzugeben: Eine Auskunftspflicht für Passwörter beinhaltet, dass jede sichere Speicherung von Passwörtern für illegal erklärt wird.

Passwörter werden — zumindest bei seriösen Anbietern — niemals im Klartext gespeichert, sondern in Form eines Hashes¹, damit einem möglichen Angreifer nach einem erfolgreichen Angriff nicht die Passwörter zur Verfügung stehen. Das angewendete Verfahren ist nicht umkehrbar. Es ist nicht möglich, aus dem gespeicherten Hash das Passwort zu rekonstruieren. Genau das ist auch der Sinn der Sache, denn sonst wäre diese Verschlüsselung als Schutz vor einem Angriff nutzlos.

Wenn eine Auskunftspflicht für gespeicherter Passwörter besteht, wird diese Form der Speicherung, die guten und bewährten Standards des Datenschutzes entspricht, illegal. Das hat unter anderem zur Folge, dass Internetanbieter in der Bundesrepublik Deutschland ihren Datenschutz mutwillig verschlechtern müssten, um einem solchen Nonsens-Gesetz Folge zu leisten und alle ihre Nutzer zum Setzen eines neuen, dann unsicher gespeicherten Passwortes auffordern müssten. Dies gälte auch für große Freemail-Provider wie… sagen wir mal… GMX und Web.de. Und es gälte auch für Versandhäuser und vergleichbare Geschäftsmodelle, wenn diese eine „App“ anbieten und damit eben eine „mit einem Endgerät verknüpfte Speichereinrichtung“.

Das Ziel dieser Idee, die Einrichtung einer…

Telecom-Anbieter müssen die erwünschten Daten „unverzüglich und vollständig übermitteln“. Über derlei Maßnahmen haben sie gegenüber ihren Kunden sowie Dritten Stillschweigen zu wahren.

…unkontrollierbaren Überwachungsschnittstelle für eine Vielzahl von Internetaktivitäten aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, ist ja deutlich genug; und dass in den Innenministerien der BRD viele Menschen sitzen, die 1984 nicht für einen mahnenden dystopischen Roman von George Orwell, sondern für ein Handbuch zur Gesellschaftsgestaltung halten, ist für einen regelmäßigen „Genießer“ des politischen Tagesgeschehens auch nichts Neues — aber dass sie dort in diesen ganzen Jahren voller antifreiheitlicher Ideen noch nicht einen Menschen gefunden zu haben scheinen, der auch nur eine Spur technischen Verständnisses hat und solche „Ideen“ auf technische Umsetzbarkeit untersucht, ist schon ein wenig dumm.

Ach ja, ins Aquarium der Blindfische ist gerade ein ganz besonders dickes Exemplar gefallen: Eine ganze Bundesregierung.

[via]

¹Natürlich wird nicht einfach nur ein Hash verwendet, sondern es werden zusätzliche Daten in den Hash aufgenommen (ein so genannter Salt) und die Hashfunktion wird in der Regel mehrfach angewendet. Alle Einzelheiten zu diesem gar nicht so einfachen Thema verrät die Websuchmaschine der Wahl. Ein erster, halbwegs allgemeinverständicher Einstieg ist das Lemma „Salt“ bei Wikipedia.


Facebook-Terrorismus

„Facebook-Terrorismus“… in welcher „qualitätsjournalistischen“ Redaktion kann man sich so einen tollen Begriff ausdenken?

Bei der Bildzeitung? Klingt plausibel.

Bei der Kronenzeitung? Klingt auch plausibel.

Die Hamburger Morgenpost? Die tz? Die Abendzeitung? Die Hannoversche Neue Presse?

Ja, das sind alles Namen von Zeitungen, in deren Redaktionen Leute sitzen, die beim täglichen Absondern von schlagzeilenträchtigen Alarmwörtern immer wieder herzhaft in die Scheiße greifen und mit der Hand auch noch winken.

Da sind solche Entgleisungen kaum noch der Rede wert. Man weiß, dass Kleptomanen klauen, und man weiß, dass Schundjournalisten mit manipulativer, an Angst und niederer Emotion appellierender Sprache die Seelen der Leser vergewaltigen.

Aber in diesem Fall war es nicht einer der „üblichen Verdächtigen“.

Das Wort „Facebook-Terrorismus“ hat sich nämlich nicht ein „Qualitätsjournalist“ bei einem windigen Boulevard-Blatt ausgedacht, sondern es hat sich ein „Qualitätsjournalist“ bei Spiegel Online ausgedacht:

Facebook-Terrorismus: Uno fordert schärfere Internet-Überwachung

Hoffentlich legen die pösen Facebook-Terroristen jetzt keine Facebook-Bombe in die Redaktion eines nicht mehr ernst zu nehmenden Nachrichtenmagazins, das seine Leser mit solchem Bullshit beglückt.

Quelle des Screenshots: Website eines Verlagsangebotes. Die Hervorhebung durch gelbe Unterlegung ist von mir.


Symbolbild: © REUTERS

Die unverschämte Dummheit im folgenden Bild versteckt sich als Copyright-Hinweis in der Bildunterschrift:

Der Facebook-Daumen auf den Kopf gestellt. Copyright: Reuters

Dieses Symbolbild wird — mit dem Hinweis © REUTERS — immer wieder von diversen Zeitungswebsites bei eher unerfreulichen Facebook-Meldungen verwendet. Diesen Screenshot habe ich aus der Website der Süddeutschen Zeitung genommen.

Anstelle eines Kommentares

Wenn eine große Nachrichtenagentur der Auffassung ist, dass durch die Drehung eines Logos um 180° ein neues, im Sinne des Urheberrechts schutzwürdiges Werk entstehe, hält der Alarmknopf sich auch nicht zurück -- (c) ALARMKNOPF

Und morgen redet die Journaille wieder über den Schutz des „geistigen Eigentums“ und diese beklagenswerte „Selbstbedienungskultur“ im Internet. :mrgreen: