Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Fachkräftemangel

Die IT-Branche leidet unter Fachkräftemangel – und der wird sich nach Meinung von Experten künftig weiter verschärfen. Der Bitkom will dem Mangel mit einem Drei-Säulen-Modell begegnen. Dabei soll vor allem auch um weiblichen Nachwuchs geworben werden. […] Der Bitkom hat zur Behebung des Mangels eine Drei-Säulen-Strategie vorgeschlagen, die neben verstärkter Zuwanderung auch aus Nicht-EU-Ländern und einer Reform des Bildungssystems eine Qualifizierungsoffensive vorsieht, um vor allem weibliche Fachkräfte stärker zu gewinnen.

Meldung der DPA, die vermutlich vollständig auf eine Presseerklärung der BITKOM zurückgeht und von sueddeutsche.de übernommen wurde

Muss man das noch kommentieren?

Der schlimme, schlimme „Fachkräftemangel der IT-Branche“ — als Sammelbegriff ist dieses sehr allgemeine Wort ungefähr so tauglich wie eine Bezeichnung „Arbeitermangel in der holzverarbeitenden Industrie“, das dann alle Tätigkeiten vom Baumfällen über Sägewerker, Drechsler, Küfer, Wagner Zimmermann bis hin zum Musikinstrumentenbauer, Holzschuhmacher und Sargschreiner zusammenfassen soll, und es wirkt nur deshalb nicht so absurd wie meine eben probierte absurde Zusammenfassung, weil die aus solchen abgeschriebenen Presseerklärungen informierten Menschen zu Analphabeten der Informatik gemacht werden — also, dieser schlimme, schlimme Fachkräftemangel, den man mit dem Vehikel eines bewusst unscharf und nichtssagend gewählten Wortes gleich noch ein bisschen größer und erschreckender rechnen kann, er ist ja eine wirklich sehr neue Erscheinung. Und wie dieses tolle Schlagwort zu deuten ist, weiß sogar die deutschsprachige Wikipedia zu berichten:

In Deutschland gilt der Begriff „Fachkräftemangel“ primär als ein interessengeleitetes Schlagwort […] Darüber hinaus führt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft 240.000 gemeldete Stellenangebote für Fachkräften im MINT-Bereich, also Ingenieure (79.400), Mathematiker und Naturwissenschaftler (4.400), Datenverarbeitungsfachleute (49.200) und Techniker (34.000)[9] auf, denen 74.000 Arbeitslose mit entsprechenden Qualifikation gegenüberstehen. Jedoch wird diese Studie unter anderem von Karl Brenke (DIW) scharf kritisiert, da diese Zahlen hochgerechnet würden, um auch freie Stellen zu berücksichtigen, die nicht den Arbeitsagenturen vorliegen […] In der Diskussion sind auch immer wieder zusätzliche Anwerbeanstrengungen für Fachkräfte aus dem Ausland, wobei viele eingewanderte Hochqualifizierte in Deutschland bereits in Niedriglohnjobs arbeiten und keine ihrer Qualifikation entsprechende Position erlangen

So mancher erfahrene Informatiker, der mit 38 Jahren zusammen mit etlichen anderen erfahrenen Informatikern im Wartebereich seines zuständigen Jobcenters sitzt und erlebt, dass ihn niemand für seine Arbeit angemessen bezahlen will, wird sicherlich sehr erstaunt derartige Darstellungen in der Journaille sein. Aber auch ein Mensch, dem diese leidvolle Erfahrung erspart bleibt, kann sich relativ leicht die Frage stellen, wieso es bei diesem seit fünfzehn Jahren immer wieder aus dem Rhetorikkoffer herausgeholten Schreckgespenst des so fürchterlich drückenden „Fachkräftemangels“ der IT-Branche so gar keine Versuche betrieblicher Qualifizierungsmaßnahmen gegeben hat, sondern immer nur die Forderung, billigere und wegen ihrer dann entstehenden Lebenssituation ausgeliefertere Leute aus dem Ausland beschäftigen zu können.

Neu ist jetzt allerdings, dass „weibliche Fachkräfte“ gewonnen werden sollen. Ob die sich wohl eher für den ganz speziellen Informatik-Lebensstil begeistern werden? :mrgreen:

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2 Antworten

  1. Was ich häufiger lese: PHP-Programmierer gesucht, Voraussetzung: abgeschlossenes Hochschulstudium Informatik. Kein Wunder, dass die niemanden finden, ein Diplom-Informatiker wird sich kaum für eine solche Arbeit weit unter seiner Qualifikation mit entsprechend niedrigem Gehalt bewerben. Bewirbt man sich als Fachinformatiker auf eine solche Stelle, wird man sofort aussortiert, weil die angeblich notwendige Qualifikation nicht reicht.

    31. Oktober 2012 um 10:19

    • Wenn ich auf der anderen Seite so sehe, was mir in meinem Leben alles von PHP-Programmierern untergekommen ist, die kein abgeschlossenes Studium — und nach Blick in solche manchen Quelltext würde ich vermuten, nicht einmal einen Sonderschulabschluss — hatten…

      Die Berufsausbildung „Fachinformatiker“ wurde doch extra um das Jahr 2000 herum mit ganz heißer Nadel eingeführt, weil es so einen fürchterlichen Fachkräftemangel… ach, ich ducke mich lieber weg. 😉

      1. November 2012 um 02:45

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