Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Offener Brief

Offener Brief an alle Bundestagsabgeordneten

Werte Damen und Herren Bundestagsabgeordnete,

ich möchte mich kurz fassen, auf jede komplizierte technische Darlegung verzichten und ihnen nur eine einzige, ganz kurze und sehr einfache Frage stellen: Wie fühlt man sich, wenn man ausgespäht wurde uund wird und kaum noch eine Vorstellung davon hat, wie weit das ins eigene Leben und in alle Tätigkeiten hineinreicht?

Genau das, werte Damen und Herren Abgeordnete, was sie da fühlen, ist das, was sie jedem Menschen in der Bundesrepublik Deutschland zumuten wollen. Es ist übrigens auch das, was sie den Vereinigten Staaten eines Teils von Nordamerika erlaubt haben, denn sie als Bundestagsabgeordneter sind das Kontrollorgan über eine Regierung, die so handelt.

Ich finde das übrigens kalt, menschenverachtend, widerlich.

Aber vielleicht denken sie ja jetzt noch einmal darüber nach.

Mit gezwungen-wirkend freundlichem Gruß
Der Nachtwächter


Offener Brief an Angela Merkel

Es kann nicht sein, dass Bürger bereit sind, alle möglichen persönliche [sic!] Daten bereitwillig an Unternehmen zu übergeben, jedoch dem Staat, der die Terrorbekämpfung verfolgt, diese Daten nicht zur Verfügung stellen möchten

Dr. Angela Merkel (CDU), amtierende Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

Offener Brief an Angela Merkel

Werte Frau Merkel,

ist ihnen die Bedeutung der Grundrechte aus dem Grundgesetz für die Bundesrepubik Deutschland überhaupt bekannt? Falls dies nicht der Fall sein sollte — das wäre übrigens auch eine gute Erklärung für die Politik der von ihnen, Frau Merkel, geführten Regierung, die so regelmäßig vom Bundesverfassungsgericht korrigiert werden muss — bringe ich ihnen diese Bedeutung gern noch einmal ins Bewusstsein: Es handelt sich um Schutzrechte der Menschen gegenüber dem Staat, also um eine Beschränkung der staatlichen Gewalt, die gegen einen Menschen innerhalb des Staates legalerweise angewendet werden darf.

Es ist mir als Menschen durchaus erlaubt, persönlichste und privateste Dinge von mir beliebig preiszugeben, meine eigenen Briefe öffentlich zu verlesen, Aufnahmen meiner Stimme aus Telefonaten ins Internet zu streamen und sogar — trotz des Rechts auf körperliche Unversehrtheit — erhebliche Gefahren einzugehen und mir selbst Schaden zuzufügen, zum Beispiel, indem ich CDU wähle. Fragen sie mal ihren Kollegen, den Herrn Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble, nach der eingenommenen Branntweinsteuer und Tabaksteuer, damit ihnen das ein bisschen klarer wird!

Die Grundrechte sind davon unbeeinträchtigt.

Was sie in ihrer verklausulierten und bösartig demagogischen Bemerkung auf dem Evangelischen Kirchentag eingefordert haben, ist eine Einschränkung oder gar Aufhebung der im Grundgesetze garantierten Schutzrechte der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Menschen gegenüber dem Staate. Wohin eine derartige, von ihnen offen eingeforderte Verneinung dieser Schutzrechte letztendlich führt, können sie der Geschichte des Deutschen Reiches und der Deutschen Demokratischen Republik entnehmen.

Sie, Frau Bundeskanzlerin, haben mit ihrer auf dem Kirchentag offen geäußerten Sehnsucht nach einem „Ermächtigungsgesetz“, das die provisorische Verfassung der Bundesrepublik Deutschland teilweise außer Kraft setzt, noch offener als in der Vergangenheit eingestanden, dass sie eine Verfassungsfeindin sind.

Meiner Auffassung nach, die übrigens in Artikel 18 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland bestätigt wird, haben sie sich damit für das von ihnen ausgeübte politische Amt disqualifiziert.

Treten sie zurück, Frau Merkel!

Wenn ihnen das Rechtsgefüge der Bundesrepublik Deutschland nicht gefällt, werden sie gewiss in einem Staat, der sich weniger Beschränkungen auferlegt hat, Asyl finden.

Mit freiheitlichen Grüßen
Der Nachtwächter


Bullshit statt Sicherheit in der Informationstechnologie

Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,

Sie haben diese E-Mail erhalten, weil die E-Mail-Adresse forum (strich) xxxx (strich) kontakt (at) txxxxxi (punkt) de auf der Webseite www (punkt) sicherheitstest (punkt) bsi (punkt) de eingegeben und überprüft wurde.

Die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse forum (strich) xxxx (strich) kontakt (at) txxxxxi (punkt) de wurde zusammen mit dem Kennwort eines mit dieser E-Mail-Adresse verknüpften Online-Kontos von kriminellen Botnetzbetreibern gespeichert. Dieses Konto verwenden Sie möglicherweise bei einem Sozialen Netzwerk, einem Online-Shop, einem E-Mail-Dienst, beim Online-Banking oder einem anderen Internet-Dienst.

Um diesen Missbrauch zukünftig zu verhindern, empfiehlt das BSI die folgenden Schritte:

1. Überprüfen Sie Ihren eigenen Rechner sowie weitere Rechner, mit denen Sie ins Internet gehen, mittels eines gängigen Virenschutzprogramms auf Befall mit Schadsoftware.

2. Ändern Sie alle Passwörter, die Sie zur Anmeldung bei Online-Diensten nutzen.

3. Lesen Sie die weiteren Informationen hierzu unter www (punkt) sicherheitstest (punkt) bsi (punkt) de.

Diese E-Mail ist vom BSI signiert. Wie Sie die Signatur überprüfen können erfahren Sie auch unter www (punkt) sicherheitstest (punkt) bsi (punkt) de.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr BSI-Sicherheitstest-Team

Vollzitat der E-Mail des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, wenn man eine E-Mail-Adresse zur Überprüfung eingegeben hat, die kompromittiert ist
Die Mailadresse ist im Zitat unkenntlich gemacht worden

Antwort in Form eines Offenen Briefes

Werte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im BSI-Sicherheitstest-Team,

ich bin einmal mehr in meinem Leben froh, dass ich für jede erforderliche Registrierung bei einer Website eine Wegwerf-Mailadresse benutze — und dass ich mir angewöhnt habe, diese Wegwerfadressen so zu wählen, dass ich nach einem Datenleck auch weiß, von welcher Website oder welchem Anbieter dieses Datenleck ausgeht. Im Falle der E-Mail-Adresse, die ich euch zur Überprüfung gegeben habe, handelt es sich um eine Adresse, die ich nach einem Forenhack schon vor über einem Jahr wegen der darauf eingehenden Spam stillgelegt habe, und die ich kurz noch einmal aktiviert habe, um meinen Verdacht zu überprüfen, dass eure Datenbasis etwas windig sein könnte.

Hätte ich dieses Quäntchen Vorsicht nicht und hätte eine aktive und für mich persönlich wichtige E-Mail-Adresse angegeben, die sich ebenfalls in eurer windigen Datenbank befindet, dann wüsste ich nach eurer Mail und nach eurer schwafelig-nebulösen (und von etlichen Journalisten nochmals irreführend wiedergegebenen) Informationsarbeit in den Medien nichts. Ich wüsste insbesondere nicht, auf welchem Weg die Mailadresse (zusammen mit irgendwelchen Passwörtern, die irgendwie zu dieser Mailadresse gehören, ohne dass irgendetwas klar wäre) in die Hände der Kriminellen gekommen ist.

Ich würde womöglich sogar glauben, dass mein Computer von Schadsoftware befallen ist.

Ich würde dann jetzt damit beginnen, mich nach einem „gängigen Antivirusprogramm“ für mein verwendetes Linux umzuschauen, das mir bislang derartiges Schlangenöl erspart hat. BTW: Wie viel hat euch die Antivirus-Schlangenöl-Klitsche „Avira“ eigentlich dafür bezahlt, dass ihr Logo in diesem Kontext auf eurer Website aufgenommen wurde? Oder handelt es sich um eine Gefälligkeit auf noch windigerer Grundlage, wie dies in der Bimbesrepublik Deutschland leider auch immer mehr um sich greift?

Wenn ich ganz besonders vorsichtig wäre — das ist bei einem Befall mit Schadsoftware übrigens sehr zu empfehlen — würde ich sogar mein Betriebssystem neu installieren. Bis es wieder so liefe, dass es mir dient, zöge mindestens ein halber Tag ins Land.

Und ich würde damit anfangen, an ungefähr sechzig Stellen im Internet mein jeweils dort verwendetes Passwort zu ändern. Wie mir gesagt wurde, soll dies im Moment teilweise recht schwierig sein, weil populäre Freemail-Anbieter wie GMX unter der plötzlichen Flut derartiger Änderungen überlastet sind. Aber das mit der Überlastung versteht ihr ja selbst, denn eure eigene Website ist ja auch vom Netz gewesen, weil bei euch aus unverständlichen Gründen niemand damit gerechnet hat, dass eine derartige Meldung dazu führt, dass sich ein paar Millionen Menschen innerhalb weniger Stunden näher informieren möchten.

Und diese ganze Mühe käme über mein Leben, weil ich euren Standardtext ernst nähme, während in Wirklichkeit ein Webserver durch einen Crack kompromittiert wurde, auf dem ein Webforum lief, in dem ich mit einer Mailadresse registriert war. Dieser Angriff auf einen Webserver hat mit meinem Computer ungefähr so viel zu tun wie ein Pfund Mondgestein mit der Mandarine, die ich eben gerade gegessen habe. Er lässt sich auch nicht durch Antivirus-Schlangenöl auf meinem Rechner verhindern. Und ihr beim Bundesamt für Unsicherheiten in der Desinformationstechnik befindet es nicht für nötig, deutlich auf die Quelle dieser Daten hinzuweisen, sondern habt stattdessen so richtig laut tatütata auf den Alarmknopf gedrückt.

Könnt ihr euch vorstellen, wie inkompetent eurer Aufreten wirkt?

Könnt ihr euch vorstellen, was für Eindrücke eurer Auftreten bei anderen Menschen hinterlässt, die trotz eures schrillen Alarms noch ihre fünf Sinne beisammen haben und — lobenswerterweise — kurz nachdenken, bevor sie etwas im Internet machen?

Wenn ihr eine Vorstellung davon bekommen wollt, empfehle ich euch sehr, mal den zugehörigen Kommentarthread im Heise-Forum zu überfliegen. Falls ihr dafür keine Zeit habt, habe ich euch mal ein paar Anmerkungen herausgesucht: klick, klick, klick, klick, klick, klick und klick.

Fällt euch etwas auf?

Ja, eure schrille Aktion zusammen mit der Aufforderung, eine E-Mail-Adresse auf einer Webseite einzugeben — die übrigens wegen akutem Hirnrisses zum Absenden der eingegebenen Mailadresse über eine HTML-<form> nicht auf den guten alten <input type="submit"> setzt, sondern unnötigerweise auf JavaScript, also von Nutzern eine Lockerung von Sicherheitseinstellungen ihres Browsers ohne dafür vorliegenden technischen Grund verlangt — führt dazu, dass Verschwörungstheorien aufkommen, dass es in Wirklichkeit darum gehe, über eine Behörde der Bundesrepublik Deutschland eine Zuordnung von aktiv genutzten E-Mail-Adressen zu temporären IP-Adressen herzustellen, die wenigstens theoretisch in Zusammenarbeit mit den großen Zugangsprovidern eine Deanonymisierung von Mailadressen ermöglichte. Man könnte eure Aktion natürlich auch für unausgegoren, übereilt und gnadenlos dumm halten, aber angesichts der monströs gewordenen staatlichen Überwachung des Internet stellt sich schon die Frage, ob derartigen Verschwörungstheorien eine Verschwörungspraxis auf eurer Seite gegenübersteht. Natürlich könnt ihr das dementieren. Glauben werden es euch viele Menschen nicht mehr. Nach Ronald „Beender“ Pofalla führt ein solches Dementi stattdessen zu spontaner Heiterkeit. Ihr habt… entschuldigt bitte den etwas unsachlichen Tonfall… als eine Behörde der Bundesrepublik Deutschland längst bei vielen Menschen verschissen, wenn es um ihre Privatsphäre geht.

Und ihr verspielt gerade das letzte Vertrauen in der Bevölkerung. Wegen einer für Betroffene objektiv nutzlosen Aktion, die ihr mit einem erschütternden Mangel an wirklicher Information, unzureichend dimensionierter Technik und ausgesprochen schrillen Alarmtönen kombiniert. Eure künftigen Warnungen und Presseerklärungen werden nicht mehr so ernst genommen werden, wie es dann vielleicht angemessen wäre.

Nur, um es euch mal kurz gesagt zu haben.

Euer euren heutigen Bullshit „genießender“
Nachtwächter

PS: Gruß auch an den Bundesdatenautobahnminister Dobrindt!

Nachtrag, 23. Januar 2014, 14:00 Uhr

Zu welchen Überreaktionen die Fehl- und Desinformationskampagne des BSI bezüglich der Herkunft der vorliegenden Mailadressen führen kann, ist recht anschaulich von einer Redakteurin der Berliner Zeitung beschrieben worden, der vermutlich ein ganzer Tag von… sorry, BSI, aber was ihr macht, verdient die Deftigkeit des Wortes… dieser Scheiße versaut wurde — und am Ende bleibt doch nur die Frucht des Nichtwissens:

Aber das Gefühl, nicht zu wissen, wofür meine Daten vielleicht verwendet werden sollen, lässt mich hilflos zurück und wird mich auch noch in Zukunft sorgen

Derartiges geschah gestern und geschieht heute hunderttausendfach. Weil bei Forenhacks und Datenlecks kommerzieller Webanbieter Kombinationen aus Mailadresse und möglicherweise Passwort (das wird bislang nur vom BSI behauptet, und das BSI behauptet so einiges, wie sich weiter oben lesen lässt) eingesammelt wurden und in einer Botnetz-Software für verteilte Angriffe auf irgendwas benutzt wurden — also mutmaßlich auf Twitter, Facebook, Ebay, in diversen Shops etc. einfach als Login-Daten durchprobiert wurden. Oder auch einfach nur ungenutzt herumliegen. Die unfassbar schlechte Informationspolitik des BSI verursachte gestern, verursacht heute und wird morgen einen recht erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursachen. Für nichts. Nicht einmal für einen nennenswerten Zuwachs an Computersicherheit. Die durch das mediale Interesse äußerst günstige Gelegenheit, an dieser Stelle deutlich und unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass für jeden Dienst im Internet ein anderes Passwort verwendet werden sollte, um die Folgen eines „Hacks“ zu minimieren, hat das BSI genau so verstreichen lassen wie es die eigentliche Aktion verpatzt hat.

Da ich in den Kommentaren zu diesem Text wegen dieses Textes schon aus mir nicht weiter nachvollziehbaren Gründen ein „Fefe-Jünger“ gerufen werde, verlinke ich auch gern den standesgemäß Popcorn-trächtigen Eintrag in Fefes Blog — mit einem kleinen Teller magentafarbener Buchstabensuppe. Guten Appetit! 😀

Nachtrag 25. Januar, 0:15 Uhr:

Nicht jede E-Mail-Warnung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik lässt auf einen geknackten Online-Zugang schließen. Laut BSI könnte der Datenberg „fiktive“ Adressen enthalten, und die sogar mehrfach […]

Die behördliche E-Mail mit der entsprechenden Warnung ist bei diversen von der iX-Redaktion eingerichteten Freemailer-Adressen eingegangen, die lediglich dem Einsammeln von Spam dienen, darunter bei web.de und freenet […] Von einem Identitätsdiebstahl kann in diesen Fällen keine Rede sein, denn die iX setzt die Spamfallen rein passiv ein und niemals als Benutzernamen für Online-Dienste

Heise Online — Millionenfacher Identitätsklau: „Fiktive“ Mail-Adressen in BSI-Sammlung

Bitte dort weiterlesen. Und keine harten Gegenstände in Kopfnähe, wegen der Verletzungsgefahr.

Nachtrag 2. Februar 2014: Niemand sage, dass Bundesamt für Blah im Blah hätte nicht genügend Zeit gehabt, diese Aktion vorzubereiten! Die saßen seit August 2013 auf den Daten, und sie haben es die ganzen Monate nicht für nötig befunden, jemanden über die „Gefahren“ zu informieren. Dass es den Spezialexperten nicht gelungen ist, binnen eines halben Jahres eine skalierbare und an dem nach Presseerklärung und Tagesschau-Meldung erwartungsgemäßen Andrang angepasste Prüfseite zu bauen, spricht Bände! Diese Prüfseite hätte ja — anders, als sagen wir einmal: die Website von Heise Online — nur einen einzigen Anwendungsfall gehabt: Überprüfen, ob eine eingebene Mailadresse in einer Datenbank enthalten ist.

Nachdem jetzt mit konstantem Tatütata-Ton heraustrompetet wird, dass sogar Mailadressen von Bundesbehörden in dieser ominösen Liste (siehe oben) aufscheinen, erwarte ich den reflexhaften Speichelfluss der pawlowschen Hunde bei Polizeien, Geheimdiensten und Innenministerien, dass jetzt ja unbedingt stärker anlasslos überwacht werden muss und eine so genannte „Vorratsdatenspeicherung“ unerlässlich geworden ist. Der naheliegende Verdacht, dass es sich um eine gezielte Inszenierung handelt, wird dabei natürlich zu den „Verschwörungstheorien“ gerechnet werden.


Offener Brief an Jakob Augstein

Wir müssen die Daten nach Hause holen

Dieser Zustand muss enden. Das ist keine Frage des Geschmacks. Sondern des Interesses. Ganz gleich von welcher Seite aus man es betrachtet – Datenschutz, Sicherheitspolitik, Wirtschaft: Alles spricht dafür, dass Deutschland und Europa nach digitaler Selbstbestimmung streben. Das Vorhaben ist gewaltig: ein europäisches Datenschutzrecht, eine europäische Suchmaschine, kontinentale Server, Datenleitungen und Standards unter Kontrolle europäischer Institutionen, die uns allen Rechenschaft schuldig sind.

Jakob Augstein auf Spiegel Online — Obamas PR-Offensive: Der Kaiser und seine Vasallen

Anstelle eines Kommentares hier ein
Offener Brief an Jakob Augstein und Spiegel Online

Werter Herr Augstein,

mit schwer unterdrückbarer Heiterkeit habe ich ihre mit der unwiderstehlichen Mischung aus Pathos und Dummheit geladenen Worte gelesen, in denen sie „digitale Selbstbestimmung“ von anderen fordern. Ihre hehren Worte wurden auf einer Webseite veröffentlicht, die externe JavaScript-Ressourcen und damit viel genutzte Datensammel- und Trackingmöglichkeiten aus insgesamt achtzehn externen Quellen einbettet, darunter auch:

[Achtung! Alle Links in der Aufzählung gehen auf die Websites von site-übergreifenden Trackern und Datensammlern aus den USA.]

Da sie in ihrer „Argumentation“ die nationale Karte (in EU-Verlarvung) spielen, ganz so, als müssten die über das Internet gerouteten Datenpakete irgendwo einen Reisepass vorlegen, habe ich hier nur die Tracking-Skripten aus den USA aufgelistet — es sind natürlich noch etliche mehr.

Angesichts der von ihnen in diesem Kontext verfassten Realsatire zur „digitalen Selbstbestimmung“ habe ich nur noch wenige Fragen:

  1. Wieso beginnt „Spiegel Online“ nicht einfach damit, digitale Selbstbestimmung im eigenen Haus und auf der eigenen Website herzustellen? Wieso ist „Spiegel Online“ nicht dazu imstande, die eingebettete Reklame selbst und in eigener Verantwortung zu hosten und bedient sich dafür der Dienstleistungen von Anbietern aus einem Rechtsraum, in dem Datenschutz keine Rolle spielt und in dem offen menschenrechtsverachtende Geheimdienste längst zu einem Staat im Staate geworden sind, wie man dies nur von den früheren Staaten im Einflussbereich der Sowjetunion gewohnt war? Könnte das daran liegen, dass ihnen das Thema in Wirklichkeit völlig gleichgültig ist? Oder ist die Marke „Spiegel“ nach ihrer eigenen Einschätzung, Herr Augstein, inzwischen so weit runtergekommen, dass eine direkte Vermarktung keinen Erfolg mehr verspräche und bedient sich „Spiegel Online“ aus diesem Grund der gleichen windigen und minderqualitativen Vermarktungsideen, mit denen auch dubiose Warez- und pr0n-Sites ihren Reibach generieren?
  2. Wieso benötigt „Spiegel Online“ für seine internen Statistiken die Dienstleistungen von „Google Analytics“? Wissen die technisch Verantwortlichen bei „Spiegel Online“ etwa nicht, dass ein Webserver eine Logdatei wegschreibt, die sich sowohl mit freien und kostenlosen, als auch mit proprietären Werkzeugen in vielerlei Weise auswerten lässt, wobei mehr Daten über die Site-Nutzung anfallen, als man jemals wissen wollte? Sind die technisch Verantwortlichen bei „Spiegel Online“ mit der geringfügigen technischen Kompetenz schon überfordert, die dafür erforderlich ist, eine solche, auch für die um Privatsphäre besorgten Leser bessere Lösung anzuwenden? Oder herrscht einfach nur eine große Gleichgültigkeit vor, die im schrillen Widerspruch zu ihrer geradezu staatstragend verfassten Kolumne steht? Diese Frage ist umso interessanter, als dass „Spiegel Online“ offenbar kein großes Vertrauen in die Leistung von „Google Analytics“ hat und deshalb seinen Lesern das Tracking durch einen zweiten externen Statistik-Anbieter, „Meetrics“, zumutet — was mich nur an einen alten Witz erinnert: „Ein Mann mit einer Uhr weiß immer, wie spät es ist. Ein Mann mit zwei Uhren ist sich niemals so sicher.“
  3. Wozu benötigt „Spiegel Online“ die extern gehosteten Tracking-Skripten von Twitter, Google +1 und Facebook? Ist „Spiegel Online“ der Auffassung, dass die Leser von „Spiegel Online“ nicht dazu imstande sind, die Adresse aus der Adressleiste des Browsers über die Zwischenablage in das Posting-Feld des jeweils verwendeten Social-Media-Anbieters zu kopieren? Zum Beispiel, weil sie vom „Qualitätsjournalismus“, der ihnen in „Spiegel Online“ regelmäßig begegnet, inzwischen so verdummt wurden, dass sie nicht einmal mehr den Computer bedienen können, vor dem sie sitzen?

Über diese sich direkt aufdrängenden Fragen hinaus stellt sich natürlich die Frage, ob sie schon einmal davon gehört haben, dass das Routing im Internet keine Staatsgrenzen kennt und dass man dieses Konzept recht künstlich draufsetzen müsste. (Oder ist ihr Artikel eine von der Deutschen Telekom bezahlte Schleichwerbung für Schlandnet?) Oder die Frage, ob sie die Überwachung durch Polizeien und Inlandsgeheimdienste der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union für harmloser halten als die Überwachung durch Geheimdienste der USA. Oder ob sie sich einfach nur der Aufgabe entledigt haben, schnell zu einem tagesaktuellen Thema ein paar Worte Text in das Redaktionssystem abzusetzen, damit sich die von US-Anbietern darum platzierte Reklame um so besser verkauft.

Ach, Herr Augstein, sie sehen schon, warum ich mich vor Lachen kaum beherrschen konnte.

Obwohl es wirklich ein ernstes Thema ist.

Aber in den „qualitätsjournalistischen“ Händen von Leuten wie ihnen, Herr Augstein, wird der Ernst eben schnell unfreiwillig komisch. Pathos und Dummheit ist nun einmal eine erzlächerliche Kombination. Welches Licht diese Kombination auf den „Qualitätsjournalismus“ in „Spiegel Online“ zu Themen wirft, in denen ich mich zufällig nicht besonders gut auskenne, können sie sich sicherlich leicht vorstellen.

Ihr ihren Journalismus „genießender“
Nachtwächter

PS: Dass der „Spiegel“ einen PGP-Schlüssel für eine Kontaktadresse veröffentlicht, ist übrigens zusammen mit den sehr sinnvollen Hinweisen für eine sichere Kontaktaufnahme sehr lobens- und für andere journalistische Produkte nachahmenswert.


Offener Kurzbrief: Einigt euch mal!

Werte Amtsträger, Polizisten und Mitglieder der Classe politique!

Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass ihr entweder direkt lügt oder aber zumindest die Tatsachen so weit einseitig und verzerrend darstellt, dass das Ergebnis einer Lüge gleichkommt.

Wenn ich eure täglichen Auslassungen lese oder höre, bin ich mir völlig darüber im Klaren, dass es sich um Lüge handelt. Auf Gebieten, auf denen ich mich selbst ein bisschen auskenne, fällt mir der verlogene Charakter eures Tuns und Redens gleißendhell und unübersehbar in die Pupille, und ich muss davon ausgehen, dass ihr bei Stellungnahmen zu Sachgebieten, in denen ich mich zufällig weniger gut auskenne, nicht einen Deut ehrlicher sein werdet. Jede andere Annahme gegenüber jemanden, der sich immer wieder als gewohnheitsmäßiger Lügner darstellt, wäre ja auch dumm.

Manchmal, wenn es mir möglich ist, setze ich mich hin und pflücke eure Lügen und verzerrten Darstellungen auseinander; manchmal tue ich das sachlich, und manchmal tue ich das satirisch, um wenigstens noch einen müden, frustrierten und beschädigten Lustgewinn aus solcher öden Tätigkeit ziehen zu können.

Das hätte ich auch gern heute mit den Lügen von Oliver Marchow von der Gewerkschaft der Polizei, von Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerksachft und von Ronald Pofalla, CDU getan, die in einem Artikel auf Heise Online zusammengeflossen sind.

Aber was soll ich denn noch tun, wenn ihr auf dieser Ebene nicht einmal koordiniertes Lügen hinbekommt? Wenn…

  • Oliver Malchow bedauert, dass er wegen PRISM jetzt keine Vorratsdatenspeicherung bekommt und deshalb die Polizei gar nicht mehr ermitteln könne, weil eine Ermittlung bei Tatverdächtigungen einfach ein zu später Zeitpunkt für die Polizeiarbeit ist; gleichzeitig…
  • Rainer Wendt sich darüber freut, dass die Polizeien wegen PRISM jede Menge Daten der US-Behörden bekommen haben und weiterhin bekommen, mit denen so viele schwere Verbrechen verhindern werden konnten und verhindert werden können; und gleichzeitig…
  • Ronald Pofalla so tut, als gäbe es PRISM gar nicht…

…dann seid ihr nicht einmal mehr satirefähig.

Von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit euren intelligenzverachtenden Lügen will ich gar nicht erst reden. Dass Rainer Wendt, gelernter Polizist, einen Bruch des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland und einen klaren Verstoß gegen ein diesbezüglich unmissverständliches Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vermutet und nichts unternimmt, käme ja außerhalb der Propagandareden einer Strafvereitelung im Amt sehr nahe.

Mit Zeigefinger, der in wohlbekannter Geste an die Stirne tippt
Der Alarmknopf-Blogger
(Pseudonym, und doch so leicht zu identifizieren…)


Kommt diese „geschlossene Anstalt“ denn niemals an ihr Ende?

Aus für Google Reader -- Kommt das offene Internet an sein Ende? -- Google stellt seinen RSS-Reader ein. Um den ist es nicht schade, wohl aber ums RSS-Protokoll. Denn jetzt verbreitet Facebook die News – und das ist nicht offen.

Kommentar in Form eines Offenen Briefes

Werter leistungsschutzrechtgeschützter Qualitätsjournalist,

ich weiß nicht, ob sie sich das vorstellen können: RSS als offener Standard für die maschinenlesbare Anforderung von aktualisierten Inhalten in Websites existiert völlig unabhängig davon, ob Google dafür einen Dienst anbietet oder nicht.

Wie ich eben gerade beim Blick in den Quelltext der Website der Zeitung, die sie für ihr unqualifiziertes Geschmiere hoffentlich nicht zu hoch entlohnt, bemerkt habe, bietet auch diese Zeitung einen RSS-Feed für ihre Leser an. Sie kommt nicht auf die gnadenlos dumme Idee, diesen Service einzustellen, weil Google jetzt, wie sie das so schön und so lächerlich schreiben, damit beginnt, das „offene Internet“ auszuknipsen. Das wäre auch ausgesprochen dumm, denn es gibt neben diesem Angebot von Google, dass ihnen in ihrer sie leider nicht vom Schreiben abhaltenden Unwissenheit die wohl einzige bekannte Nutzungsform von RSS-Feeds offeriert hat, noch eine ganze Menge weiterer Software, die ausgesprochen nützlich ist, weil sie die tägliche Lektüre durch Aufbereitung von RSS-Feeds erleichtert.

Facebook gehört übrigens nicht dazu, wie sie mit Leichtigkeit herausbekommen könnten, wenn sie sich auch für das Thema interessierten, über das sie schreiben. Dafür kann es jeder bessere Mailclient, die eine oder andere Webanwendung und auch eine Menge spezialisierter Programme und Browser-Plugins.

Aber so etwas muss man als „Redakteur im Ressort Digital“ wohl nicht wissen. Genau so wenig, wie man wissen muss, dass RSS kein Internet-Protokoll, sondern ein XML-Dokumenttyp ist und dass RSS-Feeds in diesem Dateiformat über das HTT-Protokoll abgerufen werden.

Denn im „Ressort Digital“ spielt die Digitaltechnik und das Wissen darum keine Rolle. Und Google, Facebook und das ebenfalls im weiteren Artikel benannte Twitter sind der Horizont des Internet, wenn es dort etwas nicht gibt, dann gibt es das nirgends. Weltbilder entstehen eben im Kopfe, und wenn der Kopf nicht so viel weiß, wird es halt ein bisserl eng auf der darin abgebildeten Welt. Dieses Internet, mit dem sie, Herr Biermann, sich beschäftigen, könnte übrigens ein gutes Mittel gegen diese Enge im Kopfe sein. Fangen sie doch gleich mal mit dem Wikipedia-Artikel zu RSS an.

Soll ich ihnen, Herr Biermann, mal erzählen, was wirklich zum Ende des offenen Internet führt, wenn man darunter eine technisches Netzwerk von Computern versteht, das den einzigen Nutzen hat, Menschen zusammenzubringen? Nein, interessiert sie nicht? Weil sie ihr „journalistisches“ Thema generell nicht interessiert? Ich sags ihnen trotzdem, Herr Tintenkleckser¹ Biermann: Das so genannte „Leistungsschutzrecht für Presseverleger“ hat dieses Potenzial für Deutschland. Was nützt nämlich die beste und segensreichste Technik, wenn mit klandestiner Lobbyarbeit ein juristischer Rahmen geschaffen wird, der natürliche Nutzungsformen dieser Technik kriminalisiert und zum nicht mehr tragbaren Risiko für die Menschen macht? Sehen sie, nichts. Eine öffentlich zugängliche Aufbereitung von RSS-Feeds — zum Beispiel auch der ihrer Zeitungswebsite — zu einem Webangebot wird unter den Maßgaben dieses „Rechtes“ kriminalisiert.

Ach, das ragt zu weit in ihre eigene Tintenkleckserei¹ ihre eigene schreibende Tätigkeit hinein? Und ist deshalb und nur deshalb etwas völlig anderes? Deshalb stürzen sie sich lieber auf das böse Google, das das offene Internet abschaltet?

Na gut. Tun sie das ruhig und führen sie sich wie ein Idiot¹ so auf! So wird wenigstens jedem Wissendem — also ungefähr jedem aufgeschlossenen Menschen unter 35 Jahren und zudem noch einer Menge älterer Menschen — klar, dass mies recherchierte Texte ohne die Spur wirklicher Sachkenntnis mit der Autorität des „Journalismus“ oder gar „Qualitätsjournalismus“ in einer Zeitung abgedruckt oder in einer Zeitungswebsite publiziert werden können. Und das vermutlich nicht nur im „Ressort Digital“, sondern in jedem verdammten Ressort.

Und diese Klarheit ist doch mal ein guter Anfang für die poltische Bildung. Oder können sie mir vielleicht nur einen einzigen Grund nennen, weshalb man annehmen sollte, dass Texte zu anderen Themen in ihrem Schmierblatt besser recherchiert und kenntnisreicher geschrieben wären? Mir fällt jedenfalls keiner ein.

Ihr solchen Bullshit nicht mehr ertragender
Nachtwächter

Nachtrag 24. Juni 2013: Dieser Text wurde vor über drei Monaten geschrieben, also deutlich bevor Gerüchte über Facebooks Pläne einer eigenen Aufbereitung von Nachrichten bekannt geworden sind.

Quelle des Screenshots: Internet

Fußnoten

¹Die durchgestrichenen Texte habe ich gegen weniger ruppige Formulierungen ausgetauscht, um den von Herrn Biermann als beinahe beleidigend empfundenen Charakter des Textes etwas zu entschärfen. Näheres zum Hintergrund dieser Entscheidung lässt sich in den Kommentaren nachlesen.


Offener Brief an die Europäische Kommission

Werte Europäische Kommission!

Ich habe soeben gelesen, dass ihr im Rahmen eures so genannten „Cybersicherheitsplanes“ eine Meldepflicht für so genannte Cyberangriffe einzuführen gedenkt. Diese Meldepflicht soll sich auch auf so genannte „soziale Netze“ erstrecken, was ein recht diffuser und undefinierter Begriff ist, der in meinen Augen auch interaktiv nutzbare Blogs (die sowohl über den Kommentarbereich als auch über die Mechanismen der Pingbacks und Trackbacks eine deutliche „soziale Funktion“ implementieren) einschließen könnte. Daraufhin habe ich mich über ssh mit dem Server verbunden und ganz kurz nachgeschaut, wie es mit fehlerhaften Benutzeranmeldungen (diese sind beinahe durchgehend Angriffsversuche) ausschaut:

# egrep "fail|no such user" /var/log/auth.log | wc -l
536226
#

Bezüglich der von euch geplanten „Meldepflicht“, ihr werten durch keine Wahl legitimierten Angehörigen der Europäischen Kommission, habe ich angesichts dieses Ergebnisses folgende, für mich sehr einfach zu stellende und euch hoffentlich ebenso einfach zu beantwortende Fragen:

  1. Wohin darf ich die Zeilen aus meinen Logs mailen, um diese im Regelfall kriminell motivierten Angriffsversuche zu melden? Zum Glück ist es relativ einfach, die Ausgabe des grep auf mail zu pipen, so dass ich die Erfüllung dieser Meldepflicht nicht als ein großes Problem ansehe. Mit einem Ausdruck dieser Angriffsversuche kann ich wegen der hohen dabei entstehenden Papierkosten allerdings nicht dienen.
  2. Ist es aus Datenschutzgründen erforderlich, diese Daten zu verschlüsseln, weil sie ja immerhin die IP-Adresse des angreifenden Rechners und damit ein möglicherweise als personenbezogenes Merkmal betrachtetes Datum enthalten? Wenn ja, unterstützt ihr den PGP-Standard und wo finde oder wie erhalte ich euren public key?
  3. Muss die Meldung unmittelbar erfolgen, oder genügt die Zustellung einer täglichen Zusammenfassung, die ich bequem mit einen weiteren Eintrag in der crontab automatisieren kann? Beim Erfordernis einer unmittelbaren Meldung bitte ich um frühzeitige Information über die für diesen Zweck zur Verfügung gestellte technische Schnittstelle.
  4. In welchem Büroräumen gedenkt ihr die mehreren tausend Experten unterzubringen, die sich auf die Bearbeitung der maschinell ausgewerteten und vorsortierten Angriffsversuche kümmern werden? Die Beantwortung dieser Frage spielt für meine Tätigkeiten als Admin eines kleinen, marginalen Servers, der einer von euch geplanten Meldepflicht Genüge tut, zwar keine Rolle, aber sollte sich bei eurer Antwort herausstellen, dass keinerlei Struktur zur Bearbeitung der gemeldeten Angriffe existiert, so würde ich mich schlicht weigern, einer dann sachlich vollständig sinnlos gewordenen Meldepflicht Genüge zu tun und rechnete mir gute Chancen für die Beurteilung der Rechtmäßigkeit dieser Haltung vor den Verwaltungsgerichten aus.
  5. Ich erhalte auch Spam, die in vielen Fällen Schadsoftware im Anhang enthält, deren Zweck unter anderem die kriminelle Kompromittierung oder Ausschaltung von kritischer IT-Infrastruktur sein kann — etwa in der Errichtung von Botnetzen, die auch für DDoS-Attacken, Betrügereien der organisierten Internet-Kriminalität und verteilte Cracker-Angriffe mit verschleierten IP-Adressen verwendet werden. Eine Regel, um eine Kopie derartiger Spam an eine andere Adresse weiterzuleiten, ist für mich schnell geschrieben, und um das bisschen Konfiguration vom SpamAssassin kümmere ich mich gern selbst. Auf welche von der Europäischen Union zur Verfügung gestellte Mailadresse muss ich meine Spam weiterleiten und wie unmitelbar hat eine derartige Weiterleitung zu erfolgen, um eine schlagkräftige Verfolgung der so genannten „Cyberkriminalität“ zu gewährleisten?
  6. Muss ich das Fernmeldegeheimnis auch für automatisch erkannte Spam beachten, wenn die Trefferquote der Erkennung im Bereich von 99,5 Prozent liegt? Wenn ja, dann werde ich diese Kommunikation ebenfalls verschlüsseln müssen und bitte um die freundliche Zustellung eures öffentlichen Schlüssels.
  7. Was für ein Kraut habt ihr geraucht, als ihr diese Idee bekommen habt? Könnt ihr mir davon bitte etwas abgeben?

Ich freue mich auf die baldige Beantwortung dieser einfachen Fragen und verbleibe bis dahin

mit freundlichen Grüßen

als euer
Elias Schwerdtfeger
Kopfschüttelnder Admin eines klitzekleinen Serverchens


Stopfen

Microsoft-Browser: So stopfen Sie die neue Lücke im Internet Explorer. Gefährliche Sicherheitslücke im Internet Explorer 8: Schon beim Aufruf einer manipulierten Website können Angreifer einen Rechner übernehmen. Microsoft stellt einen Fix-it zur Verfügung, installieren müssen Kunden den selbst.

Spiegel Online!

Wer ein Betriebssystem nutzt, bei dem Microsoft sich nicht aus den vorgeschobenen technischen Gründen, sondern aus reiner Profitgier weigert, aktuelle Versionen seines Browsers zur Verfügung zu stellen, der sollte nicht irgendeinen „Fix-it“ für das eine gerade aktuelle Problem draufpflastern und mit den restlichen Problemen weiterleben — zur Freude der organisierten Internet-Kriminalität.

Sondern er sollte möglichst schnell einen anderen Browser verwenden. Es gibt wirklich genug Auswahl an aktuellen Browsern, die sogar auf einem mittlerweile antiken Windows XP noch lauffähig sind. Wer den Firefox nicht mag, kann zum Beispiel Chromium oder Opera verwenden. (Wer sich nicht daran stört, dass Chrome „nach Hause telefoniert“, kann ihn natürlich anstelle von Chromium nehmen.) Dieser kleine Wechsel von einem nicht mehr aktiv gepflegten Browser voller bekannter und kriminell ausgebeuteter Fehler und Schwächen zu einem modernen, aktiv gepflegten Stück Software ist der größtmögliche Gewinn an Sicherheit bei der Nutzung des Internet. Im Gegensatz zum teuren Schlangenöl der Antivirus- und Security-Software ist es zudem ein Gewinn an Sicherheit, der nichts kostet. Es gibt also gar nichts, was gegen einen solchen Ratschlag spricht.

Wer sich aber von euch in Sachen Internet-Sicherhet „beraten“ lässt, lebt gefährlich. Dieses Thema war euch nicht einmal einen kleinen Hinweis wert, dass man von der Verwendung veralteter Versionen des Internet Explorers — wann immer es möglich ist — Abstand nehmen sollte und stattdessen einen anderen Browser verwenden sollte.

Ach so, Spigel Online, das ist euch eigentlich egal? Ihr setzt da lieber die Presseerklärung von Microsoft rein und als Symbolbild ein absurd großes Logo des Microsoft-Browsers Internet Explorer dazu, weil diese Presseerklärung da ist und euch kein bisschen eigener geistiger Arbeit mehr macht? Ihr übernehmt so etwas einfach, auch wenn das zur Folge haben kann, dass ein Teil eurer Leser demnächst an Kontoplünderungen, Identitätsmissbräuchen sowie Missbräuchen des Rechners und der Internetverbindung für kriminelle Zwecke bemerkt, was es bedeutet, wenn man von der russischen Mafia gepwnt wird? Einfach, weil euch eure Leser scheißegal sind, aber solche Anzeigenkunden wie Microsoft unendlich wichtig?

Nun, wenn ihr „Qualitätsjournalisten“ das für eine gute Empfehlung für eure Produkte haltet, will ich euch nicht davon abbringen. Hirnrissige Ideen bekämpft man immer noch am besten, indem man sie gewähren lässt.

Euer euch mal wieder kopfschüttelnd gelesen habender
Alarmknopfdrücker


Offener Brief an Florian Bernschneider

Auch haben wir Liberale die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung verhindert, das Bürokratiemonster ELENA abgeschafft und dafür gesorgt, dass die Bürger unseres Landes vor Kostenfallen im Internet […] effektiv geschützt werden

Florian Bernschneider, Bundestagsabgeordneter für die FDP, die Hervorhebung im Zitat ist von mir.

Offener Brief an Stelle eines Kommentares

Aktuelle Zugriffsstatistik mit Peak durch die Content4U-AbzockeWerter Herr Bernschneider,

das kleine Bild, das ich auf der rechten Seite dieses offenen Briefes eingebunden habe, ist eine Visualisierung der zurzeit (20:30 Uhr, der Tag ist also noch lang) aktuellen Anzahl von Zugriffen auf das zugegebenermaßen betont unseriöse Weblog „Wut„. Sie können diesem Bilde sicherlich auch entnehmen, dass es am heutigen Montag zu einem beachtlichen Anstieg der Zugriffszahlen auf dieses Weblog gekommen ist. Die gleiche Entwicklung war am letzten Montag zu beobachten. Und sie wird noch an so machem kommenden Montag zu beobachten sein.

Was das mit dem von ihnen postulierten „effektiven Schutz“ vor Kostenfallen im Internet zu tun hat, möchte ich ihnen gern darlegen. Ich kann das leider nicht ganz so kurz halten, wie ich es selbst gern möchte, kann ihnen aber versichern, dass sich der kleine Einblick lohnt.

Zu diesem beachtlichen Anstieg der Zugriffe auf ein sonst eher unbedeutendes Weblog kommt es, weil Menschen aus der Bundesrepublik Deutschland bestimmte Suchbegriffe in die Web-Suchmaschine ihrer Wahl eingeben, nachdem sie einen Brief einer halbseidenen Unternehmung namens „DIG Deutsche Internetinkasso GmbH“ erhalten haben, die das Inkasso für die gleichfalls halbseidene Unternehmung „Content4U GmbH“ mit ihrem in meinen Augen betrügerischen Geschäftsmodell betreibt. Ich möchte ihnen, Herr Bernschneider, auch diese Suchbegriffe — soweit sie überhaupt über den Referer¹ an den Webserver geliefert werden — nicht vorenthalten. Es folgt ein Screenshot dieses Teiles der Statistiken, der jedem völlig klar macht, wie es zu diesem plötzlichen Anstieg der Leserzahlen gekommen ist:

Aktuelle Suchbegriffe des Wut-Blogs: content4u, content4u gmbh, deutsche internetinkasso gmbh, deutsche internetinkasso, content4u inkassoschreiben, content 4 you, content4u betrug, content4u abzocke, dig deutsche internetinkasso gmbh

Selbstverständlich gab es viele abweichende Schreibungen von Worten dieses Begriffskreises, die in so einer Übersicht nicht aufscheinen, sondern zu eher einmaligen Suchbegriffen führten. Das naheliegende und von der Firmierung her beabsichtigte „Content 4 you“ ist allerdings schon so häufig, dass es sichtbar geworden ist. Diese Suchbegriffe spiegeln also nur einen Teil der Besucher wider, die aus diesem Grund zu Lesern des „Wutblogs“ geworden sind. Etwas aussagekräftiger sind vielleicht die Zahlen zu den gelesenen Artikeln, nachdem anhand der Übersicht der Suchbegriffe klar geworden ist, wie es dazu gekommen ist:

Top-Artikel auf dem Wutblog

Bei den 74 Lesern, die über die Startseite gegangen sind, handelt es sich übrigens um den regelmäßigen Leserstamm, soweit er sich nicht über E-Mail von neuen Artikeln berichten lässt oder einen RSS-Aggregator für seine tägliche Internetlektüre verwendet. Sie sehen also, Herr Bernschneider, dass es sich hier um ein an sich völlig unbedeutendes Weblog handelt. Es wird zurzeit nur deshalb vermehrt rezipiert, weil es sich über Jahre hinweg mit den Machenschaften der Content4U GmbH, anderer „Geschäftsideen“ eines gewissen Michael Burat und ihrer diversen Schergen und Strohmänner beschäftigt hat; und weil dieses Thema gerade drei Tage nach ihrer Antwort auf eine ihnen über Abgeordnetenwatch gestellte Frage durch einen weiteren in meinen Augen betrügerischen Serienbrief mit einschüchternd und psychologisch erpresserisch formulierten „Mahnungen“ zu einer vollständig unbegründeten Forderung der Content4U GmbH wieder einmal aktuell geworden ist.

Wenn sie, Herr Bernschneider, sich nichts darunter vorstellen können, wass ich mit der Ausdrucksweise von „einschüchternd und psychologisch erpresserisch formulierten Serienbriefen“ meine, dann lege ich ihnen nahe, sich einen derartigen Brief einer dieser halbseidenen Unternehmungen des Michael Burat einmal genauer anzuschauen. Wie so etwas auf einen normal gebildeten (und in Rechtsangelegenheiten verunsicherten und unwissenden) Menschen wirkt, sollten sie sich mit einem Mindestmaß an ganz gewöhnlichen menschlichen Einfühlungsvermögen leicht vorstellen können.

Und ja: Wieder einmal. Genau so geht das schon seit Jahren, einschließlich des Details der auffälligen Besucherspitze am Montag. Es betrifft übrigens nicht nur eine kleine Minderheit. Selbst mir sind Menschen bekannt, die derartige Briefe erhalten haben und darauf mit der von den (in meinen Augen) Betrügern gewünschten Verängstigung und Verunsicherung reagiert haben, die dann immer wieder dazu führt, dass unrechtmäßig proklamierte Forderungen „beglichen“ werden.

Was mich jedoch zu diesem offenen Brief an sie, Herr Bernschneider, motiviert, ist die Tatsache, dass es derartige „Internet-Geschäftsmodelle“ nur in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Obwohl diese „Geschäftsmöglichkeit“ seit Jahren von wenig erfreulichen Zeitgenossen wahrgenommen wird, gibt es keinerlei Tätigkeit des Gesetzgebers — und der sind auch sie, Herr Bernschneider, denn sie sind Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Diese Untätigkeit, die von einer Untätigkeit der Staatsanwaltschaften und vielen eingestellten Ermittlungen begleitet wird, erweckt den im Laufe der Zeit immer gewisser werdenden Eindruck, dass solche in meinen Augen betrügerischen „Geschäftsmodelle“ in der Bundesrepublik Deutschland explizit politisch gewünscht sind. In allen anderen europäischen Staaten gibt es hingegen einen wirksamen Schutz der Menschen vor dieser Form des Internet-Ganoventums, und entsprechende Versuche werden mit empfindlichen Strafen belegt.

Dass sie, Herr Bernschneider, sich angesichts dieser völlig unveränderten Situation hinstellen und davon fabulieren, einen „effektiven Schutz“ vor derartigen… entschulidgen sie mir dieses Wort bitte… asozialen und verbrecherischen Tricksereien eines widerwärtigen Geschmeißes errichtet zu haben, wirkt in diesem Kontext einfach nur noch schamlos und wie eine empörende Chuzpe. Was übrigens von der von ihnen sicherlich gemeinten, so genannten „Button-Lösung“ zu halten ist, die ja auch nicht auf die Idee eines FDP-Mitgliedes, sondern auf eine Anregung ihrer CSU-Kollegin Ilse Aigner zurückgeht, habe ich bereits am 24. August 2011 deutlich genug geschrieben und will es hier deshalb nicht wiederholen.

Herr Bernschneider, beginnen sie als Gesetzgeber damit, auf gesetzliche Regelungen hinzuwirken, die nicht zum Verbrecherschutz, sondern zum Verbraucherschutz² führen! Dazu könnte zum Beispiel gehören, das Wucherpreise für lächerliche und mit geringstem Aufwand erbrachte Scheinleistungen und dummdreist-irreführende sowie bewusst einschüchternde und damit nötigende Formulierungen im geschäftlichen Schriftverkehr und in Inkassoschreiben mit deutlichen Sanktionen belegt werden, wie das in jedem anderen zivilisierten Staat üblich ist. Ihre Partei, die FDP, Herr Bernschneider, sie hat sich mit dem griffigen Werbespruch „Leistung muss sich wieder lohnen“ in das politische Bewusstsein der Menschen in der BRD gebracht. Dieser Slogan wird durch von Menschen wie ihnen mitverantwortete Zustände entwertet, in denen sich das Verbrechen in viel größerem Maße lohnt. Vor allem, Herr Bernschneider, wenn sie diese Zustände mit öffentlichen Äußerungen begleiten, die die Millionen Betroffenen dieser Zustände offen verhöhnen.

Mit freundlichen Grüßen
Der Nachtwächter

¹Die falsche Schreibweise „Referer“ spiegelt einen zum Standard gewordenen Schreibfehler in der Spezifikation des HTT-Protokolls wider. Sie ist üblicher und damit verständlicher als die korrekte englische Schreibweise, die von der deutschen Version der freien Enzyklopädie Wikipedia verwendet wird.

²Ich empfinde es übrigens als ausgesprochen scheußlich, dass sich unter dem Druck der politischen und journalistischen Sprachnutzung das Wort „Verbraucher“ in der deutschen Sprache durchgesetzt hat, ganz so, als sei damit die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft treffend beschrieben.


Der Datenklau, der Datenklau!

Privatbank Julius Bär bestätigt Diebstahl von Kundendaten
Schweizer Banker wegen Datenklau verhaftet

In der Schweiz ist ein Bankmitarbeiter unter dem Verdacht verhaftet worden, Datensätze an deutsche Steuerfahnder verkauft zu haben. Die Zürcher Privatbank Julius Bär bestätigte der Schweizer „Sonntagszeitung“, dass nach einem Fall von Datenklau ein mutmaßlicher Täter identifiziert worden sei […]

Die Bank Julius Bär war damit bereits zum dritten Mal innerhalb von zehn Jahren Ziel eines Datendiebs […]

Die Maßnahmen zielten darauf ab, Datendiebe zu enttarnen und die weitere Entwendung von Kundendaten so weit wie irgend möglich zu erschweren […]

Tagesschau.de: Schweizer Banker wegen Datenklau verhaftet

Kommentar in Form eines Offenen Briefes

Werte Qualitätsjournalisten bei der ARD und andernorts,

um es euch nicht immer wieder schreiben zu müssen, was das Problem in der von euch verwendeten Nachrichtensprache ist, habe ich es heute in eine kleine, auch für gehetzte Pressetexter im Zeitdruck leicht zu erfassende Grafik zusammengefasst. Hier ist sie:

Komplizierte Themen für Journalisten erklärt: Diebstahl und Kopie

Und da ihr werten Journalisten vor lauter Kopieren von Agenturmeldungen in eure Systeme zum content management nur noch selten dazu kommt, etwas gründlich zu betrachten und auch darüber nachzudenken, noch eine wichtige Anmerkung nur für euch: Das heißt weder, dass Verstöße gegen das Urheberrecht legal sind, noch heißt es, dass der Handel mit Daten, die mit gutem Grund als schutzwürdig erachtet werden, eine unproblematische Sache wäre. Es heißt nur, dass die von euch werten Journalisten immer und immer wieder verwendete Diebstahlsmetapher in Sachen digitaler Daten zwei große Probleme hat, nämlich dass sie…

  1. …an der Natur der berichteten Vorgänge völlig vorbei geht, und dass sie
  2. …nicht im Geringsten dazu geeignet ist, beim Rezipienten eures pseudoobjektiven Nachrichtentones auch nur eine Spur von Verständnis und Bewusstsein für die Problematik der von euch berichteten Vorgänge zu schaffen, und zwar weder in Fragen des Urheberrechtes (bei der Verbreitung nicht-lizenzierter Werkkopien) noch in Fragen des Datenschutzes (beim Handel mit rechtswidrig abgegriffenen Bankdaten).

Am Ende der von euch durchgeführten täglichen Verdummung durch inadäquaten Sprachgebrauch stehen dann nicht nur eure eigenen vollumfänglichen Denkverzichte, sondern auch solche politischen Blindfische wie Siegfried Kauder (CDU), die nur auf der Grundlage ihres völligen Unverständnisses und ihrer mutmaßlichen Korruption durch finanzstarke Lobbyisten den rechtlichen Rahmen für die weitere Entwicklung der Gesellschaft in der BRD schaffen.

Wenn ihr meint, dass derartige Volksverdummungen die Aufgabe des Journalismus seien, geht bitte einfach sterben. Ansonsten verwendet sprachliche Bilder, die das Verständnis des Tagesgeschehens ermöglichen¹ und nicht verhindern!

Ach, apropos „sprachliche Bilder“:

In Züricher Bankerkreisen hieß es, die Schweizer Geldinstitute hätten ihre Kontrollmechanismen in letzter Zeit wegen des wiederholten Ankaufs von Steuer-CDs durch deutsche Behörden verschärft […]

Glaubt ihr Journalisten eigentlich selbst, dass im Zeitalter der preiswerten Speichersticks und der ebenfalls preisgünstigen externen Festplatten das obsolete Medium CD-ROM wirklich von halbseidenen Datenhändlern verwendet wird, um massenhaft Kundendaten und Kontobewegungen zu bewegen und zu handeln? Auf so eine CD würde doch kaum etwas draufpassen, und zudem wäre dieses Medium langsam, störanfällig und empfindlich. Oder ist es nicht vielmehr so, dass nach dem Ende des Diskettenzeitalters die CD-ROM schlicht der kleinste für Laien glaubwürdige Datenträger ist; dass der Begriff „CD-ROM“ also vor allem das Ausmaß des Datenhandels kleiner aussehen lässt? Von wem schreibt ihr bitte dieses ansonsten völlig schwachsinnige Wort ab? Von den PR-Spezialisten der Landesregierungen, die (vielleicht mit gutem Grund, ich werte das gar nicht weiter) gegen Datenschutzbestimmungen verstoßen, indem sie massenhaft Kontobewegungen anderer Menschen zu Fahndungszwecken einsehen? Dass ihr es euch selbst ausgedacht habt, kann ich mir nämlich nicht vorstellen. Für eine so perfide Form der Verschleierung fehlt euch Journalisten im Allgemeinen schlicht die Kompetenz.

Ach!

Euer euch immer wieder lesen und hören müssende
Nachtwächter

¹In diesem Fall ist das Wort vom „Diebstahl“ gar nicht erforderlich, es geht um Datenhandel mit empfindlichen persönlichen Daten. Die Daten werden mutmaßlich durch Menschen gehandelt, die als Angestellte eines Bankhauses auf den Datenbestand Zugriff hatten und das Vertrauen ihres Arbeitgebers aus reiner Habgier missbrauchten. Solches Verhalten ist mit gutem Grund allgemein geächtet, wenn es durch die Motivation der Habgier angetrieben wird. Wenn es den Datenhändlern um eine gesellschaftlich not-wendige Aufklärung organisierter Steuerhinterziehung und nicht um ihre eigene Habgier gegangen wäre, wäre es für sie ein leichtes (und zudem sehr viel sicherer) gewesen, die Daten anonym bei einem Sharehoster abzulegen und ebenso anonym dafür zu sorgen, dass die Vorgänge in Presse und Internet die gewünschte Beachtung finden. Dass die Habgier dieser Datenhändler von Seiten einer Landesregierung der BRD mit hohen Geldzahlungen vergoldet wird, ist ein Vorgang, der ein grelles Schlaglicht auf die vollständige Amoralität des gegenwärtigen Politikbetriebes wirft. Die Konzentration auf den angeblichen „Diebstahl“ von Daten lenkt von diesem eigentlichen Problem ab. Aber wen erzähle ich das? Journalisten in der BRD? Es ist eine Verschwendung von Kraft und Worten… wie jeder beim Blick in die Zeitung oder beim Anschauen einer Nachrichtensendung selbst bemerken kann.


Offener Kurzbrief an die Junge Polizei

Die Jugendorganisation der Polizeigewerkschaft will die Identität von Facebook-Nutzern überprüfen lassen, beispielsweise mit Postident. Auf die Daten soll die Polizei jederzeit zugreifen können.

Die Jugendorganisation der Deutschen Polizeigewerkschaft fordert, dass Facebook die Identität seiner Nutzer überprüft und die Daten für die Polizei verfügbar macht. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Polizei, Michael Haug, erklärte, Facebook müsse dafür sorgen, „dass nur reale Nutzer das Netzwerk nutzen und Ermittlungsbehörden ohne zeitlichen Verzug an diese Daten gelangen“.

Anlass für den Vorstoß der Polizeiorganisation sei eine zunehmende Zahl von Facebook-Partys seit dem Filmstart von Project X, der viele Nachahmer fand, so Haug.

Golem.de — Polizeigewerkschaft: Facebook soll die Identität aller Nutzer überprüfen

Anstelle eines Kommentares
Offener Kurzbrief an die Junge Polizei

Werte junge Polizeibeamte in der Deutschen Polizeigewerkschaft,

ich kann euer Anliegen ja durchaus verstehen. Vermutlich seid ihr noch ein bisschen zu jung bei der Jungen Polizei in der DPolG, um so schwierige Begriffe wie „Verhältnismäßigkeit“ in erwachsener Weise verstehen zu können — und fordert deshalb, dass wegen einiger so genannter „Facebook-Partys“ die Anonymität im Internet abgeschafft werden soll¹. Voll ausgewachsen scheint nämlich auch bei euch jungen Polizeibeamten schon die Vorstellung unbeschränkter polizeilicher Befugnisse zu sein. Ich befürchte ferner auch, dass ihr nicht zu jung und unreif seid, um eine Uniform mit dem Hoheitszeichen eines Bundeslandes der BRD und eine Dienstwaffe zu tragen.

Dadurch, dass ihr eure wie der Fiebertraum eines schlechten Polizisten wirkenden Allmachts- und Polizeistaatsphantasien als halbgare Hirnwinde kommuniziert, nützt ihr eurem Anliegen nicht. Später, wenn ihr einmal größer und reifer seid, werdet ihr das verstehen, wenn ihr es jetzt noch nicht versteht. Vielmehr macht ihr jedem klar, dass Forderungen der Polizei hoch fragwürdig, rechtswidrig und totalitär sein können; und das ist ein Eindruck, der sich auch auf sinnvollere Ideen zur Verbesserung der Polizeiarbeit legen kann. Dass solche sinnvolleren Ideen in den letzten Jahren praktisch nicht zu hören waren, verstärkt diesen Eindruck noch.

In diesem Zusammenhang solltet ihr auch daran denken, dass jeder Mensch mit Archiv sich schnell daran erinnert, was ihr euch bei der Jungen Polizei vor etwas mehr als einem Jahr in der Öffentlichtkeitsarbeit für eine Chuzpe geleistet habt²:

An der Grenze der Belastbarkeit: Terrorismus, Sexualstraftäter, Castor, G8, Fußball, Stuttgart 21 - Dort! Ein Terrorist! Schnell! -- Das dauert. Wir haben keine Kräfte frei. - Die JUNGE POLIZEI fordert nachhaltige Erhöhung der Einstellungszahlen

Versteht ihr bei der Jungen Polizei? Wenn man euch (und leider auch viele ausgewachseneren Mitglieder der Deutschen Polizeigewerkschaft) in einem größeren Kontext sieht, findet man es gar nicht mehr überraschend, dass deutsche Polizeibeamte auch mal Mitglied im Ku-Klux-Klan sind. Von der Idee des Rechtes habt ihr euch — so scheint es zumindest einem unvoreingenommenen Betrachter sehr deutlich — nämlich schon längst verabschiedet.

Und einen solchen Eindruck könnt ihr doch unmöglich mit eurer Öffentlichkeitsarbeit erwecken wollen, oder?

Meint euer

Nachtwächter
Der seinen Namen hier nicht der Polizei mitteilt

¹Eine einfache Übertragung einer solchen Deanonymisierung von Facebook-Nutzern ist auf jedes Angebot im Internet möglich, dass seinen Nutzern Kommunikation über interaktive Angebote ermöglicht. Dies gilt insbesondere für Gästebücher, Webforen, Kommentarbereiche in Blogs und Vergleichbares.

²Nein, das ist keine Satire, sondern echte Öffentlichkeitsarbeit der Jungen Polizei. Dieses Bild ist hier zu rein dokumentarischen Zwecken veröffentlicht, um das unreife und dümmlich wirkende Auftreten der Jungen Polizei im Zusammenhang verständlicher zu machen. Es wurde übrigens beachtlicher Aufwand von Seiten der Jungen Polizei getrieben, um diesen Zeugen der jüngeren Zeitgeschichte mit Jurafuchtelei aus dem Internet zu entfernen.


Offener Brief an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Wir wollen zum Beispiel die Möglichkeiten für Rechteinhaber erleichtern, an die Mail-Adressen von illegalen Downloadern zu kommen, um ihre Ansprüche geltend zu machen

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, Rechtsanwältin, Bundesministerin der Justiz

Offener Brief an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Werte Frau Leutheusser-Schnarrenberger,

wie wollen sie denn bitte die Mailadresse ermitteln lassen?

Mit Verlaub, Frau Ministerin: Holen sie bitte mal kurz Luft bei ihrem Versuch, ACTA doch noch irgendwie (und sei es jetzt nur noch zu Gunsten der Pharmaindustrie) durchzubekommen, und erinnern sie sich kurz an die technischen Grundlagen und daran, auf welchem gesellschaftlichen Hintergrund es überhaupt zu illegalen Downloads kommt. Es setzt sich ja niemand hin und sagt sich „ich will jetzt unbedingt was Illegales tun“.

Das spielt sich völlig anders ab.

Wenn jemand — sagen wir ruhig einmal: ich¹ — also, wenn ich auf die Idee käme, dass ich wegen eines bestimmten Musikstückes (ein derartiger Wunsch kommt ja aus dem unmittelbaren Erleben und aus nichts anderem) das Album „Mindstrip“ von Suicide Commando haben möchte, das man in meiner hübschen Heimatstadt Hannover zurzeit von exakt null Händlern bekommt; wenn ich anschließend mit gebremster Freunde feststellen müsste, dass ich dieses Album zwar im Webshop des Projektes als komplette materielle CD für 12 Euro kaufen kann, ich dort aber absurderweise nicht die Möglichkeit habe, das eine Stück „Comatose Delusion“ zu einem akzeptalen Preis als Einzelkauf zu erwerben, was mir als eine geradezu natürliche Vermarktungsform im Internet erscheint; und wenn ich mir dann sage:

Nein, ich will ja eigentlich nur dieses eine Stück. Und wenn schon Vertrieb über das Internet, dann ist doch der Umweg über eine mit der Sackpost versandten CD, die ich eigens rippen muss, um sie auf meinen MP3-Player zu überspielen (wenn es sich nicht gar um eine dieser kopiergeschützten, also ab Werk kaputten CDs handelt) und bei der ich außerdem sehr viel mehr bekomme und vor allem bezahle, als ich gerade haben möchte, ein bisschen deppert und umständlich.

Das sind alles Gedanken, Frau Justizministerin, die gewiss nicht in meinem Kopf zum ersten Male aufgekommen sind, Gedanken, die vor mir schon ganz viele Leute gedacht haben, und die nach mir noch ganz viele Leute denken werden. Alben komplett im Internet verkaufen zu wollen, ist ungefähr so weit neben den technischen Möglichkeiten des Netzes, als versuchte man, Hörspiele ohne Bild im Fernsehen zu senden.

Dann kann es schon einmal passieren, dass ich bei einer dieser berüchtigten, oft zensierten und gern kriminalisierten Torrent-Suchmaschinen lande, um mir über einen digitalen Weg digital vermarktete Güter in einer angemessenen digitalen Form zu besorgen, ohne zuviel dafür zu bezahlen.

Sehen sie, dann bin ich ein illegaler Downloader.

Welche Spuren hinterlasse ich dabei, Frau Justizministerin?

Richtig, ich hinterlasse nur bei den jeweiligen Seedern eine IP-Adresse, mit der ich diese digitalen Güter herunterlade.

Und? Frau Justizministerin? Wie kommt man nun von der IP-Adresse auf die Mailadresse?

Es ist natürlich möglich, die „irgendwie“ ermittelte IP-Adresse² mit den gespeicherten Verbindungsdaten des Zugangsproviders abzugleichen, um an die Stammdaten des Kunden des Zugangsproviders zu gelangen. Was man dabei erhält, ist nicht etwa eine Mailadresse, sondern die Identität (Name und ladungsfähige Anschrift) eines Anschlussinhabers. Dies geschieht bereits jeden Tag, und dahin geht dann auch die in der Regel gesalzen kostenpflichtige Abmahnung, die dann in einem — hören sie genau, Frau Justizministerin, denn es handelt sich hier um ihr eigentliches Ressort! — systematischen und zuweilen gar gewerbsmäßigen Missbrauch dieses an sich sinnvollen Rechtsmittels zur „Abschreckung“ und — im gewerbsmäßigen Falle — zur Erzielung eines pekuinären Gewinnes versandt wird.

Die Mailadresse, von der sie reden, wie ein Blinder vom Lichte redet, sie kommt in dieser Kette nirgends ins Spiel. Weder gibt es eine Zuordnung von IP-Adressen zu Mailadressen, noch ist im Regelfalle dem Zugangsprovider die verwendete Mailadresse bekannt. Sie lässt sich ebensowenig erschließen, wie sich aus einem Kfz-Kennzeichen der Name der Hauskatze erschließen ließe.

Ich kann jetzt natürlich nur darüber spekulieren, warum sie von einer Mailadresse reden, werte Frau Justizministerin.

Die für sie vorteilhaftere Annahme ist, dass sie schlicht keine technischen Kenntnisse haben, und unbeleckt von den dazu erforderlichen fachlichen Kenntnissen ihre Ideen zur juristischen Regulierung des Internet zum Besten gegeben haben. Obwohl das dumm wäre, ist es die vorteilhaftere Annahme.

Denn die andere mögliche Annahme ist, dass sie bewusst gelogen haben, um über das Wort „Mailadresse“ einen Eindruck von relativer Harmlosigkeit zu erwecken, der mit der ladungsfähigen Anschrift eines Anschlussinhabers in der real existierenden Bananenrepublik Abmahnistan nun einmal nicht verbunden ist. Bei einer solchen Lüge hätten sie fest darauf gebaut, dass der Mehrzahl der „Politikgenießer“ in der Bundesrepublik die technischen Zusammenhänge fremd sind und hätten nach Rücksprache mit ihren PR- und Technik-Beratern diese Unkenntnis gezielt zur Erweckung eines unzutreffenden Eindruckes eingespannt.

Und das, Frau Ministerin, ist ein Eindruck, den sie doch wirklich nicht zu erwecken beabsichtigen, oder? Aus mir bekommen sie diesen Eindruck jedenfalls nicht mehr so leicht heraus — nicht trotz, sondern wegen ihrer überwiegend kompetenten und von einem gewissen Weitblick geprägten Politik.

Mit Grüßen, die gerade noch so freundlich bleiben, wie man es von jemandem erwarten kann, dem man so offen und durchschaubar ins Gesicht lügt und damit unterschwellig mittelt, dass man ihm für einen Idioten hält

Ihr Nachtwächter.

Fußnoten

¹Und ja, werte Frau Justizministerin: Ich gestehe offen ein, dass ich schon illegale Downloads gemacht habe. Ich gehe davon aus, damit nicht zu einer kleinen Minderheit zu gehören, die auch ansonsten eher kriminelle Ambitionen hat, also zu so etwas wie zu Menschen, die Wohnungseinbrüche machen. Ich gehe sogar noch weiter in diesem Geständnis und gebe genau so offen zu, dass ich es jederzeit wieder machen würde, wenn der legale Erwerb bedeutete, dass ich überzogen viel Geld dafür bezahlen soll, digitale Güter auf einem materiellen Medium über den Postweg zu beziehen und bei dieser Produktbündelung auch für digitale Güter mitbezahlen soll, die ich gar nicht erwerben will. Meine „kriminelle Energie“ in dieser Sache geht noch weiter: Ich käme mir ziemlich dumm vor, wenn ich mich für ein legales Angebot mit derartigen Zumutungen „ausnehmen lassen“ würde. Und auch hier gehe ich davon aus, nicht zu einer kleinen Minderheit… ach, ich wiederhole mich. Seit ich etwas genauer weiß, wie wenig von diesem Geld bei den eigentlichen Künstlern ankommt, ist meine Bereitschaft, legal zu verfahren, sogar noch weiter gesunken und ich würde einiges an Aufwand in Kauf nehmen, um erstens derartige Güter illegal zu beziehen und zweitens den Künstlern auf andere Weise Geld zukommen zu lassen. „Suicide Commando“ war live übrigens durchaus eindrucksvoll, und die T-Shirts gefallen mir richtig gut.

²Es gibt exakt eine Möglichkeit, die IP-Adresse eines BitTorrent-Nutzers oder eines anderen Filesharers zu ermitteln: Indem man die Güter selbst zum Download anbietet. Diese Geste einzunehmen und hinterher den Downloader zu kriminalisieren, ist mehr als nur ein bisschen schizophren. Diese schizophrene Geste wird von dubiosen Rechteverwertern in der Bundesrepublik Deutschland unentwegt eingenommen. Sie, Frau Justizministerin, scheinen mit dieser anderen Seite des ermittelten Downloaders zumindest im Moment noch kein Problem zu haben. Deshalb kann ich ihnen nur empfehlen, auch darüber einmal nachzudenken. Wenn ich mich öffentlich hinstelle und ein begehrtes Gut wie freie 5-Euro-Banknoten anpriese, wäre es doch bis an die Grenze zur offenen Geisteskrankheit absurd, wenn ich hinterher wegen des mir weggenommenen Geldes einen Strafantrag wegen Diebstahls stellte, oder?


Offener Brief an die Zeitungsverleger

Zitat Heise Online:

Kompromiss im Streit um Tagesschau-App gescheitert

Im Streit um die Internet- und Mobilaktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender sind die Bemühungen um einen Kompromiss zwischen ARD/ZDF und den Verlegern gescheitert. Die Zeitungsverleger wollen den Disput nun wie geplant vom Landgericht Köln klären lassen, teilte der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) am Montag in Berlin mit.

[…] In dem Streit geht es um die Frage, ob die Tagesschau-App zu viel Textbeiträge enthält und damit als „presseähnliches Erzeugnis“ gelten muss.

Offener Brief an die Zeitungsverleger

Werte Damen und Herren vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger,

ich mag sie gar nicht erst mit langen Umschweifen langweilen, sondern komme gleich zur Sache, damit der Brief auch schön kurz bleibe: Was ist in ihren Augen der technische, inhaltliche, journalistische oder sonstige Unterschied zwischen der textuellen Darstellung der Meldungen der Tagesschau-Redaktion in einer eigens dafür geschaffenen, über das Internet befüllten so genannten „App“ und der ebenfalls möglichen textuellen Darstellung der Meldungen der Tagesschau-Redaktion in einem auf dem mobilen Computer laufenden Webbrowser? Oder ist es vielleicht gar so, dass sie selbst keinen derartigen Unterschied sehen und dass sie folglich sogar ernsthaft der Meinung sind, dass die von beinahe allen Menschen bezahlten und aufwändig erbrachten journalistischen Leistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks überhaupt nicht im Internet zur Verfügung stehen sollten?

An der Antwort auf diese relativ einfache Frage werden viele Menschen sehr interessiert sein, deshalb lassen sie diese doch bitte gleich als Presseerklärung über ihren Standardverteiler herausgehen. Ich bekomme sie schon rechtzeitig mit, um sie gegebenenfalls hier im Alarmknopf zu würdigen.

Mit freundlichen Grüßen

Der Nachtwächter
(dem die Dummheit in der Contentindustrie immer noch weh tut)


Frau Zypries: Netzsperren-Gruß aus Alzheim

Netzsperren, wie sie die US-amerikanischen Gesetzesvorhaben vorsehen, sind allerdings Maßnahmen, die unverhältnismäßig und gefährlich sind – weil sie Infrastrukturen schaffen, die für andere Zwecke eingesetzt werden können. Solche Instrumente gefährden eine offene, demokratische und freie Gesellschaft.

Brigitte Zypries, SPD

Kommentar in Form des Offenen Briefes

Frau Zypries,

können sie sich eigentlich noch erinnern, was sie am 20. Juli 2009 der springerschen „Welt“ gesagt haben, um für die Zustimmung zum Gesetz ihrer Kollegin Ursula von der Leyen zur Einführung von Netzsperren in der Bundesrepublik Deutschland zu werben? (Das ist übrigens nur ein Beispiel ihres damaligen öffentlichen Redens und Auftretens.)

Nein, kümmern sie sich nicht um ihr Geschwätz von gestern? Aber ich kümmere mich um ihr Geschwätz von gestern. Deshalb habe ich ihr freundliches Gespräch mit der (damals heftig gegen das Internet hetzenden) Springerpresse einmal rausgesucht. Damals hatten sie keine Probleme damit, dass eine Sperrinfrastruktur im Internet eine „offene, demokratische und freie Gesellschaft“ gefährden könnte, ganz im Gegenteil:

Es gibt eine Gruppe von Internet-Usern, die glaubt: Im Netz darf man alles, das Internet ist ein Ort unbegrenzter Freiheit, jede Regel verletzt unsere Identität. Das ist falsch: Meine Freiheit, mein Recht endet auch im Netz dort, wo sie die Freiheit und das Recht von anderen verletzt. Grundrechten wie der Meinungsfreiheit sind im Internet genauso Grenzen gesetzt wie in der realen Welt. Es gibt kein Recht des Stärkeren oder technisch Versierteren. Was offline verboten ist, ist auch online verboten. Das ist keine Zensur, sondern eine simple Erkenntnis, die auch juristischen Laien verständlich sein sollte. […] Anders als es die Piratenpartei glauben machen will, haben wir ja nicht mit dem Gesetz gegen die Verbreitung von Kinderpornografie den Teufel aus der Flasche gelassen. Deren Vertreter realisieren überhaupt nicht, dass ohne Gesetz die von Frau von der Leyen mit den Providern geschlossenen Verträge zur Anwendung gekommen wären – mit viel weniger rechtsstaatlichen Sicherungen für die Internet-User.

Da klingt eine unkontrollierbare Infrastruktur zur Zensur des Internet aus ihrem Munde fast wie eine Säule des Rechtsstaates — und nicht nach einem „Bevor gerichtlich feststeht, dass die Zensurverträge der Frau von der Leyen gesetzwidrig und nichtig sind, machen wir schnell ein Gesetz“.

Aber damals ging es ja auch nicht um das wohlfeile Beurteilen einer entfernten Gesetzgebungsinitiative, nachdem sich gezeigt hat, dass ein erheblicher Anteil der Menschen gegen dieses Gesetz ist. Nein, damals ging es um die Durchsetzung auch ihres politischen Gestaltungswillens in Deutschland, da fallen Urteile über verblüffend ähnliche Ideen zur Errichtung einer Zensurinfrastruktur schon einmal ganz anders aus. Zumal es eine gute Unterstützung mit einer allmedialen Schmutzkampagne unter dem psychischen Hebel des Empörungspotenziales bei sexuellen Kindesmissbrauch gab.

Das hätten sie jetzt fast vergessen, nicht?!

Aber das Internet vergisst so etwas nicht.

Und ich vergesse auch niemals diese Menschen, die mit niederträchtigen Lügen, systematischen Fehlinformationen und psychisch enorm wirksamer Propagada daran mitgearbeitet haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der jemand wie ich als „Freund von Kinderfickern“ beschimpft, kriminalisiert und verachtet wurde — einfach nur, um Internetzensur als ein kleineres Übel erscheinen zu lassen.

Menschen wie zum Beispiel sie es sind, Frau Zypries.

Und glauben sie mir, ich bin nicht der einzige, der das nicht vergessen wird.

Plonk.

Der Nachtwächter

PS: Wenn sie noch ein bisschen mehr von ihren eigenen Worten genießen wollen, Frau Zypries, können sie ja mal auf die Seite schauen, die erklärt, warum es dieses Blog gibt. Wenn sie seit dieser Zeit wirklich etwas gelernt haben und es sich bei ihrer Stellungnahme auf Abgeordnetenwatch nicht um die üblichen Lügen ihrer gesellschaftlichen Klasse handelt, können sie mich und alle anderen Menschen gern davon überzeugen, indem sie mit ihrem ganzen menschlichen und politischen Einfluss entschlossen gegen das jetzt drohende Zensurabkommen ACTA vorgehen. Oder sehen sie das schon wieder als „etwas ganz anderes“ an, so wie damals das Zensurgesetz der Frau von der Leyen?


Verlierer Burda will neue Spielregeln

Zitat Heise Online:

Der Verleger Hubert Burda (Bunte, Focus) hat neue Spielregeln für Suchmaschinen und soziale Netzwerke im Internet gefordert. Wie bei Telekommunikationsunternehmen, die für alle Anbieter gleichberechtigt die Infrastruktur für den Datenfluss im Netz zur Verfügung stellen müssen, sollte es etwa für Plattformen wie Google und Facebook auch eine „Netzneutralität“ geben […]

Google setze sich mit eigenen Angeboten oft an die Spitze der Suchergebnisse – zum Nachteil der Verlage. Die Inhalte-Lieferanten würden lediglich mit einem kleinen Anteil an den Google-Werbeerlösen beteiligt […]

Der Verlegerpräsident bekräftigte die Forderung der Print-Branche nach einem Leistungsschutz für Verlagsangebote im Netz. So wie etwa Programmierer ein Urheberrecht auf ihre Codes hätten, müsste es auch „ein Recht auf Content“ im Netz geben […] Er erwarte dazu ein Wort von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die am Freitag auf dem Kongress sprechen soll.

Ganz kurzer Kurzkommentar

Ich fordere neue Spielregeln für Schach, Skat, Mensch-ärger-dich-Nicht und die ganzen anderen Spiele, bei denen ich immer verliere

Offener Brief an Hubert Burda

Werter Herr Burda!

Die Welt hat das Internet nicht gerade ihnen und ihresgleichen zu verdanken. Sie und ihresgleichen sind erst nachträglich auf diesen Zug aufgesprungen, als das Internet schon längst da war, weil sie sich davon etwas versprachen. Hätten sie sich vorher einmal angeschaut, was dieses Internet eigentlich ist, dann hätten sie vermutlich andere Entscheidungen getroffen und wären strategisch anders vorgegangen. Vielleicht sogar besser und gewinnbringender — für sie und für die Nutzer ihrer pseudojournalistischen Angebote.

Niemand, aber auch wirklich niemand, hat sie dazu gedrängt oder auch nur darum gebeten, dass sie ihre minderwertigen Presseprodukte als Reklameschleudern ins Internet stellen. Sie haben das selbst gemacht, Herr Burda. Weil sie es wollten. Und weil sie gierig waren und sich eine finanziell lukrative Zweitverwertung des industriell erstellten Contents versprachen.

Dass ihnen das Ergebnis dieser Bemühung nicht gefällt, überrascht mich nicht. Dass sie angesichts dieses aus ihrer Sicht unbefriedigenden Ergebnisses nach staatlichen Sondersubventionen und neuen, zusätzlichen Standesrechten schreien, überrascht mich ebensowenig. Es ist nichts Neues. Es ist genau dieses gleichermaßen dreiste wie durch Wiederholung langweilige Herrenmenschengehabe, dass sie und ihresgleichen bei einem großen Teil der Gestalter und Nutzer des Internet so unbeliebt macht.

Wenn ihnen, Herr Burda, Facebook nicht gefällt, zwingt sie niemand, dort zu sein — und wenn sie dort plakativ gehen und einen Beitrag zur allgemeinen Aufklärung über die Machenschaften dieses Datensammlers leisten, bekommen sie von mir sogar eine in ihrem Lob völlig ernst gemeinte Erwähnung.

Wenn Ihnen, Herr Burda, Google nicht gefällt, lassen sie ihren Administrator einfach eine Datei robots.txt im Wurzelverzeichnis ihrer Webpräsenzen anlegen und sagen sie Google darin, dass es nicht mehr indizieren soll. Google hält sich selbstverständlich an ihre Wünsche, und ihnen entstehen nicht einmal Kosten. Es ist ein Kinderspiel. Jeder Mitgestalter des Internet weiß, wie das geht, und es wird immer wieder gemacht.

Aber dass sie jetzt von der Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland einfordern, dass diese öffentlich dafür eintreten soll, für sie und ihresgleichen absurde Sonderrechte zu schaffen, ist nur noch kindisch und wirkt… um es einmal in der dafür angemessenen Kindersprache zu sagen… doof.

So, und jetzt lesen sie einfach hier weiter. Viel Spaß beim Sterben in ihrer Doofheit! Sie können ja ein Integrations-Bambi mit ins Grab nehmen.

Der Nachtwächter
…der sich immer noch nicht vom Lachanfall erholt hat.


Offener Brief an Alexander Skipis

Zur Abschreckung von Internetpiraten verlangt die deutsche Buchbranche Warnhinweise im Netz. „Bei jedem illegalen Download von sogenannten Filesharing-Plattformen werden dann die Nutzer darauf hingewiesen, dass sie was Illegales tun“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, der Deutschen Presse-Agentur vor dem Beginn der Frankfurter Buchmesse […]

Diese Hinweise müssten automatisch von den Internet-Providern verschickt werden. „Diese versagen sich aber bislang. Deshalb brauchen wir die Hilfe der Politik.“

Alexander Skipis, zitiert in „Die Presse“

Offener Brief an Herrn Skipis

Werter Herr Skipis,

als ein Mensch, der seine Sozialisation im vordigitalen Zeitalter erfuhr und seine Bildung zu einem großen Teile der zivilisatorischen Großtat öffentlicher Leihbüchereien dankt, neige ich ja zum Glauben, dass Bücher als Medium ein Träger von Bildung sind.

Ein solcher Glaube ist wie jedes Glaubenssystem irrational, denn die Bildung ist ja unabhängig vom Medium, durch das sie vermittelt wird. Dennoch bringt die Irrationalität dieses Glaubens — ich vermute stark, dass selbst sie, Herr Skipis, allein deshalb wissen, wie so eine Psyche tickt, weil sie selbst eine Psyche sind — gewisse Verschiebungen mit sich. Dies hat zur Folge, dass sich die Vorstellung „Bildung“ nicht nur auf das Buch selbst, sondern auf seinen ganzen gesellschaftlichen Kontext, also die Buchhandlung, den Verlag, den Druck… genug davon, sie wissen sicherlich besser als ich, was zu einem Buche gehört.

Ich bin ihnen zu Dank dafür verpflichtet, dass sie mit ihrer Stellungnahme gegenüber der Journaille einen Beitrag dazu geleistet haben, diesen irrationalen Glauben zu zerstören. Dies gilt umso mehr, als dass ich davon ausgehe, dass ihnen diese Zerstörung nicht nur bei mir, sondern bei beinahe jedem reflexionsfähigen Leser und Hörer ihrer Worte gelungen ist. Angesichts ihrer Worte ist es geradezu ein Genuss, der von ihnen vertretenen Industrie dabei zuzuschauen, wie sie sich selbst ihr Grab schaufelt.

Das beginnt bereits mit der von ihnen herangezogenen „Studie“, die hier bereits erwähnt wurde. In dieser Studie wurde pauschal jeder Download eines PDF-Dokumentes als illegale Kopie eines so genannten E-Books gewertet, unabhängig davon, welchen Inhalt das Dokument hatte — nur mit diesem kleinen „Trick“ war es ihnen offensichtlich möglich, die gewünschten erschröcklichen Zahlen zu bekommen. Damit sie selbst eine Chance haben, zu bemerken, wie hanebüchen eine derartige Vorgehensweise ist, werde ich diesen offenen Brief auch als PDF zum Download stellen, was in ihrer „Studie“ als ein illegal kopiertes E-Book gezählt worden wäre. Sie beanspruchen für die Industrie, die sie mit derart dümmlichen Argumenten vertreten, also allen Ernstes so etwas wie das alleinige Recht, bestimmte Dateiformate zum Download — selbstverständlich zum kostenpflichtigen — zur Verfügung stellen zu dürfen und kriminalisieren jede weitere Nutzung dieses Formates als „illegal“.

Nun, man muss schon sehr bückgeistig sein, wenn man angesichts eines solchen Anspruches Dankbarkeit ob der Tatsache empfindet, dass sie diesen Anspruch nicht auf HTML-Dateien und ASCII-Texte ausweiten. Es wäre nicht nur genau so „berechtigt“ — oder besser: hirnrissig — sondern es würde die von ihnen in die Presse gebrachten Zahlen noch erschreckender machen. Zudem wäre es ihnen gelungen, das Internet zur Gänze zu kriminalisieren, da sie jede Veröffentlichung einer textuellen Information als „Raubkopie“ gebrandmarkt hätten.

Schön also, dass schon mit geringer Denkanstrengung klar wird, wie dumm und ungebildet die Grundlage ihrer rückständigen und totalitären Forderungen ist, Herr Skipis.

Auf der Grundlage dieser dummen, rückständigen und totalitären Forderungen möchten sie nun ein Sonderrecht für die von ihnen vertretene Industrie politisch durchgesetzt sehen. Sie wünschen, dass politisch erzwungen wird, dass Internet-Zugangsanbinder von ihnen in ihrer autistischen Weltsicht kriminalisierte Dateiformate ausfiltern, selbst wenn dies die Überwachung des gesamten Netzverkehres erforderte.

Finden sie es eigentlich auch manchmal schade, nicht in einem totalitären Staate wie der Volksrepublik China zu leben? Dort könnten ihre Fantasien durchaus eine gewisse gesellschaftliche Wirkung entfalten, auch wenn diese Wirkung nur von jener gesellschaftlichen Minderheit erwünscht ist, die von ihrem Mund vertreten wird.

Oder sind sie gar nicht so ein Feind eines freiheitlichen Staates, und haben sie nur einfach heute morgen vergessen, ihre Medikamente einzunehmen?

Denn wenn sie keinen totalitären Staat und die weitgehende Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte wünschen, kann die von ihnen zum Besten gegebene Form der Propaganda beim besten Willen nur eines bedeuten: Dass sie unter massiven und dringend behandlungsbedürftigen Realitätsverlusten leiden. Wenn sie der von ihnen vertretenenen Sache nicht massiven Schaden zufügen wollen, kann ich ihnen nur empfehlen, dringend professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Hochachtungsvoll

Elias Schwerdtfeger


Rabulistik für die Verlegerlobby

Qualität lässt sich durch Blogger nicht ersetzen. […] Was nützt es, der Schnellste zu sein, wenn dadurch Verlässlichkeit und Qualität leiden?

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzler

Leseempfehlung

Statt des üblichen Kommentars nur ein Link auf den Offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel: Warum beleidigen sie Menschen, die ein Grundrecht wahrnehmen — denn dort ist fast alles zu Frau Merkels aktueller Rabulistik gesagt.


Offener Brief an Sebastian Edathy

Dann können Sie gerne Folgendes hinzufügen: Sie können mich mal. [Auf Nachfrage präzisiert] Kreuzweise! […] können Sie mich, wie gehabt, mal am Arsch lecken.

Sebastian Edathy (SPD) auf die Nachfrage des Rechteinhabers eines von ihm verwendeten Fotos

Werter Herr Edathy,

ich muss zugeben, dass ich angesichts ihrer Erwiderung gegenüber einem Rechteinhaber an einer von ihnen verwendeten Fotografie erheitert war.

Dies nicht nur, weil ich den Schwäbischen Gruß für ein viel zu wenig gepflegtes Gut in der Deutschen Sprache halte. Sondern auch, weil ich mich mehr als nur klammheimlich darüber freue, dass auch einmal ein Mitglied des Deutschen Bundestages in seiner volksfernen Parallelwelt mitbekommt, was das gegenwärtige Urheberrecht in der täglichen Praxis des Internet bedeutet. Denn der Fotograf, der sie so sehr mit seinem Anspruch zu nerven schien, dass sie auf die sonst in ihrer Klasse übliche, verschwurbelte Ausdrucksweise verzichteten, ist vollständig im Recht.

Jeder Mensch in Deutschland, der über begrenzte Geldmittel verfügt, wäre über einen persönlichen Hinweis ohne teuren Briefkopf einer Anwaltskanzlei, ohne gesalzen kostenpflichtige Abmahnung und ohne zu unterschreibende Unterlassungserklärung so froh gewesen, dass er sich beim Fotografen aufrichtig dafür bedankt hätte und auf die weitere Nutzung der Fotos verzichtet hätte. Denn die sonst unter den rechtlichen Bedingungen der BRD entstehenden Kosten können für „normale“ Menschen leicht existenzbedrohend teuer werden. Wenn sie Näheres zu dieser Thematik wissen möchten, Herr Edathy, empfehle ich ihnen die Website von Rettet das Internet als erste Lektüre.

Und in der Tat, ihre Feststellung laut oben verlinkten Artikel…

[…] Wenn man so strenge Maßstäbe an die Veröffentlichung von Bildern anlege, würde das dazu führen, dass jeder dritte Facebook-Eintrag gelöscht werden müsse.

…entspricht völlig den Tatsachen. Es geht sogar noch weiter, es ist wohl auch gut ein Drittel aller Websites in der Bundesrepublik Deutschland davon betroffen. Von den vielen, meist privaten Sitebetreibern werden recht willkürlich einige herausgepickt und mit teuren Briefen bombadiert. Ich kenne über zwanzig in der Bundesrepublik Deutschland gehostete Websites, die aus derartigen Gründen geschlossen wurden; und ich gebe inzwischen jedem Menschen den Tipp, sein Internetprojekt außerhalb der Bundesrepublik Deutschland hosten zu lassen und jede Identifizierung unmöglich zu machen. Einer ihrer Genossen, der Herr Bartels, hat das schon seit einem halben Jahrzehnt hinter sich; vielleicht schauen sie mal hier, hier, hier, hier, hier und hier, wenn sie etwas über die Hintergründe erfahren möchten.

Verstehen sie mein Entzücken, Herr Edathy? Sie sind ein Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie sind Gesetzgeber. Sie sind für diese… sie werden mir diese kleine Entgleisung doch gewiss entschuldigen, sind ihre Aussprüche doch auch nicht von schlechten Eltern… sie sind für diese Scheiße verantwortlich. Es wäre an ihnen, Herr Edathy, nicht nur vor einer erheiterten Internetöffentlichkeit ihren deftigen Wortschatz zur Bezeichnung des Rektums zum Besten zu geben, sondern im Bundestage darauf hinzuwirken, dass das an den Bedingungen der Rundfunk- und Printmedien orientierte Urheberrecht in der Bundesrepublik Deutschland in einer Weise ausgestaltet wird, die auch den veränderten Bedingungen des Internet Rechnung trägt, ohne dass dabei der erforderliche Ausgleich zwischen Rechteinhabern und Nutzern auf der Strecke bleibt.

In welcher Form dies geschehen sollte, ist allerdings ein Thema, über das sich trefflich streiten lässt — wie es beim Interessenausgleich ja regelmäßig der Fall ist. Sicher ist nur, dass es geschehen muss. Es ist seit gut zehn Jahren überfällig.

Vielleicht sehen sie, Herr Edathy, ja jetzt einen Ansporn zu einer lobenswerten und notwendigen Tätigkeit im Bundestage.

Mit freundlichen Grüßen

Ein Mitgestalter des deutschsprachigen Internet


Offener Brief an Bundesministerin Ilse Aigner

Mit der „Button-Lösung“ können wir der Internet-Abzocke einen Riegel vorschieben und unseriösen Anbietern leichter das Handwerk legen […] Mit der „Button-Lösung“ haben unseriöse Geschäftemacher im Internet künftig keine Chance mehr, ihre Preise vor den Verbrauchern zu verstecken

Ilse Aigner, CSU

Ein Offener Brief an Stelle eines Kommentares

Werte Frau Bundesministerin Ilse Aigner,

ihnen ist schon bewusst, dass es sich bei den so genannten „Abzockern“ um Menschen mit hoher krimineller Energie handelt?

Ihnen ist schon bewusst, dass die so genannten „Abzocker“ ihre Opfer finden, indem sie erstens Werbung schalten, und indem sie zweitens mit massiver SEO-Spam den Index der Suchmaschinen manipulieren? Aus eigenem Antrieb besucht nämlich niemand eine Website, auf der man für etwas viel Geld bezahlen muss, das entweder nutzlos ist oder aber — im Falle kostenloser und Freier Software — überall anders ohne Bezahlung erhältlich ist.

Ihnen ist schon bewusst, dass es technisch kein Problem ist, den vom Browser übermittelten Header Referer auszuwerten? Dieser gibt an, von welcher vorher aufgerufenen URL ein Seitenbesucher kommt. Und ihnen oder einem ihrer Experten ist hoffentlich bekannt, dass es eines Programmieraufwandes von nur zwei Minuten bedarf, um Besuchern, die von geschalteten Anzeigen oder einer Suchmaschine direkt auf eine Unterseite gelenkt wurden, eine anders gestaltete Seite zu präsentieren, auf der weiterhin nicht direkt kenntlich ist, dass Kosten entstehen.

Ihnen ist schon bewusst, dass das Opfer eines betrügerischen Abzockers in so einem Fall keine vernünftige Chance hat, diese Manipulation vor einem Gericht zu belegen? Und dass sie, Frau Bundesministerin, mit ihrem neuen Gesetz dann dafür gesorgt haben, dass aus einer derartigen Manipulation ein rechtswirksamer Vertrag entstanden ist? Dass es ihr Gesetz ist, dass dazu führt, dass die betrügerischen Abzocker das Geld also nicht mehr nur durch erpresserisch formulierte Mahnschreiben und Inkasso-Gefuchtel ergaunern müssen, sondern nun auch einklagen können? Denn der Vertrag ist nach ihrem neuen Gesetz zustande gekommen, ein überprüfender Richter kann persönlich die entsprechenen Websites aufrufen, er kann sich sogar über einen Dienst wie web.archive.org davon überzeugen, dass sie nicht verändert wurden, wenn er denn so überhaupt engagiert ist.

Ihnen ist dann also auch bewusst, dass ihre „Button-Lösung“, die sie zurzeit in die Kameras und in die Mikrofone der Contentindustrie als großen Fortschritt für die Verbraucher verkaufen, in Wirklichkeit die Verbraucher schutzloser macht und nur für die betrügerischen Abzocker einen großen Fortschritt darstellt?

Was meinen sie wohl, Frau Bundesministerin Aigner, welcher Verdacht da bei jemanden entstehen wird, der von den demnächst kommenden neuen Betrugsmaschen betroffen sein wird? Die einen werden sich vielleicht noch arglos fragen, wie inkompetent eigentlich die Politiker und technischen Berater in ihrem Ministerium für Verbraucherschutz sein müssen, damit eine solche Verschlechterung des Verbraucherschutzes Gesetzeskraft erlangen konnte. Die anderen, Frau Bundesministerin, werden sich freilich die sehr naheliegende Frage stellen, wer sie, Frau Bundesministerin, eigentlich für ihre Politik bezahlt hat. Und. Wie viel dafür wohl bezahlt wurde.

Frau Ilse Aigner! Die Party, die zurzeit an einem gewissen Kreisel in Frankfurt läuft, hört man bis København. Was dort so ausgelassen gefeiert wird? Dort wird ihr Gesetz gefeiert. Es sind ja noch 75 Millionen potenzielle Opfer übrig in der Bundesrepublik Deutschland. Die Abzocke über das Internet ist — und dank ihres Gesetzes, Frau Aigner, bleibt sie das auch — ein Millionengeschäft. Und zwar eines, das es nur in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Woran das liegt? Es liegt wohl daran, dass es überall anders als bewusste Irreführung betrachtet wird, wenn irgendwo „gratis“ oder „kostenlos“ draufsteht, und anschließend erhebliche Kosten entstehen. Oder wenn geringwertige Dienstleistungen zu einem an Wucher gemahnenden Preis verkauft werden. Und es liegt daran, dass überall anders solche Irreführungen mit empfindlichen Bußgeldern abgestraft werden.

Denken sie mal darüber nach! Vielleicht tun sie dann sogar noch etwas für den Verbraucherschutz. Im Moment scheinen sie mehr um den Verbrecherschutz bemüht zu sein.

Ein kopfschüttelnder Internetnutzer
Nach Diktat verreist