Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Offener Brief an Jakob Augstein

Wir müssen die Daten nach Hause holen

Dieser Zustand muss enden. Das ist keine Frage des Geschmacks. Sondern des Interesses. Ganz gleich von welcher Seite aus man es betrachtet – Datenschutz, Sicherheitspolitik, Wirtschaft: Alles spricht dafür, dass Deutschland und Europa nach digitaler Selbstbestimmung streben. Das Vorhaben ist gewaltig: ein europäisches Datenschutzrecht, eine europäische Suchmaschine, kontinentale Server, Datenleitungen und Standards unter Kontrolle europäischer Institutionen, die uns allen Rechenschaft schuldig sind.

Jakob Augstein auf Spiegel Online — Obamas PR-Offensive: Der Kaiser und seine Vasallen

Anstelle eines Kommentares hier ein
Offener Brief an Jakob Augstein und Spiegel Online

Werter Herr Augstein,

mit schwer unterdrückbarer Heiterkeit habe ich ihre mit der unwiderstehlichen Mischung aus Pathos und Dummheit geladenen Worte gelesen, in denen sie „digitale Selbstbestimmung“ von anderen fordern. Ihre hehren Worte wurden auf einer Webseite veröffentlicht, die externe JavaScript-Ressourcen und damit viel genutzte Datensammel- und Trackingmöglichkeiten aus insgesamt achtzehn externen Quellen einbettet, darunter auch:

[Achtung! Alle Links in der Aufzählung gehen auf die Websites von site-übergreifenden Trackern und Datensammlern aus den USA.]

Da sie in ihrer „Argumentation“ die nationale Karte (in EU-Verlarvung) spielen, ganz so, als müssten die über das Internet gerouteten Datenpakete irgendwo einen Reisepass vorlegen, habe ich hier nur die Tracking-Skripten aus den USA aufgelistet — es sind natürlich noch etliche mehr.

Angesichts der von ihnen in diesem Kontext verfassten Realsatire zur „digitalen Selbstbestimmung“ habe ich nur noch wenige Fragen:

  1. Wieso beginnt „Spiegel Online“ nicht einfach damit, digitale Selbstbestimmung im eigenen Haus und auf der eigenen Website herzustellen? Wieso ist „Spiegel Online“ nicht dazu imstande, die eingebettete Reklame selbst und in eigener Verantwortung zu hosten und bedient sich dafür der Dienstleistungen von Anbietern aus einem Rechtsraum, in dem Datenschutz keine Rolle spielt und in dem offen menschenrechtsverachtende Geheimdienste längst zu einem Staat im Staate geworden sind, wie man dies nur von den früheren Staaten im Einflussbereich der Sowjetunion gewohnt war? Könnte das daran liegen, dass ihnen das Thema in Wirklichkeit völlig gleichgültig ist? Oder ist die Marke „Spiegel“ nach ihrer eigenen Einschätzung, Herr Augstein, inzwischen so weit runtergekommen, dass eine direkte Vermarktung keinen Erfolg mehr verspräche und bedient sich „Spiegel Online“ aus diesem Grund der gleichen windigen und minderqualitativen Vermarktungsideen, mit denen auch dubiose Warez- und pr0n-Sites ihren Reibach generieren?
  2. Wieso benötigt „Spiegel Online“ für seine internen Statistiken die Dienstleistungen von „Google Analytics“? Wissen die technisch Verantwortlichen bei „Spiegel Online“ etwa nicht, dass ein Webserver eine Logdatei wegschreibt, die sich sowohl mit freien und kostenlosen, als auch mit proprietären Werkzeugen in vielerlei Weise auswerten lässt, wobei mehr Daten über die Site-Nutzung anfallen, als man jemals wissen wollte? Sind die technisch Verantwortlichen bei „Spiegel Online“ mit der geringfügigen technischen Kompetenz schon überfordert, die dafür erforderlich ist, eine solche, auch für die um Privatsphäre besorgten Leser bessere Lösung anzuwenden? Oder herrscht einfach nur eine große Gleichgültigkeit vor, die im schrillen Widerspruch zu ihrer geradezu staatstragend verfassten Kolumne steht? Diese Frage ist umso interessanter, als dass „Spiegel Online“ offenbar kein großes Vertrauen in die Leistung von „Google Analytics“ hat und deshalb seinen Lesern das Tracking durch einen zweiten externen Statistik-Anbieter, „Meetrics“, zumutet — was mich nur an einen alten Witz erinnert: „Ein Mann mit einer Uhr weiß immer, wie spät es ist. Ein Mann mit zwei Uhren ist sich niemals so sicher.“
  3. Wozu benötigt „Spiegel Online“ die extern gehosteten Tracking-Skripten von Twitter, Google +1 und Facebook? Ist „Spiegel Online“ der Auffassung, dass die Leser von „Spiegel Online“ nicht dazu imstande sind, die Adresse aus der Adressleiste des Browsers über die Zwischenablage in das Posting-Feld des jeweils verwendeten Social-Media-Anbieters zu kopieren? Zum Beispiel, weil sie vom „Qualitätsjournalismus“, der ihnen in „Spiegel Online“ regelmäßig begegnet, inzwischen so verdummt wurden, dass sie nicht einmal mehr den Computer bedienen können, vor dem sie sitzen?

Über diese sich direkt aufdrängenden Fragen hinaus stellt sich natürlich die Frage, ob sie schon einmal davon gehört haben, dass das Routing im Internet keine Staatsgrenzen kennt und dass man dieses Konzept recht künstlich draufsetzen müsste. (Oder ist ihr Artikel eine von der Deutschen Telekom bezahlte Schleichwerbung für Schlandnet?) Oder die Frage, ob sie die Überwachung durch Polizeien und Inlandsgeheimdienste der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union für harmloser halten als die Überwachung durch Geheimdienste der USA. Oder ob sie sich einfach nur der Aufgabe entledigt haben, schnell zu einem tagesaktuellen Thema ein paar Worte Text in das Redaktionssystem abzusetzen, damit sich die von US-Anbietern darum platzierte Reklame um so besser verkauft.

Ach, Herr Augstein, sie sehen schon, warum ich mich vor Lachen kaum beherrschen konnte.

Obwohl es wirklich ein ernstes Thema ist.

Aber in den „qualitätsjournalistischen“ Händen von Leuten wie ihnen, Herr Augstein, wird der Ernst eben schnell unfreiwillig komisch. Pathos und Dummheit ist nun einmal eine erzlächerliche Kombination. Welches Licht diese Kombination auf den „Qualitätsjournalismus“ in „Spiegel Online“ zu Themen wirft, in denen ich mich zufällig nicht besonders gut auskenne, können sie sich sicherlich leicht vorstellen.

Ihr ihren Journalismus „genießender“
Nachtwächter

PS: Dass der „Spiegel“ einen PGP-Schlüssel für eine Kontaktadresse veröffentlicht, ist übrigens zusammen mit den sehr sinnvollen Hinweisen für eine sichere Kontaktaufnahme sehr lobens- und für andere journalistische Produkte nachahmenswert.

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3 Antworten

  1. Foobar

    Also die Sache mit der „sicheren Kontaktaufnahme“ ist auch eine Farce für sich:
    1. Der Schlüssel lässt sich über die SPON-Seite ausschließlich via HTTP laden.
    2. HTTPS-Anfragen werden via HTTP 301 auf eine unverschlüsselte HTTP-Seite gemoved. Wenn man sich schon eine Unterschrift gekauft hat, ist es dann auch zu schwer, den Server so zu konfigurieren, dass ALLES verschlüsselt zu beziehen ist? Natürlich raucht dann die Kiste ein wenig mehr, aber dafür kann man dann ja gerne noch eine Trackingwanze installieren, welche selbstverständlich auf SSL verzichtet – wo käme man denn da noch hin?
    3. Der Schlüssel an sich ist nur von 3 Personen unterschrieben, davon ist eine sogar nur ein Synonym.

    Ich schließe mich hier dem Nachtwächter vollständig an und füge noch hinzu:
    1. Trackingwanzen entfernen
    1.1 Auswertung über Access- & Error-Logs
    2. vollverschlüsselter Zugriff
    3. ?
    4. Profit oder wahlweise Pony-Bilder

    Werbung könnte man eventuell gegen ein nettes Spendesystem (nein, keine Paywall) austauschen und ich wäre sogar gewillt, von meinem nicht vorhandenen Schülereinkommen etwas abzuzwacken.

    20. Januar 2014 um 22:02

    • Foobar

      Ich füge noch hinzu, dass die zwei Unterschreiber mit echtem Namen keine Unterschriften besitzen und dass das Synonym nur eine Unterschrift von einem anderen Synonym erhalten hat, welche wiederum von dem vorherigen Synonym ausschließlich beglaubigt worden ist.

      Somit haben wir eine wunderbare Insel im Web of Trust, welche einem gar nichts bringt. Yay.

      Wenn man einfach spiegle.de im Keyserver sucht, findet man sogar mehrere Adressen, jedoch haben scheinbar nicht einmal die eigenen Schreiberlinge den Hauptschlüssel signiert. Man sollte in der SPON-Hauptzentrale mal eine Keysigning-Party abhalten.

      20. Januar 2014 um 22:05

  2. Pingback: Das Al-Gore-Syndrom | wwwahnsinn

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