Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Dezember, 2012

Fantasien

Chaos Computer Club: Aufruf zum Widerstand gegen den Überwachungsstaat -- Der Hacker Jacob Appelbaum hat beim Kongress des Chaos Computer Clubs ein sehr persönliches Plädoyer gegen ausufernde staatliche Überwachungsfantasien gehalten.

Kurzkommentar

Nein, Zeit Online, Jacob Appelbaum hat nicht über irgendwelche Fantasien gesprochen, sondern über den ständig weiter vorangetriebenen Ausbau der konkreten und mittlerweile in beinahe jedes Leben hineinragenden staatlichen Überwachungspraxis.

Aber das liest man besser in einer Primärquelle nach und nicht im Spiegelbild des „Qualitätsjournalismus“ — da wird aus jemanden, der sich mit einer großen Gefahr für Menschen- und Bürgerrechte beschäftigt, schon einmal jemand, dem es um irgendwelche Fantasien geht. Zwar nur im Anrisstext, aber dort ist diese als Meldung getarnte Bewertung schlimm genug.

Nachtrag, 28. Dezember, 17:10 Uhr: Na bitte, Zeit Online, es geht doch


Verweise und Zitate

Die Sprache wird flacher. Ein Großteil der Postings auf Twitter und Facebook sind Verweise und Zitate. Man „verlinkt“ ins Netz und macht darauf aufmerksam, dass etwas anderes da ist. Dieses Zeigen ist nur auf den ersten Blick reines Hinweisen. Tatsächlich belegt hier der Fund den Finder. Dieser untermauert damit, dass er originelle Informationen für seine Gruppenfreunde heranzuschaffen vermag – und somit selbst originell ist. Verweisen ist einfacher, als selbst kluge Gedanken zu entwickeln.

Sueddeutsche.de — Kommunikation im Internet: Internet-Kommunikation ist anfällig für Missverständnisse

Zwei satirische Kommentare

Zum Titel des Artikels: <loriot>Ach!</loriot>

Zur zitierten Textpassage: Die Inhalte werden flacher. Ein Großteil der Artikel in der Tagespresse sind direkte Zitate aus Presseerklärungen und dem NITF-Ticker der großen Nachrichtenagenturen. Die Zeitungen stellen Kopien dieser Texte ins Netz und machen darauf aufmerksam, dass etwas anderes da ist. Dieses Kopieren ist nur auf den ersten Blick reines Hinweisen. Tatsächlich belegt hier die Kopie der Meldung den zum Kopisten gewordenen Zeitungsmacher. Dieser untermauert damit, dass er originelle Informationen für seine Zielgruppe heranzuschaffen vermag — und somit selbst originell ist. Kopieren der Inhalte von Presseerklärungen und Agenturmeldungen ist einfacher, als selbst kluge Gedanken zu entwickeln oder gar journalistisch tätig zu werden.

Aber das Verhalten von (übrigens klar festgestellt: nicht für diese Tätigkeit bezahlten und nicht demnächst durch ein „Leistungsschutzrecht“ genanntes Standesrecht querfinanzierten) Menschen im Web ist ja etwas gaaaanz anderes… meint jedenfalls Herr Graff. Der schließt dann seinen kümmerlichen Versuch mit den Worten:

Diesen Verdacht hegte schon vor Jahren Zachary „Spokker Jones“ Gutierrez, der Autor der Comedy-Website Something Awful. Er schrieb: „In vierzig Jahren, wenn das Netz in einer gigantischen Implosion von Dummheit zusammengebrochen sein wird, möchte ich sagen können: ‚Ja, ich bin dabei gewesen!'“

Der „Qualitätsjournalismus“ in seiner ständigen plumpen Propaganda gegen das Internet wird sich allerdings deutlich vor Ablauf dieser vierzig Jahre in seiner klaffenden Dummheit selbst aufgefressen haben. Auch für Zeitungen gilt im Jahre Frankfurter Rundschau und FTD: Vor dem Aussterben kommt das Ansterben.


SMS und Twitter: Die Sprache stirbt!

Twitter und SMS gefährden nach Meinung des Rechtschreibrats-Vorsitzenden Hans Zehetmair das deutsche Sprachgut. „Die deutsche Sprache wird immer weniger gepflegt“, beklagte Zehetmair in einem dpa-Gespräch. […]

Der Sprachverfall betreffe vor allem die junge Generation. Das Vokabular der Jugendlichen sei via SMS und Twitter generell sehr simpel, die Rechtschreibung fehlerhaft. „Alles ist super, top, geil, aber nicht mehr authentisch“, kritisierte Zehetmair. „Ich will die moderne Technik nicht verurteilen, aber die Jugend darf sich von der schwindelerregenden Entwicklung nicht vereinnahmen lassen.“ […] sagte der ehemalige bayerische Kultusminister: „Einer SMS mangelt es an Gefühl und Herzlichkeit.“ […]

Tablets, Twitter und WhatsApp sollten Kinder daher erst benutzen, wenn sie schon gefestigte Deutsch-Kenntnisse hätten – unter 14 Jahren sind diese Kommunikationsmittel nach Ansicht Zehetmairs entbehrlich. „Wenn man stundenlang vor dem iPad sitzt, färbt das eben ab.“

Sprache dürfe kein „dürres Gerippe“ sein, sondern müsse „als Schmuckstück gebraucht werden, mit Adjektiven verziert“ […]

Kinder sollten wieder mehr Gedichte lernen und Bücher lesen, um die Schönheit der Sprache zu erleben, forderte Zehetmair, der auch Vorsitzender der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in München ist

Rechtschreibrat-Chef: Twitter und SMS schaden der Sprache

Satirischer Kommentar

Die Gespräche von Kindern auf dem Spielpaltz gefährden nach Meinung des Rechtschreibrats-Hansels-Zettelmeier der deutschen Sprache windungsreichen Formenreichtum in den Anordnungsmöglichkeiten des Wortmateriales zu gestelzten, papierhaften Mittelungen. Die deutsche Sprache, so der mahnende Zettelmeier, erfahre ein bedauernswert geringes Maß an Pflege bei ihrer Verwendung durch sprechende Menschen, insbesondere Kinder.

Der Sprache beklagenswerter Verfall betreffe vor allem den Gebrauch der Sprache durch die heranwachsende Generation. Der Wortschatz der miteinander sprechenden Jugendlichen sei im Allgemeinen sehr vereinfacht und bruchstückhaft, agrammatisch und von falschen Schreibungen geprägt. „Alles ist super, top, geil, aber es ist nicht mehr so authentisch, als spräche einer im bleischweren Essaystile wie auf vierzehn Seiten Papiers über seine Betrachtungen beim Anblick einer fallenden Schneeflocke und breitete diese vor einem geduldigen und selbst schweigenden Zuhörer aus“, kritisierte der Zettelmeier. „Ich will den Sprachgebrauch auf Spielplätzen nicht verurteilen, aber die Jugend darf sich von der schwindelerregenden Entwicklung meiner Buchsprache zu einem Mittel des unumschwiffenen menschlichen Austausches nicht vereinnahmen lassen“. Der ehemalige bayerische Kultusminister sagte ferner: „Der harschen Kindersprache mangelt es an Gefühl und Herzlichkeit“.

Deshalb sollen, so der Zettelmeier, Kinder erst dann miteinander reden, wenn sie schon gefestigte Kenntnisse im gesamten Formenreichtum der schriftdeutschen Sprache hätten — bis zum Alter von 14 Jahren sei es für Kinder vollständig entbehrlich, untereinander zu sprechen. Stattdessen sollten sie in stundenlangen Exerzitien mit Tinte und Feder auf Papier — oder besser noch: zur Erhöhung der Wertschätzung dieses Vorganges auf Pergament — schreiben, während ihnen alle anderen sprachlichen Mittel verboten werden sollten. „Wenn man stundenlang miteinander redet, färbt das eben ab“.

Kinder sollten wieder mehr Kirchenlieder auswendig lernen und Bücher lesen, um die Schönheit der Sprache zu erfahren, forderte der Zettelmeier, der auch Vorsitzender der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in München ist.

Ach übrigens, Herr Zehetmair: GAFL! Ach, wollen sie nicht, weil sie ihren gut alimentierten Platz im Betrieb der BRD-Lach- und Sachpolitik einem richtigen Leben vorziehen? Na, dann eben ab ins Aquarium!

Nachtrag, 22. Dezember, 14:55 Uhr: Heise online — Sprachforscher rügen Zehetmairs Twitter-Schelte

Nachtrag Zwei, 22. Dezember, 15:55 Uhr: Sprachlog — Sprachbrocken 51/2012, und dort unbedingt den abschließend verlinkten Text lesen, der sich mit dem blinden Geschafel des ehemaligen bayerischen Kultusministers vor einem Jahr inhaltlich auseinandersetzt.


Unteres Mittelfeld

Erster überraschender Befund: Die weltweite Nummer eins mit einem Online-Netzwerker-Anteil von 52 Prozent aller Erwachsenen ist Großbritannien – noch vor den USA und Russland, wo jeweils die Hälfte der Befragten soziale Netzwerke nutzen.

Deutschland rangiert dagegen am unteren Ende der Skala. Zwar ist der Nutzungsgrad von 34 Prozent aller Erwachsener noch im unteren Mittelfeld. Doch der Anteil der Verweigerer von sozialen Netzwerken ist mit 46 Prozent der Befragten der höchste unter allen betrachteten Staaten.

Damit erweist sich einmal mehr: Bei der Nutzung neuer Technologien ist Deutschland weiterhin ein Entwicklungsland, insbesondere im Vergleich mit anderen Industrienationen.

Wirtschaftswoche — Facebook, Infografik, Soziale Netzwerke, Twitter: Entwicklungsland Deutschland: Bei sozialen Netzwerken zwischen Mexiko und Tunesien

Kommentar

Ich verstehe: Aus der Sicht des Wirtschaftwoche-Schreibers zeigt sich also ein hoher Stand der Entwicklung „neuer Technologien“ (Bing! Bing! Bullshit!) darin, dass Menschen nichts selbst zuwege bringen und deshalb auf die Dienstleistungen von Sozialvermarktungsangeboten im Web angewiesen sind. Gibt es da zu viele „Verweigerer“, ist das nicht etwa ein gewisses Bewusstsein für die Datenschutzproblematik, die entsteht, wenn bei irgendwelchen Unternehmen ohne seriöses Geschäftsmodell ein sozialer Graph eines großen Teiles der Menschheit erstellt wird, sondern ein Zeichen, dass es sich um ein „Entwicklungsland“ bei der Nutzung „neuer Technologien“ handelt.

Ein weiteres Zeichen dafür, was für ein „Entwicklungsland“ die BRD ist, zeigt sich vermutlich in der Tatsache, dass in der TLD eines Staates mit rund 80 Millionen Einwohnern zurzeit 15.303.874 Domains¹ registriert sind — hinter der Mehrzahl davon dürfte sich eine Website befinden. Für jemanden wie Michael Kroker, der als extrakompetenter Spezialexperte (und übrigens Hausfachmann) für die Wirtschaftswoche schreibt, spielt so etwas keine Rolle — sein „Internet“ besteht nur aus enteignenden, überwachenden, datensammelnden Kommerzwebsites und ist frei von der Möglichkeit, ein von jedem frei mitgestaltbarer Raum zu sein.

¹Am 19. Dezember 2012 um 17:46 Uhr auf der Website der DENIC eG nachgeschlagen. Es kommen jeden Tag ein paar tausende neu registrierte Domains hinzu.


Nur so geht es!

Nur so können sich Internetnutzer mit der Marke Hannover identifizieren

Maximilian Oppelt, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes der CDU und hannöverscher Ratsherr zur „Begründung“, warum es eine Facebook-Seite für die Stadt Hannover geben soll
Zitiert nach Hannoversche Allgemeine — Stadt soll soziale Netzwerke nutzen: CDU will Hannover bei Facebook sehen

Kürzstkommentar

Na ja, ein stellvertretender Vorsitzender, dessen persönliche Angaben auf der Website des Kreisverbandes so aussehen wie es bei Herrn Oppelt der Fall ist…

Screenshot der Website des CDU-Kreisverbandes Hannover mit einer sehr leeren Seite zu Herrn Oppelt persönlich

…der glaubt vermutlich wirklich, dass irgendwas mit persönlich und identifizieren nur über eine US-amerikanische Werbe- und Datensammelfirma geht. Ein zusätzlicher Kältepunkt dafür, dass Hannover nicht als Heimat der darin lebenden Menschen, sondern als „Marke“ betrachet wird, die mit Coca-Cola und Sony zu konkurrieren hat.