Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Mai, 2013

Revolution abgeschlossen, Schule wird rebootet

Die gute Nachricht des Tages: Die digitale Revolution ist weitgehend abgeschlossen, meint Herr Dr. Walter Scheuerl, parteiloses, zur CDU-Fraktion gehöriges Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und Sprecher der Hamburger Volksinitiative „Wir wollen lernen“. Seine Einlassungen in Form von Kürzsttexten seien hier zur allgemeinen Erbauung wiedergegeben:

Screenshot eines Tweets von Walter Scheuerl -- hschmidt: Vier Schuldebatten an einem Tag. Die Bürgerschaft ist heute etwas monothematisch #hhbue -- jmwell: @hschmidt Und morgen ein Abendblatt-Aufmacher zu einem Schulthema, das heute nicht in der #hhbue behandelt wurde, soweit ch weiß. -- Walter_Scheuerl: @jmwell @hschmidt Bitte nicht die überflüssige Diskussion um ein Fach 'Informatik' - das gehört wie Mechanik zu Physik - kein Fach erforderl -- ... -- Walter_Scheuerl: @jmwell @hschmidt Niemand muss Feinelektronik lernen, um TV zu nutzen, und niemand muss ein Fach 'Informatik' haben, um PCs etc. zu bedienen -- ... -- Walter_Scheuerl: @jmwell @hschmidt Ein Schulfach 'Informatik' müsste weiter auf Kosten der Grundbildung in den Naturwissenschaften (Ph, B, Ch) gehen -- ... -- Walter_Scheuerl: @jmwell @hschmidt die 'digitale Revolution' ist weitgehend abgeschlossen, Informatik wie andere Spezialbereiche der Physik etwas für wenige

Bei solch progressiven Vordenkern der Kultuspolitik brauchen wir uns um die Zukunft der BRD wahrlich keine Sorgen mehr zu machen — das ist nämlich auch bereits abgeschlossen. Möge die Schule auch weiterhin ein Ort bleiben, an dem die Erwachsenen von morgen auf die Herausforderungen von gestern vorbereitet werden!


Focus-Online-Realsatire: Zwei Zitate

Ohne weiteren Kommentar nur zwei in dieser Kombination für sich selbst sprechende Zitate aus dem gleichen „qualitätsjournalistischen“ Produkt. Jeder fühle sich eingeladen, den Links auf die archivierten Volltexte zu folgen…

Zunächst das etwas ältere Zitat, gut vier Jahre alt:

Ob sie sich nicht als Blutsaugerin der traditionellen Medien sehe, wurde Gründerin Huffington kürzlich gefragt. „Das ist, als würde man sich darüber beschweren, dass ein Auto schneller ist als ein Pferd“, antwortete sie. „Schon immer haben neue Technologien die alten überrollt.“

Der Vergleich stimmt nicht ganz. Die „Huffington Post“ überrollt andere Medien nicht. Sie beutet sie systematisch aus. Einen Großteil ihrer Nachrichtenschlagzeilen klaubt Huffingtons Crew einfach aus anderen Medien zusammen — viele davon sind die Online-Ausgaben traditioneller Tageszeitungen. Als sogenannter News-Aggregator verlinkt die „Huffington Post“ lediglich auf die Originalquellen (so wie auch Google News das tut) oder integriert in eigene Meldungen einfach Textbausteine fremder Artikel. „Wir können nicht länger mitanschauen, wie andere unsere Arbeit einfach übernehmen“, ärgert sich darüber Dean Singleton, Chef der Nachrichtenagentur AP.

Focus Online am 11. Mai 2009 — Internet: Prinzip Klingelbeutel

Und nun das etwas neuere Zitat, gerade erst einen Monat alt.

FOCUS Online kooperiert fortan eng mit der Huffington Post und bringt die deutsche Seite des erfolgreichen US-Portals auf den Markt. Für diese spannende Pionierarbeit werden neue Mitarbeiter gesucht.

The Huffington Post, eine der weltweit bedeutendsten Websites für Nachrichten und Meinungsbeiträge, startet im Herbst auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In den kommenden Monaten wird in München ein Redaktionsteam aus erfahrenen Journalisten zusammengestellt. Die TOMORROW FOCUS Media GmbH sucht dafür top ausgebildete Online-Journalistinnen und Online-Journalisten, die diesen spannenden neuen Weg mit uns gehen wollen. Das Angebot der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Huffington Post, umfasst aktuelle Nachrichten, Hintergrundberichte und Unterhaltendes sowie eine höchst aktive Community für Meinungsaustausch. Jenes HuffPo-Prinzip werden wir nun für User im deutschsprachigen Raum übersetzen und einen neuen Markt damit erobern.

The Huffington Post blickt in den USA auf eine achtjährige Erfolgsgeschichte zurück. Inzwischen erreicht das Portal dort monatlich 46,2 Millionen Unique Visitors (comScore Januar 2013), die Monat für Monat über acht Millionen Kommentare verfassen. Auf der Seite veröffentlichen über 30 000 Blogger – von Politikern, Studenten und Prominenten über Akademiker und Eltern bis hin zu Branchenexperten – in Echtzeit Beiträge über Themen, die ihnen besonders am Herzen liegen. The Huffington Post verfügt bereits über Ausgaben in Großbritannien, Kanada, Quebec, Frankreich, Spanien und Italien.

Focus Online am 30. April 2013 — Die Huffington Post kommt: Passen Sie in die Start-Crew der deutschen HuffPo?

Dass übrigens ausgerechnet Burda — neben Springer einer der vehementesten Befürworter des so genannten „Leistungsschutzrechtes“ in der BRD — einen Newsaggregator am deutschen Markt einführt, der ausdrücklich nicht für Content zahlen will, ist in seiner kackenddreisten Gierdummheit für mich ein Anlass zu ganz großer Heiterkeit. Ich wünsche mir, dass bitte mal jemand diesen Vorgang für jeden der vielen Gesetzgeber (also Abgeordneten des Deutschen Bundestages) so erklärt, dass die das auch verstehen, ja, geradezu verstehen müssen! Auch, wenn diese lobbyhörigen Paragraphengroschennutten längst zu viel Hornhaut auf ihrem eitrigen Seelenrest haben, um sich noch schämen zu können… wenigsten sollen sie merken, dass es nicht unbemerkt bleibt.

Danke, Manni, für diesen Hinweis und die beiden Links!


Deutsches Twitter

Peter Altmaier (auf Twitter): Ist euch aufgefallen, dass diese Debatte nur international sein kann? Daran fehlt es: Twitter ist national, aber das Netz ist international!

Peter Altmaier, CDU, amtierender Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und lt. der Hofberichterstatter vom Handelsblatt der „Twitter-König“ der CDU, äußert sich beim bekannten nationalen deutschen Webdienst Twitter über den bekannten nationalen deutschen Webdienst Twitter. Das platschende Geräusch war ein Blindfisch, der ins Aquarium gefallen ist.


Web, Dein neuer Name sei Yahoo!

Scan einer DPA-Meldung mit dem hervorgehobenen Text: Yahoo betreibt bereits unter anderem Google und Facebook

DPA-Qualitätsjournalismus. Ohne Worte. | Quelle des Scans


Eine „Pflicht“

Die Kontrolle der Eltern sei auch eine Pflicht, um zu verhindern, dass diese [die Kinder, meine Anmerkung] sich Dateien herunterladen, die nicht erlaubt oder kostenpflichtig seien

Elmar Esseln, Kriminalhauptkommissar, Spezialexperte für Kinderschutz im Internet
Indirekt zitiert nach Heise Online

Kurzkommentar

Urteil des Bundesgerichtshofes vom 15. November 2012, Aktenzeichen I ZR 74/12

(Ein auf das Fachgebiet spezialisierter Polizeibeamter — also Gehilfe der Staatsanwaltschaft — der nicht einmal die geltende Rechtsprechung zum Thema Filesharing kennt und stattdessen in Richtung der Eltern jede Menge Furcht, Unsicherheit und Zweifel in Presseerklärungen ausstreut, auf dass die totale Internet-Überwachung schon von der Familie her gewohnt sei, wird von mir „Spezialexperte“ genannt. Verzeihen sie bitte, Herr Kriminalhauptkommissar. Hätten sie sich nur über Pädophile ausgelassen, hätte ich ihnen diesen Spott erspart und über einige kleinere Bullshit-Äußerungen mit Verständnis hinweggesehen.)