Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Beiträge mit Schlagwort “AFP

Internet-Unfug in Presse veröffentlicht

Das folgende ist ein etwas längeres Zitat eines von AFP übernommenen Artikels auf RP Online, das ich leider immer wieder zwischendurch unterbrechen muss. Ich würde ja gern glauben, dass die anderen Artikel auf RP Online zu Sachgebieten, in denen ich mich weniger gut auskenne, mit mehr Wissen, Sorgfalt und Kompetenz geschrieben wären — aber ein solcher Glaube wäre angesichts solcher für mich erkennbar frei von jeglicher Sachkenntnis hingerotzten und vor kleinen wie großen Fehlern strotzenden Artikel dumm. Wenn ich mir nur vorstelle, dass Menschen in Deutschland aus solchen Ausflüssen des „Qualitätsjournalismus“ ihre politische Meinung bilden… 😦

Informationen von 35.000 Konten
Twitter-Passwörter im Internet veröffentlicht

Auf die Zahlen in der Überschrift komme ich noch einmal zurück.

San Francisco (RPO). Der Internet-Kurzbotschafen-Dienst Twitter ist offenbar Opfer von Kriminellen geworden.

Twitter ist kein Internetdienst, sondern eine Website, die einen Kurznachrichtendienst über das Web und eine eigens dafür erstellte API anbietet. Das World Wide Web ist ein Internetdienst. Und das Internet ist wesentlich mehr als das World Wide Web. Sogar ein Journalist, der ja sicherlich manches Mal über E-Mail kommuniziert, sollte derartige Grundlagen des Gegenstandes, über den er immerhin einen Artikel schreibt, kennen.

Ob Twitter als Sitebetreiber von twitter (punkt) com Opfer von Kriminellen geworden ist, oder ob viele Twitter-Nutzer Opfer von Kriminellen (etwa durch Phishing) geworden sind, steht zurzeit noch nicht fest. Das ist keine Haarspalterei, sondern dieser Unterschied ist auch aus der Sicht eines Twitter-Nutzers erheblich. Wenn Twitters Datenbanken vor einem Cracker offen gelegen haben und wenn unbekannt große Teile des Datenbestandes jetzt in den Händen von Kriminellen sind, ist potenziell jeder Nutzer davon betroffen; wenn es sich jedoch um eine Phishing-Attacke gehandelt hat, hingegen nur ein Bruchteil der Nutzer. In seriöserer Berichterstattung über diesen Vorgang wird wegen der Eigenschaften der veröffentlichten Account-Daten von Phishing oder von einer Liste automatisch erstellter Accounts ausgegangen, was für die Mehrzahl der Twitter-Nutzer im Gegensatz zu einem erfolgreichen Angriff auf Twitter sehr beruhigend ist.

Bei so vielen sachlichen Schlampigkeiten und Fehlern schon im ersten Satz fällt das „Kurzbotschafen“ mit dem fehlenden „t“ gar nicht mehr ins Auge.

Im Internet wurden tausende Benutzernamen mit den dazugehörigen Passwörtern veröffentlicht, wie das Unternehmen auf Twitter selbst mitteilte.

Hallo? RP Online? Ihr habt da eine Website! Mit Hypertext-Auszeichnungen! Wo ist der Link? „Im Internet“ — das ist so, als wenn ich unter einem Zitat schriebe: „Quelle: Buch“. Also völlig indiskutabel und in der Wirkung dümmlich. Deshalb hier der erste Hinweis Twitters auf die (lt. Twitter: angeblich) veröffentlichten Accountdaten und die Rücksetzung der Passwörter gefährdeter Accounts, und hier der Hinweis Twitters auf die Vielzahl von Duplikaten in den (lt. Twitter: angeblichen) Accounts. Alles muss man selbst recherchieren, wenn man es für wichtig hält — da braucht niemand mehr solche „Qualitätsjournalisten“, die zum Hohn für ihre „Genießer“ auch noch ein „Leistungsschutzrecht“ haben wollen.

Die Angabe mit den behaupteten Duplikaten lässt sich übrigens leicht überprüfen — bei dieser Gelegenheit liefere ich gleich die Links auf die (lt. Twitter: angeblichen) Accountdaten mit:

$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=Kc9ng18h > twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=vCMndK2L >> twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=JdQkuYwG >> twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=fw43srjY >> twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=jv4LBjPX >> twitterpw.txt
$ wc -l twitterpw.txt
  58978
$ sort -u twitterpw.txt | wc -l
  37001
$ expr 58978 - 37001
  21977

Beinahe 22.000 der 58.978 Zeilen in diesem großen Datenbestand sind also exakte Duplikate, was den Eindruck eines großen Datenlecks bei Twitter gleich noch ein bisschen stärker relativiert. So etwas mit Hilfe eines Computers herauszubekommen ist weiß Gott keine Raketenwissenschaft, sondern ganz herkömmliche Datenverarbeitung im Stile der Achtziger Jahre und sollte deshalb jedem Journalisten, der (im Gegensatz zu mir: bezahlt) über Internetangelegenheiten schreibt, eine Selbstverständlichkeit sein¹. Leider zieht es Genosse Journalist (der sich zum Hohn für alle Internetnutzer in der BRD demnächst auch noch durch eine mit Zwangsabgaben gefütterte Subventionsveranstaltung namens „Leistungsschutzrecht“ alimentieren lassen will) es vor, irgendwelche außerordentlich leicht recherchierbaren Zahlen nicht selbst zu recherchieren, sondern aus einer Presseerklärung von anderen Hohlnieten ohne den Schimmer einer Ahnung von der gesamten Materie abzuschreiben. So kommt es dann dazu…

Die betroffenen Nutzer wurden demnach informiert, ihre alten Passwörter sind ungültig.

Die Zugangsdaten von 35.000 Twitter-Konten seien auf der Filesharing-Website Pastebin.com zugänglich, teilte Twitter mit. Hinzu kämen 20.000 weitere Einträge, bei denen es sich offenbar um Wiederholungen handele.

…dass rd. 37.000 Twitterkonten auf 35.000 abgerundet werden, und dass rd. 22.000 Duplikate auf 20.000 abgerundet werden. Damit auch jeder, der diese Meldung kurz abklopft, sieht, dass Sorgfalt anders aussähe.

Dass Sorgfalt anders aussieht, bemerkt man übrigens auch daran, dass dieser unbekannte Autor mit der besonders großen Kompetenzvermeidungskompetenz in Sachen Internet allen Ernstes behauptet, dass Pastebin.com eine „Filesharing-Website“ sei. Das klingt nach den Ermittlungen gegen Megaupload schön kriminell und gefährlich. Ich habe gerade keine Lust mehr, diesen die Leser verdummenden und legitime Webdienste kriminalsierenden Unsinn dieses inkompetenten Tintenklecksers, der sich für einen Qualitätsjournalisten hält, richtigzustellen, und möchte ihn, falls er hier mitliest, nur zu einer Sache auffordern: Im Gegensatz zu ihrem hingerotzten Webgeschmiere, mein dafür bezahlter Herr Kollege, habe ich mir die zwei Sekunden Mühen gemacht, Pastebin.com bei seiner Erwähnung auch zu verlinken. Sehen sie, das Wort hat deshalb eine andere Farbe. Und wenn sie da draufklicken, dann kommen sie zu dieser Website, die ihrer mit der autoritären Wucht des Journalismus verstärkten Meinung nach dem „Filesharing“ dienen soll. Machen sie das jetzt einfach mal! Und jetzt nehmen sie sich bitte irgendeine Datei, die man gewöhnlich mit Filesharing assoziiert, also so etwas wie eine MP3-Audiodatei, ein JPEG-Bild oder gar ein Video und versuchen sie mal, die da hochzuladen, um sie zu „sharen“! Wie, sie stellen gerade fest, dass das gar nicht geht? Dass Pastebin.com gar nicht dafür gedacht ist, so etwas zu machen? Dass man da nur reine Texte hinterlegen kann, um sie anderen Leuten mitzuteilen? Gar nicht so sehr anders als in einem Gästebuch auf einer Website, das auch niemand als „Filesharing“ bezeichnen würde? Na, was für eine Überraschung! Das hätten sie mal vorm Schreiben ihres Strunzes machen sollen, sie Vollpfosten! Und wenn ihnen das zu mühsam gewesen wäre, dann hätten sie wenigstens die minimale „Recherche“ betreiben können, die jedem Siebtklässler beim Schreiben seiner Hausaufgaben als erstes in den Sinn kommt.

Ich breche jetzt mal ab, bevor ich völlig unsachlich werde und dabei meinen letzten Rest guter Laune verliere. Und: Wie gesagt, ich würde zu gern glauben, dass die anderen Artikel auf RP Online besser sind, aber es wäre angesichts solcher „journalistischer“ Zumutungen einfach nur dumm…

¹Ich habe hier wiedergegeben, wie ich vorgegangen bin. Natürlich würde ein Journalist, dem die Bedienung eines Computers an der Kommandozeile fremd ist, stattdessen die Rohdaten herunterladen und in eine gute Tabellenkalkulation importieren, um dann die Funktionen einer vertrauteren Software zu nutzen. Das ist zwar in den Arbeitsschritten etwas umständlicher und dauert geringfügig länger, aber es führt ebenfalls nach kurzer Zeit zu einem Ergebnis — auch ohne, dass hierfür eine Unix-Shell mit den in solchen Umgebungen üblichen Werkzeugen vorhanden sein muss. Die Vorstellung, dass ein Journalist, der ja in seiner täglichen Arbeit mit der Interpretation von Zahlen und tabellarischen Daten beschäftigt ist, seine bevorzugte Tabellenkalkulation nicht bedienen kann, ist schlechterdings absurd und wäre ein Hinweis darauf, dass sein „Journalismus“ nur noch in der Aufbereitung von Agenturmeldungen bestünde. Es stehen viele Werkzeuge zur Verfügung, und es führen viele Wege zu einem Ziel, wenn man nur in die Richtung geht. Aber dieses Gehen und diese Richtung, das ist es, was dem zeitungsschreibenden Pack völlig abgeht.

Advertisements

Die Zukunft des Fernsehens

Die Elektronikmesse IFA feiert in diesem Jahr einen Größenrekord: Auf 140.200 Quadratmetern präsentieren sich mehr als 1300 Aussteller […]

Trends sind nach Angaben der Veranstalter vor allem […] und Fernsehgeräte, die sich ans Internet anschließen lassen

AFP: Berliner Elektronikmesse IFA dieses Jahr groß wie nie

Ein etwas längerer Kommentar

An diesem Stück Journalismus der Agence France-Presse, das sich die Macher so genannter „Qualitätsmedien“ natürlich gern als simulierten redaktionellen Inhalt in ihre tägliche Werke zwischen die Reklame stempeln, entzückt nicht nur, dass man es gar nicht von einer Reklame für die IFA 2011 unterscheiden kann.

Nein, es entzückt auch, dass es in diesem Jahr einen „Trend“ gibt.

Zwei technisch und soziologisch vollständig inkompatible Medien — der inhärent zentralistische, passiv genossene Fernsehrundfunk und das strukturell dezentrale, aktiv mitgestaltete Internet — sollen also zusammenwachsen. Das ist ein toller Trend, bei dem man doch gleich viel lieber die „Rundfunkgebühr“ dafür zahlt, dass man über eine Datenverarbeitungsanlage verfügt. :mrgreen:

Fragt sich nur eins bei diesem „Trend“: Wie sahen eigentlich die „Trends“ in der Vergangenheit aus? Mal ein bisschen googlen.

2010 gab es zum Beispiel diesen tollen „Trend“:

IFA 2010: Rückblick, Durchblick, Ausblick
Internet im TV: Google webisiert das Fernsehen

[…] Nun aber haben die TV-Produzenten das Problem gelöst: Sie nutzen das Web, um noch mehr Inhalte an den Sendern vorbei zum TV zu liefern, nutzen Apps für Zusatz-Informationen und machen den Zuschauer unabhängig von den Sendezeiten der TV-Stationen

[…] Google plant für das Fernsehen eine ähnliche Revolution wie im Internet: Alle Inhalte unter einer Bedienoberfläche, auffindbar gemacht von Google. Die Sendezeit von „Marienhof“, „Tagesschau“ oder „24“ – egal […]

Das „Hybrid Broadcast Broadband TV“ ist die um Internet-Funktionen angereicherte Version des alten Videotextes […]

Zugriff auf Mediatheken, Video-Seiten wie YouTube und Webseiten wie Wikipedia ermöglicht eine völlig andere Form der TV-Unterhaltung […]

Oder 2009, da gab es folgenden tollen „Trend“:

IFA 2009: Die Trends der Funkausstellung

Dass das Internet in die Fernseher wandert, ist nur einer der IFA-Trends 2009 […]

Internetfernsehen (IPTV) war 2008 eines der Top-Themen in der Technikwelt: Gemeint war damit die Übertragung von Fernsehen ins Internet […] konzentrieren sich die Hersteller nun darauf, das Internet in den Fernseher zu locken und die Konsumenten nicht nur mit tollen Bildern, sondern auch mit allerlei Multimedia-Anwendungen aus dem Web zu ködern

Huch, das war 2008 auch schon ein Trend? Oh ja, in der Tat:

Das Internet erobert den Fernseher

IPTV ist noch immer auf dem Weg, sich einen Weg zum Massenmarkt zu erschließen […]

Tja, scheint ja schon ein paar Jährchen auf dem Weg zu sein. Denn auch 2007 gab es diesen famosen Trend zum Fernsehen der Zukunft:

IFA 2007: Das Fernsehen der Zukunft

Einer der Trends der diesjährigen Funkausstellung ist hochauflösendes Fernsehen, am besten via Internet. Bereits im letzten Jahr startete das Angebot „T-Home“ der Deutschen Telekom. Heute gab der Telekommunikationskonzern zusammen mit Microsoft einen Blick auf die weitere Zukunft des Internetfernsehens.

[…] IPTV ist erstmal reguläres Fernsehen. Alle Programme, die es in Deutschland gibt, können genutzt werden und auch alle Zusatzfeatures wie zum Beispiel Videotext. Aber die Plattform bietet durch die Rückkanalfähigkeit Individualisierbarkeit und Personalifizierbarkeit […]

Genau dieses Angebot sei nun richtig reif, betonen alle anwesenden Sprecher

Aber so was von reif! Schade eigentlich, dass es sich nicht verkauft hat und dass Internet-Nutzer sich nicht mit den Formen der Interaktivität begnügen wollen, die ihnen von einem zentralen Medienbetreiber gnädig (und kostenpflichtig) eingeräumt werden.

Das war 2007 übrigens keine Neuigkeit, denn schon 2006 bekamen wir von der dpa über den zentralistischen Medienapparat verklickert

Hintergrund: Internet-Fernsehen

Bei IPTV (Internet Protocol Television) werden Fernsehbilder über das Internet übertragen.

Der Kunde benötigt für Fernsehen über das Internet ein spezielles Empfangsgerät […], um die Signale für sein Fernsehgerät umzuwandeln.

[…] Als weiteren Vorteil betrachten die Anbieter „Video-on-Demand“, den Abruf von Filmen. Wer also beispielsweise den „Tatort“ am Sonntag verpasst, könnte ihn eventuell zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt ansehen

Für letzteren Anwendungsfall kennt übrigens jeder intensive Internetnutzer so etwas wie Filesharing — was bedauerlicherweise in dieser Anwendung kriminalisiert ist, obwohl es die einzige Form des Internet-Fernsehens ist, die man wirklich als einen „Trend“ bezeichnen könnte. Wer allerdings erst einmal Filesharing kennengelernt hat und zudem auch eine andere Sprache als Deutsch beherrscht, bemerkt recht schnell, wie minderqualitativ und ungenießbar beinahe alle Produktionen im deutschen Fernsehen sind und kann schon nach kurzer Zeit völlig darauf verzichten. Im Gegensatz zu den Beglückungsideen unserer Contentindustrie kennt der Datenverkehr im Internet ja keine Staatsgrenzen. Ach ja!

Da hilft es auch nicht, dass man den Menschen auch 2005 schon in die Birne hämmern wollte, wie die Zukunft des Fernsehens aussieht:

DSL-Fernsehen: TV aus der Telefonbuchse

Bald sollen Fernsehen, Internet und Telefongespräche über eine Leitung ins Haus kommen. Im Ausland ist dies längst alltäglich. [sic! Das war im Sommer 2005!]

„Technisch ist es längst möglich, Telefon, Internet und Fernsehen über eine Leitung zu liefern“, erklärt Philipp Geiger von der Solon Management Consulting aus München […]

„Wir haben dadurch die Chance, nicht nur die Kommunikationsbudgets, sondern auch die Unterhaltungsbudgets der Haushalte abzugreifen“, hofft Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke.

Die TV-Zukunft ist im Ausland längst Realität. In Japan lassen Hunderttausende ihren Fernsehapparat links liegen, um direkt im Internet populäre Seifenopern aus Korea zu verfolgen. In Italien empfangen viele Haushalte TV-Programme schon seit 2003 per DSL-Anschluss.

Tja, in diesem Ausland, also in dieser Nicht-Bundesrepublik-Deutschland, wird die Politik ja auch nicht in der Lobby des Reichstages von einer monströs gewordenen Contentindustrie gemacht, die durch das Internet ihr bisheriges Monopol dahinschwinden sieht. Da gibt es keinen Gesetz gewordenen Zwang für quasi-staatliche Rundfunkanstalten, ihre kostenlos im Internet verfügbaren und von der Allgemeinheit mit Steuern und Gebühren bezahlten Inhalte zu „depublizieren“, damit die Contentindustrie ein mediales Alleinstellungsmerkmal hat, mit dem sie ihr Geschäft machen kann. Menschen in Großbritannien können sich selbstverständlich auf der Website der BBC in hoher Qualität die Produktionen anschauen, wann immer sie die Sendungen sehen wollen. Ja, so sieht es in dem Großbritannien aus, das immer einen besonders gehobenen Wert auf wirtschaftsfreundliche Politik gelegt hat. Nur als ein Beispiel.

Während in der Bundesrepublik seit vielen Jahren jedes Jahr zur IFA in einem bescheuerten und von allen zentralen Medien wiedergekäuten Ritual davon schwadroniert wird, dass das gute alte Glotzen doch seine Zukunft darin haben soll, mit einem bisschen künstlich begrenzten Internet aufgewertet zu werden, sind Videodienste — auch hochwertige — über das Internet beinahe überall auf der Welt bereits viel und gern genutzte Realität.

Selbst eine Website wie YouTube ist nur in der Bundesrepublik Deutschland künstlich verkrüppelt worden, während alles Fernsehen und Internet in einem Atemzug nennt. Es ist völlig hinreichend, wenn bei der Aufnahme eines privaten Videos im Hintergrund ein Radio mitläuft, so dass ein paar Klangfetzen des wertvollen „geistigen Eigentums“ dabei reproduziert werden, damit das Video auf YouTube so aussieht:

Leider ist dieses Video, das Musik von UMG beinhaltet, in Deutschland nicht verfügbar, da die GEMA die Verlagsrechte hieran nicht eingeräumt hat. Das tut uns leid.

Wer schon einmal in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Polen, Dänemark, Italien oder sonstwo die Muße gefunden hat, YouTube zu benutzen, wird erstaunt festgestellt haben, dass dort nicht nur richtige Musikvideos verfügbar sind, sondern dass sie sogar von den Musikverlegern selbst eingestellt werden — mit Möglichkeit zum Kauf eines Musikstückes oder eines Tonträgers. Und für ein genau so großes Erstaunen sorgt es beim künstlich volldeppert gehaltenen Deutschen, wenn er sehen muss, dass man beinahe überall im Ausland auf viele Fernsehproduktionen über YouTube zugreifen kann, und zwar direkt von den Produzenten eingestellt. Niemand scheint dort ein besonderes Problem darin zu sehen. Das ist nur in der Bundesrepublik Deutschland ein Problem, einer Deutschen, Demokratischen Republik, in der eine kleine Clique von Besitzenden allen anderen Menschen genau sagt, was sie wirklich wollen und was sie wirklich brauchen — und diese stümperhafte Volkserziehung im Zweifelsfall mit Lobbypolitik und geldherrschaftlicher Gewalt durchsetzt.

Ich bin ein ganz schlechter Hellseher. Aber trotzdem habe ich eine sehr deutliche Ahnung, wie einer der Trends auf der IFA 2012 heißen könnte. Und auf der IFA 2013, 2014, 2015… bis die Menschen in Deutschland endlich damit beginnen, das Internet nicht als eine zweite Glotze, sondern als ihren, von ihnen mitgestalteten Raum wahrzunehmen und es den Buchhaltern, Ausbeutern, Lobbyisten, Kaninchenzüchtern und Gartenzwergfreunden aus den Händen zu reißen. Zur Not mit Gewalt, wenn es nicht anders geht. Leider sind gerade Menschen in Deutschland so gestrickt, dass sie bei ihrem Bürgeramt einen Antrag stellen möchten, bevor sie für ihre eigenen Daseinsrechte eintreten, und deshalb wird das nicht so schnell gehen. Denn ein freier Fluss von Informationen und ein offener Austausch im Internet — das ist in der Bundesrepublik Deutschland weder von der Wirtschaft, noch von einer korrumpierten und von Wirtschaftsvertretern belaberten und bestochenen Politik erwünscht.


Wir können es nicht sagen, aber wir sagen es mal…

…denn Hauptsache bleibt es, dass alle angstbesetzten, gefährlichen und tödlichen Dinge begrifflich in die Nähe zum Internet gestellt werden. Auch, wenn dieser Zusammenhang nicht durch die Ermittler, sondern durch eine Nachrichtenagentur hergestellt wird, die den Zeitungen ein paar Textschnippsel liefert, damit die Zeitungen nicht nur aus Werbung bestehen:

Drei junge Frauen im Alter von 16, 18 und 19 Jahren haben in einem Waldstück der Gemeinde Holdorf im niedersächsischen Landkreis Vechta gemeinsam Selbstmord begangen. Wie die Polizei auf einer Pressekonferenz in Cloppenburg mitteilte, ist nach bisherigem Ermittlungsstand ein Fremdverschulden nicht gegeben: „Die bisherigen Erkenntnisse lassen auf einen gemeinsamen Freitod durch eine Rauchgasintoxikation schließen“.

[…] Ob die Frauen sich über soziale Netzwerke im Internet verabredet hatten, konnte die Polizei zunächst nicht sagen.

AFP

Man stelle sich einmal vor, darunter stünde: „Ob die Frauen vor ihrem Freitod das Psychopharmakon Flouxetin genommen haben, konnte die Polizei zunächst nicht sagen“ — Flouxetin ist ein Antidepressivum, das auch häufig ohne begleitende Psychotherapie bei so genannten „Ernährungsstörungen“ verschrieben wird, und eine seine wohlbekannten Nebenwirkungen ist die Erhöhung der Neigung zum Suizid…

Wie anders hätte ein solcher Abschluss doch geklungen!

Nachtrag, einige Stunden später

So kommt die AFP-Meldung, deren Fehlinformation in Hinblick auf das Internet zwar subtil, aber dennoch durchschaubar war, später bei der Presse — hier am Beispiel der Bildzeitung gezeigt — in der von AFP gewünschten Weise wieder heraus:

In großen Buchstaben wird die Assoziation hergestellt: Internet und Tod. Jegliche Unsicherheit über diesen Zusammenhang ist in der Schlagzeile der Bildzeitung auf ein einziges Fragezeichen eingedampft. Der Text ist zugegebenermaßen moderater, aber die Schlagzeile schafft den ersten (und damit oft bleibenden) Eindruck. So funktioniert die tägliche Konditionierung, die Ausbreitung von Furcht, Unsicherheit und Zweifel, die sich diffus ans Internet binden. Internet und Selbstmord. Internet und Amok. Internet und Mord. Internet und Prostitution. Internet und Nazis. Internet und Terror. Internet und Tod. Internet und Kindesmissbrauch. Internet und [angstbesetztes Thema mit Empörungspotenzial hier einsetzen]. Jeden Tag. Andere mögliche Bezüge werden in den massenmedial hergestellten Assoziationen ausgeblendet. Immer nur Internet. Immer nach dem Schema: Unangenehmes, angstbesetztes Reizwort, dass an diejenigen Erscheinungen unserer Gesellschaft erinnert, an die kaum jemand erinnert werden möchte. Und Internet.

So funktioniert Konditionierung, und sie funktioniert leider erschreckend gut. Aus den zentralen und eher undurchschaubaren Strukturen der Presseagenturen als tägliche Dressur direkt in die Gehirne. Jeden Tag ein bisschen mehr. So schafft man nach und nach die psychologischen Grundlagen, auf denen Zensur, teilweise Verbote und weit gehende Überwachung aller Menschen im Internet mit wenig nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden können.

Übrigens hat die agenturzentral gebildete Meinung für die Benennung solcher Strukturen in der Presse auch ein Wort. Es lautet: Verschwörungstheorie. Und Internet.

Nachtrag Zwei

Der Stern muss in einem Artikel auf seiner größtenteils entbehrlichen Website zwar am Ende einräumen…

Die Ermittler gehen nun der Frage nach, ob sie sich über soziale Netzwerke im Internet verabredet hatten

…dass zurzeit nichts über irgendeinen Internet-Bezug dieser Selbsttötungen bekannt ist. Das hindert den Stern aber nicht daran, in der Hauptsache seines hingeschmierten Artikels so zu tun, als sei dieser Internet-Bezug eine „abgemachte Sache“:

Nach dem kollektiven Freitod dreier junger Frauen in Niedersachsen hat sich ein Experte für suizidgefährdete Jugendliche gegen ein generelles Verbot von Internet-Foren zum Thema Selbstmord ausgesprochen. „Das sind Foren, in denen sich Betroffene austauschen und sehr konkret über ihre Leiden und ihren Seelenzustand berichten“ […]

Immer schön das Wort „Internet“ in den Kontext angstbesetzter Themen setzen, damit das alles seine Wirkung entfalte… aber das habe ich ja schon weiter oben geschrieben.

Nachtrag Drei

Man weiß zwar, nüchtern betrachtet, immer noch nichts zu sagen, aber jetzt hat es die RP Online ihren Lesern als wahrscheinlich — also als etwas, was wahr zu sein scheint — erklärt (Fettdruck aus dem Original-Teaser):

In Niedersachsen haben sich drei junge Frauen das Leben genommen. Wahrscheinlich lernten sich die Mädchen im Internet kennen und planten dort gemeinsam ihren Selbstmord. Die genauen Motive sind noch unklar.

Und woher kommt dieses immer größer werdende Maß an Gewissheit darüber, dass hier für drei junge Frauen das Internet eine so wesentliche Rolle bei der Planung ihres Freitodes spielte? Es kommt jedenfalls nicht aus einem Fortschritt in der immer noch laufenden Ermittlung, wie sich etwas tiefer im Text (und nicht fett, sondern völlig normal gesetzt) nachlesen lässt:

Die Ermittler vermuten, dass sie sich über das Internet verabredeten. Ihre Computer werden in den nächsten Tagen entsprechend ausgewertet.

Ich habe ja keine Lust mehr, in dieser unerquicklichen Geschichte Nachtrag über Nachtrag zu schreiben, aber es ist schon sehr deutlich, wie aus der auffallend (und mutmaßlich bewusst) internetängstlichen Hinzufügung einer Nachrichtenagentur im Laufe des journalistischen Lebenszyklusses der „Story“ ein immer größeres Maß an Gewissheit bei gleichzeitigem Fehlen jeder halbwegs gesicherten Kenntnis über die wirkliche Vorgeschichte der Tat wird. Und ganz wichtig: Internet und Selbstmord, Selbstmord und Internet — immer schön zusammen nennen. So entsteht der von den Herausgebern der Zeitungen gewünschte Eindruck. So, und nur so.

Nachtrag Vier

Die Waldeckische Landeszeitung / Frankenberger Zeitung nötigt mich jetzt zum Schreiben des vierten Nachtrags, denn sie hat sich eine weitere nicht vorhandene „Information“ ausgedacht und lediglich durch ein Fragezeichen als die pure Spekulation gekennzeichnet, die sie ist. Eine „Information“, die so richtig Angst vorm Internet ausbreiten kann (und wohl auch ausbreiten soll):

Gemeinsam sterben – mit Anleitung aus dem Internet? Drei Teenager haben sich in einem Wald bei Cloppenburg das Leben genommen. Sie hatten sich möglicherweise in einem „Suizidforum“ zum Selbstmord verabredet.

Das hatten wir noch nicht. Dass es im Internet Anleitungen dafür gibt, wie man sein als widerwärtig und quälend empfundenes Leben beenden kann. Oder diesen Gedanken etwas in der vom Schreiber mutmaßlich erwünschten Richtung weitergedacht: Ohne Internet wären die drei jungen Frauen noch am Leben, weil sie gar nicht gewusst hätten, wie man sein Leben beendet. Das ist ja ansonsten ganz großes Geheimwissen, das nur eine Handvoll Eingeweihte in Zeitungen, Romanen, Filmen, Fernsehproduktionen oder der Bibel finden können.

Das ist aber auch gefährlich und mörderisch, dieses Internet!

Abschalten! Weg damit! Wenn nur ein einziges Leben gerettet wird (selbst, wenn der Mensch mit diesem Leben darauf gern verzichtet), ist das kein zu großes Opfer!

Ich werde langsam fast so zynisch wie die Journaille und habe wirklich keine Lust mehr, dieses Thema zu verfolgen.

Abschließender Nachtrag, 26. August, 10 Tage später

Ich habe trotz meiner wachsenden Unlust versucht, das mediale Echo dieses kollektiven Suizides weiterhin über Google News zu verfolgen.

Nur: Das Thema „Internet-Selbstmord“ verschwand plötzlich. Es gab jetzt eine Woche lang keine einzige Meldung mehr. Was bei der forensischen Analyse des Computers herausgekommen ist — zumindest die Frage, ob gewisse Forensites in der History des Browsers erscheinen und ob Anmeldecookies von Forensites im Browser gespeichert sind, lässt sich mit einem Analyseaufwand von höchstens zwei Stunden ermitteln — scheint nicht mehr von Interesse zu sein. Es gibt offenbar keine Nachfragen bei den Ermittlern, kein Verlangen, über diese Gruselstory Internet macht junge Frauen zu Selbstmördern weitere Details zu berichten.

Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Genau, wie der Apparat der Contentindustrie über die Hintergründe des kollektiven Freitodes nur spekulieren konnte — und dies auch tatkräftig gemacht hat.

Ich kann nichts anderes annehmen, als dass die voranschreitenden polizeilichen Erkenntnisse die so schlagzeilenträchtigen und horrorgeilen Mutmaßungen nicht bestätigen konnten. Dass sie einfach nicht mehr spektakulär genug waren, um damit Papier zu bedrucken, mit dem in Wirklichkeit Werbung an die Leser gebracht werden soll. Dass sie auch nicht mehr geeignet waren, diese dumpfe Angst vor dem Internet zu schüren, die so gern und bereitwillig von der Journaille geschürt wird. Ja, um es zynisch zu sagen: Dass die drei Leichen jetzt ihre Schuldigkeit getan haben, weil ja ein paar Tage lang die Wörter „Internet“ und „Selbstmord“ schön in einem Kontext gestellt werden konnten, der nachhaltige unbewusste Ängste auslöst. Eine mögliche Korrektur oder Relativierung dieser gesäten unbewussten Ängste ist hingegen nicht erwünscht.

Und jetzt ist halt die Zeit für andere Themen in der Zeitung. Und neben den „Themen“, die überwiegend direkt aus dem NITF-Ticker der großen Agenturen übernommen werden, dass die Blätter fast so gleichgeschaltet klingen wie in einer Diktatur, steht die Reklame mit ihren photoshopretuschierten Frauenbildern. Mit Bildern, die so surreal sind, dass ich immer wieder miterleben musste, wie bildhübsche Frauen wegen dieser Vorlage völlig zugekokster Werber ein dermaßen gestörtes Selbstbild entwickelten, dass sie ernsthaft depressiv wurden und sich deshalb medizinisch behandeln lassen mussten.

Ja, eine hat sogar versucht, sich die Pulsadern aufzuschlitzen. Sie fand sich „hässlich“ und „zu dick“. Sie hatte übrigens bei Einlieferung in die Klinik acht Kilo Untergewicht.

Aber das ist ein anderes Thema. Und die Assoziation „Selbstmord und Internet“ ist jetzt erstmal von der gleichen Journaille, die ihr Geschäft mit dem Transport dieser Werbung macht, in die Gehirne gestreut worden.

Und morgen schon versuchen die Lobbyisten der Contentindustrie wieder, ein so genanntes „Leistungsschutzrecht“ für ihre Elaborate durchzusetzen. Damit sie auch dann so weitermachen können, wenn kaum noch jemand diesen täglichen Zynismus und diese zuweilen unfassbare Menschenverachtung seinem Leben hinzufügen möchte. In ihren Leitartikeln werden sie allerdings weiterhin von den Kräften des „freien Marktes“ sprechen…

Weiterer Nachtrag, nur eine Stunde später

Es könnte dazu kommen, dass die Geschichte noch einmal hochgekocht wird, denn die drei jungen Frauen (warum schreibt eigentlich alles „Mädchen“, um sie „niedlicher“ zu machen und ihre „Kindischkeit“ zu betonen) haben sich vorher über so genannte „soziale Netzwerke“ und Webforen ausgetauscht.

Erfreulicherweise hat die Polizei keine Einzelheiten preisgegeben. Das heißt: Alles, was eventuell in den nächsten Stunden zu diesem Thema geschrieben wird, geht nicht auf das heute veröffentlichte Ergebnis der forensischen Untersuchungen zurück. Im besten Fall ist es Recherche, und im schlimmsten Fall ist es reine Fantasie.

Nachtrag Sechs, 5. Oktober 2011

Inzwischen hat das Thema auch das Fernsehen in Form von „Spiegel TV“ erreicht, und wie unpassend es dort aufbereitet wurde, kann man am besten im Bildblog nachlesen. Bei den meisten Zuschauern wird freilich nur dieser eine Eindruck in Erinnerung bleiben:

In zahlreichen Selbstmordforen würden Ratschläge angeboten, „die in ihrer Ausführlichkeit an Bedienungsanleitungen erinnern“ […]

Gegen den Betreiber der Seite […] können deutsche Behörden übrigens nur schwer vorgehen, eben weil er seinen Sitz auf den Bahamas, sprich: im Ausland, hat.

Dies natürlich eingebettet in den üblichen psychischen Manipulationsapparat einer Fernsehproduktion, in bewegende Bilder und emotionalierende Musik. Damit es besser wirkt. Schließlich soll ja die große Internetangst ausgebreitet werden.