Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Letztes

cp ist rechtswidrig

Im vorliegenden Fall ist festzustellen, dass die Voraussetzungen des Art. 5 Abs. 5 der Richtlinie 2001/29 im Rahmen des anwendbaren nationalen Rechts angemessen berücksichtigt sind. Denn aus § 52b UrhG geht erstens hervor, dass die Digitalisierung von Werken durch öffentlich zugängliche Bibliotheken nicht dazu führen darf, dass den Nutzern auf den eigens eingerichteten Terminals mehr Exemplare eines Werks zur Verfügung stehen, als diese Bibliotheken im analogen Format angeschafft haben

Aus einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 11. September 2014, Az.: C-117/13

Kurzkommentar

Es wäre ja auch schrecklich, wenn der größte Vorteil digitaler Daten — ihre verlustfreie und sehr preisgünstige Kopierbarkeit — im Alltag der Menschen zum Tragen käme; an seine Stelle haben Zählungen beim Öffnen und Schließen von Dokumenten in Leseanwendungen zu treten. An den Datensichtgeräten zum Literaturgenuss in europäischen Bibliotheken soll man zukünftig allen Ernstes so etwas wie “Hallo, kannst du beim Lesen mal Pause machen, ich möchte auch mal drankommen” hören. So soll es nicht nur nach (grundsätzlich eher hirnrissigen) Neuland-Gesetzen der BRD, sondern auch nach dem Rechtsverständnis des Europäischen Gerichtshofes unter dem Banner der hl. Kuh des “Geistigen Eigentums” in die digitale Zukunft gehen.

Nun, das ist eine… ähm… interessante Vorstellung von der Zukunft.

Du willst doch unmündig bleiben!

Screenshot einer Schlagzeile von süddeutsche.de -- Werbung im Internet: Du willst es doch auch

Der Alarmknopf gratuliert dem SZ-Qualitätsjournalisten Dirk von Gehlen, der es nicht nur unter tapferem Verzicht auf jede Intelligenzleistung geschafft hat, einen Text über Werbung im Internet auf vier Seiten mit dreimal “Klicken, um zur nächsten Seite zu blättern” zu verteilen, ganz so, als ob am Journalismus völlig vorbeigegangen wäre, dass es inzwischen an den Anzeigebereichen so genannte “Scrollbalken” gibt, die auch einen langen Text ermöglichen, sondern er hat es zusätzlich zu dieser an sich bereits brotdummen Technikkenntnisverweigerungshaltung geschafft, nicht einmal zu erwähnen (und womöglich nicht einmal zu denken), dass es Adblocker gibt — diese werden übrigens inzwischen von einem erklecklichen Anteil der Webnutzer eingesetzt, um sich die Tracking- und Reklamepest vom Halse zu halten. Warum? Nun, ich empfehle da einfach eine Woche Selbstversuch. Der kostet nichts und tut nicht weh. Nach sieben Tagen ständiger Erfahrung eines schöneren und schnelleren (und zudem sichereren) Webs ist den meisten Menschen klar, warum Adblocker benutzt werden.

Immerhin, stattdessen erzählt dieser Dirk von Gehlen seinen Qualitätsjournalismusgenießern etwas aus der Sesamstraße. Da wächst zusammen, was zusammen gehört! Klar, dass es sich um das Ressort “Digital” der Süddeutschen Zeitung handelt, so dass auch jeder durchschnittlich gebildete Vierzehnjährige leicht erkennen kann, wie viel fachliches Wissen und Interesse an aufgeklärten und mündigen Menschen bei den Autoren der Fachressorts der Süddeutschen Zeitung vorhanden sind. Und dieses Wissen hilft bei späteren Lese- oder gar Kaufentscheidungen journalistischer Produkte enorm.

Eine verschrobene Gemeinde…

Heise Online!

Nur eine kleine Frage:

Schlagzeile Heise Online: Deutsche Internetgemeinde wächst um 1,4 Millionen -- Teaser: In Deutschland sind nun 79,1 Prozent der Erwachsenen online. Das sind knapp zwei Prozentpunkte mehr als 2013.

Quelle des Screenshots: Heise Online

Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Telefonanschlüsse gemeldet hättet, von einer “Deutschen Telefongemeinde” gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Autofahrer gemeldet hättet, von einer “Deutschen Autofahrergemeinde” gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Herzoperierten gemeldet hättet, von einer “Deutschen Herzoperiertengemeinde” gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Tabakraucher gemeldet hättet, von einer “Deutschen Tabakrauchergemeinde” gesprochen? Hättet ihr, wenn ihr die Anzahl der Nutzer von Microsoft Windows gemeldet hättet, von einer “Deutschen Windowsgemeinde” gesprochen?

Wie, das geht doch gar nicht, das klänge ja alles komplett meschugge?

Ja, genau so meschugge klingt auch das Wort “Deutsche Internetgemeinde”, das ihr — wie ich mal für euch zum Guten annehmen möchte — von den Auftraggebern der Studie aus ihrer Presseerklärung einfach so abgeschrieben habt; abgeschrieben von einer ARD und einem ZDF, die ja auch in der laufenden Ukraine-Krise zeigen, wie gut sie in Propaganda und Massenmanipulation geübt sind. Anders als im sachlichen Wort “Internetnutzer in Deutschland” klingt im “Gemeinde” ja auch deutlich etwas Dumpfbündisches, Kleines, Verschrobenes an, ohne dass gleich eine Kategorie tiefer zum Wort “Sekte” gegriffen wird.

Dass diese — von den Clipboard-Journalisten von Heise Online so beflissen wiedergegebene — Sprachwahl von ARD und ZDF in irgendeinem Zusammenhang mit der laufenden, ausgesprochen einseitigen Berichterstattung aus dem gegenwärtigen Ukraine-Konflikt steht, der vor allem aus Internetquellen energisch widersprochen wird, ist natürlich eine Verschwörungstheorie, der man vor allem in dumpfbündischen, kleinen, verschrobenen Gemeinden Glauben schenken würde. Ist ja klar. So sieht eben das komplette intellektuelle Selbstbedienungssystem der Propaganda aus. Und so intelligent ist es.

Untersuchung

Das hier ist bislang das idiotische Symbolbild des Jahres zu einem Internet-Thema:

Ein Mensch sitzt vor insgesamt fünf Monitoren unterschiedlicher Geräte (darunter ein Notebook und ein Netbook), auf denen jeweils ein Matrix-Bildschirmschoner läuft. Darunter der Text: 'Wie die Spy-Software auf den PC kam, wird untersucht'

Bild.de — Attacke auf Landtags-Daten | Hacker-Angriff von Piraten-Rechner

Kürzstkommentar

Dass man bei der Bildzeitung den Lesern das Betrachten von Matrix-Bildschirmschonern als eine Form der ernsthaften forensischen Untersuchung verkaufen will, spiegelt vermutlich wider, wie die Recherche in der Bild-Redaktion aussieht: Ein leerer Kopf betrachtet dösig einige laufende Bildschirmschoner und denkt sich dazu seine Geschichte aus.

Nur nichts über “Störerhaftung” sagen

Trotzdem, hier am Beispiel anderer europäischer Länder – man muss gar nicht bis in die USA gehen, gehen Sie ins Baltikum – wollen wir diese Störerhaftung des sozusagen Immobilienbesitzers, des Betreibers der Einrichtungen, die WLAN anbieten, die wollen wir beseitigen. Aber dass Sie immer wieder in dieser Debatte auch die sozusagen Auseinandersetzung führen müssen, wie viel Freiheit im Netz und unternehmerische Gestaltungsmöglichkeit und wie viel Sicherheit zum Schutz der Privatsphäre, das finde ich, ist doch absolut normal.

Sigmar Gabriel, SPD, Bundesminister für Wirtschaft und Energie “beantwortet” die Frage, warum man wegen der Unwägbarkeiten durch die BRD-typische zivilrechtliche “Störerhaftung” im Rechtsraum der Bundesrepublik Deutschland kein offenes WLAN findet und warum das auch so bleiben wird.

Der Alarmknopf gratuliert dem werten Herrn Minister, dass er so gekonnt und reflexhaft aus dem Bauch heraus in Mikrofone sprechen kann, dass seine Worte also während der Formulierung nicht den lästigen Umweg über das Gehirn gehen müssen. Die Vorstellung, dass ein Mensch mit den in seinen Worten zutage tretenden Vorstellungen Verantwortung über einen größeren Sachbereich als… sagen wir mal… die fachgerechte Lagerung von Ziegelsteinen innehat, ist freilich gruselig.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 666 Followern an