Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Der Alarmknopf-Jahresrückblick 2013

In einem Jahr, das von einer Bundestagswahl und vom zugehörigen Bundestagswahlk(r)ampf und dementsprechender Vorsicht nach Maßgabe der PR-Agenturen im Dienste der Politikmarktteilnehmer geprägt war, gibt es nicht so viel wie gewohnt — aber es ist ja immer noch einiges, und zudem ist Mitmensch Journalist dem Mitmenschen Politiker in der „Kompetenz“ durchaus ebenbürtig.

Januar

ComputerBild, t3n.de, Golem, Chip Online, The Wall Street Journal (Ausflüsse des Qualitätsjournalismus) erzählen ihren Lesern, dass Adobe ein ganz großes Geschenk gemacht hat — nur Adobe wusste nichts davon.

Golem (angebliche Fachpublikation) findet, dass Verschlüsselung den großen Nachteil hat, dass man die verschlüsselten Inhalte ohne Kenntnis des Schlüssels nicht mehr ermitteln kann.

Daniel Gritz (SPD) hat eine gute Abhilfe gegen die ganze Spam gefunden. Er veröffentlicht seine Mailadresse nicht mehr im Internet, sondern nur noch auf der Website seiner Hamburger Bürgerschaftsfraktion.

Die ComputerBild (verdummende Springerpresse) — immerhin eine Publikation, die zum Schaden des gesamten deutschsprachigen Internet unter dem wehenden Banner des Geistigen Eigentums vom so genannten Leistungsschutzrecht für Presseverleger geschützt ist — hat ihre Leser zum Anfertigen von… ähm… ja, Kopien aufgefordert, die sie wohl sonst als Raubkopien bezeichnet hätte.

Februar

Die Frankfurter Allgemeine (qualitätsjournalistisches Bollwerk der Bildungsbürger) kannte nicht den Unterschied zwischen einem handfesten und klar definierten wissenschaftlichen Betrug und dem in keinem Strafgesetzbuch stehenden Delikt des „Geistigen Diebstahls“.

Prof. Dr. Valentin Groebner (Historiker aus der Bundesrepublik Österreich) hat offenbar zu viel Feenstaub oder andere nicht empfehlenswerte Substanzen inhaliert oder sich in die Venen gespritzt und hält das Internet allen Ernstes für eine Fabel.

Dr. Hans-Peter Friedrich (CSU, Bundespudel und damaliger Innenminster) erzählte einer sich kringelnden Öffentlichkeit, dass er nicht einmal genug Etat für ausreichende Festplattenkapazitäten zur Speicherung von E-Mails hätte.

Frank Plasberg (Talkshow-Rektalsonde des BRD-Staatsfernsehens ARD) hat sich unter hirntodesmutigem Einsatz gegen jede journalistische Qualität und Verpflichtung zur Wahrheit für den Lügenbold-Award qualifiziert. Herzlichen Glückwunsch!

Rainer Wendt (Heißluftgebläse der Deutschen Polizeigewerkschaft) sieht E-Mails, die Kernkraftwerke explodieren lassen, den Strom und die Klärwerke ausschalten und die Bevölkerung vergiften. Nein, das war keine Büttenrede zum Fasching, das war der Versuch eines gruselig ausgemalten Horrorszenarios, mit dem eine Frontfresse der BRD-Polizei politische Forderungen durchsetzen wollte.

Axel Voss (CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament) hält in seinen verdummenden Äußerungen eine Mailadresse für satte 4000 Prozent teurer, als sie tatsächlich ist — und begründet damit einen Verzicht auf einen angemessenen Datenschutz bei „kostenlosen“ E-Mail-Anbietern.

März

Die Neue Osnabrücker Zeitung (Qualitätsjournalisten) berichtet ohne eine Spur von Satire davon, wie die zeitgemäße Bibliothek aussieht: Dort entleiht man — beliebig oft verlustfrei kopierbare — Daten und bringt sie hinterher wieder zurück. Das müssen die gleichen Journalisten sein, die sonst vom Diebstahl sprechen

Kai Biermann (Qualitätsjournalist für Zeit Online) hat sich druckvoll vorgedrängelt, weil er unbedingt die Hohlniete des Jahres bekommen wollte. Beachtenswert auch sein Einsatz, durch mutiges Kommentieren im Alarmknopf die völlige Ahnungslosigkeit unverwechselbar mit dem „schlechten Tag“ und dem „schlampigen Artikel“ zu machen. Dennoch, für die beliebte Hohlniete des Jahres hat es diesmal nicht gereicht.

Focus Online (qualitätsjournalistischer Versuch, montags eine Bild am Sonntag zu verkaufen) erzählt seinen staunenden Lesern, dass man sich wegen des Internet und dieser bösen Blogs in diesem Internet als junge Frau zu Tode hungert. Gleich neben dem Foto eines Models, dessen Leib wie ein fleischgewordener Schrei nach Essen anmutet.

April

Hans-Peter Uhl (CSU, fleischgewordener polizeistaatlicher Beißreflex) ist wie ein pawlowscher Hund, der nach jedem größeren Verbrechen die anlasslose und vollständige Überwachung jeglicher Kommunikation in der BRD fordert.

Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern (Bildungs-, und damit immer auch Zukunftspolitik) kennt eine großartige Methode für den Umgang mit Computern, die von Viren oder Trojanern befallen sind: Einfach wegwerfen und andere kaufen. Für so viel Sicherheitsbewusstsein kann man auch ruhig mal ein paar Schulen verschimmeln lassen.

Mai

Die Welt (seriös verlarvte Parallelexistenz der Bildzeitung) ist der Meinung, dass Musik über das Internet transportiert werden kann, ohne dass dabei die Musik heruntergeladen werden muss. Die logischen Verrenkungen bei der PR für kommerziell motivierte Vollüberwachung der Menschen sind immer wieder erheiternd.

Peter Altmaier (CDU, damaliger Minister für größte anzunehmende Unfälle) hielt Twitter für einen nationalen deutschen Dienst.

Focus Online (qualitätsjournalistische Antwort auf Micky Maus) sprach mit sehr gespaltener Zunge über die so genannte „Huffington Post“. Gruß auch an Burda, diesem Lobby-Fürsprecher des so genannten „Leistungsschutzrechtes für Presseverleger“, auf dessen „Nutzung“ unter den Bedingungen einer großen und äußerst internetfeindlichen Koalition ich schon sehr gespannt bin. (Mein Tipp: Es gibt für Google und vergleichbare kommerzielle Anbieter eine gesetzliche Linkpflicht auf die tägliche Pressejauche. Eine kostenpflichtige Linkpflicht, versteht sich.)

Juni

Dieter Wiefelspütz (SPD, kommender Namensgeber einer Maßeinheit für dumme Arroganz) wollte unbedingt Alternativen zu Internet-Anbietern aus den USA schaffen, aber natürlich wollte er nicht etwa selbst ein Unternehmen gründen, sondern weiter als Gesetzgeber tätig werden. Ich wünsche Herrn Wiefelspütz, dass er einmal Freunde im Ausland hat, denen er erklären muss, dass man in der BRD ab bestimmten Zuschauerzahlen eine Rundfunklizenz für einen Google-Hangout benötigt. Vielleicht wird ihm dann langsam klar, warum die BRD in Internet-Dingen auf dem Niveau eines Entwicklungslandes liegt.

Angela „Neuland“ Merkel (rautenschlagende Kanzlerdarstellerin) sagte allen Ernstes „Das Internet ist für uns alle Neuland“, um eine Ausweitung der Überwachung des Internet propagandistisch zu begleiten. Und nun ein wenig Musik.

In der WZ (als Qualitätsjournalismus getarnte Hirnwäsche mit wirksamen Intelligenzlöser und politischem Weichspüler) wurde den lachenden Lesern erklärt, dass Merkels „Neuland“-Rede, die übrigens eine Propaganda-Rede zur Ausweitung der Überwachung des Internet war, doch völlig anders gemeint war — denn nach den Enthüllungen von Edward Snowden war die bisherige Linie von Angela Merkel nicht mehr so wahlkampfgeeignet.

Juli

Mathias Zahn (SWR-Propagandasprecher im BRD-Staatsfernsehen ARD) hielt eine tolle, mit so genannten „Rundfunkgebühren“ finanzierte Propagandarede zu den Enthüllungen Edward Snowdens.

Angela Merkel (Bundeskanzlerin, die ihre Hände beruhigt, indem sie das Symbol einer Vulva vor ihrem Leibe formt) grüßte im Wahlkampf unter dem Druck der Enthüllungen von Edward Snowden mit lächerlichem Wortwinken aus Alzheim.

Das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei hatten sehr genaue Vorstellungen von den Gefahren durch 3D-Drucker… die mit genau keinen belastbaren Kenntnissen begründet wurden. Ein geradezu klassisch anmutendes Beispiel für Propaganda.

Sigmar Gabriel (damaliger Kanzlerkandidat der SPD und heutiger Minister für größte anzunehmende Unfälle) vertrat im Wahlkampf allen Ernstes die Meinung, dass es „willfährig“ von Unternehmen in den USA sei, wenn sie sich an dort geltendes Recht hielten. Diese Dummheit wurde von dem bekannten Befürworter einer vollständigen und anlasslosen Überwachung jeglicher Kommunikation in der BRD noch von sehr eigenwilligen Vorstellungen von wirksamer Verschlüsselung und lustigen Etuden in der Politikersportart der Heuchelei gekrönt.

Christoph Keese (Lügenbaron des Axel-Springer-Verlages) hat ein ganz neues Taliban-Mitglied gefunden.

August

Ronald Pofalla (CDU, damaliger Chef der BRD-Geheimdienste) hat ein Machtwort gegen die alles überwachende NSA gesprochen, dass wir tagelang nicht mehr aus dem Lachen herauskamen.

t3n.de (leistungsschutzrechtgeschützer Qualitätsjournalismus) erklärte, wie man Reklame auf anderen Websites blockiert — aber verbat sich dieses Abklemmen des Geldhahns für die eigene qualitätsjournalistische Dreckssite.

September

Im Berliner Polizeipräsidium/Polizeidirektion Ost hat man nicht nur eine „Internetwache“, sondern versteht das mit diesem Internet auch.

Simon McCoy (Nachrichtenvorleser bei der BBC) drängelte sich ebenfalls für die hochbegehrte Hohlniete des Jahres vor, als er einen Pad-Computer für Internetausdrucker vorstellte. Danke übrigens für die damit verbundene klare Mitteilung, dass die Computer im staatlichen Newsbetrieb Großbritanniens reine Reklame durch product placement sind und für den Ablauf gar nicht benötigt werden.

Chip Online (leistungsschutzrechtgeschützte Qualitätswebsite von Presseverlegern eines Computer-Fachmagazins) hatte tolle Informationen aus einem Paralleluniversum, in dem es 1984 schon den Internet-Dienst World Wide Web gab.

Oktober

Die DPA (agenturzentrale Massenstanze für die Gehirne in Deutschland) hat eine völlig neue Straftat erfunden, nämlich das „Illegale Herunterladen“.

T-Online (Drosselkom) hält seine Nutzer auch mit „Nachrichten“ auf intellektuell niedriger Bandbreite und schreckte dabei auch nicht davor zurück, eine Suchmaschine als eine Tauschbörse zu bezeichnen.

RTL (die menschenverachtende Bildzeitung für den Fernsehbildschirm) erklärte uns mit einem trefflichen Symbolbild, was ein 3D-Drucker ist.

November

Dr. Thomas Feist (CDU, Bundestagsabgeordneter) verweigerte mit einem Mund voller Blubberbläschen von der „Eigenverantwortung“ seinen Job als gewählter Gesetzgeber.

Das Europäische Parlament (EU-Demokratiesimulation) lässt sich das Verschlüsseln von E-Mail verbieten.

Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat nicht nur eine lobenswerte, tagesaktuelle Aufklärungssite über kriminelle Machenschaften mit Internetbezug geschaffen, sondern will auch verhindern, dass man diese hilfreiche Site einfach so verlinkt. Stattdessen soll man seine Verlinkung bei der Polizei anmelden.

Sigmar Gabriel (SPD, Minister für größte anzunehmende Unfälle) hat sich für den Job als menschenverachtendes Propganda-Arschloch beworben, als er die Opfer eines schweren Verbrechens noch einmal für seine politische Propaganda instrumentalisierte. Das wurde auch mit einem Lügenbold-Award gewürdigt.

Dezember

Das Landgericht Köln (durch Dummheit und Inkompetenz zum besten Freund der Abmahnmafia gewordene Richter) hat im Namen des Volkers entschieden, dass das Betrachten eines Videostreams ein „unbefugtes öffentliches Zugänglichmachen“ eines geschützten Werkes sei — und einen tiefen Eingriff in die Privatsphäre mehrerer tausend Menschen veranlasst.

Die Bundesnetzagentur (Laden, zu dem einem nichts mehr einfällt) hat es mit einer einfachen Definition hinbekommen, dass für jeden Haushalt in der BRD ein Breitbandanschluss da ist.

Alexander Dobrint (CSU, Datenautobahnminister) hat eine geradezu ganzheitliche Vorstellung davon, wie das Netzwerk von Datenleitungen ausgebaut werden sollte.

Und… die Hohlniete des Jahres 2013 geht an…

Hohlniete des Jahres 2013

Die Hohlniete des Jahres 2013 geht an Dr. Hans-Peter Friedrich (CSU, damaliger Innenminister der Bundesrepublik Deutschland). Vorgeblich dafür, dass er sich die Überwachung von Kommunikation in der BRD durch den US-Geheimdienst NSA bis ins Detail darlegen ließ, weil ich ja einen haarsträubenden Anlass nehme — aber auch ein Stückweit für seine gesamte „Jahresleistung“ seit den Enthüllungen Edward Snowdens. Gruß auch an Angela „Neuland“ Merkel, Bundeskanzlerin, die diesen Menschen zum Bundesminister machte!

Was für ein Glück, dass auch das Handy von Frau Merkel abgehört wurde! Sonst wäre das Thema vermutlich erfolgreich politisch und agenturzentral totgeschwiegen worden, und außer ein paar Handvoll Geeks hätte es niemanden interessiert, dass die „Leistungen“ des Überwachungsstaates DDR gegenüber dem Allheitsanspruch US-amerikanischer und britischer Weltüberwacher beinahe niedlich wirken. (Außer natürlich für die betroffenen Menschen, für die ist so ein freidrehender Horch- und Morddienst im Rechtsfreien Raum niemals niedlich, sondern beängstigend, freiheitsberaubend und oft tödlich.)

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