Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Bei Evernote wurde die Mailadresse gestohlen!

Werte leistungsschutzrechtgeschützte Qualitätsjournalisten,

es gibt da so ein paar Dinge, derer ich mittlerweile müde geworden bin, sie überhaupt noch zu erwähnen. Und doch ist es erforderlich, damit nicht die letzten Hirnfunktionen im Strom von Scheiße weggeschwemmt werden, der aus euren Contentfabriken in jedes Bewusstsein, jede Psyche und jeden Kopf dringt.

Wie würdet ihr etwa den folgenden Vorgang nennen. Ich habe eben das Kommando scp mit ein paar unfreundlich aussehenden Parametern aufgerufen, um eine Kopie einer Datei anzufertigen, die auf einem von mir betreuten Server liegt. Diese Datei liegt nun immer noch auf dem Server, und eine identische Kopie dieser Datei liegt nun auf dem Rechner, vor dem ich gerade sitze. Würdet ihr das einen „Diebstahl“ nennen, obwohl nichts fehlt? Das wäre doch ein wirklich dummes Wort dafür, findet ihr das nicht auch?

Aber wenns darum geht, dass Cracker — nein, werter Qualitätsjournalist, das sind keine Hacker — sich bei windigen Internetklitischen über offenbar nicht ausreichende Sicherungen und mangelhaft programmierte Berechtigungssysteme hinwegsetzen können und massenhaft Daten… ja… kopieren, dann nehmt ihr genau dieses wirklich dumme Wort dafür:

Evernote gehackt – Daten und Passwörter gestohlen - Hacker haben sich Zugriff auf Datenbanken des Online-Notizdienstes Evernote verschafft. Dabei wurden Nutzerzugänge und E-Mail-Adressen gestohlen. Als Maßnahme werden nun alle Passwörter zurückgesetzt.

[Quelle des Screenshots: Internet]

Ja, ihr sagt zu einer angefertigten Kopie (auf dem Server sind keine Daten verschwunden, sonst könnten die nunmehr unsicher gewordenen Passwörter auch nicht von den Evernote-Betreibern zurückgesetzt werden), dass „Nutzerzugänge und E-Mail-Adressen gestohlen“ wurden. Obwohl sie im Gegensatz zu einem geklauten Brötchen noch da sind.

Ich weiß, dass für euch leistungsschutzrechtgeschützte Qualitätsjournalisten solche Themen einfach ein bisserl zu abstrakt und schwierig sind, und deshalb helfe ich euch auch gern mit einer Grafik aus, die die wirklichen Verhältnisse zeigt:

Komplizierte Themen für Journalisten erklärt: Der Unterschied zwischen Diebstahl und Kopie

Das solltet ihr euch ausdrucken und über die Tastatur hängen, damit ihr daran denkt, wann immer ihr solche Ereignisse in Meldungen verwandelt. Vielleicht findet ihr dann wenigstens manchmal ein besseres Wort für den Vorgang. „Kopieren“ zum Beispiel, oder, wenn der völlig unerwünschte und kriminelle Charakter solcher Angriffe gewürdigt werden soll, ist „abgreifen“ (in Analogie zu ein System „angreifen“) zwar keine wirklich gute, doch immer noch eine bessere Wahl. Geklaut, gestohlen und entwendet wird dabei jedenfalls nichts. Ganz im Gegenteil, hinterher ist mehr da als vorher. Und genau das kann ein Problem sein, ihr Profiteure des Leistungsschutzrechtes.

Und einmal ganz davon abgesehen, dass das Wort „Diebstahl“ so falsch ist: Wäre es nicht besser, wenn die Menschen verstünden, dass sie teilweise weit in ihre Privatsphäre hineinreichende Daten irgendwelchen Unternehmen anvertrauen, die offenbar nicht dazu imstande sind, solche Daten hinreichend gegen unberechtigte Zugriffe und unerwünschte Anfertigungen von Kopien ganzer Datenbanken zu sichern. Die Verwendung der richtigen Begriffe schafft nämlich erst die richtige und wünschenswerte Einsicht bei euren Lesern, und erst diese kann zu richtigen Entscheidungen führen. Ich würde jedenfalls keiner gegenwärtig hochgehypten Klitsche irgendwelche Daten anvertrauen, an denen mir wirklich etwas liegt; weder einem Anbieter von Internet-Notizzetteln noch einem Anbieter für so genannte „Cloud-Dienste“ — dafür lese ich solche Meldungen nämlich viel zu häufig. Sorgt also mal dafür, werte Qualitätsjournalisten, dass eure Leser verstehen, wie sehr von aufstrebenden Unternehmen, die meist kein seriöses Geschäftsmodell haben, gepfuscht wird! Dann könnte euer so genannter „Journalismus“ noch einen gewissen Wert für eure Leser haben. Die Verwendung treffender Begriffe — ihr Zeitungsschreiber, ihr macht doch eigentlich was mit Sprache, oder? — wäre ein erster, aber noch nicht ausreichender Schritt in diese Richtung.

Euer es nicht mehr ertragender
Nachtwächter

Eine Antwort

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