Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Der Alarmknopf-Jahresrückblick 2012

Es ist der zehnte Dezember; die großen politischen Parteien der BRD haben in obszön-lächerlichen Showveranstaltungen ihre Kanzlerkandidaten gekürt; die PR-Abteilungen dieser Parteien werden großen Wert darauf legen, dass sich ebendiese Parteien als ganz große Internetversteher vor die Augen der weniger Verständigen hinstellen können; die Journaille… sorry… die „Qualitätsjournalisten“ werden auch in der kommenden Zeit einen karnevalesken Artikel nach dem anderen schreiben, in dem sie das von ihnen gewünschte, „Leistungsschutzrecht“ genannte Standesrecht für Presseverleger (nein, nicht für die Urheber der Texte, die sollen weiterhin entrechtet, geknechtet und ausgebeutet werden.) als die größte demokratische Errungenschaft seit Einführung der allgemeinen, freien und geheimen Wahl hinstellen werden — kurz: In diesem Jahr kommt nicht mehr viel.

Das ist eine gute Gelegenheit, die technische Blindheit und den Bullshit des Jahres noch einmal am inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Deshalb hier der große und völlig alternativlose

Alarmknopf-Jahresrückblick 2012

in Form einer in diesem Blog erwähnten Auswahl von Texten, Reden, stümperhaften Propagandaversuchen und maximalen Erblindungen für technische Grundlagen, die es wert sind, dass man sich ihrer erinnert — wenns auch weh tut.

Januar

  • Ingo Egloff (SPD) vertrat allen Ernstes die Idee, dass man ein ausschließlich deutsches Problem am besten bewältigen kann, indem man eine europäische Lösung anstrebt.
  • Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Qualitätsjournalisten) hat von vielen Innovationen im Internet berichtet, zum Beispiel vom Schadprogramm im DNS, von der Internet-Polizei (ist das die Bedeutung des Kürzels „IP“, mag sich der Qualitätsjournalist gefragt haben) und von der „Schadstoffsoftware“.
  • Sven Kohlmeier (Datenschutzheini für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus) hat mal kurz erklärt, dass so ein Datenschutzausschuss gar nichts davon erfährt, wenn Polizeien systematisch und millionenfach Bewegungsdaten für die Ermittlung in einer Sachbeschädigung auswerten.
  • Eberhard Sinner (CSU) lässt nur noch die Frage offen, wie viele Dimensionen seine Inkompetenz hat.
  • Ansgar Heveling (CDU) ist bei seiner lyrischen Beschreibung der natürlichen Nutzung technischer Möglichkeiten eine Klasse für sich und hart an der Auszeichnung „Hohlniete des Jahres“ vorbeigeschrammt!

Februar

März

April

  • Michael Hartmann (SPD) will seine Zuhörer und Leser glauben machen, dass irgendwelche Filterskripten deutscher Geheimdienster hellsehen könnten und deshalb nur in Mails reinschauen, die bestimmte Wörter enthalten. Klingt ja auch viel besser als „anlasslose Überwachung des gesamten E-Mailverkehrs in der BRD“. Letzteres klänge doch sehr nach dem feuchten Traum eines Erich „Ich liebe euch doch alle“ Mielke.
  • Die Welt Online (Qualitätsjournalisten) behauptet, dass eine völlig legale Handlung ein Fall für Jugendschützer und Abmahnanvergewälte sei. Ist ja auch besser, als wenn Menschen einfach genau darüber informiert sind, welche Rechte und Pflichten sie haben. Besser für Leute, die von der Dummheit der Menschen leben, also für die hirnzersetzenden Kampagnenersinner der Contentindustrie.
  • Die Frankfurter Rundschau (inzwischen insolvente Qualitätsjournalisten) verstehen nicht den Unterschied zwischen der Ausbreitungsgeschwindigkeit von Informationen und der Datenrate bei einer Datenübertragung — und versuchen auf Grundlage dieser Blödheit in diesen abstrakten Physikdingen die besonderen Vorzüge von Glasfasernetzen zu erklären.
  • Focus Online (Qualitätsjournalisten) zitiert einen so genannten „Trendforscher“ namens Horst Opaschowski. Dieser hat in seinen Kaffeesatz geschaut und darin gelesen, dass das Internet die Kneipen kaputt macht, bitter, bitter…
  • Helmut Zerlett (vom Staatsrundfunk alimentierter „Künstler“) hat sich in einem hochnotpeinlichen Interview voller gezielter Lügen zum Mundstück der Contentindustrie gemacht.
  • Die Polizei in Stade hält sich eine Spezialexpertin für Internetkriminalität, und diese erzählt den Menschen, dass eine Antivirensoftware gegen Phishing-Mails hilft. Aber nur eine hochwertige…

Mai

Juni

  • Einundfünfzig Tatort-Autoren (mit Zwangsgebühren alimentierte „Künstler“) haben auf Grundlage ihres sicheren Einkommens bei der ARD die Gelegenheit genutzt, ihr Grundrecht [sic!] auf „Geistiges Eigentum“ einzufordern, weil sie ja so sehr von diesem bösen Raubnetz abgezogen werden.
  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justizministerin, FDP) war so schelmisch und wollte die Menschen glauben machen, dass man aus einer IP-Adresse die Mailadresse eines Anschlussinhabers ermitteln könne, damit sie gar nicht erst das böse Wort „ladefähige Anschrift“ denken können.
  • Wolfgang Wieland (Bündnis 90 / Die Grünen log den Wählern von der Grünen-Website ins Gesicht, es dürfe keine Vorratsdatenspeicherung geben. Und sprach sich danach für das genaue Gegenteil aus.
  • Die SPD Nordrhein-Westfalen (politische Partei) droht ihren Unterstützern offen mit Abmahnungen, wenn sie nach der Wahl nicht das vor der Wahl für die Internetagitation bereitgestellte Wahlkampfmaterial wieder aus dem Internet entfernen.
  • Jörg Ziercke (Chef des Bundeskriminalamtes) hat uns erklärt, warum die NSU-Mörderbande so lange nicht gefasst wurde. Nicht etwa, weil es offene Kumpanei mit Polizeien und Inlandsgeheimdiensten der BRD und anschließend systematische Beweisvernichtung gab, sondern weil es noch keine anlasslose Totalüberwachung der Telefon- und Internetnutzung aller Menschen in der BRD gibt.

Juli

August

September

Oktober

  • Thorsten Feldmann (Medienanwalt) und die ihn zitierende Frankfurter Rundschau (inzwischen insolvente Qualitätsjournalisten) informieren ihre Leser so irreführend über das Urheberrecht, dass sich alle Abmahnkrähen der Bananenrepublik Abmahnistan nur darüber freuen können.
  • Die Süddeutsche Zeitung (Qualitätsjournalisten) schreckt in ihrer FUD-Kampagne gegen das Internet nicht einmal davor zurück, ihren Lesern Angst vor Monstern im Rechner zu machen.
  • Jan-Philipp Albrecht (Bündnis 90/Die Grünen) hat pädagogisch wertvolle Vorstellungen von der Arbeit eines Streifenpolizisten, der im Internet auf Streife geht.
  • Die EU-Kommission stört sich daran, dass die Öffentlichkeit Kritik an den Plänen zur anlasslosen Totalüberwachtung der Menschen in der EU üben könnte und wollte deshalb mit Juratrollerei die Veröffentlichung von Dokumenten unterbinden.
  • Die Bundesrepublik Deutschland (Staatswesen) war der erste Staat, der die von Twitter eingerichtete Zensurschnittstelle für Staaten in Anspruch genommen hat. Nicht der Iran. Nicht Saudi-Arabien. Nicht Kuba. Nicht China. Die BRD!
  • Die Bundesregierung findet bewährte Verfahren zum Datenschutz so schlecht, dass sie diese in Zukunft kriminalisieren will.

November

  • Die Bildzeitung (Qualitätsjournalisten) hat ihren Lesern kurz erklärt, was eine Domain, was HTML und was Hypertext ist.
  • Volker Bouffier (CDU, hessischer Ministerpräsident) chattet sehr „preisgünstig“ mit seinen Untertanen. Das Geld anderer Leute gibt sich eben leichtherzig aus.
  • Florian Bernscheider (FDP) behauptet, dass die FDP dafür gesorgt hat, dass die Menschen in der BRD vor Abzockern im Internet effektiv geschützt sind. Er wird sich sicherlich darüber freuen, wenn man die fiesen, erpresserischen Briefe von Michael Burats Nullwertdiensten und der ausschließlich für Michael Burat tätigen Inkassokanzleien in Kopie an seine Adresse weiterleitet.
  • Angela Merkel (CDU, Bundeskanzler) meint, dass man im Internet nicht lesen könne.
  • Neelie Kroes (EU-Kommissarin) phantasiert ohne jede Grundlage und entgegen der recherchierbaren Fakten in eine Presse, die solchen Wahnwitz nur zu gern wiedergibt, dass cloud computing in kommenden Jahren zweieinhalb Millionen Arbeitsplätze schaffen werde, wenn die Menschen nur keine Bedenken mehr haben, ihre Daten ohne Not in fremde Hände zu geben.
  • Die ITU (UN-Organisation zur Regelung des Fernmeldewesens) hat unter Beweis gestellt, dass sie wahrlich alle Kenntnisse für eine Regelung des Internet hat — Helau!

Dezember

  • Die Welt (Qualitätsjournalisten) hat in einem beachtenswerten Leitartikel gezeigt, welchen Ton das Verlagswesen anzuschlagen gedenkt, um Stimmung für das Standesrecht namens „Leistungsschutzrecht“ zu machen.

Die Hohlniete des Jahres 2012

Hohlniete des Jahres 2012

Der Titel Hohlniete des Jahres 2012 geht aber an den ungarischen Präsidenten Áder János für seine revolutionären neuen Ideen, wie man dieses Internetdingens da im Browser auch für Blinde zugänglich machen kann. Dass da vor ihm noch niemand drauf gekommen ist!

Eine Antwort

  1. Pingback: zeugs am mittwoch « blubberfisch

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