Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Das Telefonbuch hat noch keinen Anruf angenommen

Doch ebenso, wie sich kritische Verbraucher immer mehr Gedanken darüber machen, unter welchen Bedingungen Kleidung genäht und Kaffee geerntet wird, sollten sie sich auch Gedanken über den Entstehungsprozess von Nachrichten machen. Google News hat jedenfalls noch keinen Minister gestürzt und keinen Unternehmensskandal aufgedeckt.

Kommentar von David Böcking auf Spiegel Online — Zeitungssterben: Fair Trade für die Schreiberlinge

Kommentar

Über den Rest in diesem Kommentar will ich mich gar nicht weiter auslassen. Nur eines: Vielleicht lernt Herr Böcking in seinem hohen Elfenbeinturm des „Qualitätsjournalismus“ ja noch, was der Unterschied ist zwischen einem Menschen, der einen Telefonanruf annimmt und einem Telefonbuch, dass diesen Menschen auffindbar macht. Dann wundert er sich auch nicht mehr darüber, dass das Telefonbuch nicht telefoniert. Oder den Unterschied zwischen einer Programmzeitschrift für das Fernsehen, welche das Auffinden gewünschter Sendungen für interessierte Zuschauer bequemer möglich macht und dem von Rundfunkanstalten ausgestrahlten Programm, so dass er sich auch nicht mehr darüber wundern muss, dass eine Fernsehzeitschrift kein Fernsehen macht. Obwohl diese beiden Vergleiche mit einer Websuchmaschine ein bisschen hinken, machen sie die brütende Idiotie in der oben zitierten Aussage deutlich.

Und übrigens sollte David Böcking als Kauffeder für die Propaganda der Freunde eines so genannten „Leistungsschutzrechtes“ dankbar dafür sein, dass Google bislang noch nicht auf die Idee gekommen ist, sein Angebot „Google News“ zu etwas anderem als einem Hilfsmittel zum Auffinden interessanter Inhalte zu machen. Die schlichte Vorstellung, dass Google selbst journalistisch tätig werden könnte — am Gelde für die Durststrecke zur Markteinführung mangelt es Google jedenfalls nicht, und an Journalisten, die den Totalbilligenteignungsausverkauf ihrer Arbeit durch BRD-Presseverleger gern gegen einen Job bei Google tauschen würden, wird es gewiss auch nicht mangeln — sollte Herrn Böcking und den anderen Menschen vergleichbarer Doofheit, die ihn für seine leserverblödenden Kommentare bezahlen, schnell klarmachen, dass es mit dem Zeitungssterben noch viel schneller gehen könnte, als selbst die Pessimisten befürchten. Im Gegensatz zur BRD-Journaille, die es in anderthalb Jahrzehnten Webgestrokel nicht geschafft hat, ein seriöses und tragfähiges Geschäftsmodell für den Zugang zum täglichen Textausfluss auf ihren Internetpräsenzen zu erarbeiten und jetzt, nach 15 Jahren kostenlos und freiwillig ins Web gestellten Angebotes, in erbärmlich-lächerlicher Tintenkleckserei von einer „Kostenloskultur“ flennt, hat die Unternehmung Google zumindest gezeigt, dass es ihr möglich ist, ein tragfähiges Geschäftsmodell für das Web zu entwickeln und den Menschen Nutzen zu bieten.

Diese sich ausbreitende Google-Monokultur durch weitere Diversifizierung Googles würde ich mir auch nicht wünschen. Sie wird jedoch kommen, wenn nicht ganz schnell ein paar Leute im Verlagswesen den schon lange schrillenden Wecker hören, der unüberhörbar das Wort „Internet“ schreit und aufwachen, statt weiterzuschlummern und zu versuchen, ihre Leser und Nutzer mit verblödenden Stellungnahmen und holzdummer Propaganda zu hypnotisieren.

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Eine Antwort

  1. Pingback: Offener Brief an die Presseverleger und ihre Schergen (Journalisten) | Elias Schwerdtfeger

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