Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Offener Brief an Florian Bernschneider

Auch haben wir Liberale die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung verhindert, das Bürokratiemonster ELENA abgeschafft und dafür gesorgt, dass die Bürger unseres Landes vor Kostenfallen im Internet […] effektiv geschützt werden

Florian Bernschneider, Bundestagsabgeordneter für die FDP, die Hervorhebung im Zitat ist von mir.

Offener Brief an Stelle eines Kommentares

Aktuelle Zugriffsstatistik mit Peak durch die Content4U-AbzockeWerter Herr Bernschneider,

das kleine Bild, das ich auf der rechten Seite dieses offenen Briefes eingebunden habe, ist eine Visualisierung der zurzeit (20:30 Uhr, der Tag ist also noch lang) aktuellen Anzahl von Zugriffen auf das zugegebenermaßen betont unseriöse Weblog „Wut„. Sie können diesem Bilde sicherlich auch entnehmen, dass es am heutigen Montag zu einem beachtlichen Anstieg der Zugriffszahlen auf dieses Weblog gekommen ist. Die gleiche Entwicklung war am letzten Montag zu beobachten. Und sie wird noch an so machem kommenden Montag zu beobachten sein.

Was das mit dem von ihnen postulierten „effektiven Schutz“ vor Kostenfallen im Internet zu tun hat, möchte ich ihnen gern darlegen. Ich kann das leider nicht ganz so kurz halten, wie ich es selbst gern möchte, kann ihnen aber versichern, dass sich der kleine Einblick lohnt.

Zu diesem beachtlichen Anstieg der Zugriffe auf ein sonst eher unbedeutendes Weblog kommt es, weil Menschen aus der Bundesrepublik Deutschland bestimmte Suchbegriffe in die Web-Suchmaschine ihrer Wahl eingeben, nachdem sie einen Brief einer halbseidenen Unternehmung namens „DIG Deutsche Internetinkasso GmbH“ erhalten haben, die das Inkasso für die gleichfalls halbseidene Unternehmung „Content4U GmbH“ mit ihrem in meinen Augen betrügerischen Geschäftsmodell betreibt. Ich möchte ihnen, Herr Bernschneider, auch diese Suchbegriffe — soweit sie überhaupt über den Referer¹ an den Webserver geliefert werden — nicht vorenthalten. Es folgt ein Screenshot dieses Teiles der Statistiken, der jedem völlig klar macht, wie es zu diesem plötzlichen Anstieg der Leserzahlen gekommen ist:

Aktuelle Suchbegriffe des Wut-Blogs: content4u, content4u gmbh, deutsche internetinkasso gmbh, deutsche internetinkasso, content4u inkassoschreiben, content 4 you, content4u betrug, content4u abzocke, dig deutsche internetinkasso gmbh

Selbstverständlich gab es viele abweichende Schreibungen von Worten dieses Begriffskreises, die in so einer Übersicht nicht aufscheinen, sondern zu eher einmaligen Suchbegriffen führten. Das naheliegende und von der Firmierung her beabsichtigte „Content 4 you“ ist allerdings schon so häufig, dass es sichtbar geworden ist. Diese Suchbegriffe spiegeln also nur einen Teil der Besucher wider, die aus diesem Grund zu Lesern des „Wutblogs“ geworden sind. Etwas aussagekräftiger sind vielleicht die Zahlen zu den gelesenen Artikeln, nachdem anhand der Übersicht der Suchbegriffe klar geworden ist, wie es dazu gekommen ist:

Top-Artikel auf dem Wutblog

Bei den 74 Lesern, die über die Startseite gegangen sind, handelt es sich übrigens um den regelmäßigen Leserstamm, soweit er sich nicht über E-Mail von neuen Artikeln berichten lässt oder einen RSS-Aggregator für seine tägliche Internetlektüre verwendet. Sie sehen also, Herr Bernschneider, dass es sich hier um ein an sich völlig unbedeutendes Weblog handelt. Es wird zurzeit nur deshalb vermehrt rezipiert, weil es sich über Jahre hinweg mit den Machenschaften der Content4U GmbH, anderer „Geschäftsideen“ eines gewissen Michael Burat und ihrer diversen Schergen und Strohmänner beschäftigt hat; und weil dieses Thema gerade drei Tage nach ihrer Antwort auf eine ihnen über Abgeordnetenwatch gestellte Frage durch einen weiteren in meinen Augen betrügerischen Serienbrief mit einschüchternd und psychologisch erpresserisch formulierten „Mahnungen“ zu einer vollständig unbegründeten Forderung der Content4U GmbH wieder einmal aktuell geworden ist.

Wenn sie, Herr Bernschneider, sich nichts darunter vorstellen können, wass ich mit der Ausdrucksweise von „einschüchternd und psychologisch erpresserisch formulierten Serienbriefen“ meine, dann lege ich ihnen nahe, sich einen derartigen Brief einer dieser halbseidenen Unternehmungen des Michael Burat einmal genauer anzuschauen. Wie so etwas auf einen normal gebildeten (und in Rechtsangelegenheiten verunsicherten und unwissenden) Menschen wirkt, sollten sie sich mit einem Mindestmaß an ganz gewöhnlichen menschlichen Einfühlungsvermögen leicht vorstellen können.

Und ja: Wieder einmal. Genau so geht das schon seit Jahren, einschließlich des Details der auffälligen Besucherspitze am Montag. Es betrifft übrigens nicht nur eine kleine Minderheit. Selbst mir sind Menschen bekannt, die derartige Briefe erhalten haben und darauf mit der von den (in meinen Augen) Betrügern gewünschten Verängstigung und Verunsicherung reagiert haben, die dann immer wieder dazu führt, dass unrechtmäßig proklamierte Forderungen „beglichen“ werden.

Was mich jedoch zu diesem offenen Brief an sie, Herr Bernschneider, motiviert, ist die Tatsache, dass es derartige „Internet-Geschäftsmodelle“ nur in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Obwohl diese „Geschäftsmöglichkeit“ seit Jahren von wenig erfreulichen Zeitgenossen wahrgenommen wird, gibt es keinerlei Tätigkeit des Gesetzgebers — und der sind auch sie, Herr Bernschneider, denn sie sind Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Diese Untätigkeit, die von einer Untätigkeit der Staatsanwaltschaften und vielen eingestellten Ermittlungen begleitet wird, erweckt den im Laufe der Zeit immer gewisser werdenden Eindruck, dass solche in meinen Augen betrügerischen „Geschäftsmodelle“ in der Bundesrepublik Deutschland explizit politisch gewünscht sind. In allen anderen europäischen Staaten gibt es hingegen einen wirksamen Schutz der Menschen vor dieser Form des Internet-Ganoventums, und entsprechende Versuche werden mit empfindlichen Strafen belegt.

Dass sie, Herr Bernschneider, sich angesichts dieser völlig unveränderten Situation hinstellen und davon fabulieren, einen „effektiven Schutz“ vor derartigen… entschulidgen sie mir dieses Wort bitte… asozialen und verbrecherischen Tricksereien eines widerwärtigen Geschmeißes errichtet zu haben, wirkt in diesem Kontext einfach nur noch schamlos und wie eine empörende Chuzpe. Was übrigens von der von ihnen sicherlich gemeinten, so genannten „Button-Lösung“ zu halten ist, die ja auch nicht auf die Idee eines FDP-Mitgliedes, sondern auf eine Anregung ihrer CSU-Kollegin Ilse Aigner zurückgeht, habe ich bereits am 24. August 2011 deutlich genug geschrieben und will es hier deshalb nicht wiederholen.

Herr Bernschneider, beginnen sie als Gesetzgeber damit, auf gesetzliche Regelungen hinzuwirken, die nicht zum Verbrecherschutz, sondern zum Verbraucherschutz² führen! Dazu könnte zum Beispiel gehören, das Wucherpreise für lächerliche und mit geringstem Aufwand erbrachte Scheinleistungen und dummdreist-irreführende sowie bewusst einschüchternde und damit nötigende Formulierungen im geschäftlichen Schriftverkehr und in Inkassoschreiben mit deutlichen Sanktionen belegt werden, wie das in jedem anderen zivilisierten Staat üblich ist. Ihre Partei, die FDP, Herr Bernschneider, sie hat sich mit dem griffigen Werbespruch „Leistung muss sich wieder lohnen“ in das politische Bewusstsein der Menschen in der BRD gebracht. Dieser Slogan wird durch von Menschen wie ihnen mitverantwortete Zustände entwertet, in denen sich das Verbrechen in viel größerem Maße lohnt. Vor allem, Herr Bernschneider, wenn sie diese Zustände mit öffentlichen Äußerungen begleiten, die die Millionen Betroffenen dieser Zustände offen verhöhnen.

Mit freundlichen Grüßen
Der Nachtwächter

¹Die falsche Schreibweise „Referer“ spiegelt einen zum Standard gewordenen Schreibfehler in der Spezifikation des HTT-Protokolls wider. Sie ist üblicher und damit verständlicher als die korrekte englische Schreibweise, die von der deutschen Version der freien Enzyklopädie Wikipedia verwendet wird.

²Ich empfinde es übrigens als ausgesprochen scheußlich, dass sich unter dem Druck der politischen und journalistischen Sprachnutzung das Wort „Verbraucher“ in der deutschen Sprache durchgesetzt hat, ganz so, als sei damit die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft treffend beschrieben.

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2 Antworten

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