Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Nicht den Server verlassen!

Es muss sichergestellt sein, dass die Fotodaten die Server der Polizei nicht verlassen.

Jana Schiedek, SPD, Senatorin für Justiz und Gleichstellung in der Freien und Hansestadt Hamburg, zu Fahndungen über Webdienste

Kommentar

An diesem kurzen Zitat einer Landesministerin entzückt das blenderisch-pseudokompetente Wort von den „Fotodaten“ für ein Foto in einem üblichen digitalen Format, das sich so reizvoll mit krachender technischer Ahnungslosigkeit verbündet hat. Offenbar ist der Frau Senatorin nicht klar, was die Funktion eines Webservers ist und das es die Grundfuntion vernetzter Rechenanlagen — und das, was ein solches Netzwerk überhaupt erst nützlich macht — ist, eine Infrastruktur zur Verteilung verlustfreier Kopien von Inhalten zur Verfügung zu stellen. Bei jedem Abruf des Fotos durch einen Browser (oder durch eine beliebige andere Software, die Inhalte über das HTT-Protokoll anfordert) entsteht eine lokale Kopie des Fotos auf dem Server der Polizei.

Was die Frau Senatorin hier sicherstellen möchte, ist also, dass ein von den Polizeien erstelltes Fahndungsfoto nicht über Webdienste zugänglich ist. Das ist natürlich möglich, indem ein solches Foto gar nicht im Web (oder über einen anderen Internetdienst) publiziert wird. Auf andere Weise ist es allerdings nicht möglich.

Ich kann die Bedenken Jana Schiedeks übrigens gut verstehen. Hintergrund dieser Äußerung ist das durchaus bedenkenswerte polizeiliche Bestreben, so genannte „soziale Netzwerke“ im Web (insbesondere Facebook) für Fahndungszwecke zu nutzen. Nun gilt für einen zur Fahndung ausgeschriebener Menschen bis zu seiner Verurteilung eine Unschuldsvermutung, und es ist möglich (und so etwas geschieht auch), dass es nach gerichtlicher Untersuchung des Falles nicht zu einer Verurteilung kommt. Die dann weitere Verfügbarkeit von Kopien offizieller Fahndungsbilder kann zu einer erheblichen persönliche Belastung für einen fälschlich zur Fahndung ausgeschriebenen Menschen werden, was vermieden werden sollte. Man stelle sich nur einmal vor, welche Formen von Mobbing mit diesem Material möglich sind! Der Hintergrund dieser technisch schmerzhaft inkompetenten Äußerung der Justizsenatorin ist also ein ernsthaftes Bemühen um den Schutz der Rechte von Menschen, nach denen unter Verwendung von Fotos (oder auch von Zeichnungen) gefahndet wird — und dieses Anliegen zeigt, dass Frau Schiedek sich auf ihr Ressort versteht.

Doch dieses Problem besteht sogar, wenn Fahndungsfotos auf dem Server einer Polizei gehostet werden, denn bei jedem Abruf der Fahndungsseite entsteht beim Abrufenden eine lokale Kopie. Es bedarf keiner besonderen technischen Kenntnisse, um solches Material zu archivieren; und die menschliche Niedertracht, solches Material nach einem Freispruch für Schmutzkampagnen einzusetzen, ist leider niemals auszuschließen, sondern bei einigen Menschen (zum Beispiel bei der Mehrzahl der Journalisten) Grundlage ihres gesamten Daseins. Die Archivierung ist so einfach wie das Speichern einer Seite mit einem Browserplugin oder mithilfe von Werkzeugen wie GNU Wget. Jeder aufgeweckte Zwölfjährige kann das. Es ist die Nutzung von Grundfunktionalität des Internet. Und wer es nicht kann, weiß immer noch, wie man einen Screenshot von seinem Bildschirm anfertigt. Ob Material bei Facebook oder auf einem Server der Polizei liegt, spielt keine Rolle.

Es bleibt zu hoffen, dass die Frau Senatorin jemanden in ihrer Behörde für Justiz und Gleichstellung fragt, der sich mit den technischen Grundlagen des Internet auskennt, bevor sie eine Entscheidung trifft — denn das oben stehende Zitat macht deutlich, dass sie aus ihrem eigenen Kenntnisstand heraus eine Entscheidung träfe, die dumm, inkompetent und für ihr eigentliches Anliegen vollkommen wirkungslos wäre: Schutz der Menschen, nach denen gefahndet wird, indem die veröffentlichten Fahndungsunterlagen auf einem bestimmten Server angeboten werden.

Meiner Meinung nach verbietet sich die Nutzung von Facebook übrigens aus einem ganz anderen, nicht einem technischen, sondern einem kulturellen und psychologischen Grunde: Herr N. N., mutmaßlicher Mörder von fünf Personen. 10.243 Personen gefällt das. Es gibt auch im Web Orte, an denen bestimmte Themen nur in seltenen Ausnahmefällen einen Platz haben können. Das sollte freilich auch bei den Polizeien und Innenministerien klar sein. Es scheint dort aber nicht klar zu sein. Und das ist sehr bitter.

Aber auch nicht unerwartet.

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