Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Wo im Journalismus das Gehirn endet

Ich wurde neulich gefragt, warum hier so häufig die Website der Süddeutschen Zeitung mit ihren peinlichen und idiotischen Ausflüssen erwähnt wird und ob das daran vielleicht liege, dass ich diese besonders häufig oder gründlich läse.

Nein, es liegt nicht daran. Es liegt einfach daran, dass die Süddeutsche Zeitung die beste spamartige Suchmaschinenmanipulation (von den Leuten, die so etwas machen, verharmlosend „SEO“ genannt) betreibt, so dass ihre wiedergekäuten und auch andernorts hundertfach zu findenden DPA-Meldungen aus der Zwischenablage in meinen Standardsuchen sehr häufig ganz weit oben stehen.

Diese erfolgreiche Manipulation von Suchmaschinen kombiniert sich allerdings immer wieder einmal mit gnadenlos idiotischen Artikeln aus der eigenen Redaktion. Zum Beispiel dem gleichermaßen schwafelgewaltig wie kompetenzfrei geschriebenen Text „Macht der Netzkonzerne: Wo im Internet die Freiheit endet“ von Frau Professor Miriam Meckel, aus dem das folgende Zitat stammt — der ganze Text ist übrigens eine große Fundgrube der „qualitätsjournalistischen“ Idiotie 2.0:

Im Netz gibt es alles für jeden – immer und überall. Und vor allem gibt es Transparenz, Grenzenlosigkeit und Freiheit. So denkt man sich das. Bis uns Google, Apple und Facebook die Grenzen aufzeigen.

Sie steht immer offen, die Pforte der Suchmaschine Google. Sie führt uns vermeintlich direkt ins Reich der grenzenlosen Information. Vermeintlich. Tatsächlich gibt es viele Grenzen und Schranken und auch viel Unauffindbares, wenn wir Google ins Netz gehen. Von alledem sehen und wissen wir fast nichts.

Der Google-Weg ins Netz ist ein Gang durch unsichtbare Schlagbäume, die man nur sehr kenntnis- und trickreich überwinden kann, so wie es der Autor Roberto Bolaño in einer Geschichte aus dem „Geheimnis des Bösen“ erzählt. Da hat der Junge Laurato eine Methode entwickelt, mit der er sich automatischen Türen nähert, ohne dass sie sich öffnen. „Wenn Gott allgegenwärtig wäre, sollten automatische Türen immer offen sein.“ Laurato will den Beweis liefern, dass er die Automatik und so auch den allgegenwärtigen, allwissenden Gott überlisten kann. Und das gelingt.

Nun, Frau Professor Merkel Meckel, ich kann ja verstehen, dass es unangenehme Auswirkungen hat, wenn man in seinem Versuch, Gott zu überlisten, immer wieder mit dem Kopf gegen geschlossene automatische Türen rennt. Aber deshalb muss man nicht gleich Autor werden, der in 1817 Worten pseudophilosophischen Schwafelschwalls über die unvorteilhaften Standardeinstellungen der großen Webdienstleister Google und Facebook und die hippen Enteignungsideen Apples schreibt, ohne mit auch nur einem einzigen Wort vorhandene und nützliche Alternativen zu erwähnen, so wie sie es (sicherlich dafür gut bezahlt) tun.

Auch, wenn ihnen das bislang entgangen ist und sie lieber immer wieder davon reden, wie man mit dem Kopf in Glastüren rennt: Es gibt sehr brauchbare Alternativen zur Suchmaschine Google und ebenso brauchbare Alternativen zum kommerziellen Netzwerk Facebook, die bereits fertig sind und darauf warten, von denen genutzt zu werden, die mit der täglichen Gängelung und Überwachung unzufrieden sind und sie deshalb abstreifen wollen. Also nicht von Leuten wie ihnen, die stolz darauf sind, wie sie Apple überlistet haben und doch gescheitert sind:

Zwei Nächte hat es gedauert, bis ich mich während einer Konferenz in San Diego erfolgreich beim US-iTunes-Store angemeldet hatte, um eine Staffel der Serie „Covert Affairs“ herunterzuladen, die es auf Deutsch noch nicht gab. Sie haben keinen permanenten Wohnsitz in den USA? Ihre amerikanische Kreditkarte hat eine Schweizer Basisadresse? Dann fliegen Sie schneller zum Mond als in den US-Store zu kommen.

Es geht schließlich, wenn man einen iTunes-Gutschein einlöst und einfach eine x-beliebige Hoteladresse angibt. Aber dann versuchen Sie mal, wieder zurück nach Deutschland zu wechseln, wenn der Gutschein nicht ganz ausgegeben ist. Ein Produkt für 53 Cent müsste her, das gibt es aber im ganzen Store nicht.

Aber um Alternativen zu Google und Facebook zu finden und zu nutzen, hätten sie ja mal — wenn sie schon keine Alternative dazu kennen — Google benutzen müssen, bevor sie schreiben. Und das Ergebnis wäre möglicherweise schade für ihre tolle Idee mit den geschlossenen Türen gewesen, gegen die man anrennt, wenn man Gott Google, Gott Facebook und Gott Apple überlisten will. Deshalb haben sie nicht nur auf jegliche Recherche verzichtet, sondern sogar schon auf die einfache Benutzung einer Websuchmaschine, um diese aus dem Tollhaus tolle Textidee zu retten. Ich verstehe.

In Bezug auf Apple kann ich ihnen ebenfalls nur empfehlen, einen beliebigen Medien-Player der gehobenen Qualitätsklasse zu erwerben, wenn ihnen die dreisten Kundenentrechtungen im iTunes-Shop nicht gefallen; diese Vorgehensweise hat sogar den Vorteil, eine Menge Geld (mindestens hundert Euro) zu sparen. Falls sie fürs Schreiben inhaltsleeren und kompetenzfreien Bullshits so gut bezahlt werden, dass sie hundert Euro gar nicht mehr für irgendetwas gebrauchen können, können sie die ja mir geben, denn ich lebe vom Betteln und kann sie sehr gut gebrauchen. Und wenn sie ganz heiß auf einen Apfel sind, essen sie einfach mal wieder einen. Einer gewissen Eva aus einem alten Mythos unseres Kulturkreises soll das ja auch eine gewisse Erkenntnis verschafft haben, die man bei ihnen schmerzhaft vermisst — und zwar ohne, dass man sie und ihresgleichen gleich im Paradiese wähnt. Eher schon in der Klappsmühle.

Ihr ihren „Qualitätsjournalismus“ genießender
Nachtwächter

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Eine Antwort

  1. mailinator

    Ich finde den Artikel von Meckel in der Sueddeutschen auch Mist. Mich würde interessieren: Wie alt ist der Redakteur, der Meckels Text in die Zeitung gebracht hat, ohne die fehlende Logik zu bemerken, und wie alt sind die Leser der Sueddeutschen, die sich unlogischen Quatsch verzapfen lassen?

    Man kann darüber streiten, ob Meckels Anekdote über den Kauf von Musik-Dateien aus dem Internet-Laden von Apple während eines Aufenthalts in den USA den Artikel nun glaubwürdiger oder belangloser macht. Er klingt, als wolle sie zeigen, hey, Leute, ich bin voll die Checkerin, auf Reisen, auf Draht und am Multitasken.

    Was den Artikel für mich so seltsam unprofessionell ausschauen lässt, ist diese Endzeit-Lyrik mit dem schiefen Bild von Türen und einem Gott – daneben bei einem so weltlich-kommerziellen Thema wie Suchergebnissen aus dem Internet.

    Vielleicht kommt das ja bei den Lesern, die die fünfzig hinter sich haben, gut an, ein Artikel, der dem Moloch Internet mit den Allegorien der göttlichen Komödie beikommen will.

    12. November 2012 um 15:17

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