Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Standard beim Messen des Stromverbrauchs

Der TÜV prüfte unter anderem, wie viel Energie die einzelnen Browser verschlingen, um die zwanzig beliebtesten deutschen Seiten zu laden – etwa die Maildienste von Web.de und T-Online. Außerdem nahm der Dienstleister unter die Lupe, wie groß der Energiehunger der Browser bei der Darstellung multimedialer Elemente ist. Grundlage dafür war der Standard HTML5.

Welt Online — Browser-Energiespartest: Schnell und sauber durchs Internet.

Kommentar

Am gesamten Artikel (bitte bei Interesse dem Link unter dem Zitat folgen) ist so viel falsch, dass es ermüdet, zu den Fehlern Stellung zu nehmen.

Aber ich will zum ganz großen Bullshit darin nicht völlig schweigen und verliere deshalb doch ein paar Worte dazu.

Wenn man misst, misst man leicht Mist. Der Technische Überwachungsverein — der aus mir unerfindlichen Gründen einen viel zu guten Ruf hat — hat also im Auftrage Microsofts gemessen, welchen Energieverbrauch es verursacht, mit verschiedenen Webbrowsern eine Reihe populärer deutscher Websites anzusurfen. Wie diese Messung durchgeführt wurde, gehört zu den interessanten Dingen, die uns Microsoft nicht in der kommenden Greenwashing-Reklame sagen wird und die uns auch von den eifrigen Qualitätsjournalisten in der Welt Online nicht mitgeteilt werden.

Eine sehr naheliegende Möglichkeit für eine derartige Messung ist es, die Leistungsaufnahme des Rechners hinterm Netzteil zu messen. Hierzu wird erst als Referenzwert die Leistungsaufnahme des vollständig (mit allen gestarteten Hintergrundprozessen) hochgefahrenen Betriebssystemes (in der Untersuchung ein Windows 7) gemessen, diese wird dann mit der Leistungsaufnahme bei bestimmten Anwendungsfällen (Browserbenutzung) verglichen. Auf diese Weise entsteht ein Wert für die zusätzliche Leistungsaufnahme, die durch die Benutzung des Browsers verursacht wird.

Und dieser Wert ist falsch. Er ist falsch in dem Sinne, dass bei einer solchen „Messung“ der Internet Explorer von Microsoft einen erheblichen systembedingten Vorteil hat. Microsoft ist vor ca. fünfzehn Jahren auf die Idee gekommen, den Webbrowser nicht als Anwendung zu implementieren, sondern zur Komponente des Betriebssystemes Microsoft Windows zu machen¹. Dabei übernimmt der Internet Explorer auch etliche Funktionen für die Darstellung des Desktops und die Schnittstelle zur Dateiverwaltung. (Die Bezeichung „Explorer“ für den Dateimanager ist übrigens älter als diese Entscheidung Microsofts.) Der Internet Explorer ist unter Microsoft Windows also immer bereits gestartet und läuft im Hintergrunde mit — und nimmt dabei natürlich auch Leistung auf, die beim eben skizzierten „Messverfahren“ gar nicht ermittelbar ist. Das Fenster mit dem Titel „Internet Explorer“ ist „nur“ eine sichtbar gemachte Nutzeroberfläche für einen bereits laufenden Prozess des Betriebssystemes. Jeder andere Browser hat diesen Vorteil nicht, sondern läuft als zusätzliche Anwendung zu den Systemprozessen. Es ist so gut wie unmöglich, den systembedingten Vorteil des Internet-Explorers aus den gemessenen Werten herauszurechnen.

Es ist völlig sicher, dass Microsoft-Werber sich über diesen Sachverhalt sehr bewusst waren, als sie diese Bullshit-Untersuchung beim TÜV im Auftrag gegeben haben. Dass sich der TÜV darüber im Klaren war, als er „ermittelte“, dass der IE zwischen 8 und 27 Prozent weniger Energie als die anderen Browser verbraucht, erscheint mir hingegen zweifelwürdig.

So weit mein „kleiner“ Schlenker bezüglich des generellen Bullshits in dieser „Messung“.

Offenbar hat auch der professionelle Schreiberling, der diese Zeilen — die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine gekürzte Presseerklärung, also Microsoft-Reklame im redaktionellen Teil, sind — als „qualitätsjournalistisches“ Industrieprodukt in die Tasten hämmerte, gemerkt, dass da etwas fehlte, nämlich ein Hinweis zum Messverfahren. Und so hat er beim Kürzen des Textes eine bemerkenswerkte Kontraktion gebildet…

[…] wie groß der Energiehunger der Browser bei der Darstellung multimedialer Elemente ist. Grundlage dafür war der Standard HTML5

…und HTML5 zum Standard für Energiemessungen im Browserbetrieb erklärt, was in der resultierenden Aussage komplett meschugge wirkt.

Vor allem, weil HTML5 noch nicht einmal für irgendetwas Standard ist. Zurzeit hat das World Wide Web Consortium „nur“ den Working Draft (Arbeitsentwurf) vom 25. Mai 2011 des kommenden Standards veröffentlicht — gemäß Zeitplan des W3C soll der HTML5-Standard im Laufe des Jahres 2014 offiziell verabschiedet werden. Obwohl die gegenwärtigen Browser den Arbeitsentwurf mehr oder weniger² weitgehend implementieren, handelt es sich noch nicht um einen Web-Standard. Der langsame Standardisierungsprozess hat zu erheblicher Kritik geführt, so dass zurzeit versuchsweise mit dem Konzept eines „Living Standards“ gearbeitet wird, der nicht festgeschrieben ist, sondern laufend an die aufkommenden Bedürfnisse angepasst wird. Dass dieses Konzept, mit dem der Begriff „Standard“ zu einer leeren Hülse gemacht wird, sehr umstritten ist, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen. Für Gestalter von Websites ist diese Situation sehr unbefriedigend; sie müssen ja jetzt tragfähige und funktionable Ergebnisse erzielen — dafür werden sie schließlich bezahlt — haben aber keine zuverlässige und zukunftsfähige technische Referenz eines Standards zur Verfügung, was sich wie ein Rückschritt in die Neunziger Jahre anfühlt. Pragmatisch wird dieses Problem gelöst, indem man jenes Minimum verwendet, das für das jeweilige Projekt sinnvoll ist und mit den verwendeten Browsern funktioniert… und leise darauf hofft, dass es nicht bei abweichender Standardisierung zu wochenlanger Nacharbeit kommt.

Aber um das alles zu erfahren, hätte der bezahlte Schreiber ja immerhin ein paar Minuten googlen müssen, wenn er schon nichts von den Dingen versteht, von denen er schreibt.

Mir als Leser zeigen solche „qualitätsjournalistischen“ Bullshit-Artikel voller versteckter Reklame und falscher Fakten immer nur, dass bei der industriellen Content-Produktion ohne auch nur eine Spur von Sachverstand gearbeitet wird. Und ich wäre dumm, wenn ich glaubte, dass es an anderen Stellen, von denen ich zufällig weniger verstehe, anders aussähe.

¹Diese Idee aus dem damaligen „Browserkrieg“ hatte Konsequenzen. Sie führte zu einer beispiellos erschreckenden Sicherheitsgeschichte des Internet Explorers und zum Erblühen der organisierten Internet-Kriminalität. Vorteile aus Anwendersicht hat sie hingegen nicht gebracht.

²Opera und Firefox mehr, der Internet Explorer eher ein bisserl weniger…

4 Antworten

  1. Pingback: Greenwashing für den Internet-Explorer « Alarmknopf

  2. Deus Figendi

    Ich wurde auf diesen Blog (erneut) aufmerksam, weil er gerade in Trackback auf RadioFritz von @hoersuppe geplugt wurde.

    Ehrlich gesagt war mir der Messfehler – obwohl er recht eingängig ist – nicht auf Anhieb aufgefallen, aber er ließe sich durchaus umgehen.
    Denn anders als du schreibst müsste es sehr wohl messbar sein man muss nur alle zu messenden Browser im idle-modus für die Referenz-Messung starten.

    Also: Rechner hochfahren, alle Browser starten mit einer irgendwie gearteten leeren Seite (in der Regel about:blank). Dann die Referenzmessung durchführen und dann mit jedem Browser die Testseiten aufrufen und die Energie-Differenz aufzeichnen.

    Außerdem müsste man diesen Messfehler umgehen können wenn man einfach MacOS verwendet um zu messen, denn dort ist der IE nun keine Systemkomponente (glaube ich). Für andere Betriebssysteme steht der Internet Explorer soweit ich weiß nicht zur Verfügung, insofern wäre es unsinnig in einer von Microsoft in Auftrag gegebenen Studie einen Test auf Linux, Solaris, AmigaOS oder Android zu machen.

    Was ich nicht weiß ist ob der TÜV auch Browser gemessen hat, deren erklärtes Ziel ein ressourcensparender Betrieb ist, für Microsoft Windows wären hier K-Meleon als grafischer Browser zu nennen aber durchaus auch w3m, links2 oder lynx als Kommandozeilen-Browser.

    12. November 2012 um 11:30

    • Der Internet-Explorer ist unter Microsoft Windows keineswegs im idle, wenn er about:blank darstellt. Er läuft aktiv im Hintergrund und rendert die interaktive Benutzeroberfläche MS Windows, einschließlich vieler lustiger Effekte.

      Aber in der Tat, man könnte so eine Messung durchführen, indem man Windows vor der Messung stark anpasst. Wenn man in die Registry (frag mich jetzt bitte nicht nach dem genauen Schlüssel, es ist bei mir über ein Jahrzehnt her, das ich zum letzten Mal für Windows geproggt habe) als Shell etwas anderes als EXPLORER.EXE einträgt und den Start aller Prozesse unterbindet, die zu einem indirekten Start der normalen Shell führen können, dann hat man ein Windows, in dem der IE tatsächlich so gemessen werden könnte. Der Aufwand ist natürlich hoch und erfordert Fähigkeiten, die auch über fortgeschrittene Anwenderkenntnisse hinausgehen. Die Bezahlung (und damit wohl auch ein erheblicher Teil des Designs) der „Studie“ durch Microsoft und die Durchführung durch den in der Computertechnik nicht gerade kompetenten Technischen Überwachungsverein machen es in meinen Augen zur sicheren Wette, dass dieser Aufwand gemieden wurde, um stattdessen mit wissenschaftlicher Mimikry den gewünschten Reklameeffekt zu erzielen.

      Der Internet Explorer 5.5 für MacOS aus dem Jahr 2000 war übrigens ein völlig anderes Programm mit gleichem Namen. Er hatte andere Bugs und hat mutmaßlich nur wenig Code mit dem Internet Explorer für Microsoft Windows geteilt. Viele für den IE 5 entworfene Seiten haben auf diesem Browser nicht funktioniert. Microsoft hat diesen Browser wieder fallengelassen, vermutlich, weil es sich als zu schwierig erwies, zwei völlig Codezweige zu pflegen, die sich auch noch einigermaßen gleich verhalten sollen. Das letzte kleinere Update für die IE 5.5 für MacOS wurde im Sommer 2003 herausgegeben; zur ursprünglich beabsichtigten Veröffentlichung des IE 6 für Mac OS ist es niemals gekommen. (Ich kann mir auch persönlich kaum vorstellen, dass so eine Bugware und so ein wandelndes Sicherheitsloch wie der IE 6 unter MacOS-Anwendern eine Chance gegen den ungleich besseren Safari gehabt hätte, dessen erste Version ebenfalls im Sommer 2003 veröffentlicht wurde.) Der einzige IE, der für eine Messung unter MacOS zur Verfügung steht, ist also hoffnungslos veraltet und hatte immer nur eine oberflächliche Ähnlichkeit zum IE für Windows.

      Warum mein Liebling und mein oft unentbehrliches kleines Werkzeug Lynx nicht in einer solchen von Microsoft entworfenen und bezahlten Reklamestudie dabei ist, sollte wohl klar sein… 😉

      12. November 2012 um 14:57

      • Deus Figendi

        >> Der Internet-Explorer ist unter Microsoft Windows keineswegs im idle, wenn er about:blank darstellt. Er läuft aktiv im Hintergrund und rendert die interaktive Benutzeroberfläche MS Windows, einschließlich vieler lustiger Effekte. (…)

        Ja schon, aber diese Aktivität würde er ja sowohl bei der Refferenzmessung als auch bei seiner Aktiv-Messung als auch bei der Aktiv-Messung seiner Konkurenten haben, daher würde sich DIESER Fehler damit rausrechnen. Gleichzeitig aber würde ein neuer entstehen, nämlich dass tatsächlich die anderen Browser faktisch mehr verbrauchen einfach aufgrunddessen, dass sie zusätzlich gestartet werden zum IE und ihr „Verbrauch“ allein aufgrund ihrer Anwesenheit ;D würde aus der Messung herausfallen und das ist der Punkt wo ich dir zustimme: Ist wohl kaum messbar.

        Dass es den IE nur bis Version 5.5 für OS X gab wusste ich nicht, dann wäre das natürlich Unsinn. Wobei (und das ist nun übles Offtopic), Apple es MS da gleich tut, den Safari gab es für OS X und Windows, später dann OS X, iOS und Windows und inzwischen finde ich auch http://www.apple.com/de/safari/ gar kein Download-Angebot mehr, stattdessen der Hinweis:
        >> Die neueste Safari Version ist in Mountain Lion verfügbar. Die neueste Safari Version für Lion ist über die Softwareaktualisierung verfügbar.
        Dabei war die Windows-Version ohnehin schlecht gepflegt und unglaublich behäbig und träge (jedenfalls in WINE), eine Linux- Unix- oder BSD-Variante gab es soweit ich weiß nie (schon komisch, is‘ doch Webkit und OS X ist selbst ein Unix).

        @Lynx: Ja, der Browser ist ziemlich klasse, keine Frage, ich benutze ihn auch am Liebsten wenn ich keine grafische Oberfläche habe. Aber das würde ich vom TÜV nicht verlangen wollen, weil er wirklich wirklich ein Nieschendasein führt.
        Der w3m führt zwar auch ein Nieschendasein, ist aber DER Refferenzbrowser des W3C, an dem Ding müssen sich alle messen (was nicht schwer fällt, er ist nicht besonders toll). Was er für einen Energieverbrauch hat, darüber habe ich so gar keine Kenntnisse, genau deshalb wünschte ich der TÜV hätte sie erbracht (ehrlich gesagt habe ich die Studien selbst aber irgendwie nirgends gefunden, nur Artikel darüber).

        13. November 2012 um 10:59

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