Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Juni, 2012

Anlasslose Totalüberwachung wegen @PiratenOnline

In einem Gespräch mit unserer Zeitung kritisierte Friedrich: „Der Fall Özil zeigt nur die Spitze des Eisbergs.“ Die Verwahrlosung der Umgangsformen im Internet sei „erschreckend“. Skeptisch äußerte er sich über die Chance, Twitter-Täter [Bingo!] zu stellen. „Es gibt grundsätzlich Möglichkeiten, da die Täter im Netz Spuren hinterlassen. In vielen Fällen ist die Fahndung aber mangels Vorratsdatenspeicherung derzeit nicht Erfolg versprechend“, sagte der Minister.

Osnabrücker Zeitung — Solidarität echter Fans gefordert — Innenminister: Özil-Hetze ist widerwärtig

Kommentar

Das sind also nach Meinung des Herrn Bundesinnenministers die „schweren Straftaten“, um deretwillen das Kommunikationsverhalten aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland permanent und anlasslos überwacht werden soll: Rassistisch motivierte Beleidigungen gegen einen türkischstämmigen Spieler in der DFB-Auswahl. Mit welcher lächerlichen Behändigkeit sich dieser Fürsprecher einer Totalüberwachung auch auf jedes Thema stürzt, wenn da nur ein bisschen emotionaler Power dranhängt — und sei es Fußball! Eine ganz schlimme „Verwahrlosung der Umgangsformen im Netz“ diktiert dieses Arschloch (ich darf doch mal meine verwahrlosten Umgangsformen offenbaren) in das Journalistenmikrofon, ganz so, als sei er noch niemals einer Horde von „Fußballfans“ begegnet, die offen und von Polizisten aus der BRD beschützt menschenverachtende und auch immer wieder rassistische Parolen in die Welt brüllen. Oder sind das für Herr Friedrich etwa weniger erschreckende Umgangsformen?

Die Umgangsformen, die Herr Friedrich scheinbar nicht bemerkt hat und die ihm offenbar auch niemand von seinem Zuarbeiterstab mitteilte, konnten hingegen viele auf Twitter wahrnehmen, die irgendwie mit diesem Idioten konfrontiert wurden, der sich @PiratenOnline nannte, obwohl er mit der gleichnamigen Partei (nach Aussagen aus der Piratenpartei) nichts zu tun hat. Immer wieder wurde der im Ton völlig inakzeptable Missbrauch des Twitterkontos zur Verunglimpfung von Türken und gleichzeitig der Piratenpartei von Twitter-Nutzern an Twitter gemeldet, so dass es sich für diesen Schwachkopf ganz schnell „ausgezwitischert“ hatte, weil sein Account gesperrt wurde. Hätte es sich hingegen um einen „Fußballfan“ außerhalb des Internet gehandelt, dann hätte er sogar noch Polizeischutz für sein rassistisches Gebrüll bekommen, damit er auch ja kein negatives soziales Feedback von Betroffenen seiner Stammtischagitation erhält.

Was Herr Friedrich in seinem Idiotengelaber in ein Journaillemikrofon nicht erklärt, ist, wieso es im Privatrecht immer wieder möglich ist, Zugriff auf Logfiles zu erhalten und einen Anschlussinhaber zu ermitteln, um ihn kostenpflichtig abzumahnen, während das für die Strafverfolger gar nicht möglich sein soll.

Dank auch an die „Osnabrücker Zeitung“, die eine dermaßen schwachsinnige und plumpe Argumentation ohne jede Relativierung und frei von jeder Hintergrundinformation abdruckt. Damit auch jeder bemerke, was die Journaille unter „politischer Meinungsbildung“ versteht.

Satirische Zusammenfassung der politischen Agitation

„Wer gegen Vorratsdatenspeicherung ist, hilft Kinderschändern“ — merde!, hat nicht geklappt.

„Wer gegen Vorratsdatenspeicherung ist, ist ein Nazi“ — merde!, das klappt auch nicht.

Na gut, dann mache ich eben den dritten Versuch: „Wer gegen Vorratsdatenspeicherung ist, der ist ein Nazi und gegen Fußball“…

Fußnotenhafter Hinweis an Fußballfans

Ich bitte Fußballfans um Beachtung, dass ich „Fußballfan“ in Anführungszeichen gesetzt habe. Die meisten von euch werden wissen, was ich meine und was ich nicht meine. Wer sich trotzdem ungerecht behandelt und als Angehöriger einer Gruppe verunglimpft fühlt, kann daran vielleicht nachfühlen, wie es Nutzern und Gestaltern des Internet unter der laufenden Agitation aus Glotze, Journaille und Politik jeden Tag ergeht. Die Tweets habe ich nur aus dokumentarischen Gründen verlinkt, und sie klingen wie das dumme Geprolle eines pubertären Jungen, beinahe harmlos, wenn ich sie mit dem vergleiche, was mir von „Fußballfans“ manchmal in die wehrlosen Ohren gebrüllt wird.

Nachtrag

Weiterlesen im Lawblog.


EU gegen Internetbombenleger

Abgesehen von dem Euro und dem zollfreien Zugang zu 500 Millionen europäischer Kunden bietet die EU noch zahlreiche weitere Vorteile. Viele unserer aktuellen Probleme, von der Energieversorgung und Umweltschutz, über die Regulierung der Finanzmärkte, die Terrorismus- und Kriminalitätsbekämpfung (z.B. im Internet), bis hin zur Lebensmittelsicherheit und den Herausforderungen des demographischen Wandels in Deutschland, lassen sich allein auf nationalstaatlicher Ebene nicht effektiv lösen

Norbert Geiß, CSU, Rechtsanwalt

Kurzkommentar

Wofür wir die EU — und, um an die beantwortete Frage zu erinnern: eine ordentliche, als „Fiskalpakt“ verschleierte, indirekte Garantiezahlung von Steuergeldern an privatwirtschaftliche Kreditinstitute, die sich verzockt haben — benötigen: Natürlich für die „Terrorismusbekämpfung im Internet“, denn da werden immer ganz viele Bomben gelegt. Ja, dafür brauchen wir die EU!

Hach, dieses Internetdingens ist in der politischen „Argumentation“ immer so praktisch…


Was ist ein Domainname?

Die Antwort auf diese Frage gaben Bungartz & Kreutzer, Patentanwälte im April 2002 auf ihrer Website:

Eigentlich kein gewerbliches Schutzrecht, jedoch wird die Reservierung des Domain-Namens im Internet immer wichtiger. Die Reservierung erfolgt entweder automatisch durch Aufnahme der Benutzung über einen Provider oder durch eigene Reservierung für eine künftige Benutzung. Voraussetzung ist derzeit eine sogenannte DNS-Nummer, also eine Adresse eines physikalischen Speicherplatzes im Internet, unter dem beispielsweise ein Baustellen-Symbol abgelegt sein kann.

Wer eine Stunde Zeit und einen robusten Schädel (oder eine Familienpackung Kopfschmerztabletten hat), kann noch viel mehr von diesen grandiosen Erklärungen lesen: DAUFAQ — Juristen erklären das Internet


Mail-Profitipp von Qualitätsjournalisten

Wer im kostenlosen Mailprogramm Thunderbird seine E-Mails signiert, sollte dafür HTML verwenden – nur so bleibt die gewünschte Schriftart erhalten

sueddeutsche.de — Computer – Internet: Mailprogramm Thunderbird: In Signatur HTML verwenden

Ergänzender Profitipp: Verwenden sie ausschließlich Schriftarten, die auf den Rechnern der Empfänger mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht installiert sind und streben sie nach einem exakten Layout, als handele es sich um ein Printprodukt. Schließlich gibt es ganz viele Mailausdrucker, und die finden den Stil allesamt wichtiger als den Inhalt. Stören sie sich auch nicht daran, dass HTML-Mail ansonsten wegen der damit einhergehenden Möglichkeiten zum Tracking oder zum Verschleiern eines Linkzieles vor allem von kriminellen Spammern eingesetzt wird, so dass alle ernsthafte Kommunikation zwischen Menschen mit reinen Textmails stattfindet. Die gelegentliche Erkennung der eigenen Mail als Spam ist ein angemessener Preis für das Streben nach größtmöglicher Exzellenz im Design der Mail. Glauben sie einfach den Profis im Baumbestempeln von der Süddeutschen Zeitung, die kennen sich auch mit E-Mail und dem Internetdingens aus! Huch, jetzt sind sie in das Aquarium mit den Blindfischen gefallen…


Suchmaschinen: Die Diebe des Internet

Wir versprechen uns keine großen Einnahmen von diesem Leistungsschutzrecht. Das ist jetzt auch gar nicht unser Ziel. Uns geht es dabei darum: Das ist unser geistiges Eigentum und unser Anspruch. Und wir wollen einfach gerne vorher gefragt werden. Und wichtig ist auch, dass große Martkteilnehmer wie Guggel nicht einseitig den Preis auf null festsetzen. Das wäre so, als wenn ich selber in den Supermarkt gehen würde und würde mir da was rausholen. Da ist ja auch keine Schranke vor dem Supermarkt. Da kann ich ja auch reingehen einfach. Da ist auch nicht alles ausgezeichnet, das vergisst die Verkäuferin ab und zu mal. Und trotzdem würde ich nie auf die Idee kommen, mir die Spreewaldgurken umsonst rauszunehmen. Sondern ich würde dann hingehen und fragen: „Was kosten die, bitte?“, und dann würde ich das bezahlen

Dietrich von Klaeden, Leiter für Regierungsbeziehungen bei der Axel Springer AG, zitiert aus der Transkription von Stefan Niggemeier

Kurzkommentar

Nein, Herr von Klaeden, die Arbeit einer Suchmaschine ist mitnichten ein Diebstahl in einem Supermarkt (deshalb verschwindet ja auch nirgends etwas), sondern sie ist sinnbildlich so, als würden sie in den Supermarkt gehen, nichts kaufen und nichts mitnehmen, die Produkte dort stehenlassen, aber sich diese genau anschauen und sich anschließend hinstellen und potenziell interessierten Kunden sagen, welche Produkte es im Supermarkt gibt und welche Eigenschaften diese haben. Dies hülfe interessierten Kunden, die für sie besten Produkte zu finden. Ihre Idee, dass jemand für diesen Dienst, der vor allem dem Supermarkt und seinen Kunden nützt, Geld an den Supermarkt bezahlen soll, ist schlechterdings gehirnverrottet. Wenn Supermärkte — die in ihrer merkwürdigen Parabel, Herr von Klaeden, ausgerechnet dasjenige Verlegergewerbe repräsentieren, dessen Interessen sie klandestin in den von Presse und Öffentlichkeit unbeobachteten Berliner Mauschelstuben vertreten — nicht in Wirklichkeit darum bemüht wären, ihren Kunden immer wieder einmal für sie nachteilhafte, also minderqualitative und/oder überteuerte Produkte, anzubieten, dann würden sich sogar die Supermärkte selbst um einen derartigen Dienst bemühen, der ja dann auch für die Supermärkte nur Vorteile hätte.

Aber dafür, Herr von Klaeden, dass ihre Parabel so ein billiger rhetorischer Trick ist, der schon beim leichten Klopfen ganz hohl klingt, dafür ist wenigstens ihre vorsätzlich kriminalisierende Rhetorik gegenüber Gestaltern des Internet eine Offenbarung ihres ausgesprochen unerfreulichen Charakters. In gewöhnlicher Umgangssprache würde ein Mensch mit einem Charakter wie dem ihrigen, Herr von Klaeden, durch die derbe Benennung einer wenig appetitlichen Körperöffnung bezeichnet werden.