Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Offener Brief an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Wir wollen zum Beispiel die Möglichkeiten für Rechteinhaber erleichtern, an die Mail-Adressen von illegalen Downloadern zu kommen, um ihre Ansprüche geltend zu machen

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP, Rechtsanwältin, Bundesministerin der Justiz

Offener Brief an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Werte Frau Leutheusser-Schnarrenberger,

wie wollen sie denn bitte die Mailadresse ermitteln lassen?

Mit Verlaub, Frau Ministerin: Holen sie bitte mal kurz Luft bei ihrem Versuch, ACTA doch noch irgendwie (und sei es jetzt nur noch zu Gunsten der Pharmaindustrie) durchzubekommen, und erinnern sie sich kurz an die technischen Grundlagen und daran, auf welchem gesellschaftlichen Hintergrund es überhaupt zu illegalen Downloads kommt. Es setzt sich ja niemand hin und sagt sich „ich will jetzt unbedingt was Illegales tun“.

Das spielt sich völlig anders ab.

Wenn jemand — sagen wir ruhig einmal: ich¹ — also, wenn ich auf die Idee käme, dass ich wegen eines bestimmten Musikstückes (ein derartiger Wunsch kommt ja aus dem unmittelbaren Erleben und aus nichts anderem) das Album „Mindstrip“ von Suicide Commando haben möchte, das man in meiner hübschen Heimatstadt Hannover zurzeit von exakt null Händlern bekommt; wenn ich anschließend mit gebremster Freunde feststellen müsste, dass ich dieses Album zwar im Webshop des Projektes als komplette materielle CD für 12 Euro kaufen kann, ich dort aber absurderweise nicht die Möglichkeit habe, das eine Stück „Comatose Delusion“ zu einem akzeptalen Preis als Einzelkauf zu erwerben, was mir als eine geradezu natürliche Vermarktungsform im Internet erscheint; und wenn ich mir dann sage:

Nein, ich will ja eigentlich nur dieses eine Stück. Und wenn schon Vertrieb über das Internet, dann ist doch der Umweg über eine mit der Sackpost versandten CD, die ich eigens rippen muss, um sie auf meinen MP3-Player zu überspielen (wenn es sich nicht gar um eine dieser kopiergeschützten, also ab Werk kaputten CDs handelt) und bei der ich außerdem sehr viel mehr bekomme und vor allem bezahle, als ich gerade haben möchte, ein bisschen deppert und umständlich.

Das sind alles Gedanken, Frau Justizministerin, die gewiss nicht in meinem Kopf zum ersten Male aufgekommen sind, Gedanken, die vor mir schon ganz viele Leute gedacht haben, und die nach mir noch ganz viele Leute denken werden. Alben komplett im Internet verkaufen zu wollen, ist ungefähr so weit neben den technischen Möglichkeiten des Netzes, als versuchte man, Hörspiele ohne Bild im Fernsehen zu senden.

Dann kann es schon einmal passieren, dass ich bei einer dieser berüchtigten, oft zensierten und gern kriminalisierten Torrent-Suchmaschinen lande, um mir über einen digitalen Weg digital vermarktete Güter in einer angemessenen digitalen Form zu besorgen, ohne zuviel dafür zu bezahlen.

Sehen sie, dann bin ich ein illegaler Downloader.

Welche Spuren hinterlasse ich dabei, Frau Justizministerin?

Richtig, ich hinterlasse nur bei den jeweiligen Seedern eine IP-Adresse, mit der ich diese digitalen Güter herunterlade.

Und? Frau Justizministerin? Wie kommt man nun von der IP-Adresse auf die Mailadresse?

Es ist natürlich möglich, die „irgendwie“ ermittelte IP-Adresse² mit den gespeicherten Verbindungsdaten des Zugangsproviders abzugleichen, um an die Stammdaten des Kunden des Zugangsproviders zu gelangen. Was man dabei erhält, ist nicht etwa eine Mailadresse, sondern die Identität (Name und ladungsfähige Anschrift) eines Anschlussinhabers. Dies geschieht bereits jeden Tag, und dahin geht dann auch die in der Regel gesalzen kostenpflichtige Abmahnung, die dann in einem — hören sie genau, Frau Justizministerin, denn es handelt sich hier um ihr eigentliches Ressort! — systematischen und zuweilen gar gewerbsmäßigen Missbrauch dieses an sich sinnvollen Rechtsmittels zur „Abschreckung“ und — im gewerbsmäßigen Falle — zur Erzielung eines pekuinären Gewinnes versandt wird.

Die Mailadresse, von der sie reden, wie ein Blinder vom Lichte redet, sie kommt in dieser Kette nirgends ins Spiel. Weder gibt es eine Zuordnung von IP-Adressen zu Mailadressen, noch ist im Regelfalle dem Zugangsprovider die verwendete Mailadresse bekannt. Sie lässt sich ebensowenig erschließen, wie sich aus einem Kfz-Kennzeichen der Name der Hauskatze erschließen ließe.

Ich kann jetzt natürlich nur darüber spekulieren, warum sie von einer Mailadresse reden, werte Frau Justizministerin.

Die für sie vorteilhaftere Annahme ist, dass sie schlicht keine technischen Kenntnisse haben, und unbeleckt von den dazu erforderlichen fachlichen Kenntnissen ihre Ideen zur juristischen Regulierung des Internet zum Besten gegeben haben. Obwohl das dumm wäre, ist es die vorteilhaftere Annahme.

Denn die andere mögliche Annahme ist, dass sie bewusst gelogen haben, um über das Wort „Mailadresse“ einen Eindruck von relativer Harmlosigkeit zu erwecken, der mit der ladungsfähigen Anschrift eines Anschlussinhabers in der real existierenden Bananenrepublik Abmahnistan nun einmal nicht verbunden ist. Bei einer solchen Lüge hätten sie fest darauf gebaut, dass der Mehrzahl der „Politikgenießer“ in der Bundesrepublik die technischen Zusammenhänge fremd sind und hätten nach Rücksprache mit ihren PR- und Technik-Beratern diese Unkenntnis gezielt zur Erweckung eines unzutreffenden Eindruckes eingespannt.

Und das, Frau Ministerin, ist ein Eindruck, den sie doch wirklich nicht zu erwecken beabsichtigen, oder? Aus mir bekommen sie diesen Eindruck jedenfalls nicht mehr so leicht heraus — nicht trotz, sondern wegen ihrer überwiegend kompetenten und von einem gewissen Weitblick geprägten Politik.

Mit Grüßen, die gerade noch so freundlich bleiben, wie man es von jemandem erwarten kann, dem man so offen und durchschaubar ins Gesicht lügt und damit unterschwellig mittelt, dass man ihm für einen Idioten hält

Ihr Nachtwächter.

Fußnoten

¹Und ja, werte Frau Justizministerin: Ich gestehe offen ein, dass ich schon illegale Downloads gemacht habe. Ich gehe davon aus, damit nicht zu einer kleinen Minderheit zu gehören, die auch ansonsten eher kriminelle Ambitionen hat, also zu so etwas wie zu Menschen, die Wohnungseinbrüche machen. Ich gehe sogar noch weiter in diesem Geständnis und gebe genau so offen zu, dass ich es jederzeit wieder machen würde, wenn der legale Erwerb bedeutete, dass ich überzogen viel Geld dafür bezahlen soll, digitale Güter auf einem materiellen Medium über den Postweg zu beziehen und bei dieser Produktbündelung auch für digitale Güter mitbezahlen soll, die ich gar nicht erwerben will. Meine „kriminelle Energie“ in dieser Sache geht noch weiter: Ich käme mir ziemlich dumm vor, wenn ich mich für ein legales Angebot mit derartigen Zumutungen „ausnehmen lassen“ würde. Und auch hier gehe ich davon aus, nicht zu einer kleinen Minderheit… ach, ich wiederhole mich. Seit ich etwas genauer weiß, wie wenig von diesem Geld bei den eigentlichen Künstlern ankommt, ist meine Bereitschaft, legal zu verfahren, sogar noch weiter gesunken und ich würde einiges an Aufwand in Kauf nehmen, um erstens derartige Güter illegal zu beziehen und zweitens den Künstlern auf andere Weise Geld zukommen zu lassen. „Suicide Commando“ war live übrigens durchaus eindrucksvoll, und die T-Shirts gefallen mir richtig gut.

²Es gibt exakt eine Möglichkeit, die IP-Adresse eines BitTorrent-Nutzers oder eines anderen Filesharers zu ermitteln: Indem man die Güter selbst zum Download anbietet. Diese Geste einzunehmen und hinterher den Downloader zu kriminalisieren, ist mehr als nur ein bisschen schizophren. Diese schizophrene Geste wird von dubiosen Rechteverwertern in der Bundesrepublik Deutschland unentwegt eingenommen. Sie, Frau Justizministerin, scheinen mit dieser anderen Seite des ermittelten Downloaders zumindest im Moment noch kein Problem zu haben. Deshalb kann ich ihnen nur empfehlen, auch darüber einmal nachzudenken. Wenn ich mich öffentlich hinstelle und ein begehrtes Gut wie freie 5-Euro-Banknoten anpriese, wäre es doch bis an die Grenze zur offenen Geisteskrankheit absurd, wenn ich hinterher wegen des mir weggenommenen Geldes einen Strafantrag wegen Diebstahls stellte, oder?

5 Antworten

  1. Pingback: Nachtwächter-Blah » Frau Leutheusser-Doppelname hat ganz tolle Ideen…

  2. blubb

    Suicide Commando – comatose delusion … für 99 Cent bei amazon. Ein etwas schlechtes Beispiel – aber ich weiß ja wie du es gemeint hast und stimme dem schon zu. 😉 Mal abgesehen davon, dass ich 99 Cent auch ein klein wenig überteuert finde.

    10. Juni 2012 um 20:45

    • Arrgh! Bei Amazon habe ich nicht geschaut… m(

      10. Juni 2012 um 21:22

  3. Pingback: Der Alarmknopf-Jahresrückblick 2012 « Alarmknopf

  4. Pingback: In aller Kürze zur Bundestagswahl… | Alarmknopf

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