Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Internet-Unfug in Presse veröffentlicht

Das folgende ist ein etwas längeres Zitat eines von AFP übernommenen Artikels auf RP Online, das ich leider immer wieder zwischendurch unterbrechen muss. Ich würde ja gern glauben, dass die anderen Artikel auf RP Online zu Sachgebieten, in denen ich mich weniger gut auskenne, mit mehr Wissen, Sorgfalt und Kompetenz geschrieben wären — aber ein solcher Glaube wäre angesichts solcher für mich erkennbar frei von jeglicher Sachkenntnis hingerotzten und vor kleinen wie großen Fehlern strotzenden Artikel dumm. Wenn ich mir nur vorstelle, dass Menschen in Deutschland aus solchen Ausflüssen des „Qualitätsjournalismus“ ihre politische Meinung bilden… 😦

Informationen von 35.000 Konten
Twitter-Passwörter im Internet veröffentlicht

Auf die Zahlen in der Überschrift komme ich noch einmal zurück.

San Francisco (RPO). Der Internet-Kurzbotschafen-Dienst Twitter ist offenbar Opfer von Kriminellen geworden.

Twitter ist kein Internetdienst, sondern eine Website, die einen Kurznachrichtendienst über das Web und eine eigens dafür erstellte API anbietet. Das World Wide Web ist ein Internetdienst. Und das Internet ist wesentlich mehr als das World Wide Web. Sogar ein Journalist, der ja sicherlich manches Mal über E-Mail kommuniziert, sollte derartige Grundlagen des Gegenstandes, über den er immerhin einen Artikel schreibt, kennen.

Ob Twitter als Sitebetreiber von twitter (punkt) com Opfer von Kriminellen geworden ist, oder ob viele Twitter-Nutzer Opfer von Kriminellen (etwa durch Phishing) geworden sind, steht zurzeit noch nicht fest. Das ist keine Haarspalterei, sondern dieser Unterschied ist auch aus der Sicht eines Twitter-Nutzers erheblich. Wenn Twitters Datenbanken vor einem Cracker offen gelegen haben und wenn unbekannt große Teile des Datenbestandes jetzt in den Händen von Kriminellen sind, ist potenziell jeder Nutzer davon betroffen; wenn es sich jedoch um eine Phishing-Attacke gehandelt hat, hingegen nur ein Bruchteil der Nutzer. In seriöserer Berichterstattung über diesen Vorgang wird wegen der Eigenschaften der veröffentlichten Account-Daten von Phishing oder von einer Liste automatisch erstellter Accounts ausgegangen, was für die Mehrzahl der Twitter-Nutzer im Gegensatz zu einem erfolgreichen Angriff auf Twitter sehr beruhigend ist.

Bei so vielen sachlichen Schlampigkeiten und Fehlern schon im ersten Satz fällt das „Kurzbotschafen“ mit dem fehlenden „t“ gar nicht mehr ins Auge.

Im Internet wurden tausende Benutzernamen mit den dazugehörigen Passwörtern veröffentlicht, wie das Unternehmen auf Twitter selbst mitteilte.

Hallo? RP Online? Ihr habt da eine Website! Mit Hypertext-Auszeichnungen! Wo ist der Link? „Im Internet“ — das ist so, als wenn ich unter einem Zitat schriebe: „Quelle: Buch“. Also völlig indiskutabel und in der Wirkung dümmlich. Deshalb hier der erste Hinweis Twitters auf die (lt. Twitter: angeblich) veröffentlichten Accountdaten und die Rücksetzung der Passwörter gefährdeter Accounts, und hier der Hinweis Twitters auf die Vielzahl von Duplikaten in den (lt. Twitter: angeblichen) Accounts. Alles muss man selbst recherchieren, wenn man es für wichtig hält — da braucht niemand mehr solche „Qualitätsjournalisten“, die zum Hohn für ihre „Genießer“ auch noch ein „Leistungsschutzrecht“ haben wollen.

Die Angabe mit den behaupteten Duplikaten lässt sich übrigens leicht überprüfen — bei dieser Gelegenheit liefere ich gleich die Links auf die (lt. Twitter: angeblichen) Accountdaten mit:

$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=Kc9ng18h > twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=vCMndK2L >> twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=JdQkuYwG >> twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=fw43srjY >> twitterpw.txt
$ curl http://pastebin.com/raw.php?i=jv4LBjPX >> twitterpw.txt
$ wc -l twitterpw.txt
  58978
$ sort -u twitterpw.txt | wc -l
  37001
$ expr 58978 - 37001
  21977

Beinahe 22.000 der 58.978 Zeilen in diesem großen Datenbestand sind also exakte Duplikate, was den Eindruck eines großen Datenlecks bei Twitter gleich noch ein bisschen stärker relativiert. So etwas mit Hilfe eines Computers herauszubekommen ist weiß Gott keine Raketenwissenschaft, sondern ganz herkömmliche Datenverarbeitung im Stile der Achtziger Jahre und sollte deshalb jedem Journalisten, der (im Gegensatz zu mir: bezahlt) über Internetangelegenheiten schreibt, eine Selbstverständlichkeit sein¹. Leider zieht es Genosse Journalist (der sich zum Hohn für alle Internetnutzer in der BRD demnächst auch noch durch eine mit Zwangsabgaben gefütterte Subventionsveranstaltung namens „Leistungsschutzrecht“ alimentieren lassen will) es vor, irgendwelche außerordentlich leicht recherchierbaren Zahlen nicht selbst zu recherchieren, sondern aus einer Presseerklärung von anderen Hohlnieten ohne den Schimmer einer Ahnung von der gesamten Materie abzuschreiben. So kommt es dann dazu…

Die betroffenen Nutzer wurden demnach informiert, ihre alten Passwörter sind ungültig.

Die Zugangsdaten von 35.000 Twitter-Konten seien auf der Filesharing-Website Pastebin.com zugänglich, teilte Twitter mit. Hinzu kämen 20.000 weitere Einträge, bei denen es sich offenbar um Wiederholungen handele.

…dass rd. 37.000 Twitterkonten auf 35.000 abgerundet werden, und dass rd. 22.000 Duplikate auf 20.000 abgerundet werden. Damit auch jeder, der diese Meldung kurz abklopft, sieht, dass Sorgfalt anders aussähe.

Dass Sorgfalt anders aussieht, bemerkt man übrigens auch daran, dass dieser unbekannte Autor mit der besonders großen Kompetenzvermeidungskompetenz in Sachen Internet allen Ernstes behauptet, dass Pastebin.com eine „Filesharing-Website“ sei. Das klingt nach den Ermittlungen gegen Megaupload schön kriminell und gefährlich. Ich habe gerade keine Lust mehr, diesen die Leser verdummenden und legitime Webdienste kriminalsierenden Unsinn dieses inkompetenten Tintenklecksers, der sich für einen Qualitätsjournalisten hält, richtigzustellen, und möchte ihn, falls er hier mitliest, nur zu einer Sache auffordern: Im Gegensatz zu ihrem hingerotzten Webgeschmiere, mein dafür bezahlter Herr Kollege, habe ich mir die zwei Sekunden Mühen gemacht, Pastebin.com bei seiner Erwähnung auch zu verlinken. Sehen sie, das Wort hat deshalb eine andere Farbe. Und wenn sie da draufklicken, dann kommen sie zu dieser Website, die ihrer mit der autoritären Wucht des Journalismus verstärkten Meinung nach dem „Filesharing“ dienen soll. Machen sie das jetzt einfach mal! Und jetzt nehmen sie sich bitte irgendeine Datei, die man gewöhnlich mit Filesharing assoziiert, also so etwas wie eine MP3-Audiodatei, ein JPEG-Bild oder gar ein Video und versuchen sie mal, die da hochzuladen, um sie zu „sharen“! Wie, sie stellen gerade fest, dass das gar nicht geht? Dass Pastebin.com gar nicht dafür gedacht ist, so etwas zu machen? Dass man da nur reine Texte hinterlegen kann, um sie anderen Leuten mitzuteilen? Gar nicht so sehr anders als in einem Gästebuch auf einer Website, das auch niemand als „Filesharing“ bezeichnen würde? Na, was für eine Überraschung! Das hätten sie mal vorm Schreiben ihres Strunzes machen sollen, sie Vollpfosten! Und wenn ihnen das zu mühsam gewesen wäre, dann hätten sie wenigstens die minimale „Recherche“ betreiben können, die jedem Siebtklässler beim Schreiben seiner Hausaufgaben als erstes in den Sinn kommt.

Ich breche jetzt mal ab, bevor ich völlig unsachlich werde und dabei meinen letzten Rest guter Laune verliere. Und: Wie gesagt, ich würde zu gern glauben, dass die anderen Artikel auf RP Online besser sind, aber es wäre angesichts solcher „journalistischer“ Zumutungen einfach nur dumm…

¹Ich habe hier wiedergegeben, wie ich vorgegangen bin. Natürlich würde ein Journalist, dem die Bedienung eines Computers an der Kommandozeile fremd ist, stattdessen die Rohdaten herunterladen und in eine gute Tabellenkalkulation importieren, um dann die Funktionen einer vertrauteren Software zu nutzen. Das ist zwar in den Arbeitsschritten etwas umständlicher und dauert geringfügig länger, aber es führt ebenfalls nach kurzer Zeit zu einem Ergebnis — auch ohne, dass hierfür eine Unix-Shell mit den in solchen Umgebungen üblichen Werkzeugen vorhanden sein muss. Die Vorstellung, dass ein Journalist, der ja in seiner täglichen Arbeit mit der Interpretation von Zahlen und tabellarischen Daten beschäftigt ist, seine bevorzugte Tabellenkalkulation nicht bedienen kann, ist schlechterdings absurd und wäre ein Hinweis darauf, dass sein „Journalismus“ nur noch in der Aufbereitung von Agenturmeldungen bestünde. Es stehen viele Werkzeuge zur Verfügung, und es führen viele Wege zu einem Ziel, wenn man nur in die Richtung geht. Aber dieses Gehen und diese Richtung, das ist es, was dem zeitungsschreibenden Pack völlig abgeht.

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