Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Die meinungsfreudige Gemeinde

Bundespräsident
Die Internet-Gemeinde senkt den Daumen

Jetzt könnten sie ihre T-Shirts mit dem Konterfei von Joachim Gauck wieder herausholen: „Yes, we Gauck!“ Doch viele der meinungsfreudigen Internetnutzer, die sich im Sommer 2010 vehement für Christian Wulffs damaligen Gegenkandidaten ausgesprochen hatten, sehen den Ex-Pfarrer heute viel kritischer.

Berliner Morgenpost: Die Internet-Gemeinde senkt den Daumen

Kommentar

„Internet-Gemeinde“ ist in erster Linie ein dümmlicher Neusprech. Dass man den Menschen, die man hier als „Gemeindemitglieder“ — also nur notdürftig verlarvt als Sektierer — bezeichnet, schon im Teaser den hämischen Spott entgegen bringt, dass sie angesichts ständiger Zensurbestrebungen, Kriminalisierungen und Beschimpfungen durch Journaille und classe politique „meinungsfreudig“ seien, ganz so, als sei bei solchen offenen Anfeindungen die Gegenwehr und das Vertreten des eigenen Standpunktes eine Freude, ist eine qualitätsjournalistische Dreistigkeit, die ich gar nicht weiter beleuchten will — zumal hier auch ein Stück Heiterkeit in der mitschwingenden Widerspiegel liegt, dass jenes gute Viertel der Menschen in der BRD, die aus dem einen oder anderen Grund kein Internet nutzen, offenbar keine Freude an der Entwicklung einer eigenen Meinung hätten; dies vielleicht ja deshalb, weil diese Menschen allein auf den täglichen Auswurf der Glotz- und Printmedien zurückgeworfen sind.

Das Internet ist eine ganz gewöhnliche technische Vorrichtung geworden. Drei Viertel der Bevölkerung haben in der einen oder anderen Weise daran teil — und zwar in der Regel auf eine Weise, die sehr persönlich und somit individuell geprägt ist. Ob sie chatten, Web-2.0-Angebote nutzen, sich informieren, selbst Angebote im Internet machen: Sie entdecken, was sie persönlich tun können, und viele entdecken dabei auch, dass sie mit ihrem Fühlen und Erleben nicht allein dastehen, obwohl dieses Fühlen und Erleben in den Machwerken der Contentindustrie keine Rolle spielt. Hier von einer „Gemeinde“ zu sprechen, drängt sich nicht gerade von selbst auf, sondern ist schon ein ausgesprochen vorsätzlich unpassendes Bild. Weder ist es eine kleine, verschworene Sekte mit obskuren Glaubenssätzen, noch ist es ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt. Es käme auch niemand auf die Idee, andere häufige Nutzungen einer verfügbaren Technik mit so einem Wort zu belegen, es spräche oder schriebe zum Beispiel niemand von einer „Telefon-Gemeinde“, einer „Autofahrer-Gemeinde“ oder von einer allgemeinen „Zeitungsleser-Gemeinde“. Bei solcher Wortwahl wäre das Absurde und latent Verunglimpfende darin so offensichtlich, dass sich noch der miesteste Schreibtischtäter bei den Zeitungen schämen würde, wenn er seinen Text vor der Veröffentlichung nur einmal kurz querläse.

Dennoch stolpere ich in den letzten Tagen immer häufiger über dieses Beispiel qualitätsjournalistischen Neusprechs. Die „Internet-Gemeinde“ — häufig mit Bindestrich geschrieben, damit das Wort „Gemeinde“ darin durch die Majuskel um so deutlicher zutage tritt — hat das inzwischen zur Lächerlichkeit abgenudelte Schmähwort von der „virtuellen Welt des Internet“ ersetzt, das übrigens einer für drei Viertel der Menschen in der BRD alltäglichen Sache die Realität abspricht — dabei wird natürlich völlig davon abgesehen, dass in dieser vorgeblich „virtuellen Welt“ von etlichen Unternehmern und einigen großen Kapitalgesellschaften ausgesprochen reale Gewinne in teilweise beträchtlicher Größenordnung erwirtschaftet werden. An die Stelle der sprachlichen Existenzleugnung ist eine in ihrem Ton unüberhörbar mürrische sprachliche Anerkennung der Existenz getreten, die jedoch mit einem Begriff, der deutliche Konnotationen des Sektiererischen und Kleinen — und damit tendenziell Pathologischen, Unwesentlichen und Unbeachtlichen — aufweist, wieder weitgehend verneint wird.

Nur eines dürfen diese drei Viertel der Menschen in der BRD für die Journalisten niemals sein, wenn sie in der im Internet üblichen Offenheit — und zugegebenermaßen: häufig auch Plumpheit und mangelnden Reflexion — ihre Gedanken austauschen und ihre Lebenssituation, ihre Hoffnungen, ihre Befürchtungen, ihre Analysen, ihre Witze mitteilen: Internetnutzer. Menschen, die das Internet nutzen. Völlig verschiedene Menschen, vom jugendlichen Nazis über intellektuelle Rechtsextreme¹ über eine breite Schicht bürgerlich gesinnter Menschen über politische Aktivisten aus allen Lagern über Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten. Natürlich sind darunter auch die crackpots aller Coleur, auch die Sektierer, auch die Religiösen, auch einige besonders wirre Verschwörungstheoretiker — und ebenso natürlich die Menschen, die Gegenstandpunkte zu den zuweilen kruden Ansichten aus diesem Lager vertreten. Das Internet ist ein Spiegel der kompletten Vielfalt der Gesellschaft, und es steht damit in deutlichem Gegensatz zur Einfalt des redaktionell und agenturzentral gewünschten Spiegelbildes derselben Gesellschaft in der Contentindustrie. Es ist das demokratischste Medium, dass die industrielle Revolution jemals hervorgebracht hat, und genau das ist ein wünschenswerter Fortschritt.

Was im Internet freilich anders ist als vorher: Es ist den Menschen durch die gefühlte Anonymität, die allgemeine Verfügbarkeit von Inhalten und den hergerichteten Räumen für eine Stellungnahme möglich geworden, völlig andere Standpunkte, ethische Grundsätze und Weltanschauungen zu erfahren; ein Erleben, das natürlich eigene Standpunkt in Frage stellt und zum Denken, zur Selbstreflektion, zur Kritik, zum Widersprechen anstachelt. In genau dieser Eigenart ist das Internet das Gegenteil einer „kleinen, verschworenen Gemeinde“ von sich selbst untereinander bestätigenden Sektierern, es entspricht sowohl in seinen Erlebnismöglichkeiten als auch in seiner kulturellen Vielfalt eher einer großen Metropole, in deren Treiben sich beinahe die gesamte Buntheit des menschlichen Seins und Erfahrens zeigt — mit allen Freuden, allem Elend, aller nie in Galerien vermarkteten Kunst, aller Lust, aller Kraftlosigkeit, aller Krankheit.

Und deshalb ist das Wort „Internet-Gemeinde“ so unpassend — aber doch durch seine zurzeit recht häufige Verwendung in seiner hirnfickenden Absicht auch so deutlich, dass jeder halbwegs wache Mensch, der im Internet nicht nur die Websites seines Versandhauses und der Springerpresse sieht, diese Absicht auch bemerken wird.

Nachtrag 20:55 Uhr: Das Handelsblatt versucht diesen Neusprech in einem Kommentar zu rechtfertigen und schreibt dabei nichts Substanzielles, sondern nimmt einfach seine Deutungshoheit als journalistisches Produkt in Anspruch. Anders, als das Handelsblatt in seinem Kommentar deutelt, wird der Begriff nicht neuerdings „gerüffelt“, weil einige — sorry — Frontfressen aus der Alpha-Bloggeria damit angefangen haben, sondern weil dieser diffamierende Neusprech als Ersatz für die vorherige, fad gewordene Verunglimpfung „virtuelle Welt“ erst seit relativ kurzer Zeit in aktivem Gebrauch ist. Und in der Tat: In Gebrauch durch Leute, die es lieber hätten, wenn das Internet einfach wieder wegginge… das zumindest ist richtig beobachtet.

¹Ich weiß, dass das Wort „intellektuelle Rechtsextreme“ nicht glücklich gewählt ist, finde jedoch auch nach längerem Nachdenken kein besseres Wort.

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