Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

O2: Sechzig Euro im Jahr für Nix

Screenshot der Internet-Versicherung von O2

Quelle des Screenshots: Ein [hier vorsätzlich nicht verlinktes] Angebot von O2

Es ist leider nicht leicht möglich, dieses „tolle“ Werk eines „Internet-Programmierers“ (das übrigens auf einigen Browsern Darstellungsfehler hat) dauerhaft zu archivieren. Einen genaueren Eindruck der Werbung für diese „Internet-Versicherung“ vermittelt die Ansicht des Screenshots in Originalgröße.

Kommentar

Das ist doch eine tolle Versicherung, die das finanzielle Risiko für alle nur denkbaren Schäden durch die gegenwärtige Internet-Kriminalität für nur fünf Euro im Monat abfedern soll. Mit den schönen Worten „Beruhigend, nicht wahr?“ unter der aufwändig erstellten Reklame.

Da fragt Mitmensch Dumm sich doch gleich: Darf ich jetzt endlich wieder das Internet in total idiotischer Weise benutzen, in jede Spammail reinklicken, überall meine persönlichen Daten eingeben, irgendwelchen Dienstleistern meine Kontodaten oder Kreditkartennummern zustecken und O2 zahlt die ganzen Schäden, die mir dabei entstehen?

Nun gut, bei solchen Angeboten gibt es das Große und Bunte aus der verlogenen Reklame, mit dem man Menschen zu zahlenden Kunden macht, und es gibt das schwarzweiße, kleingedruckte Augenpulver, in dem drinsteht, was den Kunden wirklich für die sechzig Euro im Jahr verkauft wird. Ein Teil dieses kleingedruckten Augenpulvers ist das Produktinformationsblatt für diese „Internet-Versicherung“, dessen Gestaltung vorsätzlich so ist, dass niemand Lust aufs Lesen verspürt. Es ist das, was ich mir mal etwas genauer angeschaut habe — und dabei ist dieser Text…

Bitte beachten Sie, dass die nachfolgenden Informationen nicht abschließend sind. Lesen Sie daher bitte auch sorgfältig die Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) und die Datenschutzinformation.

…zwar erschöpfend zu lesen, aber enthält keineswegs die erschöpfende Gesamtheit der Einschränkungen des so sonniggroß und himmelblau übern Sand Gedruckten.

Dass alle Fälle von der Versicherung ausgeschlossen werden, die vor Abschluss der Versicherung eingetroffen sind, ist ja noch relativ klar.

Nach Punkt 4.2 sind allerdings auch Schäden von der Versicherung ausgenommen, bei denen man im Schadensfall vermutlich selbst nachweisen muss, dass man für den Schaden nicht verantwortlich ist:

Fälle bei denen der Versicherte ein Zahlungsmittel (z.B. Kreditkarte) nicht nach den Verhaltensregeln des Ausstellers des Zahlungsmittels (z.B. Kreditkartenregeln der Bank) gehandhabt hat.

Wenn man die Dienste des Anbieters sofortueberweisung (punkt) de in Anspruch genommen hat, hat man in jedem Fall gegen die Verhaltensregeln der Bank gehandelt, weil man einem Dritten die PIN und eine gültige TAN übergeben hat, was das gewöhnliche Sicherheitsverfahren der Banken nun einmal aushebelt. Da hilft auch das TÜV-Zertifikat für diesen fragwürdigen Anbieter nichts¹. Sollte es dabei also zu einem Schaden kommen — etwa, weil Geld an einen Betrüger gezahlt wurde, der keine Ware liefert — hilft diese Versicherung gar nicht. Meiner Meinung nach völlig zu Recht, denn wer einem Dritten die Möglichkeit einräumt, auf dem eigenen Konto beliebige Transaktionen zu machen, ist sowieso nicht mehr zu retten.

Aber lassen wir das einmal dahingestellt, denn der Punkt Fünf dieser tollen Produktinformationen ist da deutlicher:

5. Obliegenheiten

Die Versicherten sind unter anderem verpflichtet, im Internet sorgfältig mit Ihren persönlichen Daten umzugehen:

5.1 Die Weitergabe von Passwörtern, Zugangscodes oder ähnlich vertraulichen Informationen an andere Personen (einschließlich mitversicherter Familienmitglieder) ist in Bezug auf Zahlungsmittel (z.B. Kreditkartencodes oder PINs) und andere Anwendungen (z.B. soziale Netzwerke) zu unterlassen.

5.2 Offensichtlich unsichere Internetseiten dürfen für Zahlungsvorgänge nicht verwendet werden, insbesondere muss die verwendete Internetseite immer mit „HTTPS“ beginnen, wenn darüber Zahlungen abgewickelt werden.

5.3 Es sind geeignete Virenschutzsysteme zu verwenden.

5.4 Verdächtige E-Mails sind unverzüglich zu entfernen.

5.5 Bei verdächtigen Konto- oder Kreditkartenabrechnungen sind unverzüglich geeignete Maßnahmen zu ergreifen (z.B. Rückbuchung, Meldung bei Bank)

[…]

Sollten Versicherte diese Obliegenheiten verletzen, sind wir von der Verpflichtung zur Leistung frei, sofern die Obliegenheiten vorsätzlich verletzt wurden. Im Falle einer grob fahrlässigen Verletzung sind wir berechtigt, unsere Leistung in einem der Schwere des Verschuldens entsprechendem Verhältnis zu kürzen. Das Nichtvorliegen einer groben Fahrlässigkeit haben Versicherte nachzuweisen. Wir sind jedoch in jedem Fall zur Leistung verpflichtet, wenn die Verletzung der Obliegenheit weder für den Eintritt oder die Feststellung des Versicherungsfalles noch für die Feststellung oder den Umfang unserer Leistungspflicht ursächlich ist, es sei denn, die Versicherten haben die Obliegenheit arglistig verletzt.

Ich will es mal so sagen: Wer diese Punkte (die Liste ist nicht vollständig) einhält, wird niemals zum Opfer der Internet-Kriminalität werden. Oder anders gesagt: Wer keine Passwörter, PINs, TANs und persönlichen Daten weitergibt, niemals in eine Spam klickt, weil er jede Spam erkennt und in den virtuellen Orkus wirft, immer darauf achtet, auf welchen Websites er Geld bewegt und ein aktuelles System mit ergänzender Schutzsoftware hat, braucht diese Versicherung gar nicht, denn was dort versichert ist, kann gar nicht eintreten. Wer ständig sein Konto im Auge hat und beim kleinsten Verdacht bei der Bank anruft, tut alles, um den Schaden gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und wer etwas leichtsinniger handelt, braucht diese Versicherung auch nicht, weil sie für die Schäden durch Leichtsinn natürlich nicht aufkommt.

Übrigens zahlt die so bunt und luftig beworbene Versicherung auch nicht, wenn die oben genannten „Obliegenheiten“ (tolles Wort!) „grob fahrlässig“ verletzt wurden. Nachweisen, dass sie nicht „grob fahrlässig“ verletzt wurden, muss allerdings der Versicherte — und ein solcher Nachweis kann sehr schwierig werden. Man muss zum Beispiel nachweisen, dass man nicht auf einer Website gezahlt hat, die „offensichtlich unsicher“ für Zahlungsvorgänge ist — der Verweis auf HTTPS ist, wie oben ja auch zwischen den Zeilen steht, nur eines der Kriterien für „Sicherheit“. Die nähere Bedeutung des Wortes „offensichtlich“ darf man im Schadensfall in einem wenig erfreulichen Schriftverkehr mit O2 erarbeiten, dessen allgemeiner Ton schon in diesem Text im Worte „Obliegenheiten“ angedeutet wird. Auch wird wohl im Zweifelsfall darum gerungen werden, welche „Virenschutzsysteme“ (man beachte, „Systeme“, keine „Programme“) im Sinne der Auslegung dieses Textes durch O2 „geeignet“ sind, damit der Versicherungsfall etwa für den Schaden durch einen hinterhältig installierten Trojaner eintritt. Welche E-Mails aus der Sicht von O2 „verdächtig“ sind, ist ebenso dehnbar — wenn jeder eine kriminelle Spam sofort als kriminelle Spam erkennte und löschte, gäbe es keinen Schaden durch kriminelle Spam mehr.

Ach, was ich gar nicht erwähnt habe: Rechtskosten werden explizit nicht übernommen. Wer also von einem zwielichtigen Internet-Geschäftemacher abgezogen wurde und sein Geld auf dem Rechtsweg zurückholen will, ist ebenfalls verlassen.

Diese Versicherung ist sinnlos. Dem Einsteiger und naiven Internetnutzer mit geringen Kenntnissen gewährt sie keinen Schutz, und der erfahrene Internetnutzer wird die versicherten Schäden niemals erleben, weil er die geforderte Vorsorge schon längst aus Eigeninteresse getroffen hat und kaum zum Opfer der Internetkriminalität werden kann — die meisten erfahreneren Menschen verwenden auch nicht das Lieblingsbetriebssystem der Internetmafia, Microsoft Windows und sind allein durch die Wahl ihres Betriebssystemes vor der Mehrzahl der kriminellen Angriffe sicher.

Es gibt also niemanden, der durch die Ausgabe von sechzig Euro im Jahr zusätzlichen Schutz und damit eine Gegenleistung für sein Geld erhält — wenn man vielleicht einmal von sehr konstruierten Beispielen wie einen Einbruch absieht, bei dem der Computer manipuliert wurde oder Zugangsdaten in die Hände der Einbrecher gelangten. Die Geschäftsgrundlage für das Angebot dieser Versicherung ist das Nichtwissen eines großen Teiles der Internetnutzer in Deutschland und die diffuse Angst, die auf diesem Nichtwissen und reißerischen, aber nicht aufklärenden Medienberichten über Internetkriminalität erblüht. Ein interessantes Geschäftsmodell ist es, was O2 hier ausprobiert: Leute dumm und ängstlich halten, und ihnen dann wegen ihrer Dummheit und Angst das Geld aus der Tasche zu ziehen. Klar, man hätte auch versuchen können, sie aufzuklären und für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet reif zu machen. Aber dafür zahlt ja niemand sechzig Euro im Jahr.

Offenbar ist selbst O2 klar, dass dieser Versuch einer Ausweitung des Geschäfts keine guten Chancen hat, deshalb wurde bei der Formulierung der Lügenreklame nicht die größte Sorgfalt an den Tag gelegt und sogar am Korrekturlesen gespart. Laut Reklame von O2 versichert diese völlig nutzlose „Internet-Versicherung“ auch…

Versichert gegen ... Einkaufsschutz im Internet

…gegen Einkaufsschutz im Internet. Der ist aber auch immer eine Bedrohung, dieser Einkaufsschutz… 😀

Fußnoten

¹Ein Anbieter wie sofortueberweisung (punkt) de, der explizit seine Anwender dazu aufruft, die Sicherheitsvorkehrungen der Bank auszuheben, verdankt seinen Erfolg übrigens der Untätigkeit der Banken, sich mal hinzusetzen und ein einigermaßen brauchbares Zahlungssystem für das Internet einzuführen. Eine solche Alternative wäre für die meisten Kunden dieser Banken sehr wünschenswert. Was die Wünsche von Bankkunden wert sind, zeigt sich darin, dass den deutschen Kreditinstituten auch sechzehn Jahre nach der Entwicklung des World Wide Web zum Angebot für die Massen und der von Anfang an dazu laufenden Kommerzialisierung des World Wide Webs noch nichts zu diesem Thema eingefallen ist. Diese Untätigkeit ist ein Denkmal der Kundenverachtung der deutschen Banken. Dass offene Betrüger, zwielichtige Läden wie PayPal und fragwürdige Anbieter wie sofortueberweisung (punkt) de mit der Kundenverachtung der Banken ein gutes Geschäft machen, das sich die Banken ihrerseits entgehen lassen; dass Bankkunden sogar nützliche Sicherheitsmaßnahmen der Banken aufgeben müssen, um ein einigermaßen direktes und brauchbares Bezahlsystem im Internet zu haben und auf diese Weise daran gewöhnt werden, unvorsichtig mit Zugangsdaten für die Kontoführung umzugehen, alles das nehmen die Banken dabei im Kauf und belegen damit, dass sich zur manifesten Kundenverachtung auch eine schreiende Dummheit gesellt.

4 Antworten

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