Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Alarm! Die Barbaren kommen!

Denn es ist Aufmerksamkeit geboten. Auch wenn das Web 2.0 als imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation schon bald Geschichte sein mag, so hat es allemal das Zeug zum Destruktiven. Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!

Ansgar Heveling, CDU, Abgeordeneter im Deutschen Bundestage

Aus dem Internet… ähm… oder doch eher aus so einem „imaginären Lebensgefühl“ (als ob ein Gefühl nicht immer einen Mangel konkreter außenweltlicher Existenz hätte) so einer „verlorenen Generation“ (die sich genau so selbstverständlich der bestehenden Technik bedient, wie die „Generation Auto“, „Generation Videorekorder“ oder „Generation Antibiotikum“) strömen die raubkopiermordbrennenden Barbaren (oder auch: digitale Maoisten) über unsere schöne Zivilisation (die im Kopfe dieses Autors nicht etwa aus sozialen und technischen Errungenschaften, sondern nur noch aus dem Geschäft der Kopierindustrie besteht) und hinterlassen nichts als Schlachtennebel und rauchende Stümpfe auf der verbrannten Erde (was eine bessere Metapher wäre, um den Wahnsinn der Individualmotorisierung zu beschreiben, aber lassen wir das). Dass er mal eben sämtliche Internetnutzer mit solchen stahlgewitterhaften Schmähungen angreift — immerhin sind dies drei Viertel der Einwohner der Bundesrepublik Deutschland — scheint ihm in seinen bedenklichen Realitätsverlusten nicht weiter aufzufallen.

Der drängelt sich ja als ganz dickes Exemplar in das Aquarium der Blindfische, als würde dort Platzmangel herrschen. Oder nimmt der etwa noch seine Maske vom Gesicht und dahinter zeigt sich Victor von Bülow (besser bekannt als Loriot)?

Siehe auch bei Netzpolitik, nochmal bei Netzpolitik, bei Spiegel Online und für den nahezu unglaublichen Versuch einer sachlichen Erwiderung Stephan Urbach.

Nachtrag, 20:45 Uhr

Nachdem ich jetzt mehrfach die Behauptung gelesen hätte, Ansgar Heveling sei ein „Hinterbänkler“ — Leute, das stimmt nicht. Jemand, der von seiner Bundestagsfraktion die Berechtigungen eingeräumt bekommt, eine Presseerklärung auf der offiziellen Fraktionswebsite der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu veröffentlichen, ist kein Hinterbänkler mehr, sondern eine Gestalt, die über überdurchschnittlichen Einfluss innerhalb dieser Fraktion verfügt. Lasst euch von dieser „Hinterbänkler“-Meinungsmache nicht beeinflussen! Das ist kein Idiot, der zufällig in den Bundestag geraten ist, das ist jemand, dem das mindestens technische Privileg eingeräumt wird, im Namen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Pressearbeit machen zu können. Dass jemand nicht jeden Tag im Fernsehen zu sehen ist, heißt noch lange nicht, dass er unbedeutend und unwichtig wäre.

Nachtrag, 31. Januar, 0:25 Uhr

Unbedingt auch bei Indiskretion Ehrensache lesen — denn dort wird schön thematisiert, wie das Handelsblatt die empörende Dummheit Hevelings als Linkbait verwendet. Ich weiß schon, warum ich hier im Alarmknopf niemals die Sprachrohre der Idiotie direkt verlinke.

Nachtrag, 31. Januar, 16:00 Uhr

Eine weitere, unbedingt verlinkenswerte Satire gibt es beim Postillon

Nachtrag, 31. Januar, 22:40 Uhr

Udo Vetter im LawBlog konnte sich auch nicht mehr zurückhalten und ist unbedingt verlinkens- und lesenswert zu diesem Thema:

Aber zurück zur eigentlichen Frage. Sie glauben also im Ernst, dass Schülerin Trine, Friseuse Gerda und Opa Hans als Newcomer im Web 2.0 die Lust am Chatten, Vernetzen und Publizieren schnell wieder verlieren? Das glauben Sie echt, Herr Heveling? Darauf hätte ich jetzt gerne eine Antwort.

Kommen Sie etwas näher, ich kann Sie nicht hören. So, jetzt ist es besser. Das haben Sie nicht so gemeint. Sie haben nicht sagen wollen, dass es bald eine Generation gibt, die freiwillig ganz anders mit dem Internet umgeht. Von „freiwillig“ war nie die Rede.

Ach so, Herr Heveling. Jetzt habe ich Sie verstanden.

Ich möchte übrigens erweiternd anmerken, dass es auch jetzt immer noch keine einzige offizielle Zurückweisung dieser idiotischen Kampfansage durch die CDU gibt. Angesichts der Tatsache, dass Herr Heveling sonst auch Presseerklärungen für die Bundestagsfraktion verfasst, ist inzwischen durchaus vorsichtig davon auszugehen, dass Herr Heveling hier eine unqualifizierte und netzblinde Auffassung von sich gegeben hat, die im Großen und Ganzen dem politischen Gestaltungswillen der Unionsparteien widerspiegelt.

7 Antworten

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