Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Er schießt nur gezielt. Ist das wirklich Mord?

Twitter-Zensur: Wenig Gründe für große Aufregung - Twitter führt Zensur ein, heißt es heute überall in den Online-Gazetten. Auslöser ist eine Ankündigung von Twitter, man könne künftig bestimmte Inhalte länderspezifisch rausfiltern. Doch ist das wirklich Zensur?

Quelle des Screenshots und aller folgenden Zitate: t3n

Kommentar

Vorab: Seit Jahren warte ich darauf, dass ein von einem halbwegs breitwirksamen deutschen Presseprodukt bezahlter Schreiberling die Auffassung vertritt, dass Zensur keinen besonderen Grund für große Aufregung bietet. „Schön“, dass ich das noch erleben darf.

Aber um die Frage aus dem Teaser aufzugreifen. Ist es wirklich Zensur, wenn ein Internet-Unternehmen (überdem mit unsicherem Geschäftsmodell) ankündigt, dass fortan in bestimmten Ländern bestimmte Inhalte gezielt herausgefiltert werden — so fragt Falk Hedemann für t3n.

Um das mal von der verharmlosenden Sprache ins Konkrete zu bringen: Ist es wirklich Zensur, wenn…

  • …Twitter-Nutzer in der Türkei keine Inhalte mehr sehen, in denen die Kombination von Wörtern wie „Armenien“ und „Genozid“ auftaucht?
  • …Twitter-Nutzer in einem islamisch geprägten Staat keine Inhalte mehr sehen, in denen kritisch oder gar verächtlich mit der islamischen Religion und ihrem Hang zur Barbarei umgegangen wird?
  • …Twitter-Nutzer in der Bundesrepublik Deutschland keine Inhalte mehr sehen, die auf indizierte Computerspiele oder Spielfilme bezug nehmen?
  • …Twitter-Nutzer in Thailand keine Inhalte mehr sehen, in denen das thailändische Königshaus kritisch betrachtet wird?
  • …Twitter-Nutzer in Russland keine Inhalte mehr sehen, in denen auf die Fälschung einer Wahl hingewiesen wird?
  • …Twitter-Nutzer in einem Staat mit laufendem Widerstand gegen ein unterdrückerisches Regime keine Inhalte mehr sehen, in denen auf diesen Widerstand Bezug genommen wird, in denen zu Demonstrationen oder anderen Aktionen aufgerufen wird, in denen kritisch über das unterdrückerische Regime berichtet wird?
  • …Twitter-Nutzer irgendwo in einem bestimmten Teil der Welt bestimmte Dinge nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil das einer herrschenden oder besitzenden Minderheit in diesem Teil der Welt nicht gefällt und sie ihr Missfallen dank des Entgegenkommens von Twitter zu einer Internetnorm machen können?

Ist ein solches Verschwindenlassen allein schon deshalb keine Zensur, weil…

Der Begriff „Zensur“ bezeichnet per Definition eine staatliche Kontrollinstanz, die verhindern soll, dass unerwünschte Inhalte veröffentlicht werden […]

…da nicht ganz direkt ein vom Staat besoldeter Schreibtischtäter Inhalte entfernt, sondern es mittelbar über einen Web-2.0-Anbieter geschehen lässt, der dem Staat vorauseilend entgegenkommt? Oder weil es auch mal gar kein Staat ist, sondern vielleicht ein Vertreter der Contentindustrie, der seine (möglicherweise berechtigten) Ansprüche technokratisch als eine landesweite Kommunikationsnorm im Internet durchsetzen kann. Ist es keine Zensur, weil…

[…] Das neue regionale Filtersystem von Twitter ist daher schon deshalb keine Zensur, weil Twitter nicht die Veröffentlichung von unerwünschten Inhalten verhindert, sondern erst im Nachgang einen Filter einsetzt, um solche Tweets mit einem Hinweis ausstattet […]

…es sich nicht um eine staatliche Vorzensur handelt, sondern um ein nachträgliches Verschwindenlassen von Inhalten, wenn diese in einer bestimmten Region zu viel Aufmerksam unter den dort lebenden Menschen finden könnten? Sollte man Haare zweifach oder sechsfach spalten? Oder sollte man dafür einfach ein schönes neues Neusprech-Wort finden, dass gar nicht erst an so ein klares Wort wie Zensur denken lässt? Zum Beispiel ein Wort wie „Kultureller Respekt in der Aufbereitung von Informationen“? Oder kürzer „Kulturrelevanter Informationsfluss“? Oder vielleicht auch „Die Tweets müssen fließen“?

Ach, letzteres hat ja schon Twitter in seiner Ankündigung der Zensur geschrieben.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Ignoranz ist Stärke.

Das Ministerium für Liebe.

Nachtrag 16.05 Uhr

Genau, Twitter kündigt an, dass es fortan länderspezisches Unsichtbarmachen  von Tweets ausüben wird und sagt dazu, dass Sperrungen von Tweets möglichst verhindert werden sollen. Wie das aussieht, weiß der Autor nicht, aber es hat die Glaubwürdigkeit einer heiligen Schrift. Das ist Journalismus. Und niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

4 Antworten

  1. Würd ja gern nach identi.ca wechseln, aber ich krieg es dort nicht hin, auch nur eine Meldung abzusetzen…

    28. Januar 2012 um 11:47

    • Achso, das geht erst nachm Bestätigen des Accounts…

      28. Januar 2012 um 11:55

  2. Pingback: t3n! « Elias Schwerdtfegr (beta)

  3. Pingback: Kurzer Rückblick zur Twitter-Zensur « Alarmknopf

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