Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Die Süddeutsche hebelt den SOPA-Streik aus

Internet – Ratgeber: Internet-Protest: Unerreichbare Webseiten aufrufen

[…] Abgeschaltete und nicht erreichbare Internetseiten können über die Cache-Funktion von Suchmaschinen gelesen werden. Denn die Suchanbieter speichern viele Webseiten in regelmäßigen Abständen auf ihren Servern zwischen. Aktuell ist die Funktion zum Beispiel nützlich, wenn man Einträge der englischsprachigen Version des Online-Lexikons Wikipedia aufrufen möchte, die für 24 Stunden vom Netz gegangen ist, um gegen Pläne in den USA zu protestieren, Urheberrechtsverletzungen auch mit Netzsperren zu verfolgen.

Süddeutsche.de: Unerreichbare Webseiten aufrufen
Die Meldung ist die Übernahme einer DPA-Meldung

Kommentar

Zunächst das Gute: Der Hinweis ist faktisch richtig — es ist häufig möglich, eine gerade unerreichbar gewordene Seite im Web mithilfe des Google-Cache zu lesen, was ich übrigens auch gern mal mache, um mir anzuschauen, was da aus irgendwelchen Gründen aus dem Netz entfernt wurde.

Allerdings wäre es bei der gestrigen Schwarzschaltung der englischen Wikipedia noch viel einfacher gewesen, die Inhalte zu lesen. Diese wurde nämlich mit JavaScript realisiert, und wenn man JavaScript ausschaltete, konnte Wikipedia wie gewohnt gelesen und bedient werden, ohne dass es des Umstandes eines Umweges über den Cache einer Suchmaschine bedurft hätte. Dies herauszufinden hat mich als Nichtjournalisten nicht einmal dreißig Sekunden gekostet, es war ein schneller Druck auf die Tastenkombination Strg-U und ein ebenso schnelles Überfliegen dessen, was ich daraufhin sah. Jeder zwölfjährige Nachwuchswebdesigner wäre mit flugs gesammeltem Halbwissen dazu imstande gewesen, dies übrigens in genau der gleichen Geschwindigkeit wie ich. Leider saß ein solcher nicht in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung und auch nicht bei der DPA, auf die diese Meldung zurückgeht — der hätte das vielleicht angemerkt und zusätzlich darauf hingewiesen, dass es sowieso empfehlenswert ist, nicht jeder Seite im Web zu gestatten, Code innerhalb des Browsers auszuführen. Einfach, weil das auch ein gutes Mittel gegen die Mehrzahl der Sicherheitslöcher ist, vermittels derer Schadsoftware auf den Rechner kommt. Und da es bei den meisten populären Browsern sehr umständlich ist, diese Einstellung von Fall zu Fall zu ändern, hätte er auf das hierfür unendlich nützliche Firefox-Addon NoScript hingewiesen. Tja, die Menschen, die mit diesem Addon unterwegs waren, haben gestern in der englischen Wikipedia gar nichts gemerkt. Bei der Süddeutschen Zeitung und bei der DPA saßen offenbar andere Menschen, die weniger darauf bedacht sind, sich leidlich sicher durch ein Web zu bewegen, das wirklich keine Kuschelstube mehr ist. Und die schrieben dann auch noch im Ressort „Internet-Ratgeber“, damit auch in Zukunft jeder ratlos vor seinem gepwnten Rechner sitzt.

Ach ja: Warum ich das, obwohl ich es schnell bemerkt hatte und wusste, nicht an die vielen Menschen weitergegeben habe, die aus dem einen oder anderen (oft drängenden) Grund die Wikipedia benutzen wollten und sich nicht zu helfen wussten? Ganz einfach deshalb, weil ich die Entscheidung der Wikipedia-Gemeinschaft — im Gegensatz zur Webredaktion der Süddeutschen Zeitung und zur Deutschen Presseagentur — respektierte. Neben dem politischen Protest hat eine solche Schwarzschaltung bei vielen Menschen nämlich den Sinn dafür geschärft, wie viele im Alltag für die Menschen unendlich praktische Ressourcen verloren gehen können oder zumindest beschädigt werden können, wenn das Internet den unausgegorenen politischen Beglückungsideen irgendwelcher lobbygesteuerter Spezialexperten in den Parlamenten überlassen wird. Denn das allgemeine Schwarz, das sich nach einer willkürlich durchführbaren DNS-Verhunzung im Sinne der Contentindustrie im Web (und nicht nur dort) breit machen würde, ließe sich nicht mehr mit einfachen Tricks oder Browser-Plugins vertreiben. Es wäre das Web 3.0 derer, die kein Interesse an der natürlichen Nutzung verfügbarer technischer Möglichkeiten haben können, weil ihnen damit ihr bisheriges Geschäftsmodell mit industriell erstellten Kopien von Inhalten wegfällt.

Ach, die Journaille gehört auch dazu, na sowas… :mrgreen:

3 Antworten

  1. Noscripter

    Ich surfe auch mit Noscript, ich habe mich an den Ausstand erst erinnert, als ich gesehen habe, daß alle Seite read-only waren. Vermutlich sind Noscript-Nutzer nicht wirklich die Zielgruppe, die weitere Informationen über SOPA/PIPA benötigen.

    19. Januar 2012 um 12:28

    • Und der „Qualitätsjournalismus“ (mit seinen meist über JavaScript realisierten Gewaltreklamen in den Websites) wird alles dafür tun, dass Noscript-Nutzer immer eine große Schnittmenge mit einer gut informierten Minderheit haben — gut informiert, weil sie wissen, wo man sich besser informiert als aus den Auswürfen der Contentindustrie.

      19. Januar 2012 um 12:39

  2. Krischn

    Und es hätte nicht einmal des Lesens von Quelltext bedurft. Wikipedia selbst hat unter dem „Learn More“-Link darauf hingewiesen, dass die Vorschaltseite durch Deaktivierung von Javascript umgangen werden kann.

    19. Januar 2012 um 18:15

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s