Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Offener Brief an Alexander Skipis

Zur Abschreckung von Internetpiraten verlangt die deutsche Buchbranche Warnhinweise im Netz. „Bei jedem illegalen Download von sogenannten Filesharing-Plattformen werden dann die Nutzer darauf hingewiesen, dass sie was Illegales tun“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, der Deutschen Presse-Agentur vor dem Beginn der Frankfurter Buchmesse […]

Diese Hinweise müssten automatisch von den Internet-Providern verschickt werden. „Diese versagen sich aber bislang. Deshalb brauchen wir die Hilfe der Politik.“

Alexander Skipis, zitiert in „Die Presse“

Offener Brief an Herrn Skipis

Werter Herr Skipis,

als ein Mensch, der seine Sozialisation im vordigitalen Zeitalter erfuhr und seine Bildung zu einem großen Teile der zivilisatorischen Großtat öffentlicher Leihbüchereien dankt, neige ich ja zum Glauben, dass Bücher als Medium ein Träger von Bildung sind.

Ein solcher Glaube ist wie jedes Glaubenssystem irrational, denn die Bildung ist ja unabhängig vom Medium, durch das sie vermittelt wird. Dennoch bringt die Irrationalität dieses Glaubens — ich vermute stark, dass selbst sie, Herr Skipis, allein deshalb wissen, wie so eine Psyche tickt, weil sie selbst eine Psyche sind — gewisse Verschiebungen mit sich. Dies hat zur Folge, dass sich die Vorstellung „Bildung“ nicht nur auf das Buch selbst, sondern auf seinen ganzen gesellschaftlichen Kontext, also die Buchhandlung, den Verlag, den Druck… genug davon, sie wissen sicherlich besser als ich, was zu einem Buche gehört.

Ich bin ihnen zu Dank dafür verpflichtet, dass sie mit ihrer Stellungnahme gegenüber der Journaille einen Beitrag dazu geleistet haben, diesen irrationalen Glauben zu zerstören. Dies gilt umso mehr, als dass ich davon ausgehe, dass ihnen diese Zerstörung nicht nur bei mir, sondern bei beinahe jedem reflexionsfähigen Leser und Hörer ihrer Worte gelungen ist. Angesichts ihrer Worte ist es geradezu ein Genuss, der von ihnen vertretenen Industrie dabei zuzuschauen, wie sie sich selbst ihr Grab schaufelt.

Das beginnt bereits mit der von ihnen herangezogenen „Studie“, die hier bereits erwähnt wurde. In dieser Studie wurde pauschal jeder Download eines PDF-Dokumentes als illegale Kopie eines so genannten E-Books gewertet, unabhängig davon, welchen Inhalt das Dokument hatte — nur mit diesem kleinen „Trick“ war es ihnen offensichtlich möglich, die gewünschten erschröcklichen Zahlen zu bekommen. Damit sie selbst eine Chance haben, zu bemerken, wie hanebüchen eine derartige Vorgehensweise ist, werde ich diesen offenen Brief auch als PDF zum Download stellen, was in ihrer „Studie“ als ein illegal kopiertes E-Book gezählt worden wäre. Sie beanspruchen für die Industrie, die sie mit derart dümmlichen Argumenten vertreten, also allen Ernstes so etwas wie das alleinige Recht, bestimmte Dateiformate zum Download — selbstverständlich zum kostenpflichtigen — zur Verfügung stellen zu dürfen und kriminalisieren jede weitere Nutzung dieses Formates als „illegal“.

Nun, man muss schon sehr bückgeistig sein, wenn man angesichts eines solchen Anspruches Dankbarkeit ob der Tatsache empfindet, dass sie diesen Anspruch nicht auf HTML-Dateien und ASCII-Texte ausweiten. Es wäre nicht nur genau so „berechtigt“ — oder besser: hirnrissig — sondern es würde die von ihnen in die Presse gebrachten Zahlen noch erschreckender machen. Zudem wäre es ihnen gelungen, das Internet zur Gänze zu kriminalisieren, da sie jede Veröffentlichung einer textuellen Information als „Raubkopie“ gebrandmarkt hätten.

Schön also, dass schon mit geringer Denkanstrengung klar wird, wie dumm und ungebildet die Grundlage ihrer rückständigen und totalitären Forderungen ist, Herr Skipis.

Auf der Grundlage dieser dummen, rückständigen und totalitären Forderungen möchten sie nun ein Sonderrecht für die von ihnen vertretene Industrie politisch durchgesetzt sehen. Sie wünschen, dass politisch erzwungen wird, dass Internet-Zugangsanbinder von ihnen in ihrer autistischen Weltsicht kriminalisierte Dateiformate ausfiltern, selbst wenn dies die Überwachung des gesamten Netzverkehres erforderte.

Finden sie es eigentlich auch manchmal schade, nicht in einem totalitären Staate wie der Volksrepublik China zu leben? Dort könnten ihre Fantasien durchaus eine gewisse gesellschaftliche Wirkung entfalten, auch wenn diese Wirkung nur von jener gesellschaftlichen Minderheit erwünscht ist, die von ihrem Mund vertreten wird.

Oder sind sie gar nicht so ein Feind eines freiheitlichen Staates, und haben sie nur einfach heute morgen vergessen, ihre Medikamente einzunehmen?

Denn wenn sie keinen totalitären Staat und die weitgehende Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte wünschen, kann die von ihnen zum Besten gegebene Form der Propaganda beim besten Willen nur eines bedeuten: Dass sie unter massiven und dringend behandlungsbedürftigen Realitätsverlusten leiden. Wenn sie der von ihnen vertretenenen Sache nicht massiven Schaden zufügen wollen, kann ich ihnen nur empfehlen, dringend professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Hochachtungsvoll

Elias Schwerdtfeger

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