Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Diebstahl! Die Weltnetzseiten!

[Die Angriffe haben] am 17. September 2011, einen Tag vor den Berliner Wahlen einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Kriminellen brachen in einen Anbieterserver ein und stahlen 179 Weltnetzseiten der NPD. Die Schadensbehebung wird eine Zeitlang in Anspruch nehmen, erklärte der IT-Fachmann der NPD. Die Dimension des Verbrechens ist so enorm, daß dieser eine große organisierte Bande als Drahtzieher vermutet.

Mitteilung der NPD

Kommentar

Sehen wir einmal von dem schönen, wenn auch ungewöhnlich und sektiererisch klingenden Wort „Weltnetzseite“ ab, das leider völlig irreführend ist. Es handelt sich hier um Websites, also um Orte im World Wide Web; „Weltnetz“ wäre hingegen ein viel treffenderes Wort für das Internet als Ganzes und keineswegs nur für einen einzigen Dienst im Internet. Oder wollen die das ganze Internet tatsächlich als „Zwischennetz“ eindeutschen, um die erforderliche begriffliche Differenzierung zu erreichen? Wo die Ideologie eine gewisse Ausdrucksweise erzwingt, bleiben allerdings nicht nur bei der NPD Klarheit und Vernunft auf der Strecke.

Es handelt sich nicht um 179 Seiten, sondern um 179 Sites (die jeweils viele einzelne Seiten mit Inhalten zur Verfügung stellen könnten). Von einem IT-Fachmann der NPD sollte man hier bei allem Ringen um deutsche Bezeichnungen die erforderliche technische Klarheit erwarten können — tatsächlich ist der Angriff durch die unbeholfene Ausdrucksweise sprachlich verharmlost worden, etwa so, als ob in einem Blog mit tausenden Beiträgen ein paar hundert verschwunden wären. Diese Sites wurden auch nicht „gestohlen“, sondern im schlimmsten Fall wurden die auf dem Server verfügbaren Daten und Inhalte von einem Angreifer kopiert und anschließend auf dem Server gelöscht. Man sollte erwarten, dass der IT-Fachmann der NPD regelmäßig eine — Achtung, deutsches Wort — Datensicherung angelegt hat, um einem solchen, gar nicht unwahrscheinlichen Schaden zu begegnen. Wenn er das unterlassen hat und einfach darauf gehofft hat, dass auf einem „Opferrechner“ wie einem ständig mit dem Internet verbundenen Serverrechner „schon nichts passieren“ wird, handelt es sich nämlich nicht um einen Fachmann, sondern um einen Flachmann. Aber um einen ganz flachen!

Nicht nur das, auch ist die große organisierte Bande gar nicht erforderlich, wenn der angegriffene Server wirklich 179 Websites gehostet hat. Es reicht ein einziger erfolgreicher Angriff auf den Server, um sich heiter zu bedienen. So etwas kann einem einzigen, verpickelten Zwölfjährigen gelingen, was übrigens immer wieder einmal passiert. Dafür bedarf es keiner hoch organisierten, verbrecherischen Cyberangriffstruppe. Deshalb macht man von solchen Servern ja auch regelmäßig Datensicherungen, um nach einem erfolgreichen Angriff den Betrieb fortsetzen zu können. Natürlich hat der IT-Fachmann dann auch die Vorgehensweise des Angreifers zu analysieren und die ausgebeuteten Lücken in der zuvor gepflegten Sicherheitsstrategie zu stopfen. Aber das weiß der IT-Fachmann der NPD gewiss selbst, wenn er auch scheinbar ein bisschen überfordert mit diesem Anforderungsprofil zu sein scheint, denn diverse Websites von NPD-Strukturen liefern zurzeit immer noch nicht die üblichen Inhalte aus. In einer solchen Situation persönlicher Überforderung großtönende Worte von einem riesigen Verbrechen (kriminell ist es unbestritten, es handelt sich um Datensabotage) auszusprechen und von großen feindlichen Banden zu fantasieren, deren Opfer man geworden ist, ist kein adäquater Umgang mit einer derartigen Angriffssituation. Vielmehr zeigt ein solcher öffentlicher Auftritt, dass auch in der NPD in gleicher Weise vom Netz gesprochen wird, in der Blinde vom Licht reden: Vollkommen ahnungslos.

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