Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Beiträge mit Schlagwort “Frankfurter Allgemeine

Geistiger Diebstahl

Der Verstoß gegen die Grundprinzipien der Zitierpflicht habe “schon manchen Wissenschaftler um Ehre und Karriere und manchen Prüfungskandidaten um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und das ist gut so”, zitierte die “Süddeutsche Zeitung” am Samstag aus dem das Heft. Geistiger Diebstahl sei kein Kavaliersdelikt

Frankfurter Allgemeine — Plagiatsvorwurf: Schavan wird wohl den Titel verlieren

Kurzkommentar

Mit Verlaub, Frankfurter Allgemeine! Es geht hier keineswegs, auch wenn dieses Wort besser in die Kriminalisierungsbestrebungen der “Qualitätsjournalisten” zur Ergänzung der Propaganda für die Einrichtung eines so genannten “Leistungsschutzrechtes” passt, um einen “Geistigen Diebstahl” oder auch nur um “Geistiges Eigentum”. Es geht bei der Untersuchung der Dissertation von Frau Noch-Dr. Annette Schavan vielmehr entweder um vorsätzlichen wissenschaftlichen Betrug oder — im weniger anrüchigen Falle — um mangelnde Sorgfalt beim Erstellen einer wissenschaftlichen Arbeit. Beides kann mit gutem Recht zur Aberkennung eines akademischen Grades führen. Beides wirft überdem ein ungutes Licht auf eine amtierende Ministerin, deren Ressort ausgerechnet “Bildung und Forschung” ist. Die Art und Weise, wie ihr in eurem Blatt, das als Organ für das “Bildungsbürgertum” gilt, solche begrifflichen Kategorien durchmischt, um etwas Agitation aufzuführen, ist für eurer sonstiges Niveau ausgesprochen peinlich und dürfte sogar einen erheblichen Teil eurer Stammleserschaft befremden.


Ohrfeige

In dem Fall ging es um 15 Musiktitel, die der damals 13 Jahre alte Sohn eines Chefarztes illegal aus dem Netz geladen und auch anderen Internetnutzern zur Verfügung gestellt hatte (Filesharing). Für diese Verletzung des Urheberrechts verlangten vier Musikunternehmen Schadensersatz und den Ersatz von Abmahnkosten in Höhe von insgesamt 5400 Euro.

Das Oberlandesgericht Köln hatte noch entschieden, dass sich Eltern in solchen Fällen nicht auf Unkenntnis berufen können und zu wirksamen Kontrollen verpflichtet sind. Der Fall werfe “ein grelles Licht”, darauf, dass für viele Eltern der Begriff Erziehungsaufgabe zu einem Fremdwort geworden sei, beklagte der Rechtsvertreter der Musikindustrie nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP in der mündlichen Verhandlung vor dem Karlsruher Bundesgericht. Während früher “auch mal eine Ohrfeige nicht geschadet” habe, würden Kinder heute an freier Leine laufen gelassen.

Frankfurter Allgemeine — Musiktausch im Internet: Eltern haften nicht für Raubkopien ihrer Kinder

Kurzkommentar

Und die zitierte Einlassung des namentlich leider unerwähnten Rechtsvertreters der Musikindustrie wirft ein grelles Licht auf die plumpe, barbarische und fern jedes Rechtsbegriffes liegende Gewalt, Willkür und mittelalterliche Gutsherrenart, mit der ebendiese Musikindustrie am liebsten die Menschen behandeln würde, die eine nicht-lizenzierte Kopie angefertigt haben. Bei Menschen, die nicht wie ein Chefarzt die finanziellen Mittel haben, sich juristisch gegen diese plumpe, barbarische, willkürliche und außerhalb des Rechts stehende Gewalt zur Wehr zu setzen, kommt die Musikindustrie (und jeder andere Ableger der Contentindustrie) damit leider auch durch.


Greenwashing für den Internet-Explorer

Die Werber von Microsoft scheinen sich an ihre letzte kleine Image-Aktion für den Internet Explorer erinnert zu haben und führen die gezielte Irreführung von Journalisten und Anwendern weiter — und (demnächst durch ein so genanntes “Leistungsschutzrecht” zusätzlich alimentierte) “Qualitätsournalisten” sind sich nicht zu schade, derartige Reklame unrelativiert in den redaktionellen Teil ihrer Pressemachwerke aufzunehmen

Microsoft kennt die wahren Werte eines Browsers und lässt den TÜV vorrechnen: Würden alle Surfer in Deutschland an einem Tag nur das konzerneigene Produkt einsetzen, ließen sich mehr als 860.000 Kilowattstunden Energie sparen [...] Kronzeuge für diese unerwartete Erkenntnis ist nicht die Marketingabteilung des Unternehmens, sondern der TÜV Rheinland. Die Techniktester haben demnach den Energieverbrauch der aktuellen Internetbrowser mit den größten Marktanteilen in Deutschland auf Microsofts neuem Betriebssystem Windows 8 geprüft. Das Ergebnis: Der Internet Explorer 10 verbraucht rund ein Viertel weniger Energie als Googles Chrome oder der Firefox von Mozilla

Frankfurter Allgemeine — Internet Explorer: Grüner surfen mit Microsoft

Laut TÜV Rheinland ist der Internet Explorer 10 der aktuell energieeffizienteste Browser auf Windows 8. Verglichen wurde die aktuelle IE-Version mit Firefox 16 und Chrome 22. [...] Bei der Untersuchung hat TÜV Rheinland den Energieverbrauch der Browser auf unterschiedlich leistungsstarken Desktop-PCs und Notebooks verglichen. Über alle Testszenarien hinweg sei beim Internet Explorer 10 dabei der geringste Energieverbrauch gemessen worden. Gemessen wurde unter anderem der Energieverbrauch der Browser beim Aufruf von HTML5-Websites und bei der automatisierten Navigation zu den laut AGOF beliebtesten Websites in Deutschland.

PC-Welt — Windows 8: Internet Explorer 10 – TÜV hat Energieverbrauch überprüft

Kurzkommentar

Warum eine derartige “Messung” zwar Zahlen liefert, die bei oberflächlicher Betrachtung gut für Microsofts Produkt aussehen, aber tatsächlich durch den Vergleich unvergleichbarer Dinge vollkommen nichtssagend sind, habe ich bereits im August dieses Jahres ausführlicher dargelegt und werde es deshalb hier nicht wiederholen.

Dass die allgemein gebildeten “Qualitätsjournalisten” der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf diesen sehr durchschaubaren Greenwashing-Versuch hereinfallen und aus dieser Presseerklärung einen Artikel machen, der solche Behauptungen wiederkäut, überrascht mich nicht besonders — wobei die FAZ aber immerhin ein paar verhaltene Einwände gegen die Behauptungen für den letzten Absatz aufgehoben hat. Bei der “qualitätsjournalistischen” Fachzeitschrift PC-Welt mit ihrem sehr windows-lastigen Schwerpunkt hätte man sich der Unsinnigkeit einer derartigen “Messung” aber sehr bewusst sein müssen; dort beweist die völlig kritiklose Übernahme dieser Meldung, dass es sich nicht um eine Fachzeitschrift, sondern um eine Flachzeitschrift handelt. Für potenzielle Leser, die persönlich daran interessiert sind, dass sie in einem Presseprodukt den Unterschied zwischen journalistisch erarbeiteter Information und reiner Reklame erkennen können, ist diese kritiklos in den redaktionellen Teil übernommene Presseerklärung ein deutlicher Hinweis, dass sie sich besser aus einem anderen Magazin informieren sollten.


Die Namen der Raubkopierer

Anmerkung vorab: Der demagogische und in jeder Hinsicht falsche Kampfbegriff “Raubkopierer” stand in der Überschrift dieses “qualitätsjournalistischen” Auswurfes der Frankfurter Allgemeinen.

Urteil
Provider müssen Namen von Raubkopierern nennen

[...] Private Internetnutzer, die unbefugt Musikstücke auf Online-Tauschbörsen stellen, müssen künftig vermehrt mit erheblichen Schadensersatzansprüchen rechnen. Denn Internet-Provider wie die Deutsche Telekom müssen den Rechteinhabern Namen und Anschrift von solchen Nutzern mitteilen. Das hat der Bundesgerichtshof am Freitag in einem Fall zum Titel “Bitte hör nicht auf zu träumen” des Sängers Xavier Naidoo entschieden.

[...] Rechteinhaber mussten deshalb bisher oft den Umweg über die Staatsanwaltschaft gehen, um an die Namen und Adresse der Verletzer zu kommen. Künftig haben sie es nun leichter: Sie können die IP-Adressen von Privatleuten ausfindig machen lassen und sich damit dann an den Internet-Provider wenden. Dieser muss dann Name und Anschrift herausgeben, damit die jeweils betroffenen Musiker, Plattenfirmen oder Musikvertriebsunternehmen Schadensersatz einfordern können.

Frankfurter Allgemeine — Urteil: Provider müssen Namen von Raubkopierern nennen

Kommentar

An diesem Artikel des Online-Ablegers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist so ziemlich alles falsch, was nur falsch sein könnte. Dies ist insofern bedenklich, als dass ein höchstinstanzliches Gerichtsurteil, das vergleichweise stark in das alltägliche Leben der Menschen in der BRD eingreift, völlig verzerrt und mutmaßlich vorsätzlich irreführend wiedergegeben wurde. Das fügt sich sehr gut in das unsachliche, falsche und diffamierende Wort “Raubkopierer”, das einem schon in der Überschrift verraten könnte, dass hier nicht Journalismus, sondern professionelle Volksverblödung betrieben wird.

Es ist schwierig, dieses Gewebe aus Fehlinformation und Lüge richtig zu stellen, weil beinahe nichts Richtiges darin ist. Ich versuche es dennoch einmal.

Nein! Es sind immer die Namen von Anschlussinhabern

Der einzige Name, den ein Zugangsprovider herausgeben kann, ist der Name eines Anschlussinhabers — ganz schlicht, weil ihm ein anderer Name nicht bekannt ist. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Anschluss von mehreren Personen geteilt wird. Es gibt Familien, Lebensgemeinschaften, Untervermietungen, Gästezimmer, die von Privatpersonen anlässlich großer Messen und sonstiger Ereignisse vermietet werden — und in aller Regel wird den Menschen dabei die Möglichkeit gegeben, einen vorhandenen Internetzugang zu nutzen, weil das Internet eine nicht mehr wegzudenkende Selbstverständlichkeit des Alltags geworden ist. Natürlich gibt es auch jene Verhaltensweisen, die man im eigentlichen Sinne des Wortes als “sozial” bezeichnet; wenn etwa einem Nachbarn oder Bekannten ohne Computer oder Internetzugang ein solcher zur gelegentlichen Mitnutzung zur Verfügung gestellt wird. (Ich selbst habe als Obdachloser bei mehreren Mitmenschen komplett eingerichtete Arbeitsplätze mit Internetzugang, den ich mitnutzen darf.) Im häufigen Falle einer Familie kommt es sehr leicht und völlig alltagssituativ dazu, dass die Kinder Freunde mitbringen und dass dabei gemeinsam das Internet genutzt wird. Alle diese Mitnutzungen eines Anschlusses ragen so weit in die Privatsphäre hinein, dass eine vollständige Überwachung des Verhaltens dreist und arschlochhaft wäre.

Was immer bei der Mitnutzung eines Anschlusses getan wird: Über die IP-Adresse ist nicht der konkrete Nutzer, sondern ausschließlich der Anschlussinhaber ermittelbar. Dieser wird dafür bestraft, dass er sich im eigentlichen Sinne dieses Wortes sozial verhält. Es wird von ihm erwartet, dass er die gesamte Internetnutzung über seinen Anschluss — die tief in die Privatsphäre des Nutzers hineinragt — überwacht und bestimmte, übrigens mit Automatismen nicht zu erkennende Nutzungsarten unterbindet. Wenn dieses Urteil bei den Menschen in der BRD so verstanden wird, wie es zu verstehen ist, werden die CeBIT-Besucher in Hannover sich im nächsten Jahr sehr darüber wundern, dass sie kein einziges privat vermietetes Messezimmer mit Internetzugang mehr erhalten können, weil mit dieser Freundlichkeit in der BRD neuerdings einfach ein absurdes Haftungsrisiko verbunden ist.

Das ist aber noch längst nicht alles. Der eine Internetzugang wird mit vielfältigen Geräten benutzt. Durchaus häufig hängen über WLAN verbundene Mobilgeräte mit darin. Wenn der WLAN-Zugang wegen einer Schwäche in der von Zugangsprovidern mitgelieferten oder angeschafften Hardware von Dritten mitnutzbar wird, ist der Anschlussinhaber auch für die Tätigkeiten dieser Dritten haftbar. Software, die gängige Sicherheitsprobleme verbreiteter WLAN-Hardware nutzbar macht, ist natürlich im Umlauf. Es ist davon auszugehen, dass sich die wenigsten Menschen derartiger Probleme bewusst sind — sie sind genug damit beschäftigt, ihre Arbeitsrechner auf dem neuesten Stand zu halten, wie es ihnen immer wieder als “Sicherheitsmaßnahme” nahe gelegt wird.

Dass es sich unter diesen Umständen erst recht verbietet, das WLAN jemanden anders zur Mitnutzung zur Verfügung zu stellen, was eine im eigentlichen Sinne des Wortes soziale Tätigkeit… ach! :(

Eine weitere Problematik ist die Möglichkeit eines Trojaners, über den klandestin der Internetzugang in Form eines Proxyservers mitgenutzt wird. Diese Möglichkeit wirkt zwar im Moment sehr theoretisch, weil der Aufwand überzogen erscheint. Aber zu vergleichbaren Mitnutzungen von Internetzugängen anderer Menschen kommt es bereits jetzt regelmäßig beim Online-Betrug, beim Versand von Spam über Botnetze, bei Sabotage-Angriffen gegen Internetdienste (DDoS) und bei der Verbreitung kinderpornografischen Materiales. Die Technik ist vorhanden und bewährt. Die “Absicherung” eines Rechners durch so genannte “Antivirusprogramme” und so genannte “Personal Firewalls” ist kein sicherer Schutz¹. Zudem ist zu erwarten, dass entsprechende Backdoor-Programme für so genannte “Smart Phones” entwickelt und verbreitet werden. In allen diesen Fällen wird der Anschluss des Anschlussinhabers heimlich und in aller Regel gegen den Willen des Inhabers für unerwünschte und unerkannte Tätigkeiten mitgenutzt, für die der Anschlussinhaber haftbar gemacht wird.

Stellen sie sich einmal vor, ich “erweiterte” heimlich ihr Auto (oder ihr Fahrrad oder ihre Einkaufstasche) um eine von ihnen unbemerkte Zusatzfunktion wie eine versteckte Bombe, und sie würden dafür zum Schadenersatz herangezogen. Das ist es, was der Bundesgerichtshof — meiner bescheidenen Meinung nach in einem schlimmen Fehlurteil — zu geltendem Recht gemacht hat.

Kurz gesagt: Die vom Bundesgerichtshof zum Richterrecht gemachte Praxis in der Verfolgung von Urheberrechten ermittelt nicht den Urheberrechtsverletzer (oder, um das Propagandawort des FAZ-Schmierfinken zu nehmen: den “Raubkopierer”), sondern einen Anschlussinhaber, der für Dinge zum Schadenersatz herangezogen werden kann, die nicht auf ihn zurückgehen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht diese entscheidende “Kleinigkeit” beim Absondern ihrer “qualitätsjournalistischen” Berichterstattung nicht und trägt damit zur weiteren Verblödung ihrer Leserschaft in Internetangelegenheiten bei.

Dass dieses Urteil des Bundesgerichtshofes normales menschliches Sozialverhalten im Umgang mit der eigenen Familie, der Nachbarschaft, Untermietern und Bekannten mit einem teuren juristischen Risiko belastet, ist dem FAZ-Schmierfinken nicht die Spur einer Erwähnung wert. Vermutlich spielt für die Menschen, die diesen Auswurf der Contentindustrie herstellen und vertreiben, normales zwischenmenschliches Verhalten keine besondere Rolle — aber das Geschäftsmodell der Contentindustrie mit dem Monopol auf die Herstellung von Kopien dafür umso mehr.

Die Asymmetrie

Darüber hinaus besticht durch Urteil des Bundesgerichtshofes zu Recht gewordene Regelung durch ihre Asymmetrie.

Wie sollen denn die vom Urteil begünstigten Rechteverwerter an die IP-Adressen der Anschlussinhaber kommen? Sie haben dafür exakt eine Möglichkeit: Sie müssen selbst an denjenigen Netzwerken (FAZ-Dummsprech²: “Online-Tauschbörsen”) teilhaben, die sie als rechtswidrig erachten. Nur so kommen sie an Zugriffe auf ihre eigenen teilnehmenden Rechner, bei denen die IP-Adressen anderer Teilnehmer ermittelt werden können. Die gleiche Vorgehensweise, die beim einen Nutzer zur Forderung eines “Schadenersatzes” führt, ist beim anderen Nutzer durch höchstinstanzliches Urteil jetzt als legitimer Weg gerechtfertigt worden, aus dem ein finanzieller Anspruch gegen andere Menschen abgeleitet werden kann.

Diese Asymmetrie ist beachtenswert — was wohl mit ein Grund dafür ist, weshalb die FAZ mit so viel Nebelsprech, Propagandagelaber und gezielter Falschinformation davon ablenkt. Es wird hier formal legalisiert, dass privatwirtschaftliche Unternehmen und Einzelpersonen Rechtsverstöße begehen oder zu begehen vorgeben, um andere Rechtsverstöße aufzuklären — eine solche Vorgehensweise ist außerhalb des Wirkens der Polizeien mit ihren verdeckten Ermittlern ausgesprochen fragwürdig. Der so ermittelte Anschlussinhaber wird sich allerdings kaum damit herausreden können, dass er mit seiner Teilhabe an einem solchen Netzwerk ermittlerisch tätig werden wollte, obwohl das ja keineswegs unmöglich wäre. Durch den Bundesgerichtshof ist ein Recht geschaffen worden, das gleiche Tätigkeiten von nichtbeamteten Personen mit zweierlei Maß misst, und zwar zum Nachteil des größten Teiles der Internetnutzer in der Bundesrepublik Deutschland und zum einseitigen Vorteil der Rechteverwertungsindustrie.

Dieser Vorgang wäre durchaus eine Betrachtung wert gewesen — etwa unter dem Gesichtspunkt: Eine Privatpolizei, die selbst Rechtsverstöße begeht, zerstört die Grundlagen des menschlichen Miteinanders in Deutschland, weil der BGH es so will. Dabei hätte man auch nicht so viel Falsches schreiben müssen. Aber stattdessen wurde im pseudoneutralen³ Nachrichtenton das Urteil zusammen mit gezielten Fehlinformationen gemeldet — allerdings blättert die Sachlichkeit dieser Einfärbung sozusagen ab Werk ab, und was drunter zum Vorschwein kommt, ist nicht so erfreulich.

Nachtrag

Wie man den Sachverhalt des BGH-Urteiles sachlich zutreffend meldet, können sich die Qualitätsjournalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mal bei ihren Kollegen aus dem Heise-Verlag anschauen:

Internetprovider müssen Rechteinhabern Namen und Anschrift des Nutzers einer IP-Adresse mitteilen, wenn über diese ein urheberrechtlich geschütztes Musikstück offensichtlich unberechtigt in eine Online-Tauschbörse eingestellt wurde. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden und damit die anders lautende Entscheidungen der Vorinstanzen aufgehoben

Geht doch!

Fußnoten

¹Ein sicherer Schutz dürfte es für die meisten Menschen hingegen sein, wenn sie vom Lieblingsbetriebssystem der Internet-Kriminellen, Microsoft Windows, weggingen und etwas anderes benutzten. Es kostet nichts und ist sicherer — und zudem wird nicht mehr ein beachtlicher Teil der Rechenleistung und Energie von so genannten “Antivirenprogrammen” dafür verbraucht, im Hintergrund nach Codeschnippseln bekannter Schadsoftware zu scannen, die Schwächen von Microsoftware ausnutzt. Wie viele Kohlendioxid-Emissionen sich allein dadurch einsparen ließen, dass man kein Windows verwendet…

²Es ist Dummsprech, gesprochen mit dem Ziel der Verdummung. Es handelt sich nicht um Börsen, denn es wird nichts an einer Art Markt gehandelt und es entstehen auch keine Kurse. Es handelt sich auch nicht um Tausch, denn es werden keine Inhalte getauscht, sondern es wird die Möglichkeit einer verlustfreien Kopie von Inhalten über das Internet angeboten. Das Wort “Tauschbörse” ist vollständig falsch und sehr dazu geeignet, den Blick für die Wirklichkeit des Internet und seiner technischen Möglichkeiten zu trüben. Die wichtigste dieser technischen Möglichkeiten ist das problemlose Erstellen perfekter Kopien digitaler Daten, das eine natürliche und grundlegende Funktion vernetzter Computer ist. Ein Begriff wie “Tauschbörse” wird verwendet, damit die Leser in diesem Punkt nicht wissend werden, denn dieses Wissen könnte dazu führen, dass sie eine Meinung anstelle der contentindustriell gewünschten Deinung entwickeln.

³Pseudoneutral: Die auf ganzer Linie falsche Verunglimpfung “Raubkopierer” passt nicht zum nüchternen Ton einer Nachricht, und im Folgetext wird völlig klar, dass es den Schreibern der FAZ das Urteil und seine Folgen gefallen — denn es ist besser für das obsolet werdende Geschäftsmodell der Presseverleger mit ihrer Infrastruktur zur Herstellung von Kopien, wenn Menschen Angst vor den Möglichkeiten kostenlos und leicht herzustellender Kopien durch vernetzte Rechnersysteme haben.


Der Schadstoff aus dem DNS…

Kann man sich gar nicht ausdenken, so etwas!

Schadprogramm im DNS / Internetpolizei ruft zur PC-Prüfung auf / 11.01.2012 ·  Eine neue Schadstoffsoftware aus dem Internet kann weitreichende Schäden auf Computern verursachen. Von März an könnten sie wichtige Teile ihrer Funktionalität verlieren. In Deutschland infizieren sich täglich 30.000 Rechner. Von Stephan Finsterbusch / Das Schadstoffprogramm kommt über das Domain Name System in den Computer

Frankfurter Allgemeine

Ähhm… muss man das noch kommentieren?

Ach, ich glaube, ein kurzer Kommentar ist doch erforderlich. Zum Beispiel für die armen Seelen, die ihre Kenntnisse über das Internet und die dort verwendete Technik von derartigen “Qualitätsjournalisten” wie diesem Herrn Finsterbusch erhalten haben.

Leider enthalten die abgebildete Überschrift, der Teaser des Artikels und die Bildbeschriftung des lustigen Symbolbildes mit den vielen Netzwerksteckern in passenden Buchsen so viele Fehler, dass es mir nicht möglich ist, dazu in kurzen Worten den Nebel der blinden Unwissenheit durch ein paar richtige Informationen zu vertreiben, deshalb folgt hier nur eine Liste der Fehler ergänzt um ein paar Links auf weiterführende Informationen:

  1. Es handelt sich nicht um ein “Schadprogramm im DNS”, was auch gar nicht möglich wäre, sondern um ein Schadprogramm auf den infizierten Rechnern, das als DNS-Server einen ursprünglich von Kriminellen kontrollierten Server eintrug. Bei einem davon befallenen Rechner kann der gesamte Netzwerkverkehr, bei dem Rechner im Internet über ihren Domainnamen identifiziert werden — also zum Beispiel die Mehrzahl der URLs, die in einem Browser aufgerufen wurden, und insbesondere auch die URLs von Kreditinstituten — auf von Kriminellen kontrollierte Rechner umgeleitet werden. Dieses Schadprogramm hat sich auf gewöhnlichen Wegen verbreitet; etwa als Mailanhang, in Form von “Trojanern” (zum Beispiel in “verseuchten” illegalen Downloads) oder über ausgebeutete Sicherheitslücken des Betriebssystemes oder der verwendeten Internet-Software.
  2. Es gibt keine “Internetpolizei”. Die Mitteilung, auf die sich der Artikel bezieht, kommt vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Wenn Herr Finsterbusch, der dieses Meisterwerk der Idiotie verfasst hat, wenigstens diese Pressemitteilung übernommen (und vielleicht ein wenig gekürzt hätte), dann wäre das Ergebnis wohl weit weniger peinlich geraten. Leider hat er aber in seiner Ahnungslosigkeit geglaubt, dass er die Materie gut genug versteht, um es selbst formulieren zu können.
  3. Das Schadprogramm ist nicht “neu”, sondern schon seit längerer Zeit im Einsatz. Es erfüllt im Moment nicht die von den Kriminellen erwünschte Funktion. Der von den Kriminellen als DNS-Server eingetragene Rechner steht seit Mitte November unter Kontrolle des FBI. Das zurzeit größte Problem besteht darin, dass dieser von Kriminellen mit einer Schadsoftware auf vielen Rechnern eingetragene DNS-Server unter ehemals krimineller Kontrolle, demnächst, am 8. März, abgeschaltet wird, so dass auf den dann noch befallenen Rechnern keine Namensauflösung mehr möglich ist. Deshalb soll die Schadsoftware umgehend von befallenen Rechnern entfernt werden, und deshalb gibt es eine Testseite, mit der überprüft werden kann, ob der eigene Rechner von diesem Problem betroffen ist¹.
  4. Es gibt zwar Schadstoffe, und es gibt auch Schadsoftware, die meistens mit dem englischen Wort “Malware” bezeichnet wird, aber das von der FAZ erfundene Wort “Schadstoffsoftware” erweckt den Eindruck, als habe mal eben schnell ein völlig ahnungsloser Praktikant den Artikel runtergetippt, der das Ganze eher für eine Art Umweltproblem hielt.
  5. Die Ausdrucksweise, dass so eine üble Schadsoftware “aus dem Internet” kommt, ist zwar nicht falsch, aber auch nicht informativ. Zum Einen kann derartige Schadsoftware auch über Wechselmedien wie USB-Festplatten oder Speichersticks den Weg auf dem Rechner finden, zum anderen ist “das Internet” verdammt groß und größtenteils viel harmloser als die Spams und Websites der organisierten Kriminalität.
  6. Die “weitreichenden Schäden auf Computern” kann jede von Kriminellen klandestin installierte Software anrichten, und sie tut es in der Regel auch. Das ist ebenfalls nichts Neues, und das einzige, was dagegen hilft, ist die Verwendung aktueller Software und das Einschalten des Verstandes bei der Nutzung des Internet. (So genannte “Sicherheitssoftware” ist nur eine Ergänzung zum Verstand, kein Ersatz.) Wer nicht in Spams herumklickt, keine PDFs aus unsicherer Quelle im Adobe Reader öffnet und seinen Browser so konfiguriert, dass besonders anfällige Funktionalitäten wie die Einbettung von Plugins und die Ausführung von JavaScript in Webseiten standardmäßig deaktiviert sind, wird sich kaum jemals eine Schadsoftware einfangen.
  7. “Von März an” meint exakt: Ab dem 8. März.
  8. Unter “wichtige Teile ihrer Funktionalität” ist hier “nur” die Namensauflösung im Internet zu verstehen, also die Zuordnung eines Domainnamens wie google.de zu einer IP-Adresse wie 173.194.69.94 — die sonstige Funktionalität des Rechners bleibt unangetastet. Er fährt weiterhin hoch, es können weiterhin Programme gestartet und Dokumente bearbeitet werden. Die gewählte Formulierung ist ein überdeutlicher Hinweis darauf, dass hier ein “Qualitätsjournalist” einer renommierten deutschen Tageszeitung über ein Thema geschrieben hat, ohne dass er auch nur die Spur einer Ahnung hätte. Diese Ahnungslosigkeit hat er durch ca. eine Minute Querlesen in einem Google-Suchergebnis — natürlich ohne Klicks auf die gefundenen Seiten, weil Lesen wohl zu lange fürs flotte Content-Erstellen gedauert hätte — und durch das unreflektierte Ablassen einer Nichts sagenden Standardphrase ausgleichen wollen, um dann mit der autoritären Kraft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Unsinn und Unwissen zu einem üblen Brei zusammenzumixen, dass einem nur so schwindlig beim Genuss des Ergebnisses wird.
  9. Zu guter Letzt noch eine richtige, klare Falschinformation. Es infizieren sich in Deutschland nicht jeden Tag 30.000 neue Rechner, sondern das FBI stellt jeden Tag etwas über 30.000 Zugriffe auf den ursprünglich von Kriminellen kontrollierten DNS-Server ausgehend von IP-Adressen aus Deutschland fest. Es gibt also ingesamt ungefähr etwas mehr 30.000 infizierte und im Internet regelmäßig aktive Rechner in Deutschland.
  10. Und weil ein dicker Fehler nicht genug ist, steht unterm Symbolbild noch der falsche Text “Das Schadstoffprogramm kommt über das Domain Name System in den Computer”.

Ich hoffe, dass auch weniger technikkundigen Lesern nach diesen kurz gefassten Erläuterungen zu den Fehlern aus drei Zeilen Text und einer Überschrift klar geworden ist, dass ich mich mit der gnadenlosen Hirnfreiheit des zugehörigen Artikels nicht mehr in jeder Nuance auseinandersetzen wollte.

Aber eine Zusammenfassung darf ruhig sein: Wer diesen Artikel gelesen hat und vorher keine Ahnung hatte, der hat auch hinterher keine Ahnung, aber zusätzlich diffuse Ängste “vor dem Internet”, bei denen er sich dank dieser unerträglichen Tintenkleckserei auch noch “aufgeklärt” fühlt. Was im Artikel steht, ist, dass das Internet seinen Rechner kaputt machen kann, denn es macht ja jeden Tag 30.000 Computer in Deutschland so kaputt, dass sie im März nicht mehr funktionieren. Jeglicher Hinweis darauf, wie die Schadsoftware auf einen Computer gelangen kann, fehlt — und somit fehlt auch jede Information darüber, wie man den Missbrauch seines Computers durch die organisierte Kriminaltät vermeiden oder wenigstens erschweren kann. Die völlige Inkompetenz des Autors ist beinahe mit jedem von ihm geschriebenen Wort greifbar und weckt die Frage, ob andere Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Themen, in denen ich mich zufällig weniger gut auskenne, wohl von vergleichbarer Inkompetenz, Dummheit und Unwilligkeit auch nur zur einfachsten Recherche geprägt sind. Schließlich fehlt auch jeder Hinweis dazu, mit welcher Software man versuchen kann, die von der Schadsoftware angerichteten Schäden zu reparieren, um sich eine Neuinstallation seines Rechners und das Rücksetzen seiner Netzwerkhardware auf den Auslieferungszustand zu ersparen; vielmehr wird weder erwähnt, dass Ersteres in einigen Fällen möglich ist und dass Letzteres geboten ist, wenn keine andere Abhilfe möglich ist.

Ein tolles Stück Qualitätsjournalismus aus einer angesehenen deutschen Tageszeitung!

Nachtrag 13. Januar

38 372 Nutzer stellten dabei die Verseuchung ihres Geräts fest und konnten Abwehrmaßnahmen ergreifen

Die Berliner Morgenpost liefert eine Zahl, die anders klingt als das verängstigende “dreißigtausend täglich neu infizierte Rechner” der Frankfurter Allgemeinen Internetangstausbreitung. Auch ansonsten findet sich in dem Artikel eine alles in allem für die Menschen hilfreiche Aufklärung über das Problem und die Gründe, warum jetzt Handeln geboten ist.

¹Diese Testseite ist nicht so zuverlässig, wie sie in einer solchen Situation sein sollte. Sie zeigt manchmal auch bei infizierten Rechnern “Grünes Licht”.


Frankfurter Argumentative Zerrung

Die Verlage wollen die Expansion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet stoppen. ARD und ZDF greifen durch Steuern das Geschäftsmodell der privaten Presse an, sagt Nienhaus im F.A.Z.-Gespräch. Er ist für die Klage gegen die Tagesschau-App.

FAZ.net: Eine große Ignoranz und auch Angst der Politik

Kein Kommentar nötig

…denn diese ausgesprochen durchsichtige und — an den sonstigen Maßstäben der Frankfurter Allgemeinen gemessen — dumme Propaganda haben schon andere zerlegt. Ich bitte daher darum, im Pottblog oder bei Stefan Niggemeier weiterzulesen.

Ein Abo lässt sich übrigens kündigen. Diesen Baumbestemplern, die immer wieder mit allen Mitteln des Hirnficks und der Propaganda fordern, dass die Menschen in der BRD entweder für bereits über die Rundfunkgebühr bezahlte Inhalte im Internet noch einmal bezahlen sollen oder dass diese Inhalte eben nicht im Internet zur Verfügung stehen dürfen, um das Geschäftsmodell der Contentindustrie zu sichern… ja, denen muss man nicht auch noch sein sauer verdientes Geld in den Rachen werfen. Es gibt bessere Verwendungen für Geld als die Förderung einer zwielichtigen Bande von Technikverhinderern und Volksbevormundern. Ist schon der Mehrwert, den die FAZ dem Dasein hinzufügt, zuweilen fraglich (das Feuilleton ist in der Tat oft großartig), so ist er bei der WAZ und den von der WAZ-Gruppe herausgegebenen Pressesurrogatextrakten sicher im submikroskopischen Bereich.

Nachtrag: Coffee and TV: Offener Brief an Christian Nienhaus.


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