Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

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Streaming: Kein Herunterladen mehr

Allerdings ist inzwischen immer mehr das Streaming auf dem Vormarsch, bei dem die Musik nicht mehr heruntergeladen, sondern direkt aus dem Internet abgespielt wird. Dabei gibt es zum einen Abo-Dienste wie Spotify oder Rdio, bei denen für eine Monatsgebühr uneingeschränkt Musik gehört werden kann

Die Welt — Rechteverhandlungen: Musik-Konzerne bremsen Apples Internet-Radio
Teile dieser Meldung stammen von der DPA

Kommentar

Werter Herr Qualitätsjournalist,

Es ist Bullshit!ich möchte ihnen eine einfache Frage zu ihrem Artikel stellen: Wenn die Musik nicht mehr von irgendwo aus dem Internet heruntergeladen und so zum Abspieler transportiert wird, wie kommt sie dann zum Abspieler und schließlich an die Ohren des Zuhörers? Schwebt sie auf moduliertem Feenstaub, oder handelt es sich etwa um die erste technische Anwendung von Psi-Effekten?

Sie müssen zugestehen, Herr Qualitätsjournalist, dass die beiden von mir schnell benannten “Alternativen” zum Herunterladen höchst lächerlich sind. Und wenn sie jetzt nur drei Minuten darüber nachdenkten, müssten sie zugestehen, dass das auch für jede andere Möglichkeit gilt, wie die Daten ohne eine Datenübertragung von einem Server zu einem Abspieler gelangen könnten; eine Datenübertragung, die man allgemein als “Download” oder auch “Herunterladen” bezeichnet. Es ist nämlich technisch genau der gleiche Vorgang. Ein laufender Serverprozess auf einem anderen Computer im Internet bekommt über ein Protokoll die Aufforderung, Daten zu senden, und er sendet Daten zurück.

Das sollten sie als jemand, der für das Ressort “Digital” bei einer überregionalen Zeitung schreibt, schon verstehen, Herr Qualitätsjournalist. Und da ich sie nicht als völlig inkompetent und dumm bezeichnen will, Herr Qualitätsjournalist, gehe ich davon aus, dass sie das im Prinzip auch verstehen.

Allerdings scheint es nicht ihre Aufgabe bei einem qualitätsjournalistischen Produkt aus dem Hause Axel Springer zu sein, Herr Qualitätsjournalist, dass sie ihre Leser, die dort Artikel im Ressort “Digital” lesen, dazu befähigen sollen, ihrerseits technisches Verständnis und auf dieser Grundlage im Idealfall verantwortliches, kluges Handeln zu entwickeln. Denn sie werden ja für die Erfüllung ihrer Aufgabe bezahlt, Herr Qualitätsjournalist, nicht für irgendeine Vermittlung von Kompetenz.

Es gibt nämlich sehr wohl einen Unterschied zwischen dem, was einige Werber — also Leute, die genau wie sie, Herr Qualitätsjournalist, für das psychologisch wirksame Lügen und Verdummen von Menschen bezahlt werden — “Streaming” nennen und dem, was Menschen bislang als gewöhnlichen Download-Vorgang kennen. Stellt man diese beiden Vorgänge des Herunterladens gegenüber, so zeigt sich dabei, dass es sich beim so genannten “Streaming” um einen Versuch handelt, technische Möglichkeiten zu behindern, Nutzer eines Angebotes über ihren Musikkonsum (und Videokonsum) zu verdaten und zu überwachen und ihrem Dasein eine technisch nicht erforderliche, also künstlich geschaffene Abhängigkeit von einem gewinnorientierten Anbieter hinzuzufügen, der damit sein Geschäftchen machen will.

Beim Download-Vorgang können Menschen nämlich die heruntergeladenen Daten im Dateisystem an einer selbstgewählten Stelle ablegen, sie können die Daten auf beliebige Geräte übertragen, sie können die Daten mit beliebiger Software abspielen, sie können von den Daten beliebig viele Kopien anfertigen. Kurz gesagt: Menschen kommen beim Herunterladen digitaler Güter in den Genuss sämtlicher Vorteile der Digitaltechnik und der Kopierinfrastruktur vernetzter Rechner. Das digitale Gut geht in ihre Verfügungsgewalt über, durchaus ähnlich zu einer gekauften Zeitung. Heruntergeladene Musik kann zum Beispiel beliebig oft angehört werden, ohne dass irgendein Anbieter über diese Nutzung informiert wird.

Beim so genannten “Streaming” handelt es sich natürlich auch um einen Download-Vorgang, doch wird dem Menschen dafür eine technisch eingeschränkte Software zur Verfügung gestellt, die ein Speichern an einer vom Menschen frei gewählten Stelle im Dateisystem nicht ermöglicht. Die Nutzung mit frei gewählter Software wird unterdrückt. Stattdessen wird eine für den Genuss von Musik weder sachlich noch technisch erforderliche Bindung an einen kommerziellen Anbieter vorgenommen, der im Laufe der Zeit vollständige Informationen über den gesamten Musikgeschmack des Menschen, seine Konsumzeiten und im Falle eines Smartphones sogar über die Aufenthaltsorte des Menschen sammeln kann, an denen Musik gehört wird.

Der Unterschied besteht also nicht darin, dass nichts heruntergeladen wird, sondern darin, dass der zahlende Nutzer eines Streaming-Dienstes seine mit einem selbstbestimmten Herunterladen verbundenen technischen Freiheiten verliert und dafür zum Objekt der Datensammelei eines gewinnorientierten Unternehmens wird.

Genau diese Tatsache, Herr Qualitätsjournalist, erwähnen sie nicht, und als sie sich beim Schreiben ihres Artikels vor dem Problem gestellt sahen, kurz zu erwähnen, was beim so genannten “Streaming” jetzt anders, neu und besser ist, haben sie sich dieses Problemes mit einer gnadenlos dummen Formulierung entledigt, damit zumindest die technisch analphabetischen Leser kein Bewusstsein entwickeln können, das zu vernünftigen Entscheidungen führen kann.

Vollends lächerlich wird ihre Idee der “Datenübertragung, ohne dass eine Datenübertragung stattfindet” übrigens, Herr Qualitätsjournalist, wenn man sie mit dem deftigst duftenden Bullshitwort der Werber aus dem letzten Jahr kombiniert: Dem “Offline-Streaming”, das von qualitätsjournalistischen Idioten ihres Schlages nach Vorlage von den Bitkomikern in die vom Unsinn müden Hirn befördert wurde.

Danke, dass sie mit ihren hoffentlich gut bezahlten Schreibtischtätigkeiten jedem aufmerksamen Leser klar machen, welche Aufgaben der “Content” im Qualitätsjournalismus — neben der Aufgabe als Köder, der zur Reklame locken soll — noch hat. Diese Klarheit bewahrt vor der Illusion, dass man sich aus qualitätsjournalistischen Produkten informieren kann. Denn die Annahme, dass in Bereichen, in denen ich mich zufällig weniger gut auskenne, nicht manipulativ und die Tatsachen verdrehend berichtet wird, wäre doch ein bisschen dumm.

Ihr kopfschüttelnder Mitleser.

Neueste Masche der Internet-Betrüger

Internet-Betrüger versuchen über Internetanzeigen oder Spam-Mails vermeintliche Tätigkeiten als Warenagent, Paketmanager oder Testkäufer zu vermitteln

[...]

Neueste Masche der Internet-Betrüger: “Finanzagenten” – dabei werden Personen gesucht, die Geldbeträge auf ihrem Konto in Empfang nehmen und weiterverbuchen

Abendzeitung München — Internet-Betrüger — Polizei warnt: Abzocke durch “Paketagenten”
Originalartikel | Die Archivierung mit WebCite wurde leider technisch verhindert.

Kommentar

Die “neueste Masche” ist das also! Als Internetnutzer habe ich mich ja daran gewöhnt, dass Presse aus einer Aufbereitung der Neuigkeiten von gestern besteht, aber dass eine kriminelle Methode noch nach vielen Jahren als “neueste Masche” erklärt wird, ist doch ein bisschen… ähm… deppert. Hier ein Link auf ein derartiges “Jobangebot” aus dem Jahr 2007, und hier zusätzlich noch etwas zum Lachen über das trübe Thema aus dem Jahr 2010. Der älteste Eintrag zu diesem Thema im Wiki des Antispam e.V. stammt aus dem April 2006, was einem Alter von ungefähr drei Erdzeitaltern des Internet entspricht. Wer sich aus anderen Quellen informiert, weiß also schon seit mehr als einem halben Jahrzehnt, was für diese Aktualität simulierenden “Qualitätsjournalisten” in ihrer hysterischen Pressesprache “die neueste Masche” ist… und ist auch wesentlich besser informiert über die aktuellen und wirklich neuen Formen der Internet-Kriminalität.

Aber um meinen Spott ein bisschen zurückzunehmen: Wenn man diese Peinlichkeit einmal überliest, ist der Artikel immerhin sachlich zutreffend, was leider keine Selbstverständlichkeit derartiger Berichterstattung ist. Er ist zudem sehr wichtig, weil er mit der Reichweite der Boulevardpresse einer Großstadt die zunehmend verarmenden Menschen erreicht, die in ihrer Situation durchaus anfällig für derartige “Jobangebote” sein können. Wenn dieser Artikel im Internet auch noch mit einem Link auf die Quelle, eine Presseerklärung des LKA Bayern, versehen worden wäre, die in ihrer Sachlichkeit frei von derartigen qualitätsjournalistischen Peinlichkeiten ist, aber dafür einen weiteren, ganz allgemeinen und doch sehr wichtigen Hinweis gibt…

Als grundsätzlicher Hinweis gilt: Man sollte niemals sein Bankkonto oder seine Postadresse für Geschäftsabwicklungen von Fremden zur Verfügung stellen

…und ein weiterer Link auf offen im Web verfügbare, ausführliche Informationen zu “Jobangeboten” in Spam-E-Mails gesetzt worden wäre, wäre er sogar richtig gut gewesen.

Wenn der Leser des qualitätsjournalistischen Produktes hingegen Altes als Neuigkeit präsentiert bekommt und die Recherche selbst betreiben muss, ist der Journalismus überflüssig geworden.

Auf einmal für Netzneutralität

Netzdrosselung stoppen! Die SPD ist gegen die Drosselung von Netzgeschwindigkeiten und für Netzneutralität! Damit das Internet nicht gebremst wird.

Quelle: Twitter-Kanal des Parteivorstandes der SPD

Ein Hinweis gegen das Vergessen

Bis vor Kurzem ausgerechnet im Frühwahlkampf die Preiserhöhung und Entinternettung für Kunden der Deutschen Telekom kam — wegen des Netzausbaus in der Bundesrepublik Deutschland, der in der BRD übrigens auf dem Niveau eines Entwicklungslandes steht, sind dies außerhalb der Städte häufig Zwangskunden, weil es keine Alternativanbieter gibt — war der SPD die Netzneutralität vollkommen gleichgültig. Und sie hat in der Internet-Enquete aktiv daran mitgewirkt, dass dieses Wort und damit eines der wichtigsten Themen für die Zukunft des Internet nicht einmal in einem unverbindlichen Empfehlungstext aufscheint.

Aber jetzt muss ja wahlgekämpft werden. Gekämpft gegen die Erinnerung, gegen den Verstand und gegen jede Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu einem wichtigen Thema zu treffen. Gekämpft mit allen Mitteln der Manipulation und Irreführung. Gekämpft für weitere vier Jahre Volksverdummung, Volksverachtung, krachender Ahnungslosigkeit, Zensur, Abmahnterror zur Verhinderung politischer Bildung an vergangenen Wahlkampfauftritten, Verbrecherschutz, geheimdienstlichen Mitlesens jeder E-Mail, totaler Überwachung und perfider Kriminalisierung des Datenschutzes… Ach!

Mit Gruß aus Alzheim, ihre wahlkämpfende SPD.

Alle Ächtung!

Urheberrecht für das 21. Jahrhundert

Die Grünen werben für “ein Urheberrecht für das 21. Jahrhundert, das hohe Akzeptanz genießt, Urheber schützt, eine angemessene Vergütung sichert und gleichzeitig aber auch Nutzerrechte stärkt und Innovationen fördert”

Heise Online 30. April — Grünes Wahlprogramm: “Freies Netz und unabhängige Medien für alle”

Ein anderes Zitat und ein Bild an Stelle eines Kommentares

Mit den Stimmen von Schwarz-Gelb und der Grünen hat der Bundestag Donnerstagnacht den umstrittenen Regierungsentwurf zur Änderung des Urheberrechts verabschiedet, mit der die Schutzdauer für ausübende Künstler und Tonträgerhersteller von 50 auf 70 Jahre erweitert werden soll.

Heise Online, 26. April — Bundestag verlängert Schutzfrist für Tonaufnahmen

Schutz für Kreative! Wir haben dafür gesorgt, dass Tonaufnahmen 70 Jahre lang mit einem Monopolrecht geschützt und vermarktbar bleiben. So werden Musiker nicht um die Früchte ihrer Arbeit gebracht. Auch nicht, wenn sie tot sind. -- CDUSPDCSUFDPGRÜNETC -- ADEP Asozialistische Deutsche Einheitspartei

Grün als neues Orange? Ein Rückblick.

Es gilt die Freiheit des Internets zu sichern, die verfassungsrechtlich garantierten Rechte jedes Einzelnen zu wahren, die Meinungsfreiheit zu stärken, die Privatsphäre zu schützen und den Zugang zu und die gleichberechtigte Teilhabe an der digitalen Welt zu ermöglichen [...] Der Zugang zum Internet ist für uns Teil der Daseinsvorsorge

Aus dem Bundestagswahlprogramm 2013 Bündnis 90/Die Grünen, zitiert nach Heise Online

Ein kleiner und ziemlich böser Rückblick

Offenbar haben die Programmschreiber von Bündnis 90/Die Grünen mittlerweile festgestellt, dass realdadaistische Wahlplakate mit zusätzlicher Schleichwerbung für den Tracker und Totalverdater “Facebook” kein adäquater Ersatz für einen politischen Standpunkt zum Internet sind und einen durchaus diskutabel klingenden Katalog poltiischer Forderungen ausgearbeitet.

Das ist löblich, wenn es auch durch den laufenden Wahlkampf nach der gewöhnlichen Lüge im Vorfeld einer Wahl stinkt. Dieser unangenehme Duft beißt besonders stark in die Nase, wenn man einmal nachschaut, ob die relativ freiheitlich formulierten Forderungen in irgendeiner Kontinuität zum bisherigen poltischen Gestaltungswillen der Partei Bündnis 90/Die Grünen stehen.

Einem aufmerksameren Leser fällt ja schon beim Lesen des beschlossenen Textes auf, dass von der “digitalen Welt” die Rede ist, ganz so, als sei dies eine Parallelwelt, die neben der wirklichen Welt herlaufe, und ganz so, es sei der technische Segen vernetzter Computersysteme (deren Zweck es ist, Menschen zusammenzubringen) nicht längst ein sehr realer Bestandteil des Alltags sehr vieler Menschen.

Dieses sich immer noch sprachlich Bahn brechende Fremdeln gegenüber dem Internet ist allerdings nicht verwunderlich bei einer Partei, deren Entstehungsgeschichte von einer offen technikfeindlichen und modernitätsängstlichen Ideologie und einer in dieser Feindschaft und Angst wurzelnden Propaganda geprägt war, die bis heute leider nicht nur innerhalb der Partei, sondern zum Schaden aller Menschen in der BRD in der gesamten Gesellschaft nachwirkt.

Für mich als nicht so gedächtnisschwachen Leser der grünen Wahllügen Programmpunkte sind die Forderungen für die poltische Ausgestaltung des Internet in der BRD ungefähr so überzeugend und glaubwürdig, als würbe die CSU im Wahlkampfe mit dem Versprechen der Einführung einer sozialistischen Räterepublik um Arbeiterstimmen.

Da ich davon ausgehen muss, dass viele jüngere Leser trotz der in der Schule (von meist der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahestehenden Pädagogen) verabreichten politischen Grundbildung diese Anmerkung nicht unmittelbar verstehen können, habe ich aus meinem Archiv einmal das Wahlprogramm der GRÜNEN zur Wahl des 11. Deutschen Bundestages im Jahre 1987 herausgesucht.

Das folgende, ungekürzte Zitat findet sich auf den Seite 47 und 48, im Abschnitt “Ökologie, Wirtschaft, Soziales”, Kapitel “Schritte zu einer demokratischen und sozialen Wirtschaft”, Punkt 9 “Keine Informatisierung der Gesellschaft”. Die Rechtschreibung entspricht dem damaligen Standard. Wer sich wundert, dass der Text nicht modern “durchgegendert” ist, wundert sich zu Unrecht; die damalige “Mode” war der Querstrich in Wörtern wie “Arbeiter/innen” und zur Vermeidung solcher unschöner Schreibweisen die Tendenz zu möglichst unpersönlichen Ausdrucksweisen, was über weite Strecken zu einem etwas technokratisch anmutenden Duktus der Sprache führt. Einige Anmerkungen, die ich angesichts dieses… sorry… angstpredigenden, ideologischen Sermons nicht vermeiden kann, stehen in eckigen Klammern [wie dieses Beispiel] und spiegeln keineswegs einen neutralen Standpunkt wider:

9. Keine Informatisierung der Gesellschaft

Von Computerisierung und informationstechnischer Vernetzung, die die Herrschenden mit dem Ziel einer “informatisierten Gesellschaft” vorantreiben, sind alle Lebensbereiche betroffen. DIE GRÜNEN stellen fest: Die Informations- und Kommunikationstechniken (kurz: IuK-Techniken) sind auf Rationalisierung und Kontrolle angelegt und sind deshalb schwerlich “alternativ” nutzbar. [Rationalisierung ist nämlich nicht "alternativ", weil sie Ergebnisse mit geringerem Ressourcen- und Arbeitsaufwand erzielt, sondern böse!]

GENTECHNOLOGIE
Weiter- und Neuentwicklung biologischer Techniken (z.B. Hefegärung, Züchtung, Bio-Chemie, Impfstoffgewinnung), die auch auf der direkten Veränderung von Erbmaterial beruht. [Eine durchaus mutige Erweiterung des Begriffes "Informatisierung", die Beachtung verdient -- in der Tat ist die Gentechnik auch eine Informationstechnik, sozusagen die "Programmierung von Lebewesen in Assembler".]

INFORMATIONS UND KOMMUNIKATIONSTECHNIKEN
IuK-Techniken sind Techniken zur Verarbeitung, Übertragung von Daten und Informationen. Hierzu werden die verschiedensten Computer- und Datenerfassungssysteme sowie entsprechende Übertragungsnetze (Fernmeldenetze, hausinterne Übertragungsnetze), also auch die Verkabelung für Kabelfernsehen gerechnet. [sic! Das damalige analoge Kabelfernsehen ist wie ein digitales Netzwerk...]

DIGITALISIERUNG DES FERNSPRECHNETZES
Bisher geschieht die Sprachübertragung beim Telefonieren analog, d.h., die Schallschwingungen der Sprache werden in elektrische Signale verwandelt, über eine Leitung übertragen und am Ende wieder in Schallschwingungen zurückverwandelt. Diese Übertragung soll nun digitalisiert werden, d.h., die Sprachsignale werden in digitale Zeichenketten [sic!] verwandelt, über eine Leitung übertragen und am Ende wieder zurückverwandelt in Sprache. [Ein ideologisch unbelasteter Leser wird hier sicherlich denken: Na und?]

ISDN
Integrated services digital network — digitales dienstintegriertes Fernnetzwerk. Die bisher getrennt vermittelten Fernmeldenetze der DBP¹ für Text- und Datenübertragung (IDN — integriertes Text- und Datennetz) einerseits, sowie Sprachübertragung (Fernsprechnetz) andererseits sollen ab 1988 in einem einzigen Netz, dem ASDN [sic! Tippfehler!], integriert werden. Voraussetzung hierzu ist u.a. die Digitalisierung des Fernsprechnetzes (siehe oben). [Die Links zu Wikipedia sind von mir.]

DIE GRÜNEN verkennen nicht, daß es bereits Zwänge [sic!] zu Computernutzung und technisierte Kommunikation in Arbeit und Privatleben gibt. Allerdings werden allzu oft gefährliche und sozial schädliche Produktion durch Automatisierungstechniken erst möglich, wie uns die Atomtechnologie drastisch vor Augen führt. [sic! Das ist eingestreut, um schnell einen "Bezug" von ISDN-Anschlüssen zum Kernkraftwerk und zur damit verbundenen Angst vor einem schweren Atomunfall und vor den Unwägbarkeiten der Lagerung von Atommüll herzustellen.] Andererseits sind durch kapitalistisch industrielles Wirtschaften ungeheure Altlasten entstanden, die selbst bei einem sofortigen Stopp aller umweltvergiftenden Produktion noch Jahrhunderte lang überwacht und beherrscht werden müssen. [sic! Die Digitalsierung des Telefonnetzes, um die es hier übergeordnet geht, steht aus den Augen dieses Textes im Zusammenhang mit üblen Giftmüllkippen, die ein gewaltiges Problem für kommende Generationen sind.] Wenn neue Techniken hierzu rationell eingesetzt werden können und wenn ihr Einsatz nicht als Alibi für weitere, nun aber “genau meßbare” Umweltzerstörung [Anstelle von genau gemessener Umweltzerstörung setzen die Angstprediger lieber auf gefühlte Bedrohung.] mißbraucht wird, treten DIE GRÜNEN hier punktuell im Sinne der Gefahrenabwehr für den Gebrauch von IuK-Techniken ein.

Uff! Das las sich genau so anstrengend wie jeder andere ideologiegeprägte Text. Aber es hat sich gelohnt. Denn jetzt *fanfar!* kommen die politischen Forderungen der GRÜNEN für das Jahr 1987!

DIE GRÜNEN befürworten eine bedürfnisorientierte Technikentwicklung auch im Kommunikationsbereich. DIE GRÜNEN unterstützen den Widerstand gegen IuK-Techniken und fordern:

– Ausweitung der Mitbestimmungsrechte über Betriebe und Branchen hinweg, um der übergreifenden technischen Vernetzung begegnen zu können. [Häh?!]
– Verbot von Personalinformationssystemen und sonstiger Systeme, die geeignet sind, die Beschäftigten zu verdaten. [Systeme, die zur Verdatung von Menschen geeignet sind, sollen also verboten werden. Das kommt einem Verbot von Computern aller Art gleich.]
– Keine Digitalisierung des Fernsprechnetzes. [sic!]
– Keine Dienste- und Netzintegration im Fernsprechnetz (ISDN). [sic!]
– Keine Glasfaserverkabelung (Breitband-ISDN). [sic!]
– Stopp des Kabel- und Satellitenfernsehens. [sic!]
– Wirksame parlamentarische Kontrolle der Post.

Es ist natürlich nicht so, dass vor lauter “Dagegen!” bei DEN GRÜNEN keine eigenen Ideen entwickelt wurden, aber nein doch:

DIE GRÜNEN sind für Boykottmaßnahmen gegen Erzeugnisse der IuK-Industrie wie Bildschirmtext und sind für die Entwicklung alternativer Technologien und nicht-technologischer Alternativen. [sic! Einmal ganz vom Doppelblähblah "alternative Technogien" und "nichttechnologische Alternativen" abgesehen: Meinen die GRÜNEN hier die gute alte Brieftaube, den dauerlaufenden Eilboten und das mittelalterliche Skriptorium zum Kopieren und Verbreiten von Informationen?!] DIE GRÜNEN wollen eine breite öffentliche Debatte über diese Techniken [und zwar nach Möglichkeit mit uninformierten Menschen, die von DEN GRÜNEN mit Ideologie und Angst zugestopft werden], damit nicht wieder einmal die Interessen weniger Mächtiger über die Zukunft entscheiden. Diese öffentliche Auseinandersetzung wird notwendig konfliktorientiert [Gibt es Auseinandersetzungen, denen nicht ein Konflikt zugrunde liegt?] verlaufen müssen.

Nachbemerkung (Warnung: polemikhaltig)

Natürlich muss dieses Dokument in seinem historischen Kontext gelesen werden. Darin steht vieles, was heutige aktive Mitglieder, Mitmösen und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen als übertrieben und naiv bezeichnen würden. Die Partei DIE GRÜNEN war damals gerade erst sieben Jahre alt und formierte sich aus einem recht bunten Sammelsurium von Bürgerbewegungen, Feminist_innen, Umweltbewegten, Kernkraftgegnern, Esoterikern und postsozialistischen “Linken”, und sie bekam gerade einen großen Zustrom junger, besoldeter Pädagogen aus dem staatlichen Schulsystem, die für ihre Tätigkeit in einer politischen Partei teilweise bezahlt freigestellt wurden und die als Privilegierte offensiv für einen “realpolitischen” Stil eintraten. Die Zerstrittenheit und die Flügelkämpfe innerhalb DER GRÜNEN waren geradezu sprichwörtlich und haben zu so manchem derben Witz Anlass gegeben.

Es war für die Partei also keineswegs einfach, sich auf einen programmatischen Text zu einigen, zumal die damals noch gepflegte Diskussionskultur danach strebte, jeder und jedem eine Stimme zu verschaffen. Das Ergebnis dieser Bemühung macht einen diesen Umständen entsprechenden Eindruck. Wer die Zustände in der heutigen Piratenpartei betrachtet und wie ich etwas älter ist, bekommt immer wieder sein heiteres déjà vu und weiß, dass das Scheitern des Aufbruchs unabwendbar ist.

Es ist also mehr als nur ein bisschen unfair, diesen 25 Jahre alten Text mit heutigen programmatischen Forderungen der heutigen Partei Bündnis 90/Die Grünen zu vergleichen, zumal mit dem Zustrom aus den Bürgerbewegungen der ehemaligen DDR eine deutlich bourgeoisere Ausrichtung der Partei einherging, bis dahin, dass aus der ehemaligen Alternativpartei eine heutige “Volkspartei” mit Wahlergebnissen im Bereich der SPD geworden ist.

Es ist auch ein bisschen unfair, eine solche Betrachtung als Vergleich zum aktuellen Programm zu wagen. Im Jahr 1987 gab es zwar schon ein Internet, aber die meisten Menschen außerhalb einer Universität wussten noch nichts davon. Und in den Universitäten bestand das Internet im Wesentlichen aus dem Usenet und FTP-Servern, die mit textbasierter Clientsoftware betrieben wurden — und wer nach einem Download suchte, durchwühlte die Verzeichnishierachien großer Server, denn Archie war noch nicht erfunden. Gopher und das WWW, das für viele Menschen heute so wichtig ist, dass es geradezu synonym mit dem Internet geworden ist, gab es ebenfalls noch nicht. Persönlich kommuniziert wurde im Internet über E-Mail. Für “normale” Menschen gab es kein Internet, sondern das kommerzielle Bildschirmtext-Angebot der Deutschen Bundespost, das erhebliche Kosten für Einrichtung, Anschluss und Nutzung verursachte. Die paar Bastler, Hacker und Enthusiasten, die Mailboxen zur Verfügung stellten oder mit Datenklo und Terminalprogramm DFÜ betrieben, waren eine unbeachtete Minderheit mit einem für Nachbar Spießer unverständlichen technischen Hobby, die in einer bemerkenswert offenen Subkultur unter sich blieben.

Ja, zugegeben, es ist unfair.

Es ist aber nicht vollkommen unfair.

Allein schon deshalb nicht, weil Bündnis 90/Die Grünen so gern ihre “alternative” Vergangenheit plakativ für politische Reklame hervorkramen, um von ihrer heutigen Mitwirkung an der “alternativlosen Koalition der totalitären Mitte”, wie ich das so gern nenne, abzulenken. Dass von den “alternativen” Ideen der damaligen Zeit nichts geblieben ist, soll in dieser aufgeführten Parteifolklore vergessen gemacht werden — den Rest der Hirnbeize erledigen dann Plakate mit kindischen Sprüchen im Graffito-Layout, die vor unverblendeteren Augen klar dokumentieren, dass die “Alternativität” zum bloßen Image zerfallen ist, das von Marketingfirmen mit der gleichen psychologischen Perfidie für die psychische, also verstandesumgehende, Manipulation eingesetzt wird, in der die gleichen professionellen Lügenfirmen auch für ein Hundefutter oder ein Toilettenpapier werben. Eine Freude für Satiriker, mehr nicht.

Aber ist nicht nur deshalb gar nicht so unfair.

Es gibt nämlich eine “grüne” Kontinuität, die sich durch diese ganzen Jahre zieht. Und diese besteht in einer umfassenden Angst vor den Folgen einer meist unverstandenen Technik, die sich notdürftig in ideologische Formulierungen kleidet, um in dieser Larve politisch zu klingen.

Bündnis 90/Die Grünen sind eine Angstpartei. Sie wenden sich in ihrer Agitation an Menschen, die Angst haben — Angst vor den Folgen der Kernenergie, vor den Folgen des technischen Fortschritts, vor den Folgen der Gentechnik, vor den Folgen der an sich sehr segensreichen Entwicklung, dass Menschen die Last der Arbeit an Maschinen delegieren; Angst vor Gift im Essen, vor “Elektrosmog”, vor Chemie, ja, Angst vor der menschlichen Kultur an sich. Und. Angst vor jeder Technik, die sie in ihrem Halbwissen nicht verstehen.

Angst macht dumm. Angst ist niemals ein guter Ratgeber für irgendeine Gestaltung, denn der von Angst ausgelöste Impuls ist Lähmung und Flucht. Wähler von Bündnis 90/Die Grünen sind Angstwähler. Die Partei, die sie wählen oder in der sie gar Mitglied sind, ist nicht konservativ, sie ist offen rückwärtsgewandt und würde es (im Prinzip) sogar begrüßen, wenn große Teile der menschlichen Zivilisation in einem vorindustriell-magischen Zustand zurückgeworfen werden, scheißegal, wer dabei alles auf der Strecke bleibt, stirbt und verhungert. Große Teile des Morgenthau-Planes würden bei einer Mehrheit von Anhängern von Bündnis 90/Die Grünen offene Zustimmung finden, wenn nur an einigen entscheidenen Stellen Streuwörter wie “ökologisch”, “nachhaltig” und “natürlich” eingefügt würden, nebst einigen Zierzitaten Rudolf Steiners oder anderer Fürredner allumfassender, klebrigsüßer Irrationalität. Auf Entwicklungen soll nicht reagiert werden, indem diese poltisch ausgestaltet werden, sondern indem sie unterbunden oder gar zurückgeschraubt werden.

Die “Grünen” sind — zumindest in ihrem ideologischen Überbau — das genaue Gegenteil einer Fortschrittspartei. Sie sind eine Rückschrittspartei. Und das schon seit Jahrzehnten.

Das ist ihre Kontinuität. Nicht nur im Bundestagswahlprogramm aus dem Jahr 1987.

Und diese Partei mit dieser Kontinuität erzählt — wohlgemerkt! Im stets verlogenen Wahlkampf und nach den Erfolgen einer anderen Partei mit diesem Kernthema — den Wahlberechtigten in der BRD etwas von der Bewahrung des freien Internet für die Menschen in Deutschland? Diese Lügner? Diese Leute, die Polizisten im Netz wegen ihrer befriedenden und disziplinierenden Wirkung haben wollen? Diese Leute, die auch Internet gucken und dafür gern den Preis eines Vollkornbrötchens als Zwangsgebühr zahlen? Ach!

Wie schon gesagt, da könnte mir die CSU auch etwas von den Vorzügen einer sozialistischen Räterepublik erzählen.

Es wäre für mich genau so glaubwürdig.

Und ganz genau so lächerlich.

Fußnoten

¹DBP = Deutsche Bundespost. Die Deutsche Telekom war davon noch nicht abgespaltet, und das Telefonnetz wurde von der Deutschen Bundespost betrieben.

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