Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Parteien

Kindklick

Es kann nicht sein, dass Erwachsene mit ein paar Klicks zu Kindern werden

Boris Rhein, CDU, Hessischer Staatsminister für Inneres und Sport
Zitiert nach Heise Online

Kein Kommentar


Tatmittel Internet

Strafverfolger registrierten demnach 229.408 Fälle von Kriminalität “unter Nutzung des Tatmittels Internet”, wozu vor allem Betrugsdelikte zählen. 2011 waren es noch 222.267

Heise Online — Polizeiliche Kriminalstatistik: Internetstraftaten und Computerkriminalität nehmen zu

Kommentar

Es gibt schon seit Jahren in der polizeilichen Kriminalstatistik eine Zusammenfassung und Zusammenbetrachtung verschiedener Delikte, bei denen das “Tatmittel Internet” irgendwie genutzt wird; und die so erzeugte Kategorie wird jedes Jahr hochoffiziell polizeilich und in die gebieterische Autorität peniblen Zählens eingekleidet als Zahl genannt; diese Zahl wird über die Jahre verfolgt und bei sich bietender Gelegenheit zur “sachlichen” Grundlage von politischen Forderungen gemacht, die sich dann selbstverständlich gegen das Internet richten, gegen dieses “Tatmittel”, das man gar nicht genug kriminalisieren, überwachen, begrenzen und bekämpfen kann, wenn man nur diese Zahlen sieht.

Zumindest mich würden an dieser Stelle einmal die Zahlen für das “Tatmittel Telefon”, das “Tatmittel Postwurfsendung” oder das “Tatmittel Auto” interessieren, bitte genau so bunt und damit nichtssagend zusammengefasst, wie dies jedes Jahr von der Polizei im Auftrage des Bundesinnenminsteriums fürs Internet praktiziert wird, und bitte auch als Grundlage für spätere politische Forderungen. Ach, gibt es nicht? Das wird von niemanden so erfasst? Daran hat niemand Interesse? Warum wohl nicht…

Trau keiner Statistik, die du nicht selbst… ach, ihr wisst schon. :mrgreen:


Auf einmal für Netzneutralität

Netzdrosselung stoppen! Die SPD ist gegen die Drosselung von Netzgeschwindigkeiten und für Netzneutralität! Damit das Internet nicht gebremst wird.

Quelle: Twitter-Kanal des Parteivorstandes der SPD

Ein Hinweis gegen das Vergessen

Bis vor Kurzem ausgerechnet im Frühwahlkampf die Preiserhöhung und Entinternettung für Kunden der Deutschen Telekom kam — wegen des Netzausbaus in der Bundesrepublik Deutschland, der in der BRD übrigens auf dem Niveau eines Entwicklungslandes steht, sind dies außerhalb der Städte häufig Zwangskunden, weil es keine Alternativanbieter gibt — war der SPD die Netzneutralität vollkommen gleichgültig. Und sie hat in der Internet-Enquete aktiv daran mitgewirkt, dass dieses Wort und damit eines der wichtigsten Themen für die Zukunft des Internet nicht einmal in einem unverbindlichen Empfehlungstext aufscheint.

Aber jetzt muss ja wahlgekämpft werden. Gekämpft gegen die Erinnerung, gegen den Verstand und gegen jede Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu einem wichtigen Thema zu treffen. Gekämpft mit allen Mitteln der Manipulation und Irreführung. Gekämpft für weitere vier Jahre Volksverdummung, Volksverachtung, krachender Ahnungslosigkeit, Zensur, Abmahnterror zur Verhinderung politischer Bildung an vergangenen Wahlkampfauftritten, Verbrecherschutz, geheimdienstlichen Mitlesens jeder E-Mail, totaler Überwachung und perfider Kriminalisierung des Datenschutzes… Ach!

Mit Gruß aus Alzheim, ihre wahlkämpfende SPD.

Alle Ächtung!


Urheberrecht für das 21. Jahrhundert

Die Grünen werben für “ein Urheberrecht für das 21. Jahrhundert, das hohe Akzeptanz genießt, Urheber schützt, eine angemessene Vergütung sichert und gleichzeitig aber auch Nutzerrechte stärkt und Innovationen fördert”

Heise Online 30. April — Grünes Wahlprogramm: “Freies Netz und unabhängige Medien für alle”

Ein anderes Zitat und ein Bild an Stelle eines Kommentares

Mit den Stimmen von Schwarz-Gelb und der Grünen hat der Bundestag Donnerstagnacht den umstrittenen Regierungsentwurf zur Änderung des Urheberrechts verabschiedet, mit der die Schutzdauer für ausübende Künstler und Tonträgerhersteller von 50 auf 70 Jahre erweitert werden soll.

Heise Online, 26. April — Bundestag verlängert Schutzfrist für Tonaufnahmen

Schutz für Kreative! Wir haben dafür gesorgt, dass Tonaufnahmen 70 Jahre lang mit einem Monopolrecht geschützt und vermarktbar bleiben. So werden Musiker nicht um die Früchte ihrer Arbeit gebracht. Auch nicht, wenn sie tot sind. -- CDUSPDCSUFDPGRÜNETC -- ADEP Asozialistische Deutsche Einheitspartei


Grün als neues Orange? Ein Rückblick.

Es gilt die Freiheit des Internets zu sichern, die verfassungsrechtlich garantierten Rechte jedes Einzelnen zu wahren, die Meinungsfreiheit zu stärken, die Privatsphäre zu schützen und den Zugang zu und die gleichberechtigte Teilhabe an der digitalen Welt zu ermöglichen [...] Der Zugang zum Internet ist für uns Teil der Daseinsvorsorge

Aus dem Bundestagswahlprogramm 2013 Bündnis 90/Die Grünen, zitiert nach Heise Online

Ein kleiner und ziemlich böser Rückblick

Offenbar haben die Programmschreiber von Bündnis 90/Die Grünen mittlerweile festgestellt, dass realdadaistische Wahlplakate mit zusätzlicher Schleichwerbung für den Tracker und Totalverdater “Facebook” kein adäquater Ersatz für einen politischen Standpunkt zum Internet sind und einen durchaus diskutabel klingenden Katalog poltiischer Forderungen ausgearbeitet.

Das ist löblich, wenn es auch durch den laufenden Wahlkampf nach der gewöhnlichen Lüge im Vorfeld einer Wahl stinkt. Dieser unangenehme Duft beißt besonders stark in die Nase, wenn man einmal nachschaut, ob die relativ freiheitlich formulierten Forderungen in irgendeiner Kontinuität zum bisherigen poltischen Gestaltungswillen der Partei Bündnis 90/Die Grünen stehen.

Einem aufmerksameren Leser fällt ja schon beim Lesen des beschlossenen Textes auf, dass von der “digitalen Welt” die Rede ist, ganz so, als sei dies eine Parallelwelt, die neben der wirklichen Welt herlaufe, und ganz so, es sei der technische Segen vernetzter Computersysteme (deren Zweck es ist, Menschen zusammenzubringen) nicht längst ein sehr realer Bestandteil des Alltags sehr vieler Menschen.

Dieses sich immer noch sprachlich Bahn brechende Fremdeln gegenüber dem Internet ist allerdings nicht verwunderlich bei einer Partei, deren Entstehungsgeschichte von einer offen technikfeindlichen und modernitätsängstlichen Ideologie und einer in dieser Feindschaft und Angst wurzelnden Propaganda geprägt war, die bis heute leider nicht nur innerhalb der Partei, sondern zum Schaden aller Menschen in der BRD in der gesamten Gesellschaft nachwirkt.

Für mich als nicht so gedächtnisschwachen Leser der grünen Wahllügen Programmpunkte sind die Forderungen für die poltische Ausgestaltung des Internet in der BRD ungefähr so überzeugend und glaubwürdig, als würbe die CSU im Wahlkampfe mit dem Versprechen der Einführung einer sozialistischen Räterepublik um Arbeiterstimmen.

Da ich davon ausgehen muss, dass viele jüngere Leser trotz der in der Schule (von meist der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahestehenden Pädagogen) verabreichten politischen Grundbildung diese Anmerkung nicht unmittelbar verstehen können, habe ich aus meinem Archiv einmal das Wahlprogramm der GRÜNEN zur Wahl des 11. Deutschen Bundestages im Jahre 1987 herausgesucht.

Das folgende, ungekürzte Zitat findet sich auf den Seite 47 und 48, im Abschnitt “Ökologie, Wirtschaft, Soziales”, Kapitel “Schritte zu einer demokratischen und sozialen Wirtschaft”, Punkt 9 “Keine Informatisierung der Gesellschaft”. Die Rechtschreibung entspricht dem damaligen Standard. Wer sich wundert, dass der Text nicht modern “durchgegendert” ist, wundert sich zu Unrecht; die damalige “Mode” war der Querstrich in Wörtern wie “Arbeiter/innen” und zur Vermeidung solcher unschöner Schreibweisen die Tendenz zu möglichst unpersönlichen Ausdrucksweisen, was über weite Strecken zu einem etwas technokratisch anmutenden Duktus der Sprache führt. Einige Anmerkungen, die ich angesichts dieses… sorry… angstpredigenden, ideologischen Sermons nicht vermeiden kann, stehen in eckigen Klammern [wie dieses Beispiel] und spiegeln keineswegs einen neutralen Standpunkt wider:

9. Keine Informatisierung der Gesellschaft

Von Computerisierung und informationstechnischer Vernetzung, die die Herrschenden mit dem Ziel einer “informatisierten Gesellschaft” vorantreiben, sind alle Lebensbereiche betroffen. DIE GRÜNEN stellen fest: Die Informations- und Kommunikationstechniken (kurz: IuK-Techniken) sind auf Rationalisierung und Kontrolle angelegt und sind deshalb schwerlich “alternativ” nutzbar. [Rationalisierung ist nämlich nicht "alternativ", weil sie Ergebnisse mit geringerem Ressourcen- und Arbeitsaufwand erzielt, sondern böse!]

GENTECHNOLOGIE
Weiter- und Neuentwicklung biologischer Techniken (z.B. Hefegärung, Züchtung, Bio-Chemie, Impfstoffgewinnung), die auch auf der direkten Veränderung von Erbmaterial beruht. [Eine durchaus mutige Erweiterung des Begriffes "Informatisierung", die Beachtung verdient -- in der Tat ist die Gentechnik auch eine Informationstechnik, sozusagen die "Programmierung von Lebewesen in Assembler".]

INFORMATIONS UND KOMMUNIKATIONSTECHNIKEN
IuK-Techniken sind Techniken zur Verarbeitung, Übertragung von Daten und Informationen. Hierzu werden die verschiedensten Computer- und Datenerfassungssysteme sowie entsprechende Übertragungsnetze (Fernmeldenetze, hausinterne Übertragungsnetze), also auch die Verkabelung für Kabelfernsehen gerechnet. [sic! Das damalige analoge Kabelfernsehen ist wie ein digitales Netzwerk...]

DIGITALISIERUNG DES FERNSPRECHNETZES
Bisher geschieht die Sprachübertragung beim Telefonieren analog, d.h., die Schallschwingungen der Sprache werden in elektrische Signale verwandelt, über eine Leitung übertragen und am Ende wieder in Schallschwingungen zurückverwandelt. Diese Übertragung soll nun digitalisiert werden, d.h., die Sprachsignale werden in digitale Zeichenketten [sic!] verwandelt, über eine Leitung übertragen und am Ende wieder zurückverwandelt in Sprache. [Ein ideologisch unbelasteter Leser wird hier sicherlich denken: Na und?]

ISDN
Integrated services digital network — digitales dienstintegriertes Fernnetzwerk. Die bisher getrennt vermittelten Fernmeldenetze der DBP¹ für Text- und Datenübertragung (IDN — integriertes Text- und Datennetz) einerseits, sowie Sprachübertragung (Fernsprechnetz) andererseits sollen ab 1988 in einem einzigen Netz, dem ASDN [sic! Tippfehler!], integriert werden. Voraussetzung hierzu ist u.a. die Digitalisierung des Fernsprechnetzes (siehe oben). [Die Links zu Wikipedia sind von mir.]

DIE GRÜNEN verkennen nicht, daß es bereits Zwänge [sic!] zu Computernutzung und technisierte Kommunikation in Arbeit und Privatleben gibt. Allerdings werden allzu oft gefährliche und sozial schädliche Produktion durch Automatisierungstechniken erst möglich, wie uns die Atomtechnologie drastisch vor Augen führt. [sic! Das ist eingestreut, um schnell einen "Bezug" von ISDN-Anschlüssen zum Kernkraftwerk und zur damit verbundenen Angst vor einem schweren Atomunfall und vor den Unwägbarkeiten der Lagerung von Atommüll herzustellen.] Andererseits sind durch kapitalistisch industrielles Wirtschaften ungeheure Altlasten entstanden, die selbst bei einem sofortigen Stopp aller umweltvergiftenden Produktion noch Jahrhunderte lang überwacht und beherrscht werden müssen. [sic! Die Digitalsierung des Telefonnetzes, um die es hier übergeordnet geht, steht aus den Augen dieses Textes im Zusammenhang mit üblen Giftmüllkippen, die ein gewaltiges Problem für kommende Generationen sind.] Wenn neue Techniken hierzu rationell eingesetzt werden können und wenn ihr Einsatz nicht als Alibi für weitere, nun aber “genau meßbare” Umweltzerstörung [Anstelle von genau gemessener Umweltzerstörung setzen die Angstprediger lieber auf gefühlte Bedrohung.] mißbraucht wird, treten DIE GRÜNEN hier punktuell im Sinne der Gefahrenabwehr für den Gebrauch von IuK-Techniken ein.

Uff! Das las sich genau so anstrengend wie jeder andere ideologiegeprägte Text. Aber es hat sich gelohnt. Denn jetzt *fanfar!* kommen die politischen Forderungen der GRÜNEN für das Jahr 1987!

DIE GRÜNEN befürworten eine bedürfnisorientierte Technikentwicklung auch im Kommunikationsbereich. DIE GRÜNEN unterstützen den Widerstand gegen IuK-Techniken und fordern:

– Ausweitung der Mitbestimmungsrechte über Betriebe und Branchen hinweg, um der übergreifenden technischen Vernetzung begegnen zu können. [Häh?!]
– Verbot von Personalinformationssystemen und sonstiger Systeme, die geeignet sind, die Beschäftigten zu verdaten. [Systeme, die zur Verdatung von Menschen geeignet sind, sollen also verboten werden. Das kommt einem Verbot von Computern aller Art gleich.]
– Keine Digitalisierung des Fernsprechnetzes. [sic!]
– Keine Dienste- und Netzintegration im Fernsprechnetz (ISDN). [sic!]
– Keine Glasfaserverkabelung (Breitband-ISDN). [sic!]
– Stopp des Kabel- und Satellitenfernsehens. [sic!]
– Wirksame parlamentarische Kontrolle der Post.

Es ist natürlich nicht so, dass vor lauter “Dagegen!” bei DEN GRÜNEN keine eigenen Ideen entwickelt wurden, aber nein doch:

DIE GRÜNEN sind für Boykottmaßnahmen gegen Erzeugnisse der IuK-Industrie wie Bildschirmtext und sind für die Entwicklung alternativer Technologien und nicht-technologischer Alternativen. [sic! Einmal ganz vom Doppelblähblah "alternative Technogien" und "nichttechnologische Alternativen" abgesehen: Meinen die GRÜNEN hier die gute alte Brieftaube, den dauerlaufenden Eilboten und das mittelalterliche Skriptorium zum Kopieren und Verbreiten von Informationen?!] DIE GRÜNEN wollen eine breite öffentliche Debatte über diese Techniken [und zwar nach Möglichkeit mit uninformierten Menschen, die von DEN GRÜNEN mit Ideologie und Angst zugestopft werden], damit nicht wieder einmal die Interessen weniger Mächtiger über die Zukunft entscheiden. Diese öffentliche Auseinandersetzung wird notwendig konfliktorientiert [Gibt es Auseinandersetzungen, denen nicht ein Konflikt zugrunde liegt?] verlaufen müssen.

Nachbemerkung (Warnung: polemikhaltig)

Natürlich muss dieses Dokument in seinem historischen Kontext gelesen werden. Darin steht vieles, was heutige aktive Mitglieder, Mitmösen und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen als übertrieben und naiv bezeichnen würden. Die Partei DIE GRÜNEN war damals gerade erst sieben Jahre alt und formierte sich aus einem recht bunten Sammelsurium von Bürgerbewegungen, Feminist_innen, Umweltbewegten, Kernkraftgegnern, Esoterikern und postsozialistischen “Linken”, und sie bekam gerade einen großen Zustrom junger, besoldeter Pädagogen aus dem staatlichen Schulsystem, die für ihre Tätigkeit in einer politischen Partei teilweise bezahlt freigestellt wurden und die als Privilegierte offensiv für einen “realpolitischen” Stil eintraten. Die Zerstrittenheit und die Flügelkämpfe innerhalb DER GRÜNEN waren geradezu sprichwörtlich und haben zu so manchem derben Witz Anlass gegeben.

Es war für die Partei also keineswegs einfach, sich auf einen programmatischen Text zu einigen, zumal die damals noch gepflegte Diskussionskultur danach strebte, jeder und jedem eine Stimme zu verschaffen. Das Ergebnis dieser Bemühung macht einen diesen Umständen entsprechenden Eindruck. Wer die Zustände in der heutigen Piratenpartei betrachtet und wie ich etwas älter ist, bekommt immer wieder sein heiteres déjà vu und weiß, dass das Scheitern des Aufbruchs unabwendbar ist.

Es ist also mehr als nur ein bisschen unfair, diesen 25 Jahre alten Text mit heutigen programmatischen Forderungen der heutigen Partei Bündnis 90/Die Grünen zu vergleichen, zumal mit dem Zustrom aus den Bürgerbewegungen der ehemaligen DDR eine deutlich bourgeoisere Ausrichtung der Partei einherging, bis dahin, dass aus der ehemaligen Alternativpartei eine heutige “Volkspartei” mit Wahlergebnissen im Bereich der SPD geworden ist.

Es ist auch ein bisschen unfair, eine solche Betrachtung als Vergleich zum aktuellen Programm zu wagen. Im Jahr 1987 gab es zwar schon ein Internet, aber die meisten Menschen außerhalb einer Universität wussten noch nichts davon. Und in den Universitäten bestand das Internet im Wesentlichen aus dem Usenet und FTP-Servern, die mit textbasierter Clientsoftware betrieben wurden — und wer nach einem Download suchte, durchwühlte die Verzeichnishierachien großer Server, denn Archie war noch nicht erfunden. Gopher und das WWW, das für viele Menschen heute so wichtig ist, dass es geradezu synonym mit dem Internet geworden ist, gab es ebenfalls noch nicht. Persönlich kommuniziert wurde im Internet über E-Mail. Für “normale” Menschen gab es kein Internet, sondern das kommerzielle Bildschirmtext-Angebot der Deutschen Bundespost, das erhebliche Kosten für Einrichtung, Anschluss und Nutzung verursachte. Die paar Bastler, Hacker und Enthusiasten, die Mailboxen zur Verfügung stellten oder mit Datenklo und Terminalprogramm DFÜ betrieben, waren eine unbeachtete Minderheit mit einem für Nachbar Spießer unverständlichen technischen Hobby, die in einer bemerkenswert offenen Subkultur unter sich blieben.

Ja, zugegeben, es ist unfair.

Es ist aber nicht vollkommen unfair.

Allein schon deshalb nicht, weil Bündnis 90/Die Grünen so gern ihre “alternative” Vergangenheit plakativ für politische Reklame hervorkramen, um von ihrer heutigen Mitwirkung an der “alternativlosen Koalition der totalitären Mitte”, wie ich das so gern nenne, abzulenken. Dass von den “alternativen” Ideen der damaligen Zeit nichts geblieben ist, soll in dieser aufgeführten Parteifolklore vergessen gemacht werden — den Rest der Hirnbeize erledigen dann Plakate mit kindischen Sprüchen im Graffito-Layout, die vor unverblendeteren Augen klar dokumentieren, dass die “Alternativität” zum bloßen Image zerfallen ist, das von Marketingfirmen mit der gleichen psychologischen Perfidie für die psychische, also verstandesumgehende, Manipulation eingesetzt wird, in der die gleichen professionellen Lügenfirmen auch für ein Hundefutter oder ein Toilettenpapier werben. Eine Freude für Satiriker, mehr nicht.

Aber ist nicht nur deshalb gar nicht so unfair.

Es gibt nämlich eine “grüne” Kontinuität, die sich durch diese ganzen Jahre zieht. Und diese besteht in einer umfassenden Angst vor den Folgen einer meist unverstandenen Technik, die sich notdürftig in ideologische Formulierungen kleidet, um in dieser Larve politisch zu klingen.

Bündnis 90/Die Grünen sind eine Angstpartei. Sie wenden sich in ihrer Agitation an Menschen, die Angst haben — Angst vor den Folgen der Kernenergie, vor den Folgen des technischen Fortschritts, vor den Folgen der Gentechnik, vor den Folgen der an sich sehr segensreichen Entwicklung, dass Menschen die Last der Arbeit an Maschinen delegieren; Angst vor Gift im Essen, vor “Elektrosmog”, vor Chemie, ja, Angst vor der menschlichen Kultur an sich. Und. Angst vor jeder Technik, die sie in ihrem Halbwissen nicht verstehen.

Angst macht dumm. Angst ist niemals ein guter Ratgeber für irgendeine Gestaltung, denn der von Angst ausgelöste Impuls ist Lähmung und Flucht. Wähler von Bündnis 90/Die Grünen sind Angstwähler. Die Partei, die sie wählen oder in der sie gar Mitglied sind, ist nicht konservativ, sie ist offen rückwärtsgewandt und würde es (im Prinzip) sogar begrüßen, wenn große Teile der menschlichen Zivilisation in einem vorindustriell-magischen Zustand zurückgeworfen werden, scheißegal, wer dabei alles auf der Strecke bleibt, stirbt und verhungert. Große Teile des Morgenthau-Planes würden bei einer Mehrheit von Anhängern von Bündnis 90/Die Grünen offene Zustimmung finden, wenn nur an einigen entscheidenen Stellen Streuwörter wie “ökologisch”, “nachhaltig” und “natürlich” eingefügt würden, nebst einigen Zierzitaten Rudolf Steiners oder anderer Fürredner allumfassender, klebrigsüßer Irrationalität. Auf Entwicklungen soll nicht reagiert werden, indem diese poltisch ausgestaltet werden, sondern indem sie unterbunden oder gar zurückgeschraubt werden.

Die “Grünen” sind — zumindest in ihrem ideologischen Überbau — das genaue Gegenteil einer Fortschrittspartei. Sie sind eine Rückschrittspartei. Und das schon seit Jahrzehnten.

Das ist ihre Kontinuität. Nicht nur im Bundestagswahlprogramm aus dem Jahr 1987.

Und diese Partei mit dieser Kontinuität erzählt — wohlgemerkt! Im stets verlogenen Wahlkampf und nach den Erfolgen einer anderen Partei mit diesem Kernthema — den Wahlberechtigten in der BRD etwas von der Bewahrung des freien Internet für die Menschen in Deutschland? Diese Lügner? Diese Leute, die Polizisten im Netz wegen ihrer befriedenden und disziplinierenden Wirkung haben wollen? Diese Leute, die auch Internet gucken und dafür gern den Preis eines Vollkornbrötchens als Zwangsgebühr zahlen? Ach!

Wie schon gesagt, da könnte mir die CSU auch etwas von den Vorzügen einer sozialistischen Räterepublik erzählen.

Es wäre für mich genau so glaubwürdig.

Und ganz genau so lächerlich.

Fußnoten

¹DBP = Deutsche Bundespost. Die Deutsche Telekom war davon noch nicht abgespaltet, und das Telefonnetz wurde von der Deutschen Bundespost betrieben.


Der CDU-Internet-Wahlkampf ist eröffnet

Zitat Heise Online: CDU setzt im Online-Wahlkampf auf Bilder, Videos und Netzwerke:

[...] Das Internet habe verglichen mit vergangenen Bundestagswahlen an Bedeutung gewonnen, sagte CDU-Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler am Donnerstagabend zur Vorstellung der überarbeiteten Website. “Da hat sich eben was verändert, das ist ganz klar. Das Thema Online hat eine größere Bedeutung gewonnen.” Auf der Seite finden sich prominent Multimedia-Inhalte wie Videos. Nutzer können Verbindungen zu Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook aktivieren und Inhalte dort selbst weiterverbreiten.

Kommentar

Ah ja, kurz nach der Erdrosselung des von jeden Menschen mitgestaltbaren Raumes des Internet setzt die CDU für ihren Webwahlkampf auf das “Thema Online” und hat dafür eigens eine neue Website gestalten lassen. Eine mit ganz viel Video.

Das ist doch eine gute Gelegenheit, mal die Kompetenz dieser Kompetenz-Simulatoren abzuklopfen und das HTML dieser neuen Website vom W3C-Validator auf Fehler überprüfen zu lassen.

Oh, was ist denn das:

Sorry! This document cannot be checked. I got the following unexpected response when trying to retrieve www.cdu.de: 500 Status read failed: Connection reset by peer

Na, sowas aber auch! Mit einem Browser kann man die Site aufrufen, aber wenn der W3C über seinen Validator die gleichen Inhalte anfordert, wird die Verbindung durch Webserver getrennt. Da versteht aber jemand, wie man die Direktive Deny from richtig einsetzt!

Fragt sich nur, warum das jemand tun sollte?

Ich habe mir den HTML-Quelltext mal mit Strg+U direkt angeschaut und direkt über die Zwischenablage in das Eingabefeld unter Validate by Direct Input eingetragen.

Und das Ergebnis dieses Minimalhacks auf dem Niveau eines siebenjährigen Netzkindes zeigt mir, warum das Ergebnis einer Überprüfung wohl von den Spezialexperten bei der CDU als nicht so werbewirksam empfunden wird:

Errors found while checking this document. Result: 107 Errors, 102 Warnings

Oops! :shock:

Damit ist wohl klar geworden, warum der Webserver so konfiguriert ist, dass er den wichtigsten Validierungsdienst des Web nicht durchlässt. Die syntaktischen Fehler gehen bis hin zu LINK-Elementen im BODY des Dokumentes (für Laien: das ist so, als ob man in einem geschriebenen Satz die Wörter durchmischte und den Leser vor die Aufgabe der Interpretation stellt) und der Verwendung nicht spezifizierter Elemente (für Laien: Das ist so, als ob man sich Wörter in einem geschriebenen Satz einfach selbst ausdächte). Als ob solche syntaktischen Fehler nicht schlimm genug wären, wurden IDs von Elementen mehrfach vergeben (für Laien: Das ist so, als ob man mehreren Leuten die gleiche Nummer in den Personalausweis schriebe oder das gleiche Kfz-Kennzeichen mehrfach vergäbe, so dass eine eindeutige Identifikation anhand des Merkmals nicht mehr möglich ist). Da Ansprechen solcher Elemente mit JavaScript getElementById() oder das Formatieren solcher Elemente mit CSS ist eine Art Glücksspiel, dessen Ergebnis davon abhängt, wie die Browser mit dem Fehler umgehen.

Alles in allem erweckt die Lügensite der CDU zum Wahlkampf den Eindruck, von einem Menschen ohne technische Fachkenntnisse zusammengestrokelt worden zu sein, hauptsache, das Ergebnis sieht irgendwie ansprechend aus. Und hauptsache natürlich, es gibt viel Video…

Ja, CDU, jetzt verstehe ich, wie das bei euch ankommt, wenn das Thema Online eine größere Bedeutung gewonnen hat. :D


CDU/CSU argumentieren für De-Mail

Die CDU/CSU-Fraktion argumentiert, dass [sic!] De-Mail-Verfahren habe “ein deutlich höheres Sicherheitsniveau als Kommunikationsformen wie herkömmliche E-Mail und Telefax”.

Spiegel Online — Trotz Experten-Kritik: Bundestag erklärt De-Mail per Gesetz für sicher

Immerhin haben die extrakompetenten Sonderspezialisten in Sachen Sicherheit aus den Unionsfraktionen, deren Namen der Spiegel trotz gekennzeichneten Zitates unter dem Schleier des peinlich berührten Schweigens hält, De-Mail nicht mit Rauchzeichen, sondern “nur” mit Telefax verglichen.


Der pawlowsche Hund hat den Knall gehört…

…und reagiert darauf mit dem erwartungsgemäßen Speichelfluss:

Explosionen in Boston: CSU ruft erneut nach Vorratsdatenspeicherung

Nach den mutmaßlichen Terroranschlägen in Boston dringt die CSU erneut auf die Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Der Innenexperte der Partei, Uhl, sagte im Deutschlandfunk, die Speicherung von Kommunikationsdaten sei ein wichtiger Baustein, um Anschläge zu verhindern. Anders könne der Staat seine Bürger nicht schützen

Hans-Peter Uhl (CSU), indirekt zitiert nach dradio.de

Anstelle eines Kommentares gibt es einen Link auf Fefes Blog, der vom Alarmknopf wärmstens empfohlen wird.

Nachtrag

Wenn es um Angriffe auf den Datenschutz geht, trampeln Deutschlands Volksvertreter notfalls über Leichen

Indiskretion Ehrensache — Die Widerwärtigkeit des Hans-Peter Uhl


Bundestag will Nutzung datenschutztechnisch solider Standardsoftware im Internet unmöglich machen

Nur ein Kommentar, kein Zitat, weil das Zitat zu lang würde

Wie Heise Online berichtet (bitte dort weiterlesen), hat sich die Regierungskoalition aus CDU, CSU und FDP auf eine “Neuregelung der Bestandsdatenauskunft” geeinigt, und diese Einigung findet die Unterstützung der SPD, damit auch niemand glaube, es gäbe in Sachen vollständige Bürgerentrechtung und Kriminalisierung des gesamten Internet eine Opposition in der BRD.

Zweck dieser Gesetzgebung ist ein Regelung der Auskunftspflicht von Internet- und Telefoniedienstleistern über die Nutzung ihrer Dienste durch registrierte Anwender gegenüber den Strafverfolgern, also den Staatsanwaltschaften und den Gehilfen der Staatsanwaltschaften, den Polizeien.

Diese Auskunftspflicht gilt nicht nur für Registrierungs- und Nutzungsdaten, sondern auf richterlichen Beschluss auch für Passwörter. Immerhin soll dabei nach Auffassung von CDU, CSU, FDP und SPD keine Willkür möglich sein, da es für eine Auskunft doch mindestens zu einer Ordnungswidrigkeit gekommen sein muss, also zu so etwas wie Falschparken oder Radfahren auf einem Fußweg. Mit diesem Rechtsrahmen würden bewährte, verantwortungsvolle und allgemein übliche Methoden des Datenschutzes bei der Speicherung von Passwörtern in der Bundesrepublik Deutschland praktisch illegal, da sie die vom Gesetzgeber geforderte Auskunftspflicht unterliefen.

Was heißt das?

Es heißt zum Beispiel, dass für ein Webangebot in der Bundesrepublik Deutschland keine Standardsoftware mehr verwendet werden kann. Wer ein Webforum aufmachen möchte (und damit Dienstleister wird), wer ein Blog betreiben möchte (und damit Dienstleister wird) oder wer einen einfachen kleinen Webshop betreiben möchte (und damit Dienstleister wird), kann bewährte Software zu diesem Zweck nicht verwenden, weil ihre Programmierer selbstverständlich so viel Verantwortungsgefühl für den Datenschutz hatten, dass die Software keine Passwörter im Klartext speichert.

Diese Regelung ist also ein weiterer Hebel, um den Betrieb von privaten und kleingewerblichen Websites in der Bundesrepublik Deutschland zu erschweren oder gar mit beliebigen Sanktionen belegbar und damit praktisch unmöglich zu machen, wenn der gerade zum Gesetz werdenden Auskunftspflicht nicht Genüge getan werden kann, weil die verwendete Software guten, bewährten Grundsätzen des Datenschutzes folgt.

Es ist nicht absehbar, welche Folgen die Kriminalisierung des Datenschutzes durch den Deutschen Bundestag haben wird. Obwohl das allein schlimm genug wäre, handelt es sich nicht nur um einen Verlust von Datensicherheit für jeden Menschen, der in der Bundesrepublik Deutschland Internetdienste nutzt, denen gegenüber er sich durch ein Passwort authentifziert. Es handelt sich auch um den Verlust der Möglichkeit, einfach eine Website mit dafür geeigneter, bewährter und in jedem anderen Staat der Welt (einschließlich der VR China) problemlos verwendbarer Standardsoftware aufzusetzen und zu betreiben. Tatsächlich ist diese Gesetzgebung ein verstecker und — wenn dies vorstätzlich geschieht — ausgesprochen kryptischer und hinterhältiger Angriff auf das “Amateur-Web”, in dem sich die bunte Vielfalt des Lebens einfacher Menschen nichtkommerziellen Ausdruck verschaffen kann UND auf die kleingewerblichen Nutzungs- und Geschäftsmöglichkeiten des Internet. Die ganz besondere Hinterhältigkeit dieses Angriffs auf das Internet liegt darin, dass die meisten Menschen kein technisches Wissen darüber haben, mit welchen kryptografischen Methoden Passwörter so gespeichert werden, dass diese auch bei einem erfolgreichen Angriff nicht gegenüber dem Angreifer offengelegt werden, so dass während des Gesetzgebungsverfahrens kein breiterer Widerstand gegen diese Entrechtung zu erwarten ist. Wenn der entrechtende Unsinn dann erst einmal zu Rechtskraft gelangt ist, ist es zu spät und man kann nur noch auf eine schnelle Beendigung des Spuks durch das Bundesverfassungsgericht hoffen.

Dieser Angriff steht in einer gesetzgeberischen Kontinuität in der Bundesrepublik Deutschland, die eine Absicht und einen Vorsatz wahrscheinlich erscheinen lassen. Dem bestehenden Minenfeld juristischer Unwägbarkeiten, auf das sich Bewohner der Bundesrepublik Deutschland noch mit dem Betrieb der harmlosesten Website begeben — Unwägbarkeiten, die bis zur Gefährdung der eigenen wirtschaftlichen Existenz gehen — soll neben dem so genannten “Leistungsschutzrecht für Presseverleger”, dem bestehenden Wahnsinn des Abmahnunwesens und dem unüberschaubaren Schutz diverser Immaterialgüterrechte ein weiterer versteckter Sprengsatz hinzugefügt werden. Dass dies auf Kosten des Datenschutzes geht, wird dabei billigend in Kauf genommen.

alarmknopf-180Selten nur passt das Logo des Alarmknopfes, ein “Internet-Ausschalter”, so gut zu einer gesetzgeberischen Absicht wie in diesem Fall. Hier geht es um einen Versuch, Websites über einen bequemen Hebel ausschalten zu können — und die angeblich wachsenden polizeilichen Möglichkeiten durch eine Passwortauskunft sind nur ein billiger, fadenscheiniger Vorwand, um dieses klandestine Ziel zu erreichen. Schon jetzt können ganzen Datenbestände von Websites auf richterliche Anordnung beschlagnahmt werden, um für forensische Zwecke an Kommunikationsdaten einer kriminellen Nutzung von Internetdiensten zu gelangen, und dies geschieht in der Praxis auch. Welchen Vorzug für die Ermittlungen soll dabei eine Pflicht zur Offenlegung eines Passwortes haben? Es gibt keinen mir unmittelbar einleuchtenden Anwendungsfall, außer es geht um die Fälschung von Beweismaterial durch übereifrige Polizeibeamte.

Innenpolitiker neigen ja dazu, ihre Beglückungsideen mit den Worten “Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein” zu begleiten. Was sie allerdings zu meinen scheinen, ist etwas völlig anderes: “Die Bundesrepublik Deutschland muss ein internetfreier Raum werden”.

Grüße vom Alarmknopf auch an die SPD, die so etwas im Vorfeld einer Wahl mitträgt. Dies ist ein wirksames Mittel gegen die Illusion, dass ein Austausch der Regierungspartei zu einer anderen Politik führen würde. In diesem Sinne: GASMOP! PLONK


Dieser Beitrag ist absichtlich leer

Das so genannte “Leistungsschutzrecht” ist eine Enteignung der Menschen, die das Internet gestalten. Das einzige, was unter der gewollten Rechtsunsicherheit dieses “Rechts” für die kommenden Jahre im Rechtsraum der BRD noch möglich sein wird, sind Katzenfotos, diese Gartenzwerge des Internet.


Proxyserver? Verbieten!

Strafverfolgung müsse im Falle kriminellen Handelns möglich sein. “Wir fordern daher die Untersagung einer vollständigen Verschleierung der eigenen Identität mit Hilfe von technischen Manipulationen”, erklärte Hauk. Einen Klarnamenzwang im Internet lehne die Partei jedoch ab.

Peter Hauk, CDU Baden-Württemberg, Vorsitzender der Landtagsfraktion und netzpolitischer Sprecher [!] der Fraktion, indirekt zitiert über Golem

Genervter Kurzkommentar

Gratuliere, Herr Hauk! Sie haben mal eben die Idee, die Verwendung von Proxyservern zu kriminalisieren. Es geht ihnen ja um IP-Adressen, wenns ihnen nicht um Klarnamen geht. Dass die Datenpakete keinen elektronischen Personalausweis tragen, ist also in ihr “netzpolitisches” Bewusstsein getröpfelt. Und warum wollen sie das? Ach ja, weil sie in ihren polizeistaatlichen Beglückungsideen keinen Platz mehr für das “gefühlte Menschenrecht” auf anonyme Nutzung des Internet lassen möchten. Und nein, es geht ihnen nicht nur um Tor und eher klassische Proxies (und natürlich um VPNs), sondern um jedes Hilfsmittel zur “Verschleierung” (warum nicht gleich “Internet-Burkas”) der eigenen Identität. Ein Link auf eine Liste von Glype-Proxies ist also ein Link zu “Hilfsmitteln”, die ihrer Meinung nach kriminalisiert werden solen. Am besten gleich den Link mitkriminalisieren!

Ganz großes Kino. Während ein gewöhnlicher Internetnutzer ohne illegale Absichten keine legale Möglichkeit mehr haben soll, sein bisschen Recht auf Anonymität wahrzunehmen — was ja angesichts der ausgeweiteten wirtschaftlichen und kriminellen Datensammeleien auch eine Maßnahme zum informationellen Selbstschutz ist — werden die richtigen Verbrecher weiterhin ihre Botnetze aus kriminell übernommenen Privatrechnern zur Verfügung haben. Das schafft doch die “klaren Regeln im Netz”, von denen sie ebenfalls faseln: Verbrecherschutz und gleichzeitige juristische Gängelung legitimer Netznutzung. Nehmen sie ihren Platz im Aquarium der Blindfische ein und machen sie dort ihre fröhlichen Blubberbläschen! Platsch!

Siehe auch Fefes Blog


Mailadresse? 40 Euro monatlich!

Auf der einen Seite hat der Verbraucher den Wunsch nach kostenlosen Diensten, zugeschnittenem Service und innovativem Internet und auf der anderen Seite auch den Wunsch nach einem hohen Datenschutz. Sie schreiben mir Ihre Email wahrscheinlich auch von einem Emaildienst, der Ihnen kostenlos zur Verfügung steht?

Sehr strenge Regelungen für die Werbewirtschaft, die die Einwilligung des Verbrauchers benötigen, können z.B. zu kostenpflichtigen Emailkonten führen. Denn auch wenn es bisher nicht so wahrgenommen wird: Der Verbraucher “zahlt” kostenfreie Dienste mit der Möglichkeit der Anbieter zur Nutzung seiner Daten. Der Mehrwert werbefinanzierter Dienste wird auf ca. 40,- EUR pro Nutzer und Monat geschätzt. Ob im Gegenzug Nutzer bereit wären, 40,- EUR pro Monat für Online-Dienste zu bezahlen, erscheint mir sehr fraglich. Deshalb sollte man im Interesse des Nutzers einen noch ausgewogeneren Ansatz finden.

Axel Voss, CDU, Abgeordneter im Europäischen Parlament, Mitglied im Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres

Kommentar

Woher der Herr Axel Voss seine absonderlichen Preisvorstellungen für eine nicht werbefinanzierte Mailadresse hat, die ihren Nutzer jeden Monat vierzig Euro kosten soll, ist etwas rätselhaft. Es ist durchaus möglich, einen leistungsfähigen virtuellen Server für einen geringeren monatlichen Preis zu mieten. Wenn es aber einfach nur um eine Mailadresse geht, ist man etwa bei HostEurope [von mir willkürlich ausgewählt] mit einer einmaligen Einrichtungsgebühr von rund 10 Euro und monatlichen Kosten für die verwendete Domain unter einem Euro dabei und hat eine vollwertige, eigene Mailadresse, die nicht den unbegrenzten Datensammelbegehrlichkeiten der Reklameindustrie dient und die selbstverständlich über IMAP, POP3 und SMTP verwendet werden kann, so dass sie mit jedem E-Mail-Programm nutzbar ist. Vermutlich gibt es bei anderen Hosting-Anbietern noch preiswertere Angebote.

Der erschröckliche Betrag, den der Herr Voss da nennt, soll — wenn es sich nicht um blanke Unkenntnis und Inkompetenz handelt, sondern “nur” um die gewöhnliche politische Lüge — erschrecken und verängstigen, auf dass niemand mehr allzu große Bedenken hat, dass die Reklameindustrie riesige Datensammlungen aus der persönlichen Kommunikation von Menschen anlegt. Wie sehr jemand, der entweder vollkommen unwissend ist oder derart offen lobbygesteuert seine Wähler anlügt, dafür geeignet ist, den gesetzlichen Rahmen des Datenschutzes festzulegen, möge bitte jeder selbst entscheiden.


Nur neun Megabyte? — Spendet Festplatten für das BMI!

Im Pressereferat des BMI stand den Referenten bis Dezember 2012 ein nur auf 9 MB beschränktes Postfach zur Verfügung. Dadurch bedingt musste immer wieder das Postfach leer ‘geräumt’ werden, d.h. Mails gelöscht werden. Insofern ist es in der Pressestelle ‘üblich’ die Postfächer regelmäßig zu leeren. Die Mails werden individuell je nach Arbeitsplatzkapazität des jeweiligen Computerarbeitsplatzes gelöscht.

Dr. Hans-Peter Friedrich, Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, zitiert nach Heise Online

Satirischer Kommentar und Spendenaufruf

Liebe Bundesbürger, liebe Bundesbürgerinnen,

wenn wir dem Herrn Innenminister glauben dürfen, gibt es ein erhebliches Problem im Bundesinnenministerium. Und wer würde einem ehrenwerten Mann, der nicht nur Innenminister, sondern sogar Doktor ist, nicht seinen uneingeschränkten Glauben schenken?!

Offenbar sind angesichts der laufenden Sparmaßnahmen zur Konsolidisierung des Bundeshaushaltes die wenigen tausend Euro für einen angemessenen Satz Festplatten zur Archivierung des Mailverkehrs des Ministeriums nicht mehr übrig, und die vorhandenen Festplatten sind dermaßen übervoll von irgendwelchen “Dateien” zur Speicherung von Rechtsextremen, Islamisten und Leuten, die in einer Einbahnstraße Zigaretten anzünden, dass einzelnen Mitarbeitern nur noch neun Megabyte in ihrem Postfach zur Verfügung stehen. E-Mails, die Vorgänge in der Bundesregierung aufschlüsseln und nachvollziehbar machen, müssen wegen dieser drangvollen Enge gelöscht werden.

Dies ist bedauerlich. Gegenwärtige politische Vorgänge im Bundesinnenministerium gehen verloren, der Bundestag verliert seine Kontrollmöglichkeit und späteren Historikern gehen wertvolle Primärquellen zur Beurteilung der heutigen Regierung unwiederbringlich verloren.

Dieser Zustand muss beendet werden! Das ist alternativlos!

Und sie haben es in der Hand, diesen Zustand zu beenden, lieber Bundesbürger und liebe Bundesbürgerin!

Wenn sie noch eine alte, für sie nicht mehr brauchbare, aber dennoch funktionierende Festplatte herumliegen haben, spenden sie diese Festplatte dem Bundesinnenministerium! Es kostet sie nichts weiter als eine Verpackung, in der die Festplatte sicher transportiert werden kann, und natürlich das Porto.

Senden sie diese Festplatte an das

Bundesministerium des Inneren
Alt-Moabit 101D
10559 Berlin

und weisen sie in einem Begleitschreiben darauf hin, warum sie das tun und dass sie eine dauerhafte Archivierung des Schriftverkehrs der Bundesregierung für so wichtig halten, dass sie in diesen schweren Zeiten voller Sparprogramme sogar zu einer Spende, zu einem persönlichen Opfer, bereit sind.

Angesichts der Fülle und Bedeutung des Schriftverkehrs können es gar nicht genug Festplatten werden.

Und angesichts der offensichtlichen finanziellen Enge für IT-Anschaffungen des Bundesministeriums des Innern ist kein Beitrag so klein, dass er unwichtig wäre.

Seien sie ein guter Bürger der BRD und unterstützen sie ihren Bundesinnenminister!

Schauen sie auch im Keller nach, ob sie noch Festplatten finden!

Jedes Byte wird gebraucht! Jedes Byte ist wichtig! Das Bundesinnenministerium darf kein speicherplatzfreier Raum sein!

Wenn wir das alle wollen, schaffen wir das: Zehntausend funktionierende Festplatten für Dr. Hans-Peter Friedrich!

Mit staatsbürgerlichem Gruß
Der Alarmknopf

Nachtrag 21:00Ein nur auf dem ersten Blick sehr ähnlicher Aufruf befindet sich im Forum von Heise Online, und in der Tat: Die gesamte CDU/CSU-Fraktion bedarf dringend der Datenspeicher, und zwar jedes einzelnen Bytes.

Nachtrag 20. Februar, 16:20 Uhr — Das war alles nur… ähm… eine Verwechslung technischer Begrifflichkeiten. Und einen objektiven Grund für die Löschung einer Mail mit der Weitergabe interner Informationen an das springersche Blutblatt “Bildzeitung” hat es gar nicht gegeben. Aber das ist nach den Nebelgranaten… sorry… Verwechslungen technischer Begrifflichkeiten durch den Herrn Innenminister Dr. Friedrich fast in Vergessenheit geraten.


@spdlindenlimmer

Screenshot des Twitter-Kanales der SPD Linden-Limmer mit exakt einem Tweet vom 7. Dezember 2009: Ab heute twittert die SPD Linden-Limmer

Ach so geht das mit der politischen Kommunikation und social media. [Bild vergrößern]

Na, dann einfach so weitermachen! Der Erfolg wird nicht auf sich warten lassen!

Screenshot vom 8. Februar 2013, erster und letzter Tweet der SPD Linden-Limmer vom 7. Dezember 2009…


Der Spamterror aus dem Internet

[...] möchte ich Sie bitten, die Seite

www.spd-fraktion-hamburg.de

anzuwählen und mich dann dort anzuklicken. Ich möchte meine E-Mail-Adresse jetzt hier nicht in diesen Text direkt hinein schreiben, da es Programme gibt, die das Internet nach E-Mail-Adressen abscannen und einen dann mit Spam und Junk-Mails terrorisieren.

Daniel Gritz, SPD, Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft

Kommentar

Schön, dass Herr Gritz sich so viel Kompetenz erworben hat, dass er versteht, in welcher Weise die Harvester der Spammer das Adressmaterial besorgen und deshalb nicht im Internet seine Mailadresse angeben mag.

Das würde beinahe intelligent und kompetent wirken, wenn er nicht direkt in diesem Zusammenhang die Website seiner Bürgerschaftsfraktion angegeben hätte…

Detail aus der Vorstellung von Daniel Gritz auf der Website der SPD-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg

…auf der man “ihn” dann anklicken kann und auf seiner dort vorhandenen Seite einen vollkommen offenen mailto:-Link mit seiner Mailadresse bewundern kann, den dort jeder Harvester ohne das geringste Problem abgreifen könnte. Nicht einmal die einfachsten Absicherungen gegen ein solches Abgreifen wurden vorgenommen (zum Beispiel das Zusammensetzen der Mailadresse in JavaScript).

Aber vermutlich betrachtet Herr Gritz die Website seiner Bürgerschaftsfraktion nicht als Bestandteil des Internet, sondern als irgendetwas völlig anderes. Vielleicht als eine Parallelwelt, die mit der leidigen Wirklichkeit nichts zu tun hat… :D


Wir zwitschern jetzt auch!

Screenshot des Twitter-Kanales der NPD Niedersachsen mit dem einzigen Tweet vom 8. Februar 2011: Wir zwitschern jetzt auch!

Nun, Kameraden und Volksgenossen aus der NPD Niedersachsen, euer eher etwas unbeachtliches Wahlergebnis bei der niedersächsischen Landtagswahl hatte gewiss nicht seinen Grund darin, dass ihr die zeitgemäßen Mitteilungskanäle im Weltnetz nicht nutzen würdet — sogar in diesem bei vielen Netznutzern sehr beliebten Stummeltextdienst einer Unternehmung aus den VSA habt ihr eigens einen Kanal eröffnet und wahrlich alles darauf gegeben. An welcher Unbill des Schicksals diese wohldurchdachte Strategie schließlich doch gescheitert ist, kann euch allerdings auch der Alarmknopf nicht sagen.

[Dieses wunderschöne Beispiel "politischer" Twitternutzung kam via @fluxusx in den Alarmknopf]


Bitte NICHT sharen!

Angela Merkel hatte recht. Manchmal scheint diese Partei, aber vor allem ihre Führung, eine von Gott geschickte Prüfung zu sein, dummerweise vor allem für uns selbst. Ich hätte heute bis jetzt acht Journalisten vom ARD-Morgenmagazin bis zur Welt Statements zur Partei abgeben können und habe es nicht gemacht. Es wäre verdammt cool gewesen, wenn jeder der heute was gesagt hat, das lieber auch so gehandhabt hätte. Der Wahlkampf in Niedersachsen läuft super. Und Ulf Poschadt hat recht, wenn er sagt, dass Oli, Björn, Lotte, Konstantin, Thomas und all die anderen Wahlkämpfer in Niedersachsen so etwas nicht verdient haben. Lasst uns - verdammt nochmal - bitte einfach erstmal wahlkämpfen. Und über alles Weitere können wir ab Sonntag reden. (Disclaimer: Diese Nchricht ist nur für JuLis und FDP sichtbar geschaltet und NICHT für Medienvertreter, deshalb bitte NICHT sharen).

Lasse Becker, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP und Vorsitzender der FDP-Jugendorganisation Junge Liberale, hat ganz genau verstanden, wie das mit diesem Facebook funktioniert und — wie man am Beispiel dieses Screenshots deutlich erkennen kann — deshalb alle ihm vorstellbaren Vorkehrungen dafür getroffen, dass interne Kommunikation über diese recht öffentliche Plattform auch wirklich rein intern bleibt. Er hat damit belegt, inwieweit er dazu befähigt ist, die jüngeren Entwicklungen in der Nutzung des Internet zu beurteilen und politisch mitzugestalten. Wieso in dieser ehemaligen Fortschrittspartei niemand dazu imstande zu sein scheint, eine geschlossene Mailingliste oder andere nicht-öffentliche Kommunikationsmöglichkeiten für die interne Diskussion zum laufenden Wahlkampf einzurichten, gehört zu den Fragen, die der Alarmknopf auch nicht beantworten kann. Er kann aber vermuten, dass es dafür schlicht an einem bisschen Kenntnis und Fähigkeit fehlt und der FDP nahelegen, sich von einem aufgeweckten Dwölfjährigen mal zeigen zu lassen, wie man auf einem bestehenden Server der FDP Majordomo aufsetzt oder dort ein nicht-öffentliches Webforum installiert.

Ach, aufgeweckte Dwölfjährige machen einen Bogen um diese Partei? Na gut, dann eben weiterhin peinlich…

Quelle des Bildschirmfotos: @RAlexanderWelt


Das Internet ist so unpersönlich, nehmen wir doch lieber E-Mail zum Kommunizieren

Sollten Sie nähere Informationen zu mir und meinen politischen Themen wünschen, wenden Sie sich bitte an unten stehende Emailadresse oder Telefonnummer. Mir liegt an der persönlichen Ansprache mehr als an einer Kommunikation im Internet über Dritte.

Sabine Dittmar, SPD, Abgeordnete des Bayerischen Landtages, Vorstandsmitglied der bayerischen SPD

Ich verstehe, Frau Dittmar, wenn die Kommunikation über Dritte im Internet geht, ist das nicht so toll für sie — vor allem, wenn diese Kommunikation auf abgeordnetenwatch.de langfristig archiviert wird und so für jeden Wahlberechtigten aufzeigt, ob ihre politischen Standpunkte von einer gewissen Kontinuität und nachvollziehbaren Entwicklung im Sinne der Interessen des von ihnen vertretenen Volkes geprägt sind, oder ob sie zu jenem Teil der classe politique gehören, der sich nicht um sein Geschwätz von gestern bekümmert. Da haben sie es lieber “direkt” über ihren E-Mail-Provider an der FOURTYSIX Rechenzentrum GmbH und nicht über dieses Internet, das in ihrem von jeglichem Verständnis unbeleckten Köpfchen offenbar nur das World Wide Web ist, so dass ihnen gar nicht bewusst werden kann, dass Internet-E-Mail sogar ein älterer Internet-Dienst ist als das WWW. Stattdessen reden sie wie jemand, der denkt, dass die Internet-E-Mail nicht über das Internet läuft, was eine beachtliche Leistung der Unwissenheit ist. Sie wollen zwar in Wirklichkeit schön nebulös und verklausuliert sagen, dass sie ihre politische Kommunikation lieber nicht so öffentlich und nachvollziehbar haben — was ich übrigens an sich bereits augenöffnend genug finde — aber ihre ganz besonders spezialkompetente Ausdrucksweise hat ihnen zu einem einsamen Platz als ersten Blindfisch im Aquarium für 2013 verholfen.


SMS und Twitter: Die Sprache stirbt!

Twitter und SMS gefährden nach Meinung des Rechtschreibrats-Vorsitzenden Hans Zehetmair das deutsche Sprachgut. “Die deutsche Sprache wird immer weniger gepflegt”, beklagte Zehetmair in einem dpa-Gespräch. [...]

Der Sprachverfall betreffe vor allem die junge Generation. Das Vokabular der Jugendlichen sei via SMS und Twitter generell sehr simpel, die Rechtschreibung fehlerhaft. “Alles ist super, top, geil, aber nicht mehr authentisch”, kritisierte Zehetmair. “Ich will die moderne Technik nicht verurteilen, aber die Jugend darf sich von der schwindelerregenden Entwicklung nicht vereinnahmen lassen.” [...] sagte der ehemalige bayerische Kultusminister: “Einer SMS mangelt es an Gefühl und Herzlichkeit.” [...]

Tablets, Twitter und WhatsApp sollten Kinder daher erst benutzen, wenn sie schon gefestigte Deutsch-Kenntnisse hätten – unter 14 Jahren sind diese Kommunikationsmittel nach Ansicht Zehetmairs entbehrlich. “Wenn man stundenlang vor dem iPad sitzt, färbt das eben ab.”

Sprache dürfe kein “dürres Gerippe” sein, sondern müsse “als Schmuckstück gebraucht werden, mit Adjektiven verziert” [...]

Kinder sollten wieder mehr Gedichte lernen und Bücher lesen, um die Schönheit der Sprache zu erleben, forderte Zehetmair, der auch Vorsitzender der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in München ist

Rechtschreibrat-Chef: Twitter und SMS schaden der Sprache

Satirischer Kommentar

Die Gespräche von Kindern auf dem Spielpaltz gefährden nach Meinung des Rechtschreibrats-Hansels-Zettelmeier der deutschen Sprache windungsreichen Formenreichtum in den Anordnungsmöglichkeiten des Wortmateriales zu gestelzten, papierhaften Mittelungen. Die deutsche Sprache, so der mahnende Zettelmeier, erfahre ein bedauernswert geringes Maß an Pflege bei ihrer Verwendung durch sprechende Menschen, insbesondere Kinder.

Der Sprache beklagenswerter Verfall betreffe vor allem den Gebrauch der Sprache durch die heranwachsende Generation. Der Wortschatz der miteinander sprechenden Jugendlichen sei im Allgemeinen sehr vereinfacht und bruchstückhaft, agrammatisch und von falschen Schreibungen geprägt. “Alles ist super, top, geil, aber es ist nicht mehr so authentisch, als spräche einer im bleischweren Essaystile wie auf vierzehn Seiten Papiers über seine Betrachtungen beim Anblick einer fallenden Schneeflocke und breitete diese vor einem geduldigen und selbst schweigenden Zuhörer aus”, kritisierte der Zettelmeier. “Ich will den Sprachgebrauch auf Spielplätzen nicht verurteilen, aber die Jugend darf sich von der schwindelerregenden Entwicklung meiner Buchsprache zu einem Mittel des unumschwiffenen menschlichen Austausches nicht vereinnahmen lassen”. Der ehemalige bayerische Kultusminister sagte ferner: “Der harschen Kindersprache mangelt es an Gefühl und Herzlichkeit”.

Deshalb sollen, so der Zettelmeier, Kinder erst dann miteinander reden, wenn sie schon gefestigte Kenntnisse im gesamten Formenreichtum der schriftdeutschen Sprache hätten — bis zum Alter von 14 Jahren sei es für Kinder vollständig entbehrlich, untereinander zu sprechen. Stattdessen sollten sie in stundenlangen Exerzitien mit Tinte und Feder auf Papier — oder besser noch: zur Erhöhung der Wertschätzung dieses Vorganges auf Pergament — schreiben, während ihnen alle anderen sprachlichen Mittel verboten werden sollten. “Wenn man stundenlang miteinander redet, färbt das eben ab”.

Kinder sollten wieder mehr Kirchenlieder auswendig lernen und Bücher lesen, um die Schönheit der Sprache zu erfahren, forderte der Zettelmeier, der auch Vorsitzender der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in München ist.

Ach übrigens, Herr Zehetmair: GAFL! Ach, wollen sie nicht, weil sie ihren gut alimentierten Platz im Betrieb der BRD-Lach- und Sachpolitik einem richtigen Leben vorziehen? Na, dann eben ab ins Aquarium!

Nachtrag, 22. Dezember, 14:55 Uhr: Heise online — Sprachforscher rügen Zehetmairs Twitter-Schelte

Nachtrag Zwei, 22. Dezember, 15:55 Uhr: Sprachlog — Sprachbrocken 51/2012, und dort unbedingt den abschließend verlinkten Text lesen, der sich mit dem blinden Geschafel des ehemaligen bayerischen Kultusministers vor einem Jahr inhaltlich auseinandersetzt.


Nur so geht es!

Nur so können sich Internetnutzer mit der Marke Hannover identifizieren

Maximilian Oppelt, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes der CDU und hannöverscher Ratsherr zur “Begründung”, warum es eine Facebook-Seite für die Stadt Hannover geben soll
Zitiert nach Hannoversche Allgemeine — Stadt soll soziale Netzwerke nutzen: CDU will Hannover bei Facebook sehen

Kürzstkommentar

Na ja, ein stellvertretender Vorsitzender, dessen persönliche Angaben auf der Website des Kreisverbandes so aussehen wie es bei Herrn Oppelt der Fall ist…

Screenshot der Website des CDU-Kreisverbandes Hannover mit einer sehr leeren Seite zu Herrn Oppelt persönlich

…der glaubt vermutlich wirklich, dass irgendwas mit persönlich und identifizieren nur über eine US-amerikanische Werbe- und Datensammelfirma geht. Ein zusätzlicher Kältepunkt dafür, dass Hannover nicht als Heimat der darin lebenden Menschen, sondern als “Marke” betrachet wird, die mit Coca-Cola und Sony zu konkurrieren hat.


Zeitung = Lesen, Internet = Analphabetismus

Ich halte die Printmedien für sehr wichtig. Lesen können ist noch einmal etwas anderes, als im Internet zu sein

Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin

Kurzkommentar

Ich weiß ja nicht, ob die Parallelgesellschaft der classe politique ein anderes Internet hat, aber das mir jeden Tag vorliegende Internet ist zu gefühlten 95 Prozent ausschließlich Menschen zugänglich, die auch lesen können. Offenbar meint die werte Frau Kanzlerin, dass es sich nur um Lesen handelt, wenn man schwarze Kringel vor sich liegen hat, die industriell auf Cellulose gestempelt wurden — und nicht etwa, dass man dazu imstande ist, den Sinngehalt einer textuellen Mitteilung durch Aufmerksamkeit und geistige Tätigkeit aufzunehmen und sich davon zu Gedanken anregen zu lassen. Letztgenannte Tätigkeit ist übrigens ziemlich unabhängig davon, ob sich kleine Kringel auf Papier oder einen Bildschirm befinden, oder ob gar die Botschaft lediglich hörbar und bildhaft sichtbar ist. Aber nein, darum gehts der Frau Kanzlerin nicht, diese entledigt sich hier nur der Aufgabe, die Presse — eine Kommunikationform, die übrigens wegen ihres hohen Aufwandes nur von etwa zwei Handvoll Milliardären aktiv publizierend betrieben wird und vom Rest der Bevölkerung nur rezipiert werden kann, die also zutiefst antidemokratisch ist und tendenziell den Interessen des größten Teiles der Bevölkerung fern steht — als eine ganz großartige zivilisatorische Errungenschaft hinzustellen, die jedem technischen und gesellschaftlichen Fortschritt vorzuziehen ist. Und das Internet wird im Zuge dieser Absicht kurzerhand beinahe wie das Gegenteil des Lesens hingestellt; der Nutzer und Mitgestalter des deutschsprachigen Internet darin mitschwingend als funktionaler Analphabet und damit als kulturloser Mensch in einer auf Literalität beruhenden Kultur verunglimpft. Von einer Frau, die mit diesen Worten ihren schmerzhaften technischen und sozialen Alphabetismus belegt — dessen erneute Sichtbarkeit allerdings nur einen geringen Neuigkeitswert hat.

Hätte Frau Merkel eine vergleichbare “Argumentation” gewählt, um die Vorzüge der Kutsche gegenüber einem Auto zu benennen, dann hätte sie übrigens gesagt: “In einem Auto zu sitzen, heißt noch lange nicht, dass man sich auch fortbewegen könne. Deshalb sind Pferde wichtig”.


Offener Brief an Florian Bernschneider

Auch haben wir Liberale die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung verhindert, das Bürokratiemonster ELENA abgeschafft und dafür gesorgt, dass die Bürger unseres Landes vor Kostenfallen im Internet [...] effektiv geschützt werden

Florian Bernschneider, Bundestagsabgeordneter für die FDP, die Hervorhebung im Zitat ist von mir.

Offener Brief an Stelle eines Kommentares

Aktuelle Zugriffsstatistik mit Peak durch die Content4U-AbzockeWerter Herr Bernschneider,

das kleine Bild, das ich auf der rechten Seite dieses offenen Briefes eingebunden habe, ist eine Visualisierung der zurzeit (20:30 Uhr, der Tag ist also noch lang) aktuellen Anzahl von Zugriffen auf das zugegebenermaßen betont unseriöse Weblog “Wut“. Sie können diesem Bilde sicherlich auch entnehmen, dass es am heutigen Montag zu einem beachtlichen Anstieg der Zugriffszahlen auf dieses Weblog gekommen ist. Die gleiche Entwicklung war am letzten Montag zu beobachten. Und sie wird noch an so machem kommenden Montag zu beobachten sein.

Was das mit dem von ihnen postulierten “effektiven Schutz” vor Kostenfallen im Internet zu tun hat, möchte ich ihnen gern darlegen. Ich kann das leider nicht ganz so kurz halten, wie ich es selbst gern möchte, kann ihnen aber versichern, dass sich der kleine Einblick lohnt.

Zu diesem beachtlichen Anstieg der Zugriffe auf ein sonst eher unbedeutendes Weblog kommt es, weil Menschen aus der Bundesrepublik Deutschland bestimmte Suchbegriffe in die Web-Suchmaschine ihrer Wahl eingeben, nachdem sie einen Brief einer halbseidenen Unternehmung namens “DIG Deutsche Internetinkasso GmbH” erhalten haben, die das Inkasso für die gleichfalls halbseidene Unternehmung “Content4U GmbH” mit ihrem in meinen Augen betrügerischen Geschäftsmodell betreibt. Ich möchte ihnen, Herr Bernschneider, auch diese Suchbegriffe — soweit sie überhaupt über den Referer¹ an den Webserver geliefert werden — nicht vorenthalten. Es folgt ein Screenshot dieses Teiles der Statistiken, der jedem völlig klar macht, wie es zu diesem plötzlichen Anstieg der Leserzahlen gekommen ist:

Aktuelle Suchbegriffe des Wut-Blogs: content4u, content4u gmbh, deutsche internetinkasso gmbh, deutsche internetinkasso, content4u inkassoschreiben, content 4 you, content4u betrug, content4u abzocke, dig deutsche internetinkasso gmbh

Selbstverständlich gab es viele abweichende Schreibungen von Worten dieses Begriffskreises, die in so einer Übersicht nicht aufscheinen, sondern zu eher einmaligen Suchbegriffen führten. Das naheliegende und von der Firmierung her beabsichtigte “Content 4 you” ist allerdings schon so häufig, dass es sichtbar geworden ist. Diese Suchbegriffe spiegeln also nur einen Teil der Besucher wider, die aus diesem Grund zu Lesern des “Wutblogs” geworden sind. Etwas aussagekräftiger sind vielleicht die Zahlen zu den gelesenen Artikeln, nachdem anhand der Übersicht der Suchbegriffe klar geworden ist, wie es dazu gekommen ist:

Top-Artikel auf dem Wutblog

Bei den 74 Lesern, die über die Startseite gegangen sind, handelt es sich übrigens um den regelmäßigen Leserstamm, soweit er sich nicht über E-Mail von neuen Artikeln berichten lässt oder einen RSS-Aggregator für seine tägliche Internetlektüre verwendet. Sie sehen also, Herr Bernschneider, dass es sich hier um ein an sich völlig unbedeutendes Weblog handelt. Es wird zurzeit nur deshalb vermehrt rezipiert, weil es sich über Jahre hinweg mit den Machenschaften der Content4U GmbH, anderer “Geschäftsideen” eines gewissen Michael Burat und ihrer diversen Schergen und Strohmänner beschäftigt hat; und weil dieses Thema gerade drei Tage nach ihrer Antwort auf eine ihnen über Abgeordnetenwatch gestellte Frage durch einen weiteren in meinen Augen betrügerischen Serienbrief mit einschüchternd und psychologisch erpresserisch formulierten “Mahnungen” zu einer vollständig unbegründeten Forderung der Content4U GmbH wieder einmal aktuell geworden ist.

Wenn sie, Herr Bernschneider, sich nichts darunter vorstellen können, wass ich mit der Ausdrucksweise von “einschüchternd und psychologisch erpresserisch formulierten Serienbriefen” meine, dann lege ich ihnen nahe, sich einen derartigen Brief einer dieser halbseidenen Unternehmungen des Michael Burat einmal genauer anzuschauen. Wie so etwas auf einen normal gebildeten (und in Rechtsangelegenheiten verunsicherten und unwissenden) Menschen wirkt, sollten sie sich mit einem Mindestmaß an ganz gewöhnlichen menschlichen Einfühlungsvermögen leicht vorstellen können.

Und ja: Wieder einmal. Genau so geht das schon seit Jahren, einschließlich des Details der auffälligen Besucherspitze am Montag. Es betrifft übrigens nicht nur eine kleine Minderheit. Selbst mir sind Menschen bekannt, die derartige Briefe erhalten haben und darauf mit der von den (in meinen Augen) Betrügern gewünschten Verängstigung und Verunsicherung reagiert haben, die dann immer wieder dazu führt, dass unrechtmäßig proklamierte Forderungen “beglichen” werden.

Was mich jedoch zu diesem offenen Brief an sie, Herr Bernschneider, motiviert, ist die Tatsache, dass es derartige “Internet-Geschäftsmodelle” nur in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Obwohl diese “Geschäftsmöglichkeit” seit Jahren von wenig erfreulichen Zeitgenossen wahrgenommen wird, gibt es keinerlei Tätigkeit des Gesetzgebers — und der sind auch sie, Herr Bernschneider, denn sie sind Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Diese Untätigkeit, die von einer Untätigkeit der Staatsanwaltschaften und vielen eingestellten Ermittlungen begleitet wird, erweckt den im Laufe der Zeit immer gewisser werdenden Eindruck, dass solche in meinen Augen betrügerischen “Geschäftsmodelle” in der Bundesrepublik Deutschland explizit politisch gewünscht sind. In allen anderen europäischen Staaten gibt es hingegen einen wirksamen Schutz der Menschen vor dieser Form des Internet-Ganoventums, und entsprechende Versuche werden mit empfindlichen Strafen belegt.

Dass sie, Herr Bernschneider, sich angesichts dieser völlig unveränderten Situation hinstellen und davon fabulieren, einen “effektiven Schutz” vor derartigen… entschulidgen sie mir dieses Wort bitte… asozialen und verbrecherischen Tricksereien eines widerwärtigen Geschmeißes errichtet zu haben, wirkt in diesem Kontext einfach nur noch schamlos und wie eine empörende Chuzpe. Was übrigens von der von ihnen sicherlich gemeinten, so genannten “Button-Lösung” zu halten ist, die ja auch nicht auf die Idee eines FDP-Mitgliedes, sondern auf eine Anregung ihrer CSU-Kollegin Ilse Aigner zurückgeht, habe ich bereits am 24. August 2011 deutlich genug geschrieben und will es hier deshalb nicht wiederholen.

Herr Bernschneider, beginnen sie als Gesetzgeber damit, auf gesetzliche Regelungen hinzuwirken, die nicht zum Verbrecherschutz, sondern zum Verbraucherschutz² führen! Dazu könnte zum Beispiel gehören, das Wucherpreise für lächerliche und mit geringstem Aufwand erbrachte Scheinleistungen und dummdreist-irreführende sowie bewusst einschüchternde und damit nötigende Formulierungen im geschäftlichen Schriftverkehr und in Inkassoschreiben mit deutlichen Sanktionen belegt werden, wie das in jedem anderen zivilisierten Staat üblich ist. Ihre Partei, die FDP, Herr Bernschneider, sie hat sich mit dem griffigen Werbespruch “Leistung muss sich wieder lohnen” in das politische Bewusstsein der Menschen in der BRD gebracht. Dieser Slogan wird durch von Menschen wie ihnen mitverantwortete Zustände entwertet, in denen sich das Verbrechen in viel größerem Maße lohnt. Vor allem, Herr Bernschneider, wenn sie diese Zustände mit öffentlichen Äußerungen begleiten, die die Millionen Betroffenen dieser Zustände offen verhöhnen.

Mit freundlichen Grüßen
Der Nachtwächter

¹Die falsche Schreibweise “Referer” spiegelt einen zum Standard gewordenen Schreibfehler in der Spezifikation des HTT-Protokolls wider. Sie ist üblicher und damit verständlicher als die korrekte englische Schreibweise, die von der deutschen Version der freien Enzyklopädie Wikipedia verwendet wird.

²Ich empfinde es übrigens als ausgesprochen scheußlich, dass sich unter dem Druck der politischen und journalistischen Sprachnutzung das Wort “Verbraucher” in der deutschen Sprache durchgesetzt hat, ganz so, als sei damit die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft treffend beschrieben.


Sorgfalt, aber ganz besondere!

Ein Fahndungsplakat verschwinde nach einiger Zeit, ein Facebook-Eintrag sei dagegen noch nach Jahren im Internet zu finden. “Also muss das mit einer ganz besonderen Sorgfalt gemacht werden.” Hahn äußerte sich aber zuversichtlich, dass es in den nächsten Monaten eine Einigung geben werde.

Jörg-Uwe Hahn, FDP, indirekt zitiert in: Hamburger Abendblatt — Verbrecherjagd im Internet: Justizministern gefällt Fahndung bei Facebook

Kurzkommentar

Denn wenn man das mit ganz besonderer Sorgfalt macht, und nur dann…

  • …kommt es niemals zu öffentlich sichtbaren Archiverungen durch Web-Archivdienste oder Quellensicherungsdienste für Zitate aus dem Web;
  • …löscht Facebook Dateien, statt sie einfach unsichtbar zu machen und sie im Rahmen seines unseriösen Geschäftsmodelles zu verwenden;
  • …kommt niemand mehr auf die Idee, Screenshots aktueller Inhalte anzufertigen und auf anderen Wegen im Internet zu verbreiten;
  • …kommt es auch nicht dazu, dass jemand ein Fahndungsfoto (oder noch absurder: ein gescanntes Fahndungsplakat) herunterlädt und auf einer beliebigen anderen Plattform des “social web” teilt; und
  • …ist es generell unmöglich geworden, dass irgendwelche Fahndungsmaterialen nach Ende einer Fahndung irgendwo zugänglich sind.

Darüber muss man sich nur noch einig werden, und dann ist alles gut. Widde widde wies Herrn Hahn gefällt.


Nicht den Server verlassen!

Es muss sichergestellt sein, dass die Fotodaten die Server der Polizei nicht verlassen.

Jana Schiedek, SPD, Senatorin für Justiz und Gleichstellung in der Freien und Hansestadt Hamburg, zu Fahndungen über Webdienste

Kommentar

An diesem kurzen Zitat einer Landesministerin entzückt das blenderisch-pseudokompetente Wort von den “Fotodaten” für ein Foto in einem üblichen digitalen Format, das sich so reizvoll mit krachender technischer Ahnungslosigkeit verbündet hat. Offenbar ist der Frau Senatorin nicht klar, was die Funktion eines Webservers ist und das es die Grundfuntion vernetzter Rechenanlagen — und das, was ein solches Netzwerk überhaupt erst nützlich macht — ist, eine Infrastruktur zur Verteilung verlustfreier Kopien von Inhalten zur Verfügung zu stellen. Bei jedem Abruf des Fotos durch einen Browser (oder durch eine beliebige andere Software, die Inhalte über das HTT-Protokoll anfordert) entsteht eine lokale Kopie des Fotos auf dem Server der Polizei.

Was die Frau Senatorin hier sicherstellen möchte, ist also, dass ein von den Polizeien erstelltes Fahndungsfoto nicht über Webdienste zugänglich ist. Das ist natürlich möglich, indem ein solches Foto gar nicht im Web (oder über einen anderen Internetdienst) publiziert wird. Auf andere Weise ist es allerdings nicht möglich.

Ich kann die Bedenken Jana Schiedeks übrigens gut verstehen. Hintergrund dieser Äußerung ist das durchaus bedenkenswerte polizeiliche Bestreben, so genannte “soziale Netzwerke” im Web (insbesondere Facebook) für Fahndungszwecke zu nutzen. Nun gilt für einen zur Fahndung ausgeschriebener Menschen bis zu seiner Verurteilung eine Unschuldsvermutung, und es ist möglich (und so etwas geschieht auch), dass es nach gerichtlicher Untersuchung des Falles nicht zu einer Verurteilung kommt. Die dann weitere Verfügbarkeit von Kopien offizieller Fahndungsbilder kann zu einer erheblichen persönliche Belastung für einen fälschlich zur Fahndung ausgeschriebenen Menschen werden, was vermieden werden sollte. Man stelle sich nur einmal vor, welche Formen von Mobbing mit diesem Material möglich sind! Der Hintergrund dieser technisch schmerzhaft inkompetenten Äußerung der Justizsenatorin ist also ein ernsthaftes Bemühen um den Schutz der Rechte von Menschen, nach denen unter Verwendung von Fotos (oder auch von Zeichnungen) gefahndet wird — und dieses Anliegen zeigt, dass Frau Schiedek sich auf ihr Ressort versteht.

Doch dieses Problem besteht sogar, wenn Fahndungsfotos auf dem Server einer Polizei gehostet werden, denn bei jedem Abruf der Fahndungsseite entsteht beim Abrufenden eine lokale Kopie. Es bedarf keiner besonderen technischen Kenntnisse, um solches Material zu archivieren; und die menschliche Niedertracht, solches Material nach einem Freispruch für Schmutzkampagnen einzusetzen, ist leider niemals auszuschließen, sondern bei einigen Menschen (zum Beispiel bei der Mehrzahl der Journalisten) Grundlage ihres gesamten Daseins. Die Archivierung ist so einfach wie das Speichern einer Seite mit einem Browserplugin oder mithilfe von Werkzeugen wie GNU Wget. Jeder aufgeweckte Zwölfjährige kann das. Es ist die Nutzung von Grundfunktionalität des Internet. Und wer es nicht kann, weiß immer noch, wie man einen Screenshot von seinem Bildschirm anfertigt. Ob Material bei Facebook oder auf einem Server der Polizei liegt, spielt keine Rolle.

Es bleibt zu hoffen, dass die Frau Senatorin jemanden in ihrer Behörde für Justiz und Gleichstellung fragt, der sich mit den technischen Grundlagen des Internet auskennt, bevor sie eine Entscheidung trifft — denn das oben stehende Zitat macht deutlich, dass sie aus ihrem eigenen Kenntnisstand heraus eine Entscheidung träfe, die dumm, inkompetent und für ihr eigentliches Anliegen vollkommen wirkungslos wäre: Schutz der Menschen, nach denen gefahndet wird, indem die veröffentlichten Fahndungsunterlagen auf einem bestimmten Server angeboten werden.

Meiner Meinung nach verbietet sich die Nutzung von Facebook übrigens aus einem ganz anderen, nicht einem technischen, sondern einem kulturellen und psychologischen Grunde: Herr N. N., mutmaßlicher Mörder von fünf Personen. 10.243 Personen gefällt das. Es gibt auch im Web Orte, an denen bestimmte Themen nur in seltenen Ausnahmefällen einen Platz haben können. Das sollte freilich auch bei den Polizeien und Innenministerien klar sein. Es scheint dort aber nicht klar zu sein. Und das ist sehr bitter.

Aber auch nicht unerwartet.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 506 Followern an