Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Sonstige Medien

Tauschbörse

Stellvertretend für viele “qualitätsjournalistische” Schundwerke, die solche Texte direkt aus dem NITF-Ticker in den redaktionellen Teil ihrer Druckwerke und Websites übernehmen, hier nur ein einziger Screenshot des gegenwärtigen netzblinden Unfugs, der in die Gehirne der Zuleser gestanzt werden soll:

Isohunt: Internet-Tauschbörse gibt auf und soll 100 Millionen Dollar zahlen

Quelle des Screenshots: T-Online.de

Kommentar

Schon an dieser Schlagzeile ist so viel falsch und vorsätzlich falsche Eindrücke erweckend, dass ich den Artikel nicht mehr lesen mag. Sie ist eine gezielte Dummhaltung von bislang Unwissenden und Propaganda gegen das Internet selbst.

Zunächst zum Wort “Tauschbörse”

Tausch…” — Es gibt keinen “Tausch” im gewöhnlichen Sinn des Wortes im Internet. Da sagt niemand “Ich habe zwei Hosen, du hast zwei Jacken, komm, ich geb dir eine Hose und du gibst mir eine Jacke dafür zurück, so hat keiner von uns einen Mangel”. Das ist auch gar nicht nötig. Digitale Güter sind keine knappe Ware, mit der man irgendeinen Handel betreiben könnte. Es gibt immer genug von ihnen, weil sie beliebig verlustfrei kopierbar sind. Es handelt sich bei dem, was im Wort “Tauschbörse” als “Tausch” bezeichnet wird, um die Anfertigung von Kopien. Die “Tauschbörse” ist etwas, was besser als der “Replikator” aus dem Star-Trek-Universum bezeichnet werden sollte; eine technische Vorrichtung, die jedem Mangel an digitalen Gütern mit geringem Aufwand an Geld und Energie abhelfen kann. Auf diesem Hintergrund ist übrigens jede Kriminalisierung von so genannten “Tauschbörsen” durch die Contentindustrie (die bislang mit ihren technischen Vorrichtungen ein Oligopol zur industriellen Anfertigung von Werkkopien bildete) nichts weiter als eine Kriminalisierung von Technik, die einen Mangel abhilft, und zwar durch Leute, die diesen Mangel aufrechterhalten wollen, um objektiv überteuerte digitale Güter verkaufen zu können und damit Reibach zu machen.

…Börse” — Nach dem langen Absatz zum Thema “Tausch” ist auch klargeworden, dass dabei auch nicht wie an einer Börse ein Preis oder Wert eines digitalen Gutes ausgehandelt wird. Das Bild der “Börse” ist so falsch wie das Bild einer Orange auf einer Packung mit Bonbons, deren Geschmack mit “naturidentischen Aromastoffen” produziert wird. Das heißt: Es ist so vorsätzlich falsch; es ist also eine Lüge, mit der Menschen psychisch manipuliert werden sollen, damit sie sich nicht mithilfe ihres Verstandes mit einem Thema auseinandersetzen. Das Wort ist ein dermaßen weitab der Wirklichkeit des damit Beschriebenen liegendes sprachliches Konzept, dass der Fehler darin jedem auffallen muss, der etwas über die Dinge weiß, über die er schreibt und spricht.

Und nun zu IsoHunt

IsoHunt ist nicht einmal eine so genannte “Tauschbörse” gewesen. Es gab bei IsoHunt keine einzige Datei zu holen. Es gab nur Links, also Verweise auf andere Dateien im offen zugänglichen Internet. Also so etwas wie dieser Link, der den Alarmknopf jetzt auch nicht zur “Tauschbörse” macht.

Diese Links lagen in einer Datenbank vor und konnten nach beliebigen Begriffen durchsucht werden.

IsoHunt war eine Suchmaschine für Torrents. Es handelte sich um eine Suchmaschine, die gegenüber den Inhalten der aufgefundenen Ergebnisse neutral war — also, um es mit etwas anderen Worten zu sagen, damit es auch deutlich wird, um eine unzensierte Suchmaschine.

Was das von “Qualitätsjournalisten” so referenzierte und in Volksverdummung umgewandelte Urteil aus dem Dezember 2009, dass (auch von Suchmaschinen gefundene) Links zu Urheberrechtsverstößen ein Geschäftsmodell und eine Anstiftung zu Straftaten sind, wirklich bedeutet, ist also: In den Vereinigten Staaten von Amerika ist es durch Richterrecht kriminalisiert worden, eine den Inhalten gegenüber neutrale, also unzensierte, Suchmaschine zu betreiben. Eine rechtssichere Suchmaschine in den Vereinigten Staaten von Amerika darf nicht den Inhalten gegenüber neutral sein, sondern muss bestimmte Inhalte ausblenden — und dabei wird in der Praxis mit einer erschreckenden Willkür vorgegangen, die einen beliebigen Missbrauch des Zensurprivileges durch Inhaber so genannten “Geistigen Eigentums” nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich macht. Im Gegensatz zum soeben verlinkten Vorgang bei Heise Online werden die meisten derartigen Eingriffe in die Suchergebnisse von niemanden bemerkt werden, weil sie nur marginale Websites betreffen.

Aber solche “Kleinigkeiten” sind BRD-Qualitätsjournalisten bei ihrem Propagandakampf gegen die “Kostenloskultur” des Internet (natürlich nach anderthalb Jahrzehnten kostenlos verfügbar gemachter Publikationen im Internet) ja egal — solange die Strategie verfolgt wird, Suchmaschinen durch künstliche Kriminalisierung dieser Dienstleistung abzumelken¹. Dass so etwas in letzter Konsequenz Zensur bedeutet, ist ein “Kollateralschaden”, der dabei ausgerechnet von jenen in Kauf genommen wird, die ansonsten im Selbstbeweihräucherungsmodus das Hohelied von der “Freien Presse” singen.

Fußnoten

¹Was von den Fantastilliarden zu halten ist, die Google angeblich der Presse durch Zweitverwertung und Reklameeinblendung wegnimmt, habe ich schon vor etwas über einem Jahr angemerkt. Daran hat sich nichts geändert. Es ist immer noch die gleiche Lüge, die immer noch von der gleichen Presse in die Gehirne gestanzt werden soll.


t3n: Moral ist, was man doppelt hat…

Screenshot eines t3n-Artikels mit einer Anleitung, wie man Werbung auf YouTube unterdrückt -- mit Einblendung eines Hinweises, dass man bitte seinen AdBlocker ausschalten möge, weil sich t3n über Werbung finanziert

Quelle des Screenshots: t3n — So deaktivierst du alle Werbung auf YouTube

Anstelle eines ziemlich überflüssigen Kommentares sei hier nur noch einmal kurz zur Deutlichkeit wiedergegeben, was t3n in dieser grauen Box am rechten Rand von seinen Lesern möchte:

AdBlocker eingeschaltet?

Wie es scheint, hast Du einen AdBlocker aktiviert. Du würdest uns sehr helfen, wenn Du ihn für t3n.de ausschaltest.

Der Grund: Werbung auf diesen Seiten wird überwiegend pro Einblendung bezahlt und diese Einnahmen ermöglichen uns, dir die Inhalte von t3n.de kostenlos anzubieten. Wenn dir t3n.de gefällt und Du unsere Arbeit gern unterstützen möchtest, deaktiviere doch bitte den AdBlocker auf unseren Seiten.

Vielen Dank dafür!

Für YouTube, was ebenfalls ein kostenloses und mit Reklame monetarisiertes Angebot ist, gelten für diese Moralhanseln, die das Gewürz “schlechtes Gewissen” auf ihrer Website ausstreuen, jedenfalls andere Regeln, da kann man mal zeigen, wie alle Reklame auf YouTube ausgeblendet werden kann.

Bringt ja auch interessierte Leser und damit Reklameeinnahmen… :mrgreen: Dein t3n-Team


Ganz spezielle Spezialprogramme

Zahllose ausgediente Handys, Laptops und Computer landen jedes Jahr im Müll, werden weiter verkauft oder verschenkt. Und mit Ihnen nicht selten auch die ganz persönlichen Daten der Nutzer. So gelangen zum Beispiel Fotos, Bewerbungsunterlagen, Briefe oder auch sehr sensible Daten wie Passwörter in die Hände von Fremden. Denn um Daten zuverlässig zu löschen sind oft Spezialprogramme nötig

Was auf dem Computer nicht mehr gebraucht wird, landet im virtuellen Papierkorb des Rechners. Wird der geleert, sind die Daten verschwunden. Wirklich gelöscht sind sie damit aber nicht, sondern einfach nur oberflächlich nicht mehr sichtbar. Wer es drauf anlegt, kann so gelöschte Daten ganz einfach mit Hilfsprogrammen wieder ans Tageslicht holen. Rechner, die entsorgt oder weitergegeben werden, sollten deshalb vorher mit spezieller Software bearbeitet werden. Wie das funktioniert, erfahren Sie im großen Yahoo!-Ratgeber “So löschen Sie Daten zuverlässig”

Yahoo — “PC, Handy und Internet: Daten richtig löschen” von “Max Klüger”
Hervorhebungen aus dem Original

Kurzkommentar

In der Tat, um einen Datenträger richtig platt zu machen, reicht es nicht, die Dateien einfach nur zu löschen. Dabei wird nämlich nur der Verzeichniseintrag entfernt, während die Daten auf dem Datenträger bleiben.

Wer Lust hat, Yahoo dafür zu bezahlen, kann dann auch erfahren, für welche ganz spezielle Spezialsoftware er sein Geld ausgeben soll, um die Platte vorm Wegwerfen oder Weitergeben richtig zu löschen. Das frei verfügbare dd aus dem Unix-Neolithikum wird wird wohl nicht zu den Empfehlungen gehören, obwohl ein Hochfahren eines Live-Linux und ein schnell mit root-Rechten an der Kommandozeile getipptes¹...

# dd if=/dev/urandom of=/dev/sda bs=16M

...diese Kleinigkeit erledigt, indem die gesamte Festplatte mit Zufallsbytes überschrieben wird. (Natürlich ohne mit einer Warnung zu nerven, deshalb vorher noch mal nachschauen, ob dort auch wirklich das richtige Device angegeben wurde...) Je nach Größe der Festplatte kann das natürlich ein bisschen dauern.

Ich werde jetzt kein Geld dafür ausgeben, den gesamten Yahoo-Text lesen zu "dürfen", wenn schon der Anriss wie ein geistloses technodadaistisches Gestammel formuliert ist², aber ich wette darauf, dass dort in typischer redaktioneller Schleichwerbung ein kommerzielles Produkt angeboten wird, das auch keine andere Leistung vollbringen kann.

¹Dieses # ist der Prompt, keine Eingabe

²Ich würde einen höheren Betrag darauf wetten, dass der Text algorithmisch erzeugt wurde, dass er also von einer Software geschrieben wurde. Kein Mensch würde so einen schlechten Text schreiben, der das Plattmachen von Festplatten, das Löschen von Cookies, das Abmelden von Webdiensten und die besten Lampen unter einem Hut zu bringen sucht.


Leseempfehlung: Die Bescheidwisser

Zur Abwechslung eine Leseempfehlung:

Das Internet gaukelt den Menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung. Die meisten Bürger haben weder Zeit noch Lust, stundenlang nach der Wahrheit zu suchen.

Wolf Schneider und Paul-Josef Raue entledigten sich der Aufgabe, etwas über Online-Journalismus zu schreiben
Zitiert nac peter-schumacher.net: Die Bescheidwisser — und dort unbedingt weiterlesen! Denn dort ist eine Extraportion Netzblindheit dokumentiert, und diese unter aktiver Beteiligung der Bundeszentrale für politische Bildung, die den Schmarrn verbreitet.

[via]


WISO? Weshalb? Warum?

WISO? Weshalb? Warum?
Was das Zweite sagt, macht dumm.

So sah heute morgen um 10:50 Uhr das Video der ZDF-WISO-Dokumentation “Die Bank gewinnt immer”, das von jemanden auf YouTube hochgeladen wurde, aus*:

Dieser Content ist in deinem Land nicht verfügbar, da er aufgrund einer Regierungsanfrage entfernt wurde. Das tut uns leid.

Ein Hauch von China mitten in der so freiheitlichen BRD zog durchs Internet — welche Regierungsstelle der Bundesrepublik kann mit welchem Recht Anfragen auf Entfernung von Inhalten bei YouTube stellen? Es ist hier ausdrücklich nicht vom Urheberrecht die Rede, wie es der Fall wäre, wenn das ZDF um Entfernung nachgefragt hätte.

Der Text scheint klar und deutlich. Vielleicht ein bisschen zu klar und deutlich, um in die Fassade der Bundesrepublik zu passen. Das quasistaatliche Zweite Deutsche Fernsehen sah sich auch prompt zu einer Stellungnahme genötigt, als sich über diverse Internetkanäle der Hinweis ausbreitete, dass es in der Bundesrepublik offenbar staatliche Stellen gäbe, die auf die Löschung von YouTube-Videos hinwirken können. Allerdings fiel dem Zweiten Deutschen Fernsehen nichts anderes ein…

Betreff: Verschwörungstheorien zur WISO-Doku “Die Bank gewinnt immer”

Hintergrund: Der Youtube-User “infopointaudimax” hatte anscheinend die Dokumentation – ohne Wissen des ZDFs – auf Youtube gestellt. Dieses Video wurde von Youtube entfernt und mit der Information versehen “Dieser Content ist in deinem Land nicht verfügbar, da er aufgrund einer Regierungsanfrage entfernt wurde.” Diese Betextung führt zur aktuellen Verwirrung. Warum das Video genau entfernt wurde, ist uns bisher nicht bekannt. Auch von einer “Regierungsanfrage” wissen wir nichts. Wir versuchen das bei Google/Youtube zu klären.

…als pauschal von einer “Verschwörungstheorie” zu sprechen, wenn Menschen in diesem Text das gelesen haben, was in diesem Text stand — und dies wohlgemerkt und nach eigenen Angaben, ohne selbst irgend etwas Konkretes zu diesem Thema sagen zu können.

Merke: Wer im Internet lesen kann, ist ein Verschwörungstheoretiker. Das wird einfach und ohne Grundlage mit der Deutungshoheit einer angesehenen Rundfunkanstalt behauptet.

Die anschließende Kommunikation mit Google und YouTube scheint jedoch einen gewissen Erfolg gebracht zu haben. Nein, nicht so, dass das ZDF oder irgendjemand anders den Hintergrund beleuchten könnte, aber der vorhin noch so deutliche und leicht verständliche Text wurde ungefähr um 14:00 Uhr gegen einen anderen Text ausgetauscht:

This content is not available in your country due to a legal complaint

Mir als jemanden, der im Internet lesen kann — in ZDF-Sprech ist das ein “Verschwörungstheoretiker” — bleibt da nur eine Frage unverdrängbar im Kopfe: Warum hat YouTube eine fertige deutsche Übersetzung für einen sehr speziellen Text fertig, der auf einen erfüllten staatlichen Zensurwunsch hinweist, und warum steht der viel allgemeinere und in der Anwendung gewiss häufigere Textbaustein, dass es eine “rechtliche Beanstandung” gäbe, noch nicht in deutscher Sprache zur Verfügung?

Wenn ich diese Frage beantworte, werde ich allerdings wirklich zum Verschwörungstheoretiker… ;)

*Screenshot vom oben verlinkten Kraftfuttermischwerk mitgenommen, da ich zu diesem Zeitpunkt keinen “richtigen” Computer zur Verfügung hatte…


Die Zukunft des Fernsehens

Die Elektronikmesse IFA feiert in diesem Jahr einen Größenrekord: Auf 140.200 Quadratmetern präsentieren sich mehr als 1300 Aussteller [...]

Trends sind nach Angaben der Veranstalter vor allem [...] und Fernsehgeräte, die sich ans Internet anschließen lassen

AFP: Berliner Elektronikmesse IFA dieses Jahr groß wie nie

Ein etwas längerer Kommentar

An diesem Stück Journalismus der Agence France-Presse, das sich die Macher so genannter “Qualitätsmedien” natürlich gern als simulierten redaktionellen Inhalt in ihre tägliche Werke zwischen die Reklame stempeln, entzückt nicht nur, dass man es gar nicht von einer Reklame für die IFA 2011 unterscheiden kann.

Nein, es entzückt auch, dass es in diesem Jahr einen “Trend” gibt.

Zwei technisch und soziologisch vollständig inkompatible Medien — der inhärent zentralistische, passiv genossene Fernsehrundfunk und das strukturell dezentrale, aktiv mitgestaltete Internet — sollen also zusammenwachsen. Das ist ein toller Trend, bei dem man doch gleich viel lieber die “Rundfunkgebühr” dafür zahlt, dass man über eine Datenverarbeitungsanlage verfügt. :mrgreen:

Fragt sich nur eins bei diesem “Trend”: Wie sahen eigentlich die “Trends” in der Vergangenheit aus? Mal ein bisschen googlen.

2010 gab es zum Beispiel diesen tollen “Trend”:

IFA 2010: Rückblick, Durchblick, Ausblick
Internet im TV: Google webisiert das Fernsehen

[...] Nun aber haben die TV-Produzenten das Problem gelöst: Sie nutzen das Web, um noch mehr Inhalte an den Sendern vorbei zum TV zu liefern, nutzen Apps für Zusatz-Informationen und machen den Zuschauer unabhängig von den Sendezeiten der TV-Stationen

[...] Google plant für das Fernsehen eine ähnliche Revolution wie im Internet: Alle Inhalte unter einer Bedienoberfläche, auffindbar gemacht von Google. Die Sendezeit von “Marienhof”, “Tagesschau” oder “24″ – egal [...]

Das “Hybrid Broadcast Broadband TV” ist die um Internet-Funktionen angereicherte Version des alten Videotextes [...]

Zugriff auf Mediatheken, Video-Seiten wie YouTube und Webseiten wie Wikipedia ermöglicht eine völlig andere Form der TV-Unterhaltung [...]

Oder 2009, da gab es folgenden tollen “Trend”:

IFA 2009: Die Trends der Funkausstellung

Dass das Internet in die Fernseher wandert, ist nur einer der IFA-Trends 2009 [...]

Internetfernsehen (IPTV) war 2008 eines der Top-Themen in der Technikwelt: Gemeint war damit die Übertragung von Fernsehen ins Internet [...] konzentrieren sich die Hersteller nun darauf, das Internet in den Fernseher zu locken und die Konsumenten nicht nur mit tollen Bildern, sondern auch mit allerlei Multimedia-Anwendungen aus dem Web zu ködern

Huch, das war 2008 auch schon ein Trend? Oh ja, in der Tat:

Das Internet erobert den Fernseher

IPTV ist noch immer auf dem Weg, sich einen Weg zum Massenmarkt zu erschließen [...]

Tja, scheint ja schon ein paar Jährchen auf dem Weg zu sein. Denn auch 2007 gab es diesen famosen Trend zum Fernsehen der Zukunft:

IFA 2007: Das Fernsehen der Zukunft

Einer der Trends der diesjährigen Funkausstellung ist hochauflösendes Fernsehen, am besten via Internet. Bereits im letzten Jahr startete das Angebot “T-Home” der Deutschen Telekom. Heute gab der Telekommunikationskonzern zusammen mit Microsoft einen Blick auf die weitere Zukunft des Internetfernsehens.

[...] IPTV ist erstmal reguläres Fernsehen. Alle Programme, die es in Deutschland gibt, können genutzt werden und auch alle Zusatzfeatures wie zum Beispiel Videotext. Aber die Plattform bietet durch die Rückkanalfähigkeit Individualisierbarkeit und Personalifizierbarkeit [...]

Genau dieses Angebot sei nun richtig reif, betonen alle anwesenden Sprecher

Aber so was von reif! Schade eigentlich, dass es sich nicht verkauft hat und dass Internet-Nutzer sich nicht mit den Formen der Interaktivität begnügen wollen, die ihnen von einem zentralen Medienbetreiber gnädig (und kostenpflichtig) eingeräumt werden.

Das war 2007 übrigens keine Neuigkeit, denn schon 2006 bekamen wir von der dpa über den zentralistischen Medienapparat verklickert

Hintergrund: Internet-Fernsehen

Bei IPTV (Internet Protocol Television) werden Fernsehbilder über das Internet übertragen.

Der Kunde benötigt für Fernsehen über das Internet ein spezielles Empfangsgerät [...], um die Signale für sein Fernsehgerät umzuwandeln.

[...] Als weiteren Vorteil betrachten die Anbieter „Video-on-Demand“, den Abruf von Filmen. Wer also beispielsweise den „Tatort“ am Sonntag verpasst, könnte ihn eventuell zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt ansehen

Für letzteren Anwendungsfall kennt übrigens jeder intensive Internetnutzer so etwas wie Filesharing — was bedauerlicherweise in dieser Anwendung kriminalisiert ist, obwohl es die einzige Form des Internet-Fernsehens ist, die man wirklich als einen “Trend” bezeichnen könnte. Wer allerdings erst einmal Filesharing kennengelernt hat und zudem auch eine andere Sprache als Deutsch beherrscht, bemerkt recht schnell, wie minderqualitativ und ungenießbar beinahe alle Produktionen im deutschen Fernsehen sind und kann schon nach kurzer Zeit völlig darauf verzichten. Im Gegensatz zu den Beglückungsideen unserer Contentindustrie kennt der Datenverkehr im Internet ja keine Staatsgrenzen. Ach ja!

Da hilft es auch nicht, dass man den Menschen auch 2005 schon in die Birne hämmern wollte, wie die Zukunft des Fernsehens aussieht:

DSL-Fernsehen: TV aus der Telefonbuchse

Bald sollen Fernsehen, Internet und Telefongespräche über eine Leitung ins Haus kommen. Im Ausland ist dies längst alltäglich. [sic! Das war im Sommer 2005!]

“Technisch ist es längst möglich, Telefon, Internet und Fernsehen über eine Leitung zu liefern”, erklärt Philipp Geiger von der Solon Management Consulting aus München [...]

“Wir haben dadurch die Chance, nicht nur die Kommunikationsbudgets, sondern auch die Unterhaltungsbudgets der Haushalte abzugreifen”, hofft Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke.

Die TV-Zukunft ist im Ausland längst Realität. In Japan lassen Hunderttausende ihren Fernsehapparat links liegen, um direkt im Internet populäre Seifenopern aus Korea zu verfolgen. In Italien empfangen viele Haushalte TV-Programme schon seit 2003 per DSL-Anschluss.

Tja, in diesem Ausland, also in dieser Nicht-Bundesrepublik-Deutschland, wird die Politik ja auch nicht in der Lobby des Reichstages von einer monströs gewordenen Contentindustrie gemacht, die durch das Internet ihr bisheriges Monopol dahinschwinden sieht. Da gibt es keinen Gesetz gewordenen Zwang für quasi-staatliche Rundfunkanstalten, ihre kostenlos im Internet verfügbaren und von der Allgemeinheit mit Steuern und Gebühren bezahlten Inhalte zu “depublizieren”, damit die Contentindustrie ein mediales Alleinstellungsmerkmal hat, mit dem sie ihr Geschäft machen kann. Menschen in Großbritannien können sich selbstverständlich auf der Website der BBC in hoher Qualität die Produktionen anschauen, wann immer sie die Sendungen sehen wollen. Ja, so sieht es in dem Großbritannien aus, das immer einen besonders gehobenen Wert auf wirtschaftsfreundliche Politik gelegt hat. Nur als ein Beispiel.

Während in der Bundesrepublik seit vielen Jahren jedes Jahr zur IFA in einem bescheuerten und von allen zentralen Medien wiedergekäuten Ritual davon schwadroniert wird, dass das gute alte Glotzen doch seine Zukunft darin haben soll, mit einem bisschen künstlich begrenzten Internet aufgewertet zu werden, sind Videodienste — auch hochwertige — über das Internet beinahe überall auf der Welt bereits viel und gern genutzte Realität.

Selbst eine Website wie YouTube ist nur in der Bundesrepublik Deutschland künstlich verkrüppelt worden, während alles Fernsehen und Internet in einem Atemzug nennt. Es ist völlig hinreichend, wenn bei der Aufnahme eines privaten Videos im Hintergrund ein Radio mitläuft, so dass ein paar Klangfetzen des wertvollen “geistigen Eigentums” dabei reproduziert werden, damit das Video auf YouTube so aussieht:

Leider ist dieses Video, das Musik von UMG beinhaltet, in Deutschland nicht verfügbar, da die GEMA die Verlagsrechte hieran nicht eingeräumt hat. Das tut uns leid.

Wer schon einmal in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Polen, Dänemark, Italien oder sonstwo die Muße gefunden hat, YouTube zu benutzen, wird erstaunt festgestellt haben, dass dort nicht nur richtige Musikvideos verfügbar sind, sondern dass sie sogar von den Musikverlegern selbst eingestellt werden — mit Möglichkeit zum Kauf eines Musikstückes oder eines Tonträgers. Und für ein genau so großes Erstaunen sorgt es beim künstlich volldeppert gehaltenen Deutschen, wenn er sehen muss, dass man beinahe überall im Ausland auf viele Fernsehproduktionen über YouTube zugreifen kann, und zwar direkt von den Produzenten eingestellt. Niemand scheint dort ein besonderes Problem darin zu sehen. Das ist nur in der Bundesrepublik Deutschland ein Problem, einer Deutschen, Demokratischen Republik, in der eine kleine Clique von Besitzenden allen anderen Menschen genau sagt, was sie wirklich wollen und was sie wirklich brauchen — und diese stümperhafte Volkserziehung im Zweifelsfall mit Lobbypolitik und geldherrschaftlicher Gewalt durchsetzt.

Ich bin ein ganz schlechter Hellseher. Aber trotzdem habe ich eine sehr deutliche Ahnung, wie einer der Trends auf der IFA 2012 heißen könnte. Und auf der IFA 2013, 2014, 2015… bis die Menschen in Deutschland endlich damit beginnen, das Internet nicht als eine zweite Glotze, sondern als ihren, von ihnen mitgestalteten Raum wahrzunehmen und es den Buchhaltern, Ausbeutern, Lobbyisten, Kaninchenzüchtern und Gartenzwergfreunden aus den Händen zu reißen. Zur Not mit Gewalt, wenn es nicht anders geht. Leider sind gerade Menschen in Deutschland so gestrickt, dass sie bei ihrem Bürgeramt einen Antrag stellen möchten, bevor sie für ihre eigenen Daseinsrechte eintreten, und deshalb wird das nicht so schnell gehen. Denn ein freier Fluss von Informationen und ein offener Austausch im Internet — das ist in der Bundesrepublik Deutschland weder von der Wirtschaft, noch von einer korrumpierten und von Wirtschaftsvertretern belaberten und bestochenen Politik erwünscht.


Wir können es nicht sagen, aber wir sagen es mal…

…denn Hauptsache bleibt es, dass alle angstbesetzten, gefährlichen und tödlichen Dinge begrifflich in die Nähe zum Internet gestellt werden. Auch, wenn dieser Zusammenhang nicht durch die Ermittler, sondern durch eine Nachrichtenagentur hergestellt wird, die den Zeitungen ein paar Textschnippsel liefert, damit die Zeitungen nicht nur aus Werbung bestehen:

Drei junge Frauen im Alter von 16, 18 und 19 Jahren haben in einem Waldstück der Gemeinde Holdorf im niedersächsischen Landkreis Vechta gemeinsam Selbstmord begangen. Wie die Polizei auf einer Pressekonferenz in Cloppenburg mitteilte, ist nach bisherigem Ermittlungsstand ein Fremdverschulden nicht gegeben: “Die bisherigen Erkenntnisse lassen auf einen gemeinsamen Freitod durch eine Rauchgasintoxikation schließen”.

[...] Ob die Frauen sich über soziale Netzwerke im Internet verabredet hatten, konnte die Polizei zunächst nicht sagen.

AFP

Man stelle sich einmal vor, darunter stünde: “Ob die Frauen vor ihrem Freitod das Psychopharmakon Flouxetin genommen haben, konnte die Polizei zunächst nicht sagen” — Flouxetin ist ein Antidepressivum, das auch häufig ohne begleitende Psychotherapie bei so genannten “Ernährungsstörungen” verschrieben wird, und eine seine wohlbekannten Nebenwirkungen ist die Erhöhung der Neigung zum Suizid…

Wie anders hätte ein solcher Abschluss doch geklungen!

Nachtrag, einige Stunden später

So kommt die AFP-Meldung, deren Fehlinformation in Hinblick auf das Internet zwar subtil, aber dennoch durchschaubar war, später bei der Presse — hier am Beispiel der Bildzeitung gezeigt — in der von AFP gewünschten Weise wieder heraus:

In großen Buchstaben wird die Assoziation hergestellt: Internet und Tod. Jegliche Unsicherheit über diesen Zusammenhang ist in der Schlagzeile der Bildzeitung auf ein einziges Fragezeichen eingedampft. Der Text ist zugegebenermaßen moderater, aber die Schlagzeile schafft den ersten (und damit oft bleibenden) Eindruck. So funktioniert die tägliche Konditionierung, die Ausbreitung von Furcht, Unsicherheit und Zweifel, die sich diffus ans Internet binden. Internet und Selbstmord. Internet und Amok. Internet und Mord. Internet und Prostitution. Internet und Nazis. Internet und Terror. Internet und Tod. Internet und Kindesmissbrauch. Internet und [angstbesetztes Thema mit Empörungspotenzial hier einsetzen]. Jeden Tag. Andere mögliche Bezüge werden in den massenmedial hergestellten Assoziationen ausgeblendet. Immer nur Internet. Immer nach dem Schema: Unangenehmes, angstbesetztes Reizwort, dass an diejenigen Erscheinungen unserer Gesellschaft erinnert, an die kaum jemand erinnert werden möchte. Und Internet.

So funktioniert Konditionierung, und sie funktioniert leider erschreckend gut. Aus den zentralen und eher undurchschaubaren Strukturen der Presseagenturen als tägliche Dressur direkt in die Gehirne. Jeden Tag ein bisschen mehr. So schafft man nach und nach die psychologischen Grundlagen, auf denen Zensur, teilweise Verbote und weit gehende Überwachung aller Menschen im Internet mit wenig nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden können.

Übrigens hat die agenturzentral gebildete Meinung für die Benennung solcher Strukturen in der Presse auch ein Wort. Es lautet: Verschwörungstheorie. Und Internet.

Nachtrag Zwei

Der Stern muss in einem Artikel auf seiner größtenteils entbehrlichen Website zwar am Ende einräumen…

Die Ermittler gehen nun der Frage nach, ob sie sich über soziale Netzwerke im Internet verabredet hatten

…dass zurzeit nichts über irgendeinen Internet-Bezug dieser Selbsttötungen bekannt ist. Das hindert den Stern aber nicht daran, in der Hauptsache seines hingeschmierten Artikels so zu tun, als sei dieser Internet-Bezug eine “abgemachte Sache”:

Nach dem kollektiven Freitod dreier junger Frauen in Niedersachsen hat sich ein Experte für suizidgefährdete Jugendliche gegen ein generelles Verbot von Internet-Foren zum Thema Selbstmord ausgesprochen. “Das sind Foren, in denen sich Betroffene austauschen und sehr konkret über ihre Leiden und ihren Seelenzustand berichten” [...]

Immer schön das Wort “Internet” in den Kontext angstbesetzter Themen setzen, damit das alles seine Wirkung entfalte… aber das habe ich ja schon weiter oben geschrieben.

Nachtrag Drei

Man weiß zwar, nüchtern betrachtet, immer noch nichts zu sagen, aber jetzt hat es die RP Online ihren Lesern als wahrscheinlich — also als etwas, was wahr zu sein scheint — erklärt (Fettdruck aus dem Original-Teaser):

In Niedersachsen haben sich drei junge Frauen das Leben genommen. Wahrscheinlich lernten sich die Mädchen im Internet kennen und planten dort gemeinsam ihren Selbstmord. Die genauen Motive sind noch unklar.

Und woher kommt dieses immer größer werdende Maß an Gewissheit darüber, dass hier für drei junge Frauen das Internet eine so wesentliche Rolle bei der Planung ihres Freitodes spielte? Es kommt jedenfalls nicht aus einem Fortschritt in der immer noch laufenden Ermittlung, wie sich etwas tiefer im Text (und nicht fett, sondern völlig normal gesetzt) nachlesen lässt:

Die Ermittler vermuten, dass sie sich über das Internet verabredeten. Ihre Computer werden in den nächsten Tagen entsprechend ausgewertet.

Ich habe ja keine Lust mehr, in dieser unerquicklichen Geschichte Nachtrag über Nachtrag zu schreiben, aber es ist schon sehr deutlich, wie aus der auffallend (und mutmaßlich bewusst) internetängstlichen Hinzufügung einer Nachrichtenagentur im Laufe des journalistischen Lebenszyklusses der “Story” ein immer größeres Maß an Gewissheit bei gleichzeitigem Fehlen jeder halbwegs gesicherten Kenntnis über die wirkliche Vorgeschichte der Tat wird. Und ganz wichtig: Internet und Selbstmord, Selbstmord und Internet — immer schön zusammen nennen. So entsteht der von den Herausgebern der Zeitungen gewünschte Eindruck. So, und nur so.

Nachtrag Vier

Die Waldeckische Landeszeitung / Frankenberger Zeitung nötigt mich jetzt zum Schreiben des vierten Nachtrags, denn sie hat sich eine weitere nicht vorhandene “Information” ausgedacht und lediglich durch ein Fragezeichen als die pure Spekulation gekennzeichnet, die sie ist. Eine “Information”, die so richtig Angst vorm Internet ausbreiten kann (und wohl auch ausbreiten soll):

Gemeinsam sterben – mit Anleitung aus dem Internet? Drei Teenager haben sich in einem Wald bei Cloppenburg das Leben genommen. Sie hatten sich möglicherweise in einem „Suizidforum“ zum Selbstmord verabredet.

Das hatten wir noch nicht. Dass es im Internet Anleitungen dafür gibt, wie man sein als widerwärtig und quälend empfundenes Leben beenden kann. Oder diesen Gedanken etwas in der vom Schreiber mutmaßlich erwünschten Richtung weitergedacht: Ohne Internet wären die drei jungen Frauen noch am Leben, weil sie gar nicht gewusst hätten, wie man sein Leben beendet. Das ist ja ansonsten ganz großes Geheimwissen, das nur eine Handvoll Eingeweihte in Zeitungen, Romanen, Filmen, Fernsehproduktionen oder der Bibel finden können.

Das ist aber auch gefährlich und mörderisch, dieses Internet!

Abschalten! Weg damit! Wenn nur ein einziges Leben gerettet wird (selbst, wenn der Mensch mit diesem Leben darauf gern verzichtet), ist das kein zu großes Opfer!

Ich werde langsam fast so zynisch wie die Journaille und habe wirklich keine Lust mehr, dieses Thema zu verfolgen.

Abschließender Nachtrag, 26. August, 10 Tage später

Ich habe trotz meiner wachsenden Unlust versucht, das mediale Echo dieses kollektiven Suizides weiterhin über Google News zu verfolgen.

Nur: Das Thema “Internet-Selbstmord” verschwand plötzlich. Es gab jetzt eine Woche lang keine einzige Meldung mehr. Was bei der forensischen Analyse des Computers herausgekommen ist — zumindest die Frage, ob gewisse Forensites in der History des Browsers erscheinen und ob Anmeldecookies von Forensites im Browser gespeichert sind, lässt sich mit einem Analyseaufwand von höchstens zwei Stunden ermitteln — scheint nicht mehr von Interesse zu sein. Es gibt offenbar keine Nachfragen bei den Ermittlern, kein Verlangen, über diese Gruselstory Internet macht junge Frauen zu Selbstmördern weitere Details zu berichten.

Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Genau, wie der Apparat der Contentindustrie über die Hintergründe des kollektiven Freitodes nur spekulieren konnte — und dies auch tatkräftig gemacht hat.

Ich kann nichts anderes annehmen, als dass die voranschreitenden polizeilichen Erkenntnisse die so schlagzeilenträchtigen und horrorgeilen Mutmaßungen nicht bestätigen konnten. Dass sie einfach nicht mehr spektakulär genug waren, um damit Papier zu bedrucken, mit dem in Wirklichkeit Werbung an die Leser gebracht werden soll. Dass sie auch nicht mehr geeignet waren, diese dumpfe Angst vor dem Internet zu schüren, die so gern und bereitwillig von der Journaille geschürt wird. Ja, um es zynisch zu sagen: Dass die drei Leichen jetzt ihre Schuldigkeit getan haben, weil ja ein paar Tage lang die Wörter “Internet” und “Selbstmord” schön in einem Kontext gestellt werden konnten, der nachhaltige unbewusste Ängste auslöst. Eine mögliche Korrektur oder Relativierung dieser gesäten unbewussten Ängste ist hingegen nicht erwünscht.

Und jetzt ist halt die Zeit für andere Themen in der Zeitung. Und neben den “Themen”, die überwiegend direkt aus dem NITF-Ticker der großen Agenturen übernommen werden, dass die Blätter fast so gleichgeschaltet klingen wie in einer Diktatur, steht die Reklame mit ihren photoshopretuschierten Frauenbildern. Mit Bildern, die so surreal sind, dass ich immer wieder miterleben musste, wie bildhübsche Frauen wegen dieser Vorlage völlig zugekokster Werber ein dermaßen gestörtes Selbstbild entwickelten, dass sie ernsthaft depressiv wurden und sich deshalb medizinisch behandeln lassen mussten.

Ja, eine hat sogar versucht, sich die Pulsadern aufzuschlitzen. Sie fand sich “hässlich” und “zu dick”. Sie hatte übrigens bei Einlieferung in die Klinik acht Kilo Untergewicht.

Aber das ist ein anderes Thema. Und die Assoziation “Selbstmord und Internet” ist jetzt erstmal von der gleichen Journaille, die ihr Geschäft mit dem Transport dieser Werbung macht, in die Gehirne gestreut worden.

Und morgen schon versuchen die Lobbyisten der Contentindustrie wieder, ein so genanntes “Leistungsschutzrecht” für ihre Elaborate durchzusetzen. Damit sie auch dann so weitermachen können, wenn kaum noch jemand diesen täglichen Zynismus und diese zuweilen unfassbare Menschenverachtung seinem Leben hinzufügen möchte. In ihren Leitartikeln werden sie allerdings weiterhin von den Kräften des “freien Marktes” sprechen…

Weiterer Nachtrag, nur eine Stunde später

Es könnte dazu kommen, dass die Geschichte noch einmal hochgekocht wird, denn die drei jungen Frauen (warum schreibt eigentlich alles “Mädchen”, um sie “niedlicher” zu machen und ihre “Kindischkeit” zu betonen) haben sich vorher über so genannte “soziale Netzwerke” und Webforen ausgetauscht.

Erfreulicherweise hat die Polizei keine Einzelheiten preisgegeben. Das heißt: Alles, was eventuell in den nächsten Stunden zu diesem Thema geschrieben wird, geht nicht auf das heute veröffentlichte Ergebnis der forensischen Untersuchungen zurück. Im besten Fall ist es Recherche, und im schlimmsten Fall ist es reine Fantasie.

Nachtrag Sechs, 5. Oktober 2011

Inzwischen hat das Thema auch das Fernsehen in Form von “Spiegel TV” erreicht, und wie unpassend es dort aufbereitet wurde, kann man am besten im Bildblog nachlesen. Bei den meisten Zuschauern wird freilich nur dieser eine Eindruck in Erinnerung bleiben:

In zahlreichen Selbstmordforen würden Ratschläge angeboten, “die in ihrer Ausführlichkeit an Bedienungsanleitungen erinnern” [...]

Gegen den Betreiber der Seite [...] können deutsche Behörden übrigens nur schwer vorgehen, eben weil er seinen Sitz auf den Bahamas, sprich: im Ausland, hat.

Dies natürlich eingebettet in den üblichen psychischen Manipulationsapparat einer Fernsehproduktion, in bewegende Bilder und emotionalierende Musik. Damit es besser wirkt. Schließlich soll ja die große Internetangst ausgebreitet werden.


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