Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Februar, 2012

Die große Gefahr für alle Grundrechte

Das weltweite Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land auszuhöhlen. Das gilt insbesondere für das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit in Artikel Fünf — eine wesentliche Grundlage unserer funktionierenden Demokratie — und es gilt letztlich auch für den Kernsatz unserer Verfassung, den Artikel Eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar

Dr. h.c. Joachim Gauck (parteilos), Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, zitiert nach Fefe

Na dann, Blindfisch for President! Dass ausgerechnet das Internet eine Bedrohung des Grundrechts auf Freie Meinungsäußerung sein soll, ist eines der blindesten Worte gegen das Internet, die ich je gehört habe — grob vergleichbar mit der kühndoofen Behauptung, dass Licht das Sehen verhindert.

Nachtrag 8:50 Uhr

Was ich eigentlich statt des Befüllens des Blindfisch-Aquariums hätte schreiben sollen, aber deshalb nicht geschrieben habe, weil ich bei der ausführlichen Auseinandersetzung mit betonfundamenthafter Idiotie selbst zum Idioten zu werden drohe, steht unter anderem in der Telepolis, bei F!XMBR und bei Indiskretion Ehrensache. Es wird vermutlich im Laufe des Tages noch einiges dazukommen.


Acta soll Urheberrecht international durchsetzen

Internet
Darum geht’s:Acta soll Urheberrecht international durchsetzen

Das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (Acta) ist ein internationaler Handelspakt mit dem Ziel, Urheberrechte auch international durchzusetzen. Das Abkommen gegen Produkt-Piraterie ergänzt das TRIPS-Abkommen von 1994 im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO).

Der Acta-Vertrag geht auf eine Initiative der USA und Japans aus dem Jahr 2006 zurück. Kritiker sehen in dem Abkommen eine Einschränkung von Freiheitsrechten im Internet. Viele User haben zum Beispiel die Sorge, dass sie nicht mehr so leicht Filme oder Musik aus dem Internet herunterladen können, dass ihre Daten dabei an Dritte weitergegeben werden oder dass sie saftige Strafen zahlen müssen.

Focus Online — Darum geht’s: Acta soll Urheberrecht international durchsetzen
Diese Meldung wurde von der DPA übernommen

Kommentar

Nein, Focus Online, nein, DPA, es geht nicht darum, “dass man nicht mehr so leicht Filme oder Musik aus dem Internet herunterladen” kann, wie ihr es hier schambefreit schreibt, um eure Leser so richtig für dumm zu verkaufen. Es geht darum, dass unter den Bedingungen des gnadenlos unscharf formulierten ACTA-Abkommens die Zugangsprovider für eventuelle Urheberrechtsverstöße der Nutzer haftbar gemacht werden könnten. Die einzige halbwegs sichere Vorgehensweise für Zugangsprovider wäre es in solcher Situation, den gesamten Netzverkehr zu überwachen und in einer für Nutzer nicht nachvollziehbaren Weise scheinbare und wirkliche Urheberrechtsverletzungen zu unterdrücken.

Nehmen wir nur mal ein Beispiel, Focus Online und DPA. Ich habe eure sehr durchschaubare Propaganda mit einer vorsätzlich falschen und verunglimpfenden, da kriminalisierenden Behauptung hier im Alarmknopf zitiert. Das ist bereits eine Urheberrechtsverletzung. Die Dokumentation dieser… sorry… unsäglichen Lügenpropagandaschmiererei durch eine Contentindustrie, der durch den Verlust ihres Oligopols auf eine Infrastruktur zur Anfertigung von Kopien ihr Geschäftsmodell dahinschwindet, ist allerdings ohne Zitate nicht möglich. Das hier eingangs wiedergegebene Zitat einer DPA-Meldung könnte also bereits dazu führen, dass diese Website von Zugangsprovidern vorauseilend unsichtbar gemacht wird. Welche Auswirkungen ein solches Verschwinden von Inhalten auf die Möglichkeiten zur Meinungsbildung und damit zur politischen Willensbildung hat, brauche ich hoffentlich nicht weiter auszuführen.

Mag man eingestehen, dass Zitate in einem gewissen Rahmen noch möglich sein sollen, so geht es aber gleich weiter. Ein Zitat, dass ich nicht mit einer Quellenangabe belegen kann, ist wertlos. Ich könnte mir das Zitat genausogut einfach ausdenken. Beim Belegen von Druckwerken habe die bibliographischen Angaben zur Verfügung, die die verwendete Quelle so genau wie möglich dokumentieren. Im Web bliebe mir nur der Hyperlink auf eine Resource, die außerhalb meiner eigenen redaktionellen Verantwortung liegt und sowohl verändert werden kann als auch völlig verschwinden kann. Die Erfahrung lehrt mich dabei, dass gerade auf den Websites der Contentindustrie (TV-Sender, Zeitschriften und Zeitungen) Inhalte ohne Hinweis nachträglich geändert oder auch einmal völlig entfernt werden, so dass die Verwendung eines Zitates aus solcher Quelle erfordert, dass ich die Quelle archiviere. Ich verwende hier zu diesem Zweck WebCite, ein Archivierungsdienst, der nicht nur mir den Beleg eines Zitates gestattet, sondern zum Beispiel wissenschaftliches Arbeiten mit Internetquellen überhaupt erst ermöglicht. Nun ist das Angebot von WebCite — im Lichte des gegenwärtigen Rechtes betrachtet — eine reine Urheberrechtsverletzung; es wird eine Kopie eines im Web veröffentlichten Werkes angelegt, dauerhaft archiviert und im Web zur Verfügung gestellt.

Dieser in EU-Fischereiausschuss klandestin beschlossene Irrsinn namens ACTA könnte leicht zur Folge haben, dass Dienste wie WebCite gesperrt werden. Sowohl wissenschaftliche Arbeiten als auch allgemeine Dokumentationen könnten dann ihre Zitate aus Webresourcen nicht länger zuverlässig mit Quellen belegen. Es könnte also — und das ist nur ein einziges Beispiel — dazu kommen, dass wissenschaftliche Arbeiten und allgemeine Dokumentationen sich nicht mehr des riesigen Inhaltsschatzes aus dem Internet bedienen können. Eine riesige Sammlung von kollektivem Wissen würde aus dem ernsthaften Diskurs verschwinden. Und das nur, weil die Lobbyisten der Contentindustrie mit recht künstlichen Regulierungen des Internet einen längst technisch überwundenen Zustand mit gesetzgeberischer Gewalt wiederherstellen wollen, in dem eine kleine gesellschaftliche Minderheit über die Produktionsmittel zur Anfertigung von Kopien verfügt.

Welche gesellschaftlichen Folgen diese Fortschrittsverhinderung haben kann, ist an diesem kleinen Beispiel hoffentlich deutlich geworden.

Das Herunterladen von Filmen und Musik freilich, das Nutzen der billigen und allgegenwärtig gewordenen technischen Möglichkeit zur Anfertigung von Kopien, es wird sich freilich nicht ohne willkürliche, entrechtende, kriminalisierende und fortschrittsverhindernde Gewalt in Form einseitiger und absurder Gesetzgebungsverfahren und/oder internationaler “Abkommen” unterdrücken lassen — schön an allen Menschen vorbei, denen der Fortschritt der letzten Jahre eine spürbare Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen gewährt hat. Ganz so, als hätte man damals die Kutschenbauer retten wollen, indem man Autos verbietet oder ihre Nutzung so strikt reglementiert, dass es für die Mehrzahl der Menschen einem Verbote gleich kommt.

“Schön”, wie die Contentindustrie mit so durchschaubaren Propagandalügen erkennen lässt, dass sie den Fortschritt hasst und sich in diesem Hass gegen die Menschen stellt, denen sie doch etwas verkaufen will. Damit es auch jeder bemerken kann, und damit auch jeder die richtigen persönlichen Schlüsse daraus ziehen kann.

Nachtrag 27. Februar 11:44 Uhr

Auch RP Online verarscht ihre Leser erklärt ihren Lesern die Motive der Demonstranten:

[...] Die Aktivisten fürchten, dass bei jedem heruntergeladenen Film gleich ihre Daten weitergegeben werden und ihnen saftige Strafen drohen.


Über 37 Millionen E-Mails mitgelesen

Diverse Medien der Contentindustrie gaben die (zweifelhafte) Zahl der (stets fragwürdigen) Bildzeitung wider, dass die Geheimdienste der BRD im Jahre 2010 über 37 Millionen E-Mails mitgelesen hätten. Die Auswahl der Mails wurde angeblich anhand von Schlüsselwörtern wie “Bombe” getroffen. Diese beachtliche Menge an Lesestoff aus privater Kommunikation von Menschen führte nach (zweifelhaften) Angaben der Bildzeitung insgesamt zu 213 verwertbaren Hinweisen für die Geheimdienste.

Sollten sich die (zweifelhaften) Angaben der Bildzeitung bestätigen, so ist damit publik geworden, dass Methoden der Rasterfahndung von deutschen Inlandsgeheimdiensten regelmäßig angewendet werden, dass die private Kommunikation von Menschen in der BRD standardmäßig analysiert und nach verhältnismäßig einfachen Mustern zur Lektüre durch die Mitarbeiter deutscher Inlandsgeheimdienste ausgewählt wird. Ein Satz wie “Das war ein Schuss wie eine Bombe” in der Wiedergabe eines Fußballspieles ist bereits hinreichend, dass Daten über persönliche Kommunikation und über persönliche Beziehungen durch Inlandsgeheimdienste der BRD gesammelt und möglicherweise analysiert werden. Eine Kontrolle dieser Vorgehensweise durch die Öffentlichkeit findet außerhalb des Geheimdienstausschusses des Deutschen Bundestages nicht statt. Die “Trefferquote” von weniger als 0,006 Promille relevanter Informationen in dieser Menge macht deutlich, dass von Verhältnismäßigkeit bei dieser Maßnahme nicht die Rede sein kann.

Keines dieser Medien hat auch nur einen Hinweis darauf gegeben, wie man seine private Kommunikation vor derartigen Zugriffen sichert — die dafür erforderlichen Techniken und Hilfsmittel stehen seit über einem Jahrzehnt allen Menschen frei zur Verfügung. Keines dieser Medien hat diese (vorgebliche) völlige Unverhältnismäßigkeit einer weitgehenden Überwachung persönlicher Kommunikation zu Anlass genommen, ein kurzes Tutorial zu verfassen, wie man verschlüsselte Mail nutzt. Das ist übrigens verhältnismäßig einfach, denn freie Software zur bequemen Nutzung steht allen Menschen zur Verfügung. Wer zum Mailen den Mozilla Thunderbird verwendet, wird die Verwendung von Enigmail besonders einfach finden. Der zusätzliche Aufwand beim Verfassen einer Mail — ein Klick in ein Menü, der ein Häkchen setzt und die Eingabe einer Passphrase beim Versenden der Mail — ist gering. Jeder kann damit klarkommen.

Alle diese Medien haben durch dieses Verschweigen den Eindruck erweckt, dass man solchen Eingriffe in seine Intimsphäre — ja, ich betrachte persönliche Kommunikation als intim und das heimliche Mitlesen als etwa so übel wie Kameras in der Wohnung — schutzlos ausgeliefert wäre. Das ist nicht der Fall. Jeder kann etwas dagegen tun, dass seine Mails von anderen Menschen als dem geplanten Empfänger gelesen werden können.

Vermutlich haben sich die “Qualitätsjournalisten”, die hier eine recht reißerische Meldung der Bildzeitung wiedergekäut haben, ohne auch nur die naheliegendste Hinzufügung zu machen, sogar noch besonders “kritisch” gefühlt. Sie sind aber einfach nur dumm, oberflächlich und auf reißerische Schlagzeilen über Artikeln aus, die Menschen nicht informieren. Insofern ists durchaus passend, dass allenthalben von der (stets fragwürdigen) Bildzeitung abgeschrieben wird, steht man doch schon längst auf der gleichen qualitativen Stufe.

Disclaimer: Ich habe nur die Berichterstattung der großen Zeitungen und Magazine im Internet betrachtet, vielleicht findet sich ja in mancher Lokalzeitung noch der eine oder andere Journalist, der unter Journalismus etwas anderes versteht, als das Wiedergeben noch der fragwürdigsten Agenturmeldung mit zweifelhafter Quellenlage. Zum Beispiel die Aufklärung der Menschen, damit sie selbstverantwortlich Entscheidungen treffen können. Was ich in den letzten vierzig Minuten vor mir gesehen habe, war jedenfalls ein vollständiges Versagen des Journalismus


Das Nichtraucher-Internet

Eine ähnliche Politik verfolgen viele Staaten der Welt, um die Schäden der öffentlichen Gesundheit durch das Rauchen einzuschränken. Einzelpersonen wird eine gewisse Freiheit gewährt, sich riskant zu verhalten, die gleiche Freiheit sollte Computer-Nutzern zugestanden werden. Gleichzeitig sind Regierungen in der Verantwortung, die Nutzer vor potentiellen Gefahren zu warnen und sie davon abzuhalten, andere zu infizieren. Der gleiche Gedanke steckt hinter der Einführung von Nichtraucher-Zonen. Dadurch hat die Regierung die Verantwortung, zu gewährleisten, dass das Internet ein öffentlicher Raum wie jede andere ist, den jeder betreten kann, ohne seine Gesundheit zu gefährden.

But Klaasen, Sozialliberale Partei der Niederlande
Zitiert nach Netzpolitik

Willkommen bei den Blindfischen!

Quelle des Bildes: Wikimedia. Das verwendete Bild ist gemeinfrei. Eine größere Version meiner trivialen Nachbearbeitung steht zum freien Download zur Verfügung. Share and Enjoy!


Megaupload war keine Tauschbörse

Internet-Tauschbörse: Kim Dotcom auf Kaution aus U-Haft entlassen

Kommentar

Nein, Hamburger Abendblatt, dieses “Megaupload” war keine Tauschbörse (wie etwa alle Peer-to-Peer-Filesharing-Dienste vom ollen Gnutella über eDonkey, eMule, Manolito, FastTrack bis hin zu BitTorrent), sondern ein Sharehoster. Es war ein zentraler Serverpark, bei dem Menschen Dateien hochluden und wieder runterluden. Kein Netzwerk gleichberechtigter Rechner zum Austausch von Daten. Ohne auch nur die Spur eines Tauschgedankens dahinter. Oder noch einmal: Etwas fundamental anderes.

Und nein, Hamburger Abendblatt, das ist keine Haarspalterei. Die Verwendung zutreffender Begriffe, die klare Trennung begrifflicher Kategorien ermöglicht erst das vernünftige Nachdenken über diese Erscheinungen des Internet, und damit auch erst den verantwortungsvollen Umgang mit diesen Erscheinungen. Der zentrale Serverpark namens Megaupload war nämlich kommerzialisierbar, und Kim Schmitz hat sich eine goldene Nase mit den nicht lizenzierten Kopien anderer Menschen verdient. Eine dezentrale Tauschbörse ist nicht kommerzialisierbar, weil ihr nicht ein Client-Server-Modell zugrunde liegt, sondern ein Peer-to-Peer-Modell.

Ich kann verstehen, dass ihr als Vertreter der Contentindustrie solche völlig verschiedenen Dinge zusammenkippen wollt, um die Empörung über einen Großverbrecher wie Kim Schmitz auf Dinge auszuweiten, mit denen er nichts zu tun hat. Aber eure hier angewendete Propagandamethode wirkt auf jeden, der auch nur grundlegende Kenntnisse hat, so, als würdet ihr ein Auto mit einem Paar Turnschuhe verwechseln, weil man sich ja mit beidem fortbewegen kann. Oder als brächtet ihr einen Volksentscheid mit dem Erlass eines Königs durcheinander, weil eben beides eine Regelung in der Gesellschaft begründet. Oder eben so, als sprächet ihr vom Netz wie ein Blinder vom Licht.

Ach, ihr wendet euch damit an die Unwissenden, damit sie unwissend bleiben und jeder weiteren Fehlinformation aufsitzen? Damit ihr ihnen zum Beispiel vielleicht morgen schon erzählen könnt, Suchmaschinen begingen Urheberrechtsverletzungen, weil man damit — Achtung! Ganz geheimer Geheimtipp! — nicht-linzenzierte Kopien¹ finden kann? Presse eben, ich hätte es mir gleich denken können!

¹Wenn man diese einfache Vorgehensweise mit ein paar späteren Produkten der Musikindustrie ausprobiert, landet man allerdings leicht bei zwielichtigen Fakeseiten, deren Betreiber zu wissen scheinen, dass zumindest von einigen Menschen auf diese naheliegende Weise gesucht wird.


Die meinungsfreudige Gemeinde

Bundespräsident
Die Internet-Gemeinde senkt den Daumen

Jetzt könnten sie ihre T-Shirts mit dem Konterfei von Joachim Gauck wieder herausholen: “Yes, we Gauck!” Doch viele der meinungsfreudigen Internetnutzer, die sich im Sommer 2010 vehement für Christian Wulffs damaligen Gegenkandidaten ausgesprochen hatten, sehen den Ex-Pfarrer heute viel kritischer.

Berliner Morgenpost: Die Internet-Gemeinde senkt den Daumen

Kommentar

“Internet-Gemeinde” ist in erster Linie ein dümmlicher Neusprech. Dass man den Menschen, die man hier als “Gemeindemitglieder” — also nur notdürftig verlarvt als Sektierer — bezeichnet, schon im Teaser den hämischen Spott entgegen bringt, dass sie angesichts ständiger Zensurbestrebungen, Kriminalisierungen und Beschimpfungen durch Journaille und classe politique “meinungsfreudig” seien, ganz so, als sei bei solchen offenen Anfeindungen die Gegenwehr und das Vertreten des eigenen Standpunktes eine Freude, ist eine qualitätsjournalistische Dreistigkeit, die ich gar nicht weiter beleuchten will — zumal hier auch ein Stück Heiterkeit in der mitschwingenden Widerspiegel liegt, dass jenes gute Viertel der Menschen in der BRD, die aus dem einen oder anderen Grund kein Internet nutzen, offenbar keine Freude an der Entwicklung einer eigenen Meinung hätten; dies vielleicht ja deshalb, weil diese Menschen allein auf den täglichen Auswurf der Glotz- und Printmedien zurückgeworfen sind.

Das Internet ist eine ganz gewöhnliche technische Vorrichtung geworden. Drei Viertel der Bevölkerung haben in der einen oder anderen Weise daran teil — und zwar in der Regel auf eine Weise, die sehr persönlich und somit individuell geprägt ist. Ob sie chatten, Web-2.0-Angebote nutzen, sich informieren, selbst Angebote im Internet machen: Sie entdecken, was sie persönlich tun können, und viele entdecken dabei auch, dass sie mit ihrem Fühlen und Erleben nicht allein dastehen, obwohl dieses Fühlen und Erleben in den Machwerken der Contentindustrie keine Rolle spielt. Hier von einer “Gemeinde” zu sprechen, drängt sich nicht gerade von selbst auf, sondern ist schon ein ausgesprochen vorsätzlich unpassendes Bild. Weder ist es eine kleine, verschworene Sekte mit obskuren Glaubenssätzen, noch ist es ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt. Es käme auch niemand auf die Idee, andere häufige Nutzungen einer verfügbaren Technik mit so einem Wort zu belegen, es spräche oder schriebe zum Beispiel niemand von einer “Telefon-Gemeinde”, einer “Autofahrer-Gemeinde” oder von einer allgemeinen “Zeitungsleser-Gemeinde”. Bei solcher Wortwahl wäre das Absurde und latent Verunglimpfende darin so offensichtlich, dass sich noch der miesteste Schreibtischtäter bei den Zeitungen schämen würde, wenn er seinen Text vor der Veröffentlichung nur einmal kurz querläse.

Dennoch stolpere ich in den letzten Tagen immer häufiger über dieses Beispiel qualitätsjournalistischen Neusprechs. Die “Internet-Gemeinde” — häufig mit Bindestrich geschrieben, damit das Wort “Gemeinde” darin durch die Majuskel um so deutlicher zutage tritt — hat das inzwischen zur Lächerlichkeit abgenudelte Schmähwort von der “virtuellen Welt des Internet” ersetzt, das übrigens einer für drei Viertel der Menschen in der BRD alltäglichen Sache die Realität abspricht — dabei wird natürlich völlig davon abgesehen, dass in dieser vorgeblich “virtuellen Welt” von etlichen Unternehmern und einigen großen Kapitalgesellschaften ausgesprochen reale Gewinne in teilweise beträchtlicher Größenordnung erwirtschaftet werden. An die Stelle der sprachlichen Existenzleugnung ist eine in ihrem Ton unüberhörbar mürrische sprachliche Anerkennung der Existenz getreten, die jedoch mit einem Begriff, der deutliche Konnotationen des Sektiererischen und Kleinen — und damit tendenziell Pathologischen, Unwesentlichen und Unbeachtlichen — aufweist, wieder weitgehend verneint wird.

Nur eines dürfen diese drei Viertel der Menschen in der BRD für die Journalisten niemals sein, wenn sie in der im Internet üblichen Offenheit — und zugegebenermaßen: häufig auch Plumpheit und mangelnden Reflexion — ihre Gedanken austauschen und ihre Lebenssituation, ihre Hoffnungen, ihre Befürchtungen, ihre Analysen, ihre Witze mitteilen: Internetnutzer. Menschen, die das Internet nutzen. Völlig verschiedene Menschen, vom jugendlichen Nazis über intellektuelle Rechtsextreme¹ über eine breite Schicht bürgerlich gesinnter Menschen über politische Aktivisten aus allen Lagern über Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten. Natürlich sind darunter auch die crackpots aller Coleur, auch die Sektierer, auch die Religiösen, auch einige besonders wirre Verschwörungstheoretiker — und ebenso natürlich die Menschen, die Gegenstandpunkte zu den zuweilen kruden Ansichten aus diesem Lager vertreten. Das Internet ist ein Spiegel der kompletten Vielfalt der Gesellschaft, und es steht damit in deutlichem Gegensatz zur Einfalt des redaktionell und agenturzentral gewünschten Spiegelbildes derselben Gesellschaft in der Contentindustrie. Es ist das demokratischste Medium, dass die industrielle Revolution jemals hervorgebracht hat, und genau das ist ein wünschenswerter Fortschritt.

Was im Internet freilich anders ist als vorher: Es ist den Menschen durch die gefühlte Anonymität, die allgemeine Verfügbarkeit von Inhalten und den hergerichteten Räumen für eine Stellungnahme möglich geworden, völlig andere Standpunkte, ethische Grundsätze und Weltanschauungen zu erfahren; ein Erleben, das natürlich eigene Standpunkt in Frage stellt und zum Denken, zur Selbstreflektion, zur Kritik, zum Widersprechen anstachelt. In genau dieser Eigenart ist das Internet das Gegenteil einer “kleinen, verschworenen Gemeinde” von sich selbst untereinander bestätigenden Sektierern, es entspricht sowohl in seinen Erlebnismöglichkeiten als auch in seiner kulturellen Vielfalt eher einer großen Metropole, in deren Treiben sich beinahe die gesamte Buntheit des menschlichen Seins und Erfahrens zeigt — mit allen Freuden, allem Elend, aller nie in Galerien vermarkteten Kunst, aller Lust, aller Kraftlosigkeit, aller Krankheit.

Und deshalb ist das Wort “Internet-Gemeinde” so unpassend — aber doch durch seine zurzeit recht häufige Verwendung in seiner hirnfickenden Absicht auch so deutlich, dass jeder halbwegs wache Mensch, der im Internet nicht nur die Websites seines Versandhauses und der Springerpresse sieht, diese Absicht auch bemerken wird.

Nachtrag 20:55 Uhr: Das Handelsblatt versucht diesen Neusprech in einem Kommentar zu rechtfertigen und schreibt dabei nichts Substanzielles, sondern nimmt einfach seine Deutungshoheit als journalistisches Produkt in Anspruch. Anders, als das Handelsblatt in seinem Kommentar deutelt, wird der Begriff nicht neuerdings “gerüffelt”, weil einige — sorry — Frontfressen aus der Alpha-Bloggeria damit angefangen haben, sondern weil dieser diffamierende Neusprech als Ersatz für die vorherige, fad gewordene Verunglimpfung “virtuelle Welt” erst seit relativ kurzer Zeit in aktivem Gebrauch ist. Und in der Tat: In Gebrauch durch Leute, die es lieber hätten, wenn das Internet einfach wieder wegginge… das zumindest ist richtig beobachtet.

¹Ich weiß, dass das Wort “intellektuelle Rechtsextreme” nicht glücklich gewählt ist, finde jedoch auch nach längerem Nachdenken kein besseres Wort.


Für die eigene Zerstörung eintreten

Berlin (ots) – Die ARD-Vorsitzende, Monika Piel [...] sowie ZDF-Intendant, Prof. Markus Schächter, fordern die Bundesregierung gemeinsam dazu auf, das ACTA-Abkommen zum Schutz vor Internetpiraterie ohne weitere Verzögerung wie bereits beschlossen zu unterzeichnen und mit größerem Nachdruck als bisher eine zukunftsorientierte Reform des Urheberrechtes sowie dessen Schutz im digitalen Zeitalter in Angriff zu nehmen. Hierzu zählt auch eine Verbesserung der urheberrechtlichen Rahmenbedingungen für legale Angebote.

Presseerklärung — ACTA-Abkommen: Deutsche Content Allianz fordert Bundesregierung zur konsistenten Positionierung zum Urheberrecht auf

Kurzkommentar

So so, ARD und ZDF stehen also in breiter Front zusammen mit der Contentindustrie im Kampf gegen die Menschen für die Rechte der Contentindustrie mit ein, und wenn die noch so klandestin und antidemokratisch im EU-Fischereiausschuss ausgemauschelt werden und zu einer Privatisierung und Verwillkürlichung der Rechtsdurchsetzung an so genanntem “geistigen Eigentum” führen. Damit ARD und ZDF auch weiterhin von dümmlich dreisten Sonderrechten benachteiligt werden und im Internet immer wieder einmal so aussehen:

Mit dem 01.09.2010 musste tagesschau.de rund 80 Prozent seiner Archivinhalte depublizieren

Dann “depubliziert” mal schön weiter und vertretet nicht einmal eure eigenen Interessen oder die Interessen eurer Zuschauer, sondern macht ganz deutlich, wie weit die Verbananung der Bundesrepublik schon gediehen ist!

Damit es auch jeder versteht.


Jugendschutz durch Sendezeit

Das liegt an den Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags, der einen bundesweit einheitlichen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor ungeeigneten Inhalten in Rundfunk und Telemedien vorsieht. Er schreibt Website-Betreibern vor, problematische Inhalte durch Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel Überprüfung der Personalausweisnummer oder Sendezeitbegrenzung aus dem Aktionsradius von Kindern auszugrenzen

Focus Online — Internet: Software soll Kinder beim Surfen schützen

Ach, was will ich viele Worte zu “Staatsverträgen” machen, die im Internet von “Sendezeiten” sprechen und von Kommissionen, die solche “Staatsverträge” mit absurden Filterprogrammen und irgendwann durchgesetzten Auszeichnungszwängen für bundesdeutsche Websites für jeden Menschen verpflichtend machen… platsch! Willkommen bei den Blindfischen!


Wie das Klauen im Laden

Klauen ist klauen, ganz egal, ob im Laden oder im Internet

Sigmar Gabriel, Parteivorsitzender der SPD

Kurzkommentar

Und kopieren ist kopieren, ganz egal, ob im Laden oder im Internet, Herr Gabriel. Wenn ich im Laden einfach einen Sack Kartoffeln kopiere, hat der Ladeninhaber noch seinen Sack Kartoffeln, und ich muss auch nicht Hungers leiden. Eine wunderbare Lösung für das ganze Welthungerproblem. Leider geht das Kopieren im Laden nicht, genau so wenig, wie das “Klauen” im Internet geht.

Oder wollen sie jetzt unbeleckt von auch nur der kleinsten Spur technischer Ahnung jeden Kopiervorgang als Diebstahl betrachten? Da können sie das Internet auch gleich abschalten, denn es würde ohne die ständige Anfertigung von Kopien gar nicht funktionieren. Und wenn sie einmal hören möchten, welche Fallstricke unter den Bedingungen des derzeitigen Urheberrechtes noch mit der einfachsten und natürlichsten Techniknutzung verbunden sind, dann fragen sie doch bitte einmal ihren Kollegen Sebastian Edathy aus dem Rechtsausschuss. Aber wundern sie sich nicht, wenn er ihnen anempfiehlt, ihn am Arsche zu lecken.

Nachtrag 15. Februar, 2:55 Uhr

Nicht nur, dass nichts verschwindet und folglich auch nichts geklaut wird, gemäß einer aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Studie ist für die Filmindustrie kein wirtschaftlicher Schaden durch nicht-lizenzierte Kopien in den USA feststellbar. Allerdings gibt es außerhalb der USA einen Schaden in der Größenordnung von sieben Prozent, der vor allem solche Filme betrifft, die nur mit großer Verzögerung gegenüber der Veröffentlichung in den USA legal erhältlich sind. Oder anders gesagt: Die von der Filmindustrie halluzierten Verluste sind reine Propaganda, die bei Betrachtung der Fakten erheblich relativiert werden muss — und es würde mich nicht überraschen, wenn sich für die Musikverleger etwas Ähnliches ergibt.


Bei der Arbeit (Symbolbild)…

Weil ich ja neulich über diese Symbolbilder für Internetthemen geschrieben habe, die nicht eingefügt werden, weil sie einen Mehrwert für den Artikel bringen, sondern weil das Layout der Journaille-Seiten einen Platz für ein Foto vorsieht, warf ich heute mal einen Blick in mein Archiv und fand ein etwas älteres (September 2010), aber dafür ganz außergewöhnlich bescheuertes Beispiel eines “Internetbetrügers bei der Arbeit”:

Internet-Betrüger bei der Arbeit (Symbolbild). Viele werden Opfer, weil sie sich nicht schützen

Spiegel Online — Online-Kriminalität: Internet-Betrüger finden immer mehr Opfer

Da “werden also viele Opfer, weil sie sich nicht schützen”. Ich will nur hoffen, dass nicht viele Spiegel-Leser Opfer der Abzocker, Betrüger und Phisher werden, weil sie sich schützen, indem sie die ganze Zeit Ausschau nach irgendwelchen Fremden mit einer weißen Maske vor ihrem Computer halten. :mrgreen:


Eine ganz neue Masche

Achtung, was jetzt folgt, ist ein Text vom gestrigen Tag, dem 10. Februar 2012. Es ist kein verfrühter Aprilscherz. Es ist der in Focus Online kopierte Auswurf der DPA, der so jeck klingt, dass ich beinahe fassungslos bin:

Internet: Neue Masche: Kreditkarten-Betrug im Netz
Freitag, 10.02.2012, 14:20

Betrüger versuchen zurzeit mit einer neuen Masche, Mastercard-Kunden übers Internet die Daten ihrer Kreditkarte zu entlocken. Verbraucher sollten auf der Hut sein.

Die Thüringer Verbraucherzentrale vor einer Welle von E-Mails, die Verbraucher auffordern, ihre Kartennummer und den dazugehörigen Sicherheitscode oder weitere Informationen preiszugeben. Dazu täuschten die E-Mails eine Sperrung der Kreditkarte vor, als Absender würden Mastercard oder eine Bank angegeben. Diese kriminelle Methode ist als Phishing bekannt. “Seriöse Finanzdienstleister fordern ihre Kunden niemals per E-Mail auf, geheime Daten im Internet einzugeben”, hieß es in der Erklärung.

Focus Online — Internet: Neue Masche: Kreditkarten-Betrug im Netz

Kommentar

Es fällt mir schwer, sachlich zu bleiben. Ich glaube, ich lasse es einfach bleiben.

Diese gar nicht so “neue” Masche nennt man Phishing. Sie ist eine der ältesten Betrugsformen im Internet, ungefähr so alt wie die Verbindung eines AOL-Accounts mit einem Internetzugang, die der seligen Zeit des Internet ein schmerzhaftes Ende unter den stampfenden Füßen bespaßungssuchender Barbaren bereitete.

Der erste bekannt gewordene Phishing-Versuch im Internet fand am 2. Januar 1996 als Posting in der Usenet-Gruppe alt.online-service.america-online statt, weil die Betrüger sich dort offenbar die besten Chancen ausrechneten, auf leichtgläubige und zur Dummheit neigende Opfer zu treffen. Vermutlich war dies eine Überlegung, die zum Erfolg führte. Diese simple Betrugsmethode wurde seitdem immer wieder angewendet, häufig über E-Mail, oft aber auch über ICQ, Twitter, MySpace und andere Internet-Dienste mit einer hohen “Deppendichte”. Einen Einblick in die Phishing-Versuche der letzten Jahre bis zurück ins Jahr 2007 kann man zum Beispiel gewinnen, indem man die Kategorie “Phishing” in “Unser täglich Spam” durchblättert.

Wenn ein professioneller Schreiber in Diensten der Deutschen Presseagentur am 10. Februar 2012 schreibt, dass es sich beim Phishing um eine “neue Masche” handelt, dann belegt dieser professionelle Schreiber durch den dabei gewählten Ausdruck, dass er die Entwicklung der letzten sechzehn Jahre nicht mitbekommen hat und folglich nicht über die Spur einer Ahnung zu dem Thema verfügt, über das er schreibt. Dieser Mangel an Kompetenz hat ihn allerdings nicht vom Schreiben abgehalten, was ein interessantes Licht auf die anderen Meldungen der Deutschen Presseagentur wirft — es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass diese mit mehr Sorgfalt, Wissen und Fähigkeit geschrieben werden. Dass “Focus Online” solche Strunztexte offenbar unbesehen in seine Website übernimmt — oder noch schlimmer: Nicht bemerkt, was für ein Müll von der DPA verzapft wird — wirft ebenfalls ein interessantes Licht auf den qualitativen Anspruch eines Mediums, das sich selbst am liebsten als ein Produkt des “Qualitätsjournalismus” sieht. Stimmt, dieser Journalismus hat eine Qualität. Und was für eine!

Ach, bei den Blindfischen ist Platz für alle.


O2: Sechzig Euro im Jahr für Nix

Screenshot der Internet-Versicherung von O2

Quelle des Screenshots: Ein [hier vorsätzlich nicht verlinktes] Angebot von O2

Es ist leider nicht leicht möglich, dieses “tolle” Werk eines “Internet-Programmierers” (das übrigens auf einigen Browsern Darstellungsfehler hat) dauerhaft zu archivieren. Einen genaueren Eindruck der Werbung für diese “Internet-Versicherung” vermittelt die Ansicht des Screenshots in Originalgröße.

Kommentar

Das ist doch eine tolle Versicherung, die das finanzielle Risiko für alle nur denkbaren Schäden durch die gegenwärtige Internet-Kriminalität für nur fünf Euro im Monat abfedern soll. Mit den schönen Worten “Beruhigend, nicht wahr?” unter der aufwändig erstellten Reklame.

Da fragt Mitmensch Dumm sich doch gleich: Darf ich jetzt endlich wieder das Internet in total idiotischer Weise benutzen, in jede Spammail reinklicken, überall meine persönlichen Daten eingeben, irgendwelchen Dienstleistern meine Kontodaten oder Kreditkartennummern zustecken und O2 zahlt die ganzen Schäden, die mir dabei entstehen?

Nun gut, bei solchen Angeboten gibt es das Große und Bunte aus der verlogenen Reklame, mit dem man Menschen zu zahlenden Kunden macht, und es gibt das schwarzweiße, kleingedruckte Augenpulver, in dem drinsteht, was den Kunden wirklich für die sechzig Euro im Jahr verkauft wird. Ein Teil dieses kleingedruckten Augenpulvers ist das Produktinformationsblatt für diese “Internet-Versicherung”, dessen Gestaltung vorsätzlich so ist, dass niemand Lust aufs Lesen verspürt. Es ist das, was ich mir mal etwas genauer angeschaut habe — und dabei ist dieser Text…

Bitte beachten Sie, dass die nachfolgenden Informationen nicht abschließend sind. Lesen Sie daher bitte auch sorgfältig die Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) und die Datenschutzinformation.

…zwar erschöpfend zu lesen, aber enthält keineswegs die erschöpfende Gesamtheit der Einschränkungen des so sonniggroß und himmelblau übern Sand Gedruckten.

Dass alle Fälle von der Versicherung ausgeschlossen werden, die vor Abschluss der Versicherung eingetroffen sind, ist ja noch relativ klar.

Nach Punkt 4.2 sind allerdings auch Schäden von der Versicherung ausgenommen, bei denen man im Schadensfall vermutlich selbst nachweisen muss, dass man für den Schaden nicht verantwortlich ist:

Fälle bei denen der Versicherte ein Zahlungsmittel (z.B. Kreditkarte) nicht nach den Verhaltensregeln des Ausstellers des Zahlungsmittels (z.B. Kreditkartenregeln der Bank) gehandhabt hat.

Wenn man die Dienste des Anbieters sofortueberweisung (punkt) de in Anspruch genommen hat, hat man in jedem Fall gegen die Verhaltensregeln der Bank gehandelt, weil man einem Dritten die PIN und eine gültige TAN übergeben hat, was das gewöhnliche Sicherheitsverfahren der Banken nun einmal aushebelt. Da hilft auch das TÜV-Zertifikat für diesen fragwürdigen Anbieter nichts¹. Sollte es dabei also zu einem Schaden kommen — etwa, weil Geld an einen Betrüger gezahlt wurde, der keine Ware liefert — hilft diese Versicherung gar nicht. Meiner Meinung nach völlig zu Recht, denn wer einem Dritten die Möglichkeit einräumt, auf dem eigenen Konto beliebige Transaktionen zu machen, ist sowieso nicht mehr zu retten.

Aber lassen wir das einmal dahingestellt, denn der Punkt Fünf dieser tollen Produktinformationen ist da deutlicher:

5. Obliegenheiten

Die Versicherten sind unter anderem verpflichtet, im Internet sorgfältig mit Ihren persönlichen Daten umzugehen:

5.1 Die Weitergabe von Passwörtern, Zugangscodes oder ähnlich vertraulichen Informationen an andere Personen (einschließlich mitversicherter Familienmitglieder) ist in Bezug auf Zahlungsmittel (z.B. Kreditkartencodes oder PINs) und andere Anwendungen (z.B. soziale Netzwerke) zu unterlassen.

5.2 Offensichtlich unsichere Internetseiten dürfen für Zahlungsvorgänge nicht verwendet werden, insbesondere muss die verwendete Internetseite immer mit „HTTPS“ beginnen, wenn darüber Zahlungen abgewickelt werden.

5.3 Es sind geeignete Virenschutzsysteme zu verwenden.

5.4 Verdächtige E-Mails sind unverzüglich zu entfernen.

5.5 Bei verdächtigen Konto- oder Kreditkartenabrechnungen sind unverzüglich geeignete Maßnahmen zu ergreifen (z.B. Rückbuchung, Meldung bei Bank)

[...]

Sollten Versicherte diese Obliegenheiten verletzen, sind wir von der Verpflichtung zur Leistung frei, sofern die Obliegenheiten vorsätzlich verletzt wurden. Im Falle einer grob fahrlässigen Verletzung sind wir berechtigt, unsere Leistung in einem der Schwere des Verschuldens entsprechendem Verhältnis zu kürzen. Das Nichtvorliegen einer groben Fahrlässigkeit haben Versicherte nachzuweisen. Wir sind jedoch in jedem Fall zur Leistung verpflichtet, wenn die Verletzung der Obliegenheit weder für den Eintritt oder die Feststellung des Versicherungsfalles noch für die Feststellung oder den Umfang unserer Leistungspflicht ursächlich ist, es sei denn, die Versicherten haben die Obliegenheit arglistig verletzt.

Ich will es mal so sagen: Wer diese Punkte (die Liste ist nicht vollständig) einhält, wird niemals zum Opfer der Internet-Kriminalität werden. Oder anders gesagt: Wer keine Passwörter, PINs, TANs und persönlichen Daten weitergibt, niemals in eine Spam klickt, weil er jede Spam erkennt und in den virtuellen Orkus wirft, immer darauf achtet, auf welchen Websites er Geld bewegt und ein aktuelles System mit ergänzender Schutzsoftware hat, braucht diese Versicherung gar nicht, denn was dort versichert ist, kann gar nicht eintreten. Wer ständig sein Konto im Auge hat und beim kleinsten Verdacht bei der Bank anruft, tut alles, um den Schaden gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und wer etwas leichtsinniger handelt, braucht diese Versicherung auch nicht, weil sie für die Schäden durch Leichtsinn natürlich nicht aufkommt.

Übrigens zahlt die so bunt und luftig beworbene Versicherung auch nicht, wenn die oben genannten “Obliegenheiten” (tolles Wort!) “grob fahrlässig” verletzt wurden. Nachweisen, dass sie nicht “grob fahrlässig” verletzt wurden, muss allerdings der Versicherte — und ein solcher Nachweis kann sehr schwierig werden. Man muss zum Beispiel nachweisen, dass man nicht auf einer Website gezahlt hat, die “offensichtlich unsicher” für Zahlungsvorgänge ist — der Verweis auf HTTPS ist, wie oben ja auch zwischen den Zeilen steht, nur eines der Kriterien für “Sicherheit”. Die nähere Bedeutung des Wortes “offensichtlich” darf man im Schadensfall in einem wenig erfreulichen Schriftverkehr mit O2 erarbeiten, dessen allgemeiner Ton schon in diesem Text im Worte “Obliegenheiten” angedeutet wird. Auch wird wohl im Zweifelsfall darum gerungen werden, welche “Virenschutzsysteme” (man beachte, “Systeme”, keine “Programme”) im Sinne der Auslegung dieses Textes durch O2 “geeignet” sind, damit der Versicherungsfall etwa für den Schaden durch einen hinterhältig installierten Trojaner eintritt. Welche E-Mails aus der Sicht von O2 “verdächtig” sind, ist ebenso dehnbar — wenn jeder eine kriminelle Spam sofort als kriminelle Spam erkennte und löschte, gäbe es keinen Schaden durch kriminelle Spam mehr.

Ach, was ich gar nicht erwähnt habe: Rechtskosten werden explizit nicht übernommen. Wer also von einem zwielichtigen Internet-Geschäftemacher abgezogen wurde und sein Geld auf dem Rechtsweg zurückholen will, ist ebenfalls verlassen.

Diese Versicherung ist sinnlos. Dem Einsteiger und naiven Internetnutzer mit geringen Kenntnissen gewährt sie keinen Schutz, und der erfahrene Internetnutzer wird die versicherten Schäden niemals erleben, weil er die geforderte Vorsorge schon längst aus Eigeninteresse getroffen hat und kaum zum Opfer der Internetkriminalität werden kann — die meisten erfahreneren Menschen verwenden auch nicht das Lieblingsbetriebssystem der Internetmafia, Microsoft Windows und sind allein durch die Wahl ihres Betriebssystemes vor der Mehrzahl der kriminellen Angriffe sicher.

Es gibt also niemanden, der durch die Ausgabe von sechzig Euro im Jahr zusätzlichen Schutz und damit eine Gegenleistung für sein Geld erhält — wenn man vielleicht einmal von sehr konstruierten Beispielen wie einen Einbruch absieht, bei dem der Computer manipuliert wurde oder Zugangsdaten in die Hände der Einbrecher gelangten. Die Geschäftsgrundlage für das Angebot dieser Versicherung ist das Nichtwissen eines großen Teiles der Internetnutzer in Deutschland und die diffuse Angst, die auf diesem Nichtwissen und reißerischen, aber nicht aufklärenden Medienberichten über Internetkriminalität erblüht. Ein interessantes Geschäftsmodell ist es, was O2 hier ausprobiert: Leute dumm und ängstlich halten, und ihnen dann wegen ihrer Dummheit und Angst das Geld aus der Tasche zu ziehen. Klar, man hätte auch versuchen können, sie aufzuklären und für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet reif zu machen. Aber dafür zahlt ja niemand sechzig Euro im Jahr.

Offenbar ist selbst O2 klar, dass dieser Versuch einer Ausweitung des Geschäfts keine guten Chancen hat, deshalb wurde bei der Formulierung der Lügenreklame nicht die größte Sorgfalt an den Tag gelegt und sogar am Korrekturlesen gespart. Laut Reklame von O2 versichert diese völlig nutzlose “Internet-Versicherung” auch…

Versichert gegen ... Einkaufsschutz im Internet

…gegen Einkaufsschutz im Internet. Der ist aber auch immer eine Bedrohung, dieser Einkaufsschutz… :D

Fußnoten

¹Ein Anbieter wie sofortueberweisung (punkt) de, der explizit seine Anwender dazu aufruft, die Sicherheitsvorkehrungen der Bank auszuheben, verdankt seinen Erfolg übrigens der Untätigkeit der Banken, sich mal hinzusetzen und ein einigermaßen brauchbares Zahlungssystem für das Internet einzuführen. Eine solche Alternative wäre für die meisten Kunden dieser Banken sehr wünschenswert. Was die Wünsche von Bankkunden wert sind, zeigt sich darin, dass den deutschen Kreditinstituten auch sechzehn Jahre nach der Entwicklung des World Wide Web zum Angebot für die Massen und der von Anfang an dazu laufenden Kommerzialisierung des World Wide Webs noch nichts zu diesem Thema eingefallen ist. Diese Untätigkeit ist ein Denkmal der Kundenverachtung der deutschen Banken. Dass offene Betrüger, zwielichtige Läden wie PayPal und fragwürdige Anbieter wie sofortueberweisung (punkt) de mit der Kundenverachtung der Banken ein gutes Geschäft machen, das sich die Banken ihrerseits entgehen lassen; dass Bankkunden sogar nützliche Sicherheitsmaßnahmen der Banken aufgeben müssen, um ein einigermaßen direktes und brauchbares Bezahlsystem im Internet zu haben und auf diese Weise daran gewöhnt werden, unvorsichtig mit Zugangsdaten für die Kontoführung umzugehen, alles das nehmen die Banken dabei im Kauf und belegen damit, dass sich zur manifesten Kundenverachtung auch eine schreiende Dummheit gesellt.


DDoS-Hacker

Brasiliens Banken haben momentan keine ruhige Minute. Seit Anfang Februar suchen Hacker aus der Anonymous-Bewegung die Finanzinstitute mit DDoS-Attacken heim, jeden Tag eine andere Bank.

[...] Tatsache ist: Politisch motivierte Hacker-Attacken in Lateinamerika nehmen zu und sind nicht nur für die Regierungen ein ernstes Problem. In den Medien ist oft von Cyberwar die Rede, nicht zuletzt durch Anonymous’ starke Präsenz in vielen Ländern.

Zeit Online — Brasilianische Hacker schreiben an Gesetzestexten mit

Kommentar

Es ist immer wieder erstaunlich, dass Menschen, die sich über IRC verabreden und gleichzeitig ein Programm auf ihren Rechnern starten, von der Journaille als “Hacker” bezeichnet werden. Über die Legitimität solcher aktiven Sabotageakte in einer übergeordneten gesellschaftlichen Entwicklung, in der einer erheblichen Anzahl von Menschen eine ganze Existenzmöglichkeit wegsabotiert wird, möchte ich mich gar nicht erst auslassen, das ist — wie immer bei ethischen Fragen — nicht allgemein beantwortbar. Aber zum Hacker wird dadurch keiner, er bleibt Aktivist, Widerstandskämpfer, Demonstrant oder, aus der Sicht der anderen Seite, Barbar, Saboteur, Krimineller. Nein, durch den einfachen Start eines Programmes, nachdem man sich über IRC verabredet hat, wird man nicht einmal zum richtigen Cracker.

Journalisten wären gut beraten, einmal nachzulesen, was ein Hacker überhaupt ist, bevor sie eine ganze und überdem sehr kreative Gruppe von Menschen jeden Tag mit ihren verantwortungsscheu-technophoben Verunglimpfungen beleidigen.

Wenn sie Journalist sind und das nicht verstehen: Stellen sie sich mal vor, sie würden jedes Mal, wenn irgendwo Menschen aus irgendeinem Grund eine koordinierte, destruktive Aktionsform gewählt haben, mit der Massenstanze der Presse hundertausendfach auf Bäume stempeln lassen und in angesehene Websites schreiben lassen, dass es sich um Juden gehandelt hat! Auch wenn gar kein Jude beteiligt war. Merken sie, was eine solche Schreibe bei weniger informierten Menschen für eine Stimmung auslösen kann? Was das für langfristige Folgen haben kann? Sehen sie, genau das geschieht mit der täglichen, in ihrem Beruf scheinbar ganz normalen Verunglimpfung der Hacker bei der Beschreibung von Aktionen, an denen kein einziger Hacker beteiligt ist. Also hören sie damit auf und verwenden sie passende Begriffe, statt weiterhin Menschen zu diskriminieren und eine Pogromstimmung anzufeuern, die schon jetzt zu einer ziemlich verqueren Politik führt! Es ist einfach nur unerträglich, böse und goebbelshaft, was sie da betreiben.


CDU: Das Herz der Netzpolitik

Sie müssen sich nicht sorgen, dass das Thema Internet in der Politik und in meiner Partei zu stiefmütterlich behandelt würde, denn seit 2010 befasst sich der Deutsche Bundestag auf Initiative der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in einer extra dafür eingerichteten Enquete-Kommission “Internet und Digitale Gesellschaft” damit. Die Arbeit der Kommission ist in vier Projektgruppen zu den Themen “Netzneutralität”, “Datenschutz/Persönlichkeitsrechte”, “Urheberrecht” und “Medienkompetenz” aufgeteilt

Joachim Pfeiffer (CDU), Abgeordneter im Deutschen Bundestage

Kommentar

Herr Pfeiffer, wenn sie sich da hinstellen, als sei ihre CDU/CSU-Bundestagsfraktion das pochende Herz der seriösen und verantwortungsvollen Netzpolitik, dann scheinen sie ja fest davon auszugehen, dass jeder Leser schon vergessen hat, welche Person ihre Fraktion in diese Enquete-Kommission — die übrigens eine rein beratende Struktur ohne offizielle Funktion, ohne Macht und ohne Gestaltungsmöglichkeit ist — entsendet hat. Um ihrer vielleicht im Eifer des Politikgeschäftes überforderten Erinnerungsfähigkeit ein wenig auf die Sprünge zu helfen, möchte ich sie gern mit einem kleinen Bild daran erinnern:

Die mediale Schlachtordnung der letzten Tage erweckt den Eindruck, wir seien im dritten Teil von 'Der Herr der digitalen Ringe' angekommen, und der Entkampf um Mittelerde stehe bevor. Das ist die Gelegenheit, schon jetzt einen vorgezogenen Nachruf auf die Helden von Bits und Bytes, die Kämpfer für 0 und 1 zu formulieren - Ansgar Heveling, CDU

Falls ihnen das Appetit auf mehr macht, Herr Pfeiffer, der ganze Sermon ist gut und in seriösen Quellen dokumentiert. Ihre Darstellung der CDU/CSU-Fraktion wirkt da schon etwas verlogen. Vor allem, wenn man sich überlegt, dass dieser Ansgar Heveling ganz nebenbei auch noch die technischen Berechtigungen hat, auf der offiziellen Fraktionswebsite der CDU/CSU-Fraktion Presseerklärungen zu veröffentlichen, in denen er einen vergleichbar netzblinden geistigen Dünnpfiff von sich gibt — ohne, dass dies Konsequenzen innerhalb der Fraktion zu haben scheint. Es ist also so, dass diese Betrachtung des Internet der gegenwärtigen Fraktionslinie entspricht — und dass sie, Herr Pfeiffer, mit ihren fast sachlichen Worten wie ein Sandmännchen wirken, das den Leuten “Gute Nacht” sagt, damit sie auch schön weiterschlafen. Glaubwürdigkeit und Aufrichtigkeit, Herr Pfeiffer, sehen anders aus und würden sich in solcher Situation auch anders ausdrücken; was hingegen sie betreiben, treibt nur einen ranzigen Duft von billigen Lügen in die Nase. Dies gilt um so mehr, dass es bis jetzt weder eine offizielle Zurückweisung der idiotischen Kampfansage Ansgar Hevelings durch die Fraktionsführung noch eine Relativierung der ziemlich dummen Presseerklärung auf den offiziellen Fraktionswebsite gegeben hat.

Siehe auch: Alarm! Die Barbaren kommen! vom 30. Januar 2012…


Internet: Viel gefährlicher als Nazis

Achtung: Menschen mit einem empfindlichen Magen sollten vor dem Weiterlesen eine Speischale bereitstellen, es wird sehr eklig.

FDP: Das Internet ist gefährlicher
Liberalität steht dem Extremismus diametral gegenüber, weil Extremismus vor allem intolerant ist, unabhängig von den Inhalten seiner Gedanken. Beim Rechtsextremismus widersprechen obendrein die Gedanken jedem demokratischen und freiheitlichen Handeln. Auf der anderen Seite sind Gedanken frei, wie unsinnig sie auch sein mögen. Gedanken bekämpft man nicht mit Verboten, sondern mit Argumenten. [...] Die Verbreitung rechtsextremistischer Gedanken ist aus guten Gründen in Deutschland beschränkt. Ausländische Portale transportieren sie trotz allem ungehindert. Hier wird sicher mehr zur Verbreitung dieser unsinnigen Gedanken geleistet, als im Club 88 [sic! So heißt der Club, um den es hier eigentlich geht.]. Auch die Freiheit des Internets muss keine unbeschränkte Freiheit bleiben. Hier anzusetzen wäre sinnvoll. Sofortiges Handeln ist geboten, sobald rechtswidrige Aktivitäten bewiesen werden können.

Dr. Wolfgang Stein (FDP), stellvertretener Kreisvorsitzender in Neumünster

Kurzkommentar

Die ganze real existierende Netzpolitik von BRD-Politikern ist hier in einem vergleichweise kurzen, knackigen Absatz zusammengefasst. Gedanken von gewaltbereiten Rechtsradikalen bekämpft man nicht mit Verboten, das wäre ja kein freiheitliches Handeln. Aber das Internet, das ist doch viel schlimmer als die Nazis, da kann man ruhig mal “die Freiheit” draus entfernen. Nein, das wäre sogar sinnvoll. Denn sobald es keine Nazis mehr im Internet gibt, verschwinden auch die Nazis aus Deutschland. Da ist sofortiges Handeln geboten.

Willkommen bei den Blindfischen, Herr Dr. Stein

Korrektur 8. Februar, 0:47 Uhr — der Herr Dr. Wolfgang Stein ist nicht, wie hier ursprünglich stand, Kreisvorsitzender in Münster, sondern in Neumünster. Es ist mal wieder keine Sache so einfach, dass ich sie nicht falsch machen kann. Dank an Wolfgang Dudda für den Hinweis gegen meine Blindheit! ;)


Wir machen das nicht. Das macht unser Speichersystem.

Erst am Montag wurde ein neuer Fall bekannt, bei dem sich bereits eigentlich gelöschte Fotos auch nach drei Jahren noch wiederfanden. Facebook sprach nach dem Bericht des Technologie-Blogs “Ars Technica” von einem Fehler in einem vor einigen Jahren eingesetzten Speichersystem.

Focus Online — Internet: Wiener Kritiker wollen Facebook weiter Druck machen
Diese Meldung wurde von der DPA übernommen

Kurzkommentar

Hey Facebook, dieses “Speichersystem” — nennt man die Festplatten neuerdings so, wenn man vor dummen Journalisten verbergen will, dass es sich um Festplatten handelt? — auf dem man zwar Daten speichern, aber nicht wieder löschen kann, das möchte ich gern mal sehen. “Schön”, Facebook, dass du deinen Nutzern mit solchen Aussagen zu deinen ganz normalen Datenschleuderskandalen mal wieder zeigst, wie sehr du sie verachtest. Schade nur, dass sie dir noch nicht davonrennen.


Zwei Stunden für die Sicherheit im Internet

Safer Internet Day: Rat am Telefon -- Zum 'Safer Internet Day' am 7. Februar bietet die Verbraucherzentrale Sachsen (VZS) eine Hotline für Fragen rund um die Sicherheit im weltweiten Datennetz an. Experten der VZS beraten dann zu Themen wie Cybermobbing, Datenschutz in sozialen Netzwerken, Abofallen im Internet oder das Herunterladen von Filmen und Musik. Wie die VZS in Leipzig mitteilte, stehen die Experten zwischen 14 und 16 Uhr unter der Rufnummer 0180-2-556611 zur Verfügung. Der Anruf kostet aus dem deutschen Festnetz sechs Cent, Anrufe aus Mobilfunknetzen können teurer sein.

ARD-Videotext, Seite 542, Stand 5. Februar 2012, 2:30 Uhr

Kurzkommentar

Zwei Stunden Beratungsangebot an einem Tag des Jahres für das ganze Land Sachsen — diese Aufklärungsoffensive wird bestimmt einen Riesensprung für ein sichereres Internet bringen. Zumal die Themenbereiche dermaßen breit gestreut sind, dass richtige Sicherheitsfragen hinter den hunderttausendfach durchgezogenen Abofallen-Betrügereien (die es übrigens nur in der Bundesrepublik Deutschland gibt) und den besorgten Fragen zun den Gefahren von Urheberrechtsverstößen zurücktreten werden. Das wird das Internet sicherer machen! Genau so, wie ein reingeworfener Schneeball die Sonne abkühlt!

Eine kleine Sondererwähnung bekommt die ARD-Videotext-Redaktion für das tolle Wort “weltweites Datennetz” im oben erwähnten Artikel — es erinnert schon von seinem Klang her an diese staubdeutschen Behördenbriefe des Jahres 2012, in denen immer noch gedruckt steht, wann und unter welcher “Rufnummer” man den zuständigen Mitarbeiter der Behörde “fernmündlich” erreichen kann. Vermutlich saß bei der ARD ein etwas betagterer Mensch in der Schreibstube. :D


Der Kampf gegen Phishing

Beim Phishing versuchen Kriminelle, vertrauliche Daten von Nutzern zu erlangen – häufig indem sie per Mail auf eine gefälschte Webseite locken und dort beispielsweise zur Eingabe von Kontodaten auffordern. Im Kampf gegen Phishing rät das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu einem aufmerksamen Umgang mit E-Mails, aber auch zum Einsatz von Antivirus-Software und einer Firewall. Zudem sollten Nutzer das Betriebssystem und Anwendungsprogramme wie den Browser laufend aktualisieren, heißt es in einem Ratgeber des BSI.

Focus Online — Internet: Phishing-Schutz: Viele verlassen sich aufs Gespür

Kommentar

Und, welchen konkreten Nutzen hat ein Antiviren-Programm und eine so genannte “Personal Firewall”, wenn jemand eine Website aufruft und dort Daten für den Zugriff auf sein Bankkonto — oder häufiger — seine Kreditkarte eingibt? Richtig: Diese Software bietet gar keinen Schutz gegen Phishing.

Der Webbrowser, der die Daten nach Eingabe und einem Klick auf “Absenden” an eine von Betrügern unterhaltene Website sendet, ist in der so genannte “Personal Firewall” als vertrauenswürdige Anwendung eingetragen, da man damit selbstverständlich aufs Internet zugreifen will. Und ein Virus kommt gar nicht ins Spiel.

Die von Focus Online übernommene DPA-Meldung ist also irreführend und gefährlich; ein weiteres Beispiel für einen Text zu einem wichtigen Internetthema — nämlich der Kriminalität im Internet — der frei von auch nur einer Spur Sachkenntnis geschrieben wurde. Der dabei entstandene, haarsträubende und für naive Menschen sehr gefährliche Unsinn wurde offenbar von niemanden begutachtet, bevor er veröffentlicht wurde. Die Vorstellung, dass dieser Unsinn in wenigen Stunden in einigen gedruckten Zeitungen erscheinen wird und — aufgeladen mit der scheinbaren Autorität des “Qualitätsjournalismus” — einen Beitrag dazu leisten wird, dass noch mehr Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen und aus diesem Irrtum heraus zu Opfern der organisierten Internetkriminalität werden, löst in mir das Gruseln aus.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, auf das diese Fehlinformation angeblich zurückgehen soll, ist ziemlich, aber nicht völlig unschuldig an dieser Fehlinformation. Der anonyme DPA-Schreibtischtäter, der sich bei diesem Artikel der Aufgabe entledigt hat, Text zu einem Thema zu schreiben, von dem er überhaupt nichts versteht, hat allerdings auch dafür gesorgt, dass die wirklichen Empfehlungen des BSI zum Thema Phishing nicht von jedem Leser leicht gefunden werden können, indem er sie gar nicht erst verlinkt hat.

Wer sich einmal die vollständigen Empfehlungen des BSI gegen Phishing anschaut, sieht zwar, dass hier wirklich absurderweise von einer so genannten “Personal Firewall” und einem Antiviren-Programm die Rede ist. Dies ist jedoch — leicht erkennbar — nicht der Kern der dortigen Mitteilung; vielmehr wird zu einem angemessen vorsichtigen Umgang mit E-Mail, mit Links in E-Mails und sogar mit Telefonanrufen “der Bank” aufgefordert. Insbesondere sollen dabei niemals Zugangsdaten im Internet oder als Reaktion auf einen Telefonanruf preisgegeben werden. Dass das BSI diese naheliegenden Empfehlungen mit einer Reihe weiterer, allgemeinerer Empfehlungen kombiniert hat, ist sicherlich genau so eine Schwäche des Textes wie die Idee, als Überschrift für einen Artikel zum Thema “Phishing” den in diesem Kontext beinahe dadaistischen Text “Bringen Sie Ihre Software immer auf den aktuellen Stand!” zu wählen.

Hoffentlich sehen die Mitarbeiter des BSI in den nächsten Tagen einmal, was für eine gefährliche Desinformation herauskommt, wenn Journalisten die schlampig in den Text reinkopierten, nebensächlichen Tipps zur Hauptsache des “Schutzes gegen Phishing” machen. Und hoffentlich formulieren diese Mitarbeiter des BSI dann den gesamten Phishing-Text um, damit die Informationen darin vor allem von jenen Menschen richtig aufgefasst werden, die solche Informationen brauchen. Die Nachlässigkeit, in der die Schutzmaßnahmen gegen Phishing dort im Moment formuliert sind, wird wegen ihrer Widerspiegelung in einer DPA-Melduing, die schon morgen in die Druckausgaben diverser Zeitungen zwischen das eigentliche Zeitungsgeschäft — die Reklame — gestempelt werden wird, dazu führen, dass die Betrüger im Internet mehr naive, unaufgeklärte und fehlinformierte Opfer für ihre miesen Machenschaften finden.

Und nicht, dass mich jetzt jemand falsch versteht: Aktuelle Software für Arbeit und Spaß im Internet zu verwenden, ist immer eine gute Idee und eine gleichermaßen einfache wie wichtige Schutzmaßnahme… nur: Das hat nichts mit Phishing zu tun.


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