Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für Januar, 2012

Alarm! Die Barbaren kommen!

Denn es ist Aufmerksamkeit geboten. Auch wenn das Web 2.0 als imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation schon bald Geschichte sein mag, so hat es allemal das Zeug zum Destruktiven. Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!

Ansgar Heveling, CDU, Abgeordeneter im Deutschen Bundestage

Aus dem Internet… ähm… oder doch eher aus so einem “imaginären Lebensgefühl” (als ob ein Gefühl nicht immer einen Mangel konkreter außenweltlicher Existenz hätte) so einer “verlorenen Generation” (die sich genau so selbstverständlich der bestehenden Technik bedient, wie die “Generation Auto”, “Generation Videorekorder” oder “Generation Antibiotikum”) strömen die raubkopiermordbrennenden Barbaren (oder auch: digitale Maoisten) über unsere schöne Zivilisation (die im Kopfe dieses Autors nicht etwa aus sozialen und technischen Errungenschaften, sondern nur noch aus dem Geschäft der Kopierindustrie besteht) und hinterlassen nichts als Schlachtennebel und rauchende Stümpfe auf der verbrannten Erde (was eine bessere Metapher wäre, um den Wahnsinn der Individualmotorisierung zu beschreiben, aber lassen wir das). Dass er mal eben sämtliche Internetnutzer mit solchen stahlgewitterhaften Schmähungen angreift — immerhin sind dies drei Viertel der Einwohner der Bundesrepublik Deutschland — scheint ihm in seinen bedenklichen Realitätsverlusten nicht weiter aufzufallen.

Der drängelt sich ja als ganz dickes Exemplar in das Aquarium der Blindfische, als würde dort Platzmangel herrschen. Oder nimmt der etwa noch seine Maske vom Gesicht und dahinter zeigt sich Victor von Bülow (besser bekannt als Loriot)?

Siehe auch bei Netzpolitik, nochmal bei Netzpolitik, bei Spiegel Online und für den nahezu unglaublichen Versuch einer sachlichen Erwiderung Stephan Urbach.

Nachtrag, 20:45 Uhr

Nachdem ich jetzt mehrfach die Behauptung gelesen hätte, Ansgar Heveling sei ein “Hinterbänkler” — Leute, das stimmt nicht. Jemand, der von seiner Bundestagsfraktion die Berechtigungen eingeräumt bekommt, eine Presseerklärung auf der offiziellen Fraktionswebsite der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu veröffentlichen, ist kein Hinterbänkler mehr, sondern eine Gestalt, die über überdurchschnittlichen Einfluss innerhalb dieser Fraktion verfügt. Lasst euch von dieser “Hinterbänkler”-Meinungsmache nicht beeinflussen! Das ist kein Idiot, der zufällig in den Bundestag geraten ist, das ist jemand, dem das mindestens technische Privileg eingeräumt wird, im Namen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Pressearbeit machen zu können. Dass jemand nicht jeden Tag im Fernsehen zu sehen ist, heißt noch lange nicht, dass er unbedeutend und unwichtig wäre.

Nachtrag, 31. Januar, 0:25 Uhr

Unbedingt auch bei Indiskretion Ehrensache lesen — denn dort wird schön thematisiert, wie das Handelsblatt die empörende Dummheit Hevelings als Linkbait verwendet. Ich weiß schon, warum ich hier im Alarmknopf niemals die Sprachrohre der Idiotie direkt verlinke.

Nachtrag, 31. Januar, 16:00 Uhr

Eine weitere, unbedingt verlinkenswerte Satire gibt es beim Postillon

Nachtrag, 31. Januar, 22:40 Uhr

Udo Vetter im LawBlog konnte sich auch nicht mehr zurückhalten und ist unbedingt verlinkens- und lesenswert zu diesem Thema:

Aber zurück zur eigentlichen Frage. Sie glauben also im Ernst, dass Schülerin Trine, Friseuse Gerda und Opa Hans als Newcomer im Web 2.0 die Lust am Chatten, Vernetzen und Publizieren schnell wieder verlieren? Das glauben Sie echt, Herr Heveling? Darauf hätte ich jetzt gerne eine Antwort.

Kommen Sie etwas näher, ich kann Sie nicht hören. So, jetzt ist es besser. Das haben Sie nicht so gemeint. Sie haben nicht sagen wollen, dass es bald eine Generation gibt, die freiwillig ganz anders mit dem Internet umgeht. Von “freiwillig” war nie die Rede.

Ach so, Herr Heveling. Jetzt habe ich Sie verstanden.

Ich möchte übrigens erweiternd anmerken, dass es auch jetzt immer noch keine einzige offizielle Zurückweisung dieser idiotischen Kampfansage durch die CDU gibt. Angesichts der Tatsache, dass Herr Heveling sonst auch Presseerklärungen für die Bundestagsfraktion verfasst, ist inzwischen durchaus vorsichtig davon auszugehen, dass Herr Heveling hier eine unqualifizierte und netzblinde Auffassung von sich gegeben hat, die im Großen und Ganzen dem politischen Gestaltungswillen der Unionsparteien widerspiegelt.


Frau Zypries: Netzsperren-Gruß aus Alzheim

Netzsperren, wie sie die US-amerikanischen Gesetzesvorhaben vorsehen, sind allerdings Maßnahmen, die unverhältnismäßig und gefährlich sind – weil sie Infrastrukturen schaffen, die für andere Zwecke eingesetzt werden können. Solche Instrumente gefährden eine offene, demokratische und freie Gesellschaft.

Brigitte Zypries, SPD

Kommentar in Form des Offenen Briefes

Frau Zypries,

können sie sich eigentlich noch erinnern, was sie am 20. Juli 2009 der springerschen “Welt” gesagt haben, um für die Zustimmung zum Gesetz ihrer Kollegin Ursula von der Leyen zur Einführung von Netzsperren in der Bundesrepublik Deutschland zu werben? (Das ist übrigens nur ein Beispiel ihres damaligen öffentlichen Redens und Auftretens.)

Nein, kümmern sie sich nicht um ihr Geschwätz von gestern? Aber ich kümmere mich um ihr Geschwätz von gestern. Deshalb habe ich ihr freundliches Gespräch mit der (damals heftig gegen das Internet hetzenden) Springerpresse einmal rausgesucht. Damals hatten sie keine Probleme damit, dass eine Sperrinfrastruktur im Internet eine “offene, demokratische und freie Gesellschaft” gefährden könnte, ganz im Gegenteil:

Es gibt eine Gruppe von Internet-Usern, die glaubt: Im Netz darf man alles, das Internet ist ein Ort unbegrenzter Freiheit, jede Regel verletzt unsere Identität. Das ist falsch: Meine Freiheit, mein Recht endet auch im Netz dort, wo sie die Freiheit und das Recht von anderen verletzt. Grundrechten wie der Meinungsfreiheit sind im Internet genauso Grenzen gesetzt wie in der realen Welt. Es gibt kein Recht des Stärkeren oder technisch Versierteren. Was offline verboten ist, ist auch online verboten. Das ist keine Zensur, sondern eine simple Erkenntnis, die auch juristischen Laien verständlich sein sollte. [...] Anders als es die Piratenpartei glauben machen will, haben wir ja nicht mit dem Gesetz gegen die Verbreitung von Kinderpornografie den Teufel aus der Flasche gelassen. Deren Vertreter realisieren überhaupt nicht, dass ohne Gesetz die von Frau von der Leyen mit den Providern geschlossenen Verträge zur Anwendung gekommen wären – mit viel weniger rechtsstaatlichen Sicherungen für die Internet-User.

Da klingt eine unkontrollierbare Infrastruktur zur Zensur des Internet aus ihrem Munde fast wie eine Säule des Rechtsstaates — und nicht nach einem “Bevor gerichtlich feststeht, dass die Zensurverträge der Frau von der Leyen gesetzwidrig und nichtig sind, machen wir schnell ein Gesetz”.

Aber damals ging es ja auch nicht um das wohlfeile Beurteilen einer entfernten Gesetzgebungsinitiative, nachdem sich gezeigt hat, dass ein erheblicher Anteil der Menschen gegen dieses Gesetz ist. Nein, damals ging es um die Durchsetzung auch ihres politischen Gestaltungswillens in Deutschland, da fallen Urteile über verblüffend ähnliche Ideen zur Errichtung einer Zensurinfrastruktur schon einmal ganz anders aus. Zumal es eine gute Unterstützung mit einer allmedialen Schmutzkampagne unter dem psychischen Hebel des Empörungspotenziales bei sexuellen Kindesmissbrauch gab.

Das hätten sie jetzt fast vergessen, nicht?!

Aber das Internet vergisst so etwas nicht.

Und ich vergesse auch niemals diese Menschen, die mit niederträchtigen Lügen, systematischen Fehlinformationen und psychisch enorm wirksamer Propagada daran mitgearbeitet haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der jemand wie ich als “Freund von Kinderfickern” beschimpft, kriminalisiert und verachtet wurde — einfach nur, um Internetzensur als ein kleineres Übel erscheinen zu lassen.

Menschen wie zum Beispiel sie es sind, Frau Zypries.

Und glauben sie mir, ich bin nicht der einzige, der das nicht vergessen wird.

Plonk.

Der Nachtwächter

PS: Wenn sie noch ein bisschen mehr von ihren eigenen Worten genießen wollen, Frau Zypries, können sie ja mal auf die Seite schauen, die erklärt, warum es dieses Blog gibt. Wenn sie seit dieser Zeit wirklich etwas gelernt haben und es sich bei ihrer Stellungnahme auf Abgeordnetenwatch nicht um die üblichen Lügen ihrer gesellschaftlichen Klasse handelt, können sie mich und alle anderen Menschen gern davon überzeugen, indem sie mit ihrem ganzen menschlichen und politischen Einfluss entschlossen gegen das jetzt drohende Zensurabkommen ACTA vorgehen. Oder sehen sie das schon wieder als “etwas ganz anderes” an, so wie damals das Zensurgesetz der Frau von der Leyen?


Video: Internet; Musik: Band; Link: Fehlanzeige

Achtung, es folgt ein vollkommen ungekürztes Zitat eines ganzen Artikels in Originalauszeichnung¹:

Putin-Protestsong als Internet-Hit
29. Jänner 2012 13:36

Band könnte bei Großkundgebung am 4. Februar in Moskau auftreten

Rock gegen Putin: Ein scharfer Protestsong gegen den russischen Regierungschef Wladimir Putin hat das Zeug zur Hymne der Demonstrationen für faire Wahlen. “Acht Jahre Präsident, jetzt wieder Kandidat, schau uns in die Augen: Gib es auf, dein Mandat”, singt in einem gut vierminütigem Video eine Band, die sich selbst als frühere Fallschirmjäger bezeichnet. “Du bist ein gewöhnlicher Beamter, kein Zar und kein Gott”, heißt es ebenfalls über Putin in dem Clip, der sich in Windeseile im russischen Internet ausbreitet.

“Niemand außer uns”

Die muskulösen Sänger tragen in dem Video Barette sowie Orden an weiß-blau gestreiften Militär-Unterhemden. Hinter den vier Musikern hängen Flaggen der russischen Luftlandetruppen, deren Wahlspruch “Niemand außer uns” (Nikto, krome nas) die Musiker mit den Worten: “Niemand außer uns – sagt die Wahrheit laut” ergänzt haben.

Rückkehr

Die Band trete möglicherweise bei der Großkundgebung am 4. Februar in Moskau auf, hieß es. Putin will nach der Präsidentenwahl am 4. März in den Kreml zurückkehren, wo er schon von 2000 bis 2008 amtierte. (APA/dpa)

derStandard.at: Putin-Protestsong als Internet-Hit

Kommentar

Ein bemerkenswertes Stück Text aus der contentindustriellen Boulevard-Schmiererei, das alles hat, was ein solcher Text braucht: Schrill genug ist diese Meldung auf jeden Fall, und lustig ist sie — bei allem Ernst der jüngsten Wahlfälschungen — auch. Der Text hat auch genau die richtige Länge, um schnell konsumiert zu werden, er ist… *tackertacker*

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  13  182 1241 ArtikelVolltext

…insgesamt 182 Wörter lang. Er macht eigentlich auch Appetit auf mehr, denn das Video hätte man nach der Beschreibung doch gern einmal gesehen.

Aber fehlt da nicht etwas? Ach ja, ein Link auf das Video, der fehlt. Und weitere Quellenangaben gibt es auch nicht. Es steht eben im Internet, dieses Video. Tolle Angabe! Fast so, als brächte ich ein Zitat aus einem Buch und schriebe “Quelle: Buch” dazu. Oder hätte nicht erwähnt, dass ich hier derStandard (punkt) at zitiere und “Quelle: Zeitungswebsite” angegeben. Ohne Link, versteht sich.

Darüber hinaus hat sich der namenlos bleibende DPA-Autor dieses Artikels alle Mühe gegeben, seine scheinbaren “Informationen” so zu geben, dass es nahezu unmöglich ist, das Video zu finden. Eine Suche nach “никто кроме нас” — und das setzt schon voraus, dass man irgendwoher weiß oder erraten kann, wie sich dieses “Nikto, krome nas” in kyrillischen Buchstaben schreibt — ist jedenfalls wenig zielführend; zu beliebt scheint dieses militärische Motto sowohl in Filmen als auch für Verballhornungen und Satiren zu sein, die ich mangels wirklicher russischer Sprachkenntnisse nicht verstehen kann [Dies ist nur ein Beispiel mit einem angehängten "за всех кроме них", zu Deutsch etwa "mit Ausnahme dieser ganzen Leute"].

Dass es sich um eine Band handelt, wird ebenfalls in diesem Artikel erwähnt, der Name dieser Band allerdings… ach, lassen wir das! So eine Band eben. Ich höre ja auch manchmal Musik von einer Band. Mehr will doch niemand wissen.

Eine Zeitungswebsite, die im Internet übers Internet und seine Phänomene schreibt, ist viel zu oft noch unbrauchbarer als die miesteste Sammlung von Belanglosigkeiten in Form eines Forums und insgesamt weniger informativ als der Chatroom verpickelter Teenager in pubertärer Verzweiflung. Dieser tolle Boulevard-Artikel, der 182 Worte macht, um darin über beinahe nichts zu informieren, ist leider keine Ausnahme und noch nicht einmal besonders schlecht.

Es ist eben die Contentindustrie, die da ihre Internet-Parallelwelten aufbaut; sie möchte sich mitten ins Web stellen, möchte dort ihr früheres Geschäft in eine Zukunft retten, in welcher sie immer entbehrlicher wird, aber mit dem eigentlichen Web nicht viel zu tun haben. Die Idee Hyperlink ist ja erst zwei Jahrzehnte alt und damit so alt wie die ersten Entwürfe des World Wide Web, sie wurde erst vor siebzehn Jahren zum zum technischen Standard im Web — das muss ein Baumbestempler doch nicht gleich mitmachen, dieses neumodische Zeug, von dem niemand weiß, ob es sich mal durchsetzen wird. Also “durchsetzen” außer auf mehreren Milliarden irgendwelcher Websites. :mrgreen:

Wenn ich nicht einen russischen Freund gefragt hätte, wäre es mir auch nach genauer Lektüre des Artikels nicht möglich gewesen, dieses (optisch recht unspektakuläre) Video zu finden, das viel schriller beschrieben wurde, als es ist. Hier ist “НИКТО, КРОМЕ НАС не скажет правду вслух” (etwa: “Niemand außer uns wird die Wahrheit laut aussprechen”).

Die nur wenigen tausend Aufrufe (zurzeit 4.201) des Videos auf YouTube sind übrigens nicht gerade ein Beleg dafür, dass dieser gestern hochgeladene Song zurzeit viral zur Hymne gegen Wladimir Putin wird. Auch, wenn die Presseschreiber aus einer Parallelgesellschaft des Internet es aus irgendwelchen Gründen gerne so hätten. Vielleicht haben die namenlosen Autoren aus einer Nachrichtenagentur ja auch einfach deshalb keinen Link angegeben², damit niemand bemerken kann, dass dieser Teil der Meldung einfach nur eine Lüge ist, mit der eine “tolle” Story zum Einkleben zwischen die Reklame in den Zeitungen und ihren Websites produziert wurde.

Wo wohl die anderen “tollen” Stories der Tittitainment-Abteilung in den Nachrichtenagenturen herkommen, bei denen es nicht so einfach ist, sich die Dinge einfach mal näher anzuschauen? :mrgreen:

¹Warum die Kürzung des Artikels in diesem Kontext nicht möglich ist, ergibt sich aus dem folgenden Kommentar.

²In den NITF-Dateien, in denen die Meldungen verbreitet werden, ist die Angabe einer Internetadresse vorgesehen und möglich.


Merkel: So viele “Freunde” wie Seehofer

Zu ihren Aktivitäten in sozialen Netzwerken sagte Merkel: “Ich habe ein Facebook-Profil als CDU-Vorsitzende und da auch viele ‘Freunde’.” Diese Seite selbst zu pflegen, sei ihr aber “zeitlich nicht möglich”.

AFP: Merkel surft beim Frühstück im Internet

Hach, die Frau Bundeskanzlerin hat genau so viele und gute “Freunde” wie der Herr Ministerpräsident aus Bayern. Und fühlt sich genau so wohl unter den Blindfischen, die einfach nicht sehen können, dass das “social” in den “social websites” etwas mit menschlichem Miteinander zu tun hat und nicht mit dem üblichen, überweigend hohlen, professionell von einem bezahlten Schergen ins Netz gestellten Propaganda- und Reklameblah.


Leseempfehlung: Die Bescheidwisser

Zur Abwechslung eine Leseempfehlung:

Das Internet gaukelt den Menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung. Die meisten Bürger haben weder Zeit noch Lust, stundenlang nach der Wahrheit zu suchen.

Wolf Schneider und Paul-Josef Raue entledigten sich der Aufgabe, etwas über Online-Journalismus zu schreiben
Zitiert nac peter-schumacher.net: Die Bescheidwisser — und dort unbedingt weiterlesen! Denn dort ist eine Extraportion Netzblindheit dokumentiert, und diese unter aktiver Beteiligung der Bundeszentrale für politische Bildung, die den Schmarrn verbreitet.

[via]


Streamnutzer sind Hehler

Für Staatsanwalt Dietmar Bluhm geht es in den Verfahren um die “größte Massenkriminalität, die wir in Deutschland je hatten”. Bluhm, der in den Verfahren gegen die Betreiber des illegalen Internetfilmportals kino.to die Generalstaatsanwaltschaft Dresden vertritt, spricht davon, dass in der Bundesrepublik das Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen und die Gesellschaft mit Hehlerware korrumpiert worden sei.

Hamburger Abendblatt: Prozesse gegen kino.to schreiben Rechtsgeschichte

Kurzkommentar

Ich erwarte von einem Staatsanwalt ja gar nicht, dass er massenhaften Urheberrechtsverletzungen mit Sympathie gegenübertritt, zumal er einen mit unerfreulich viel Arbeit verbundenen Prozess zu führen hat. Aber dass er in seiner Pressearbeit, die wegen eines gewissen öffentlichen Interesses zu seiner eigentlichen Arbeit hinzukommt, auf juristisch falsche und populistische Darstellungen verzichtet, das wäre schon von einem Juristen zu erwarten. Allein schon deshalb, um die Rechtsstaatlichkeit des laufenden Verfahrens nicht in den geringsten Zweifel zu ziehen.

Oder sollte der Herr Staatsanwalt wirklich nicht wissen, dass Hehlerei etwas ganz anderes ist als ein Verstoß gegen die Gesetze zum Schutz des Urheberrechts? Zumal sogar dieser Verstoß gar nicht so eindeutig ist, da nicht abschließend juristisch geklärt ist, ob beim Streaming über kino.to überhaupt Kopien der Werke angefertigt wurden? Das würfe aber kein so gutes Licht auf seine Qualifikation.

Willkommen bei den Blindfischen, Herr Staatsanwalt.


Er schießt nur gezielt. Ist das wirklich Mord?

Twitter-Zensur: Wenig Gründe für große Aufregung - Twitter führt Zensur ein, heißt es heute überall in den Online-Gazetten. Auslöser ist eine Ankündigung von Twitter, man könne künftig bestimmte Inhalte länderspezifisch rausfiltern. Doch ist das wirklich Zensur?

Quelle des Screenshots und aller folgenden Zitate: t3n

Kommentar

Vorab: Seit Jahren warte ich darauf, dass ein von einem halbwegs breitwirksamen deutschen Presseprodukt bezahlter Schreiberling die Auffassung vertritt, dass Zensur keinen besonderen Grund für große Aufregung bietet. “Schön”, dass ich das noch erleben darf.

Aber um die Frage aus dem Teaser aufzugreifen. Ist es wirklich Zensur, wenn ein Internet-Unternehmen (überdem mit unsicherem Geschäftsmodell) ankündigt, dass fortan in bestimmten Ländern bestimmte Inhalte gezielt herausgefiltert werden — so fragt Falk Hedemann für t3n.

Um das mal von der verharmlosenden Sprache ins Konkrete zu bringen: Ist es wirklich Zensur, wenn…

  • …Twitter-Nutzer in der Türkei keine Inhalte mehr sehen, in denen die Kombination von Wörtern wie “Armenien” und “Genozid” auftaucht?
  • …Twitter-Nutzer in einem islamisch geprägten Staat keine Inhalte mehr sehen, in denen kritisch oder gar verächtlich mit der islamischen Religion und ihrem Hang zur Barbarei umgegangen wird?
  • …Twitter-Nutzer in der Bundesrepublik Deutschland keine Inhalte mehr sehen, die auf indizierte Computerspiele oder Spielfilme bezug nehmen?
  • …Twitter-Nutzer in Thailand keine Inhalte mehr sehen, in denen das thailändische Königshaus kritisch betrachtet wird?
  • …Twitter-Nutzer in Russland keine Inhalte mehr sehen, in denen auf die Fälschung einer Wahl hingewiesen wird?
  • …Twitter-Nutzer in einem Staat mit laufendem Widerstand gegen ein unterdrückerisches Regime keine Inhalte mehr sehen, in denen auf diesen Widerstand Bezug genommen wird, in denen zu Demonstrationen oder anderen Aktionen aufgerufen wird, in denen kritisch über das unterdrückerische Regime berichtet wird?
  • …Twitter-Nutzer irgendwo in einem bestimmten Teil der Welt bestimmte Dinge nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil das einer herrschenden oder besitzenden Minderheit in diesem Teil der Welt nicht gefällt und sie ihr Missfallen dank des Entgegenkommens von Twitter zu einer Internetnorm machen können?

Ist ein solches Verschwindenlassen allein schon deshalb keine Zensur, weil…

Der Begriff “Zensur” bezeichnet per Definition eine staatliche Kontrollinstanz, die verhindern soll, dass unerwünschte Inhalte veröffentlicht werden [...]

…da nicht ganz direkt ein vom Staat besoldeter Schreibtischtäter Inhalte entfernt, sondern es mittelbar über einen Web-2.0-Anbieter geschehen lässt, der dem Staat vorauseilend entgegenkommt? Oder weil es auch mal gar kein Staat ist, sondern vielleicht ein Vertreter der Contentindustrie, der seine (möglicherweise berechtigten) Ansprüche technokratisch als eine landesweite Kommunikationsnorm im Internet durchsetzen kann. Ist es keine Zensur, weil…

[...] Das neue regionale Filtersystem von Twitter ist daher schon deshalb keine Zensur, weil Twitter nicht die Veröffentlichung von unerwünschten Inhalten verhindert, sondern erst im Nachgang einen Filter einsetzt, um solche Tweets mit einem Hinweis ausstattet [...]

…es sich nicht um eine staatliche Vorzensur handelt, sondern um ein nachträgliches Verschwindenlassen von Inhalten, wenn diese in einer bestimmten Region zu viel Aufmerksam unter den dort lebenden Menschen finden könnten? Sollte man Haare zweifach oder sechsfach spalten? Oder sollte man dafür einfach ein schönes neues Neusprech-Wort finden, dass gar nicht erst an so ein klares Wort wie Zensur denken lässt? Zum Beispiel ein Wort wie “Kultureller Respekt in der Aufbereitung von Informationen”? Oder kürzer “Kulturrelevanter Informationsfluss”? Oder vielleicht auch “Die Tweets müssen fließen”?

Ach, letzteres hat ja schon Twitter in seiner Ankündigung der Zensur geschrieben.

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Ignoranz ist Stärke.

Das Ministerium für Liebe.

Nachtrag 16.05 Uhr

Genau, Twitter kündigt an, dass es fortan länderspezisches Unsichtbarmachen  von Tweets ausüben wird und sagt dazu, dass Sperrungen von Tweets möglichst verhindert werden sollen. Wie das aussieht, weiß der Autor nicht, aber es hat die Glaubwürdigkeit einer heiligen Schrift. Das ist Journalismus. Und niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.


Symbolbilder aus der Hirngruft

Ein langer satirischer Kommentar zu manifester Dummheit in tausend lustigen Ausprägungen

Immer wieder einmal, wenn eine Agenturmeldung zu einem Internet-Thema direkt aus dem NITF-Feed¹ in die Zeitungen und Zeitungswebsites übernommen wird, damit die Leute auch zum eigentlichen Geschäft der Journaille, zur Reklame, kommen, gibt es für die eifrigen Zeitungsmacher ein kleines Problem.

Nicht zu jeder Meldung der Presseagenturen wird ein Foto mitgeliefert. Und zumindest für den Auftritt im Internet wird das Foto von den Zeitungsmachern als ein gebieterisches Muss empfunden, denn es bläht die übertragene Datenmenge auf und, wann immer es von den Zeitungsmachern selbst gewählt ist, unterscheidet den ansonsten weitgehend gleich lautenden Text wenigstens optisch von seiner Präsentation in anders benannten Ausflüssen der Journaille. Das soll dann beim Betrachter einen Eindruck jener Pressevielfalt erwecken, die lange schon vergangen ist.

Bei den meisten Meldungen gelingt die Auswahl eines passenden Bildes recht gut. Politik wird von so genannten Politikern gemacht, deren meist unvorteilhaftes Antlitz tausendfach abgelichtet und fürs schnelle Auffinden verschlagwortet in den Archiven herumlungert, was ja auch ganz nützlich zur Beförderung dieses unseligen Personenkultes ist, der so hervorragend die “politische” Berichterstattung von poltischen Inhalten trennt. Unternehmen haben Besitzer, Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzende, und sollte das einmal gar nicht recht passen, so sind auch die Firmenzentralen und in ganz besonderer Weise die aus vielerlei Perspektiven fotografierten Logos der Firmen geeignet. Geht es um ein Verbrechen, so kann ein Bild des Tatortes verwendet werden, und ist ein solches nicht verfügbar, wird eben einfach ein Einsatzwagen der Polizei (nach Möglichkeit mit Blaulicht) ohne klar erkennbare Umgebung verwendet. Solche unsinnigen Bilder ohne informationellen Nährwert sehen wir alle jeden Tag etliche Male, und zwar vor allem dort, wo wir mit dem so genannten “Qualitätsjournalismus” konfrontiert werden.

Nun gibt es aber zuweilen auch Themen, zu denen gar kein Bild passt. Themen, die abstrakt sind und einer gleichermaßen eiligen wie einfachen Visualisierung Widerstand leisten. Natürlich ist niemals die Zeit vorhanden, eine informative Grafik zu erstellen, die solche abstrakten Zusammenhänge für den Betrachter aufschließt, denn das würde ja erfordern, dass sich in der Redaktion jemand aufwändig Sachkenntnisse aneignet und diese hoffentlich mit grafischen Talent für die Leser des journalistischen Machwerkes aufbereitet. Solcher Aufwand verursacht Kosten, und diese Kosten sollen eingespart werden. An die Stelle des Journalismus tritt der Automatismus, der industriell Content erstellt. Wenn das Ergebnis dieser Bemühung bei näherem Hinschauen am Ende ein bisschen doof aussieht, ist das ja nicht weiter schlimm; schließlich machen es ja alle so. Da fällt es nicht auf, wenn das neben oder über dem Meldungstext geklebte Bildchen genau so eine hirnlose Simulation des Journalismus ist wie die von zentralen Nachrichtenagenturen übernommenen und im besten Fall noch leicht nachbearbeiteten Meldungstexte.

Hauptsache, es ist ein Bild da, das keine Mühe bereitet und keine Kosten verursacht. Einfach nur, weil da ein Platz in einem Webdesign ist, der für ein Bild vorgesehen wurde. Deshalb muss ein Bild hin. Aus technischen Gründen, nicht aus kommunikativen oder journalistischen. Auch wenn das Bild nicht passt, weil das Thema nicht “abbildungsfähig” ist; weil es ein abstraktes Thema ist, zum Beispiel so etwas wie die Kritik am Datenschutz in so genannten “social networks”.

Um ein solches Bild zu finden, greifen die “Journalisten” in einen besonders dunklen Winkel ihrer Hirngruft und fischen sich ein bewährtes Symbolbild ohne auch nur spurenhaften Mehrwert für den damit dekorierten “Artikel” heraus. So etwas wie die Bilder, die mir in den letzten zehn Stunden bei meinem Weg durch diverse journalistische Websites begegnet sind und die ich einfach mal gesammelt habe, um diesen alltäglichen, blöden Unsinn an dieser Stelle zu dokumentieren.

Und nein! Es sind nicht alle unsinnigen Bilder, die ich in den letzten Stunden zum Thema “Datenschutz bei Facebook, Twitter und Google Plus” gesehen habe. Aber es sind dafür diejenigen unsinnigen Bilder, die ich immer wieder sehe. Oder besser: übersehe, weil sie so sinnlos und nichtig wie das Rauschen beim schlechten Empfang eines Radiosenders sind; ein Signal, das wir Menschen ausblenden, um uns aufs Wesentliche zu konzentrieren. Und dennoch, wenn solches Rauschen Struktur hat, fällt diese Struktur auf und drückt der Wahrnehmung einen Stempel auf. Die Bilder sind nicht einfach nur schwarze Flächen oder dekorative Ornamente, sie transportieren ein Weltbild jenseits des Meldungstextes.

Die Lupe

Wie schauen wir Internetnutzer uns das Internet an? Nun, ich sitze meistens in einem gewissen Abstand zum Monitor und nehme dabei die Inhalte in ihrer Präsentation auf, um aus möglichst verschiedenen Quellen einen Eindruck zu einem bestimmten Thema zu bekommen. Okay, manchmal lasse ich mich auch “einfach nur ein bisschen unterhalten”, und vieles an meiner Internetnutzung ist Kommunikation mit anderen Menschen. Meine Haltung vorm Monitor bleibt dabei aber gleich. Vor allem benötige ich neben der Tastatur und gelegentlich der Maus keine weiteren Hilfsmittel für diese Tätigkeit.

Was so ein richtiger Journalist ist, kann natürlich nicht in solchen Gesten gewöhnlicher Internetnutzung verharren, er durchdringt anders als unsereins das dort im Netze Dargebotene in seiner Tiefe und in jedem Detail, denn er ist ein tiefer, durchdringender, von Wissen und Weisheit erfüllter Mensch. Zumindest ist er ein Mensch, der mit seiner technokratischen Sprache und in seinem Gehabe gern einen solchen Eindruck erweckt. Um das besonders ins Bild zu rücken, findet er offenbar, dass es eine gute Visualisierung für abstrakte Internetthemen aller Art ist, wenn man zeigt, wie Websites durch eine Lupe betrachtet werden:

Google-Logo auf dem Bildschirm durch eine Lupe betrachtet

Jedem anderen Menschen würde bei einer solchen Betrachtung ja der Sinn für die Inhalte der Website abhanden kommen, aber der Journalist bei seiner Suche nach Bildern hält die Lupe scheinbar für das wichtigste Hilfsmittel, um das Web nicht so zu sehen, wie es ist. Facebook zum Beispiel ist so eine Website, auf der Menschen miteinander Kontakte knüpfen und sich allerlei meist belangloses Zeug mitteilen, doch unser Presseschreiber kann alledem nichts abgewinnen, schwebt er doch meilenweit über solchen Menschlichkeiten und steht auch ansonsten mit beiden Beinen fest in den Wolken. Stattdessen ist er dermaßen begeistert vom Logo dieser amöbenhaften Website, dass er es sich ganz genau mit der Lupe anschauen muss:

Facebook-Logo auf dem Bildschirm durch eine Lupe betrachtet

Für mich sehen ja die Logos von Google und Facebook (Twitter habe ich auch schon so präsentiert gesehen) durch eine Lupe vor allem etwas pixelig und ansonsten so nichtssagend wie ein Logo aus, weil sowohl Logos als auch die Anzeigefläche des Monitors für einen normalen Leseabstand gemacht sind. Und nicht nur das: Wenn der Schelm in mir tanzen mag, kann ich den Gedanken nicht abschütteln, dass die Journalisten vor allem deshalb so wenig vom Internet verstehen, weil sie stundenlang mit ihrer Lupe die falschen Details betrachten. Vielleicht täte es der Journaille ja besser, wenn diese Journalisten sich einmal mit den technischen Grundlagen (und den gesellschaftlichen Implikationen) der Sache beschäftigten, über die sie da schreiben.

Aber nein, sie schauen sich das, was am wenigsten sagt und was keinerlei Verständnis erfordert, aus blendender Nähe an. Mit leeren Augen in einem hohlen Schädel schauen sie auf ein Facebook-Logo, das den ganzen Blickraum einnimmt…

Eine Nahaufnahme des Facebook-Logos

…nehmen dafür sogar noch die Lupe zur Hand und sprechen dann übers Netz wie Blinde vom Lichte — und tun mit ihrer hirnlosen Schreibtischtäterei alles dafür, dass auch die Menge ihrer Leser in Internetdingen mit sehenden Augen blind bleibt.

Das Logo im Auge

Manchmal jedoch scheint sogar im hirntoten Betrieb der Redaktionen mal jemand zu merken, dass eine Lupe gemeinhin nicht zur üblichen Ausstattung eines Bildschirmarbeitsplatzes gehört — vermutlich, weil der Journalist in einem lichten Moment geistiger Leere um sich geschaut hat und dabei festgestellt hat, dass er gar keine Lupe neben seinem Bildschirm liegen hat. Ja, wozu sollte er sie denn auch brauchen? Dann wird zu einer anderen visuellen Metapher gegriffen, die vergeblich versucht, den Lesern des journalistischen Elaborates mitzuteilen, dass man sich die Dinge sehr genau anschaut: Zu einem Auge, in dem sich ein Teil der Website spiegelt, die im zugehörigen Text betrachtet wird:

Facebook-Logo spiegelt sich in einem Auge

Wir als “Genießer” solch nulldiäthafter “Kunst” könnten aus so einem Bild, wenn wir es überhaupt einmal anschauten, eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass Journalisten ganz besondere Augen haben müssen, denn interessanterweise erscheint die Spiegelung des Logos darin niemals spiegelverkehrt. Sicher, es gibt dafür auch eine natürliche Erklärung: Der Monitor stellt das Bild seitenverkehrt dar. Das würde auch erklären, warum die Leute in den Redaktionen dauernd das Internet vor sich haben, und doch niemals etwas davon verstehen — es ist nun einmal anstrengend, Spiegelschrift zu lesen. :mrgreen:

Der Schatten vor der Website

Aber die häufigste optische Metapher ist die des Schattens eines Menschen, der vor der Website oder dem Logo einer Website sitzt. Etwa so wie hier im Falle Google Plus:

Ein Schatten vor dem Logo von Google Plus

Eine eigentümliche Bildsprache ist das. Der Mensch, für den der Dienst doch eigentlich da ist (und der diesen Dienst nutzt, weil er damit seinem Leben einen gewissen Mehrwert hinzufügt oder doch wenigstens hinzuzufügen glaubt) ist farblos, flach, ein schattenhaftes Nichts ohne jeden Ausdruck; ein Gespenst vor einer leuchtenden, hellen und farbigen Fläche, die im Gegensatz zur geisterhaften Reduktion derartiger “Nutzer” aus der manifest hirnkranken Imaginationsfähigkeit deutscher Journalisten² wirkliche Existenz hat.

Da fühlt sich doch jeder Nutzer des Internet und insbesondere jeder Nutzer einer “social website” sofort angesprochen! Nicht! “Du bist ein schattenhaftes Nichts ohne wirkliche Existenz”, genau das wird mit solchen Bildern dem Menschen gesagt, der Kontakte zu anderen Menschen pflegt und sich austauscht, der also auch im Internet Mensch ist und sich menschlich verhält.

Immerhin, manchmal wird dem Schatten auch etwas “Leben” verliehen…

Ein Schatten vor den beiden Logos von Google Plus und Facebook; eine schattenhafte Hand greift nach diesen Logos

…und er streckt eine ebenso schattenhafte, unwirkliche Hand aus, um nach den Logos großer Internetfirmen zu greifen, die hier auch noch in einer Gemeinsamkeit arrangiert sind, die den harten wirtschaftlichen Wettbewerb zwischen Google und Facebook zur Nebensächlichkeit erklärt. Bedeutungsvoll ist hier nur eines: Die Angebote des Internet werfen Menschen auf ein Schattendasein zurück. Welcher Nutzer von Google Plus oder Facebook würde sich nicht sofort in diesem Bilde wiedererkennen, das nach Firmenlogos grabscht? Keiner. Ach!

Da ist es ja irgendwie auch kein Wunder, dass so wenig Bewusstsein für jene Datenschutzproblematik aufkommt, die dadurch entsteht, dass dermaßen viel persönliche (und damit immer auch: empfindliche) Kommunikation bei Konzernen mit fragwürdigem Geschäftsmodell zusammenläuft und dort beinahe beliebig missbraucht werden kann. Von der Problematik US-amerikanischer Firmen unter den Bedingungen des Patriot Act einmal ganz abgesehen: Alle diese gesammelten Daten können von den Geheimdiensten der USA ohne Schwierigkeit und ohne besondere Begründung angefordert und für beliebige nachrichtendienstliche Zwecke verwendet werden, so dass eine unbedachte, überschwängliche, satirische oder dumme Äußerung für einen selbst oder aber auch für einen anderen Menschen einmal äußerst unerwünschte Folgen haben kann. Dies natürlich auch noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte später. Das ist natürlich so eine “Kleinigkeit”, die in der Berichterstattung deutscher Journalisten in der Regel keine Rolle spielt, die dort skizzierten Gefahren für die Privatsphäre sind beinahe so abstrakt wie die Darstellung des in den Schatten gebannten Menschen vor seinem Monitor. Wer dann irgendwann einmal aus rätselhaften Gründen kein Durchreisevisum für die USA erhält, kein Auslandssemester in den USA studieren kann oder bei bestimmten Unternehmen keinen Job bekommt, hat eben Pech gehabt. Das Problem beschränkt sich also keineswegs nur darauf, dass man mit gezielterer Reklame bombadiert wird, obwohl das bereits schlimm genug sein kann. Oder weiß jemand zu sagen, welche Werbemethoden in fünf Jahren im Internet üblich sein werden, oder was es bedeuten wird, wenn in nicht allzuferner Zeit augmented reality und ständiges Online-Sein gewöhnliche Bedingungen des Lebens sind? Ich wage in diesen Punkten keine Vorhersage. Nur eins weiß ich: Die heute heimlich gesammelten und von Wirtschaftsunternehmen zentral gespeicherten Daten aus der Privatsphäre der Menschen können leicht zum Herrschaftswissen der kommenden Zeit werden; und verglichen mit dem Profil, das sich aus arglosen Facebook-Aktivitäten gewöhnlicher Menschen ergibt, sind sämtliche Observationen des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR ein müder, schwacher Furz gewesen.

Ob angesichts der bereits bestehenden Datenschutzproblematik und angesichts absehbarer Entwicklungen in der Zukunft die visuelle Sprache eines “Schattens vor Facebook” eine angemessene Darstellung ist…

…mag jeder selbst entscheiden. Ich glaube aber sicher sagen zu können, dass dieses Bild keinen einzigen Nutzer anspricht, in seinem eigenen Erleben der sozialen Umwelt Facebook (oder Google Plus oder Twitter) abholt und auf diese Weise mithilft, ihn für die möglichen Probleme zu sensibilisieren, die mit seinem heutigen Spaß an Facebook (oder Google Plus oder Twitter) verbunden sein können. Denn der heutige Spaß an Facebook (oder Google Plus oder Twitter) wird niemals gezeigt, er besteht im zwanglosen und einfachen Kommunizieren. Diese Bilder sind falsch in dem Sinne, dass der damit bebilderte Artikel besser würde, wenn diese Bilder nicht da wären. Im besten Fall sitzt der Schatten mal…

…vor einer Reklamegrafik und einem Werbespruch von Facebook. Als gesichtsloses, schattenhaften Wesen aus einer Welt fern der lebendigen Erfahrung eines Menschen. Ein Bild aus dem Wahn. Aber nicht eines aus dem Wahn der Facebook-Nutzer, sondern eines aus dem Wahn der deutschen Journalisten, die sich ein Bild von Facebook-Nutzern und ganz allgemein von Internet-Nutzern machen und dieses Wahnbild, dieses Symbolbild aus ihrer Hirngruft, vor aller Leser Augen stellen.

Absurderweise ausgerechnet im Web.

Fußnoten

¹Typischerweise liefern die Nachrichtenagenturen den gleichen Artikel in einer NITF-Datei in verschiedenen Formaten vorgefertigt, so dass er unmittelbar und ohne große Nacharbeit verwendet werden kann. Es gibt verschiedene kurze Anrisse, Meldungstexte in diversen gängigen Längen und bei bestimmten Themen auch vorgefertigte Specials mit Hintergrundinformationen. Die redaktionelle Tätigkeit beschränkt sich auf die Auswahl der passenden Präsentation und vielleicht noch die Kürzung um zwei, drei Zeilen oder die Aufblähung des Textes um eine vergleichbare Länge, um keine Lücken im Layout des Druckwerkes entstehen zu lassen. Für das Web, das keine Anforderung einer gefüllten Druckseite kennt, fällt diese Mühe auch noch weg. Es ist tägliches guttenbergen.

²Solche vollkommen unpassenden und die Menschen verachtenden Bilder sehe ich nur im deutschen Journalismus. Nirgends anders. Nur hier gibt es Journalisten, die zu glauben scheinen, dass Internetnutzer keine ganz gewöhnlichen Menschen mit nachvollziehbaren und lebendigen, oft sogar fröhlichen menschlichen Motiven sind. Was es für die unbewusste Wahrnehmung des Internet durch Menschen, die keine eigene Internet-Erfahrung haben bedeutet, wenn sie derartige Bilder jeden Tag contentindustriell in das Gehirn gestanzt bekommen, kann sich hoffentlich jeder vorstellen. Es wird in keinem Fall den Wunsch wecken oder verstärken, eigene Erfahrungen machen zu wollen.


SOPA: Schritt in die richtige Richtung

Die Ermittlungen im Fall Megaupload zeigen, wie gefährdet das Urheberrecht derzeit ist, wenn Werke über das Internet verbreitet werden. Trotz unermüdlicher und zeitintensiver Ermittlungen ist es den Strafverfolgungsbehörden wie auch im Fall kino.to viel zu lange nicht gelungen, einer Handvoll notorischer Hochstapler und Betrüger das Handwerk zu legen. Jeden Tag wurden so Musiker, Sänger, Komponisten, Schauspieler, Regisseure, Autoren und deren Geschäftspartner um ihren wohlverdienten Lohn betrogen – und werden es immer noch.

Diese Internetkriminalität können wir nur dann erfolgreich stoppen, wenn den Ermittlungsbehörden auch die notwendigen Instrumente an die Hand geben. Auch wenn einzelne Regelungen der dem US-Senat vorgelegten Gesetzentwürfe “Stop-Online-Piracy-Act” (SOPA) und “Protect-IP-Act” (PIPA) zu weit gehen: Der Fall Megaupload macht deutlich, dass wir einen klaren Rechtsrahmen im Internet brauchen, so wie es in der realen Welt selbstverständlich ist.

Ansgar Heveling und Dr. Günter Krings in einer Presseerklärung der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestage

Kommentar

In diesen zwei Absätzen steht so viel Falsches und vorsätzlich Unwahres, dass ich nicht alles richtigstellen kann.

Deshalb erstmal das Wichtigste: Der Erfolg der Fahnder gegen den “Sharehoster” Megaupload ist nicht etwa einer beliebig missbrauchbaren Zensurinfrastruktur wie SOPA und PIPA gedankt, sondern er ist das Ergebniss geradezu klassischer und zielführender Polizeiarbeit. Dabei wurde gezielt eine Website aus dem Internet entfernt, deren offenbar einziger Zweck es war, Profit aus der Weitergabe urheberrechtlich geschützten Materiales zu generieren; mindestens ein Betreiber dieser Website ist dabei dingfest gemacht worden. Es handelt sich hierbei also um das genaue Gegenteil von beliebig missbrauchbaren Willkürgesetzen wie SOPA und PIPA, es handelt sich um den kraftvoll vorgehenden Rechtsstaat, der geltendes Recht gegen Widerstände durchsetzt. Dieser Teil Internetkriminaität — man beachte, ich setze dieses Wort nicht in Anführungszeichen — wurde erfolgreich gestoppt, ganz ohne SOPA und PIPA. Daraus zu schließen, dass SOPA und PIPA erforderlich wären, um Urheberrechte wirksam durchzusetzen, ist eine Schlussweise, für die man scheinbar Deformationen in seinem cerebralen logischen Apparat braucht, die in dieser Form nur in der CDU/CSU-Fraktion auftreten.

So viel nur dazu.

Aber da ist noch so viel Kleinkram, der die große Lüge — und ja, ich muss diese “Argumentation” eine Lüge nennen, um nicht alternativ die so schreibenden Menschen als Schwachsinnige zu bezeichnen — noch lächerlicher macht. Hier nur ein paar Stichpunkte aus diesen beiden Absätzen, ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Jeden Tag werden “Kultur”-Schaffende um ihren wohlverdienten Lohn betrogen…
    Dieser Aussage liegt die Annahme zugrunde, dass jeder illegale Download ansonsten ein Kaufvorgang gewesen wäre. Das ist nicht sicher. Tatsächlich argumentiert die Contentindustrie schon seit der Einführung der Compactcassette in genau dieser Weise und fabuliert von jährlichen dreistelligen Millionenverlusten durch kopierte Werke. Nachdem diese “Gewinne” seit vierzig Jahren nicht erzielt wurden, ist die Bezugnahme auf derartige “Gewinne” nur noch lächerlich und in diesem Kontext vor allem dazu geeignet, zu zeigen, aus wessen Schriftsätzen die beiden Vertreter der CDU/CSU-Fraktion ihre Textbausteine abschrieben, um sich der Anforderung zu entledigen, eine Presseerklärung veröffentlichen zu müssen.
  • Jeden Tag werden “Kultur”-Schaffende um ihren wohlverdienten Lohn betrogen…
    Noch einmal dazu: Eine Besonderheit im Falle Megaupload kann gar nicht genug beachtet werden, und das ist, dass die Nutzer dieser Website bereit waren, für diese Inhalte zu bezahlen. Das ist erstaunlich, weil sonst immer gegen die “Kostenloskultur” gewettert wird, die jedes Geschäft kaputt macht. Es war also einem “notorischen Hochstapler und Betrüger” über Jahre hinweg möglich, Millionengewinne damit zu machen, dass Menschen durchaus bereit sind, für digitale Inhalte Geld zu bezahlen. Warum die Kopierindustrie, die die Contentindustrie in Wirklichkeit ist, trotz großer Wirtschaftskraft seit Jahren nicht dazu imstande ist, die Menschen dazu zu bringen, dass sie dieses Geld für den rechtmäßigen Erwerb digitaler Güter ausgeben, gehört zu den Fragen, die hier gezielt verschwiegen werden. Ich selbst kann über die Motive der Downloader natürlich nur spekulieren, aber wenn mir Unternehmungen der Contentindustrie Datenträger mit vorsätzlich zum Kopierschutz aufgebrachter Schadsoftware verkaufen wollten — das ist nur ein schrilles Beispiel der Herrenmenschenmentalität in Rechtsfreien Raum der Contentindustrie — dann wäre fortan meine Bereitschaft, aus dieser Quelle irgendetwas zu kaufen, bei Null. Einmal ganz davon abgesehen, dass es die Contentindustrie seit Jahren nicht schafft, ihre vollständig digital vorliegenden Daten in einer Weise im Internet zu handeln, die den Käufer nicht gängelt und entrechtet und zudem mit einem fairen Preis verbunden ist. Kein fairer Preis ist es zum Beispiel, wenn ein so genanntes eBook genau so viel Geld kostet wie der Aufdruck der gleichen Informationsmenge auf toten Bäumen, verbunden mit einer aufwändigen logistischen Infrastruktur zur Auslieferung dieser bestempelten toten Bäume an den Buchhandel — ganz im Gegenteil, hier wirkt die Nichtweitergabe von Einsparungen an den interessierten Käufer wie dumme Beutelschneiderei. Man müsste schon einen beachtenswerten Mangel an Selbstachtung haben, wenn man so auftretenden Vermarktern Geld gibt. Die Menschen, die diesen Mangel an Selbstachtung nicht haben, suchen sich immer einen Weg, eine solche Bezahlung zu vermeiden. Sie werden auch immer einen solchen Weg finden.
  • dass wir einen klaren Rechtsrahmen im Internet brauchen…
    Nun, diesen Rechtsrahmen haben wir. Was das für die Gestalter und viele Nutzer des deutschsprachigen Internet jeden Tag bedeutet, können sie zum Beispiel mal ihren Kollegen Sebastian Edathy (für die SPD im Rechtsausschuss) fragen — aber wundern sie sich nicht darüber, wenn er ihnen als Antwort sagt, dass sie ihm mal am Arsche lecken können. Weitergehende Fragen zum “klaren” Rechtsrahmen im Internet bekommen sie klarer an anderen Stellen im Web beantwortet.
  • so wie es in der realen Welt selbstverständlich ist…
    Auch wenn es mich ermüdet, das immer wieder einmal einem weltfremden Politiker vorzuhalten: Das Internet ist fester Bestandteil einer völlig realen Welt. Die Bestreitung dieser offenbaren Tatsache deutet auf einen bemerkenswerten Realitätsverlust hin, der keine Empfehlung dafür ist, Menschen mit einem derartigen Realitätsverlust zu gestalterischem gesellschaftlichen Einfluss und zu politischer Macht zu verhelfen.

Kurz: Zumindest am Kopfe spricht der CDU/CSU-Bundestagsfraktion weiterhin vom Netz wie ein Blinder vom Licht. Der dabei entstehende Eindruck wird auch von einem schwarzen Peter nicht aufgehoben, der trotz häufig zu bemerkender, beachtlicher Vernunft in Internetangelegenheiten nur noch die Frage aufwirft, wie er es in einem solchen Umfeld aushalten kann. Vermutlich wohl deshalb, weil seine Funktion als netzpolitisches Feigenblatt so erwünscht ist, dass er genügend Ermutigung bei seinem Anrennen gegen Windmühlenflügel erhält.

Nachtrag 19:10 Uhr: Zeit für die erste Blogschau zum Thema. Netzpolitik hat sich etwas kürzer gefasst, und CDU Watch hat diese gnadenlos netzblinde Presseerklärung ebenfalls weidlich in ihre Bestandteile zerlegt.

Nachtrag, 26. Januar, 23:00 Uhr: Der folgende Hinweis ist nicht unbedingt ein Internet-Thema. Aber es ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie nachträglich versucht wird, durch Fehlinformationen den unerwünschten Eindruck in der Öffentlichkeit wieder gerade zu rücken.

Kampf gegen Internet-Piraterie
Union streitet über SOPA-Haltung

Die “US-amerikanische SOPA-Gesetzgebung weist in die richtige Richtung” – so heißt es in einer Pressemitteilung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Doch in der Partei denken aber längst nicht alle so, erste Reaktionen fallen harsch aus.

Süddeutsche.de

Nun, werte Journalisten der Süddeutschen Zeitung! Ist es nicht für gewöhnlich so, dass eine Auseinandersetzung zu einem bestimmten Thema erst einmal (meist von den jeweiligen Fachpolitikern) in der Fraktion geführt wird, und dass anschließend die errungene Formel in einer offiziellen Presseerklärung (oft auch mit provozierenden Formulierungen) veröffentlicht wird? Glaubt ihr wirklich, dass da zwei Menschen eigenmächtig ihre Privatmeinung auf einer offiziellen Website der CDU/CSU-Bundestagsfraktion veröffentlichen können und diese als Meinung der Fraktion ausgeben können? Meint ihr nicht, werte Journalisten der Süddeutschen Zeitung, dass ein solcher Akt des Missbrauchs eines offiziellen Fraktionsorganes drastische Konsequenzen für die Leute hätte, die sich zu einer derartigen Eigenmächtigkeit hinreißen ließen, dass es umgehend zu einer klärenden Stellungnahme des Fraktionsvorstandes käme, wenn ein solcher Standpunkt nicht dem erarbeiteten Fraktionsstandpunkt entspricht? Findet ihr es nicht auffällig, dass ein solcher Vorgang zu keinerlei offizieller Reaktion führt, sondern dass es nur zu marginalen Twitter- und Privatsite-Äußerungen einiger eher unbedeutender Fraktionsvertreter mit Internetaffinität kommt, nachdem die unfassbare Blödheit und Netzblindheit einer solchen Stellungnahme ein paar Leuten im Internet aufgefallen ist? Oder anders gefragt: Haltet ihr eure Leser (und damit unter anderem auch mich) für dermaßen verblödet, dass ihr ihnen zum Nutzen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion den Bären aufbinden könnt, bei dieser unsäglich blöden Stellungnahme der CDU/CSU-Bundestagsfraktion handele es sich gar nicht um die offizielle Fraktionslinie? Meint ihr vielleicht sogar, dass eine derartige Verblödung eurer Leser das Ergebnis eurer journalistischen Tätigkeit sei?

Nun gut, werte Journalisten der Süddeutschen Zeitung, damit habt ihr zumindest mir — und vielleicht einigen Lesern dieser kleinen Website — gezeigt, was von eurem Journalismus zu halten ist. Vielen Dank dafür. Das hilft sehr bei der Entscheidung, Geld für journalistische Produkte auszugeben oder nicht auszugeben — denn die Bildzeitung für die tägliche Portion Enthirnung gibt es bereits.


3D? Dumm, dämlich, deppert?

Das Internet bietet die Chance, von der 2D zur 3D-Demokratie zu kommen, das heißt den Dialog in einer Open-Source-Gesellschaft mit den Bürgern zu führen. Deswegen gilt unser Wahlspruch, dass wir die Piraten im Internet stoppen aber die Freiheit des Internets schützen.

Eberhard Sinner (CSU), ehemaliger bayerischer Wirtschaftsminister, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des MedienCampus Bayern, gegenwärtiger Vertreter des Bayerischen Landtages im Rundfunkrate des Bayerischen Rundfunks
Zitiert nach netzpolitik.org

Oh, da schwimmt ja gerade ein ganzer Schwarm von Blindfischen durch die CSU…


Schach: Die Alternative zum Internet

Besonders in der heutigen Zeit ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen in ganz Europa Alternativen zu Fernsehen und Internet zu bieten. Schach ist hierbei eine sehr gute Möglichkeit, das strategische und taktische Denken der Heranwachsenden sinnvoll zu fördern.

Markus Ferber, Vorsitzender der CSU-Europagruppe im Europäischen Parlamente

Herr Ferber, verweilen sie unter ihresgleichen bei den Blindfischen und fühlen sie sich dort wohl!


Mein Name ist Datenschützer, ich weiß von nichts

Nach Bekanntwerden der flächendeckenden Auswertung von Handy-Verbindungen durch die Berliner Polizei gibt sich die Justiz überrascht. Bei Delikten wie Autobrandstiftung sei dies “absolut üblich”.

[...] Sven Kohlmeier, SPD-Rechtspolitiker im Abgeordnetenhaus, sagt, er sei von den Erkenntnissen “klar überrascht”. In seiner Tätigkeit als Datenschutzpolitiker sei ihm das, was nun öffentlich bekannt wurde, nie zur Kenntnis gelangt, auch nicht im Datenschutzausschuss des Abgeordnetenhauses.

Der Tagesspiegel — Justiz: Telefonkontrollen bei Autobrandstiftung normal

Kein Kommentar

…aber dennoch hier vermerkt und archiviert. Für alle, die immer noch daran glauben, dass gesetzlich festgeschriebener Datenschutz, politisch bestellte Datenschützer und die Datenschutzausschüsse der Parlamente irgendeine andere Funktion als die eines Feigenblattes und einer wohlfeilen Ablenkung von der realen staatlichen Datensammellust hätten.

Wenn ein solches “absolut übliches” Vorgehen der Polizei — die anlasslose Überwachung von mehreren zehntausend Nutzern von Mobiltelefonen in größeren Bereichen einer bundesdeutschen Großstadt — nicht in einem Datenschutzausschuss auf den Tisch kommt, kann man sich schon fragen, womit sich dieser Ausschuss eigentlich beschäftigt. Mit dem Schutz der Menschen vor fragwürdigen Observationen und dem Verlust ihrer informationellen Selbstbestimmung vor staatlichen Organen beschäftigt sich dieser Ausschuss ja ganz offenbar nicht.

Korrektur (22:28 Uhr)

Die Größenordnung ist falsch. Es waren nicht zehntausende von Mobiltelefonen, sondern laut Berliner Zeitung waren es Millionen.


Seehofers Freunde

“Herr Seehofer, wie viele Freunde haben sie auf Facebook?” Seehofer: “Unzählige.” – “Und wann haben sie zum letzten Mal etwas gepostet?” – “Ach, fragen sie das doch meinen Assistenten, der macht das für mich.”

Horst Seehofer (CSU), Bayerischer Ministerpräsident und Vorsitzender der CSU
Zitiert nach taz.de

Willkommen bei den Blindfischen!


Die Süddeutsche hebelt den SOPA-Streik aus

Internet – Ratgeber: Internet-Protest: Unerreichbare Webseiten aufrufen

[...] Abgeschaltete und nicht erreichbare Internetseiten können über die Cache-Funktion von Suchmaschinen gelesen werden. Denn die Suchanbieter speichern viele Webseiten in regelmäßigen Abständen auf ihren Servern zwischen. Aktuell ist die Funktion zum Beispiel nützlich, wenn man Einträge der englischsprachigen Version des Online-Lexikons Wikipedia aufrufen möchte, die für 24 Stunden vom Netz gegangen ist, um gegen Pläne in den USA zu protestieren, Urheberrechtsverletzungen auch mit Netzsperren zu verfolgen.

Süddeutsche.de: Unerreichbare Webseiten aufrufen
Die Meldung ist die Übernahme einer DPA-Meldung

Kommentar

Zunächst das Gute: Der Hinweis ist faktisch richtig — es ist häufig möglich, eine gerade unerreichbar gewordene Seite im Web mithilfe des Google-Cache zu lesen, was ich übrigens auch gern mal mache, um mir anzuschauen, was da aus irgendwelchen Gründen aus dem Netz entfernt wurde.

Allerdings wäre es bei der gestrigen Schwarzschaltung der englischen Wikipedia noch viel einfacher gewesen, die Inhalte zu lesen. Diese wurde nämlich mit JavaScript realisiert, und wenn man JavaScript ausschaltete, konnte Wikipedia wie gewohnt gelesen und bedient werden, ohne dass es des Umstandes eines Umweges über den Cache einer Suchmaschine bedurft hätte. Dies herauszufinden hat mich als Nichtjournalisten nicht einmal dreißig Sekunden gekostet, es war ein schneller Druck auf die Tastenkombination Strg-U und ein ebenso schnelles Überfliegen dessen, was ich daraufhin sah. Jeder zwölfjährige Nachwuchswebdesigner wäre mit flugs gesammeltem Halbwissen dazu imstande gewesen, dies übrigens in genau der gleichen Geschwindigkeit wie ich. Leider saß ein solcher nicht in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung und auch nicht bei der DPA, auf die diese Meldung zurückgeht — der hätte das vielleicht angemerkt und zusätzlich darauf hingewiesen, dass es sowieso empfehlenswert ist, nicht jeder Seite im Web zu gestatten, Code innerhalb des Browsers auszuführen. Einfach, weil das auch ein gutes Mittel gegen die Mehrzahl der Sicherheitslöcher ist, vermittels derer Schadsoftware auf den Rechner kommt. Und da es bei den meisten populären Browsern sehr umständlich ist, diese Einstellung von Fall zu Fall zu ändern, hätte er auf das hierfür unendlich nützliche Firefox-Addon NoScript hingewiesen. Tja, die Menschen, die mit diesem Addon unterwegs waren, haben gestern in der englischen Wikipedia gar nichts gemerkt. Bei der Süddeutschen Zeitung und bei der DPA saßen offenbar andere Menschen, die weniger darauf bedacht sind, sich leidlich sicher durch ein Web zu bewegen, das wirklich keine Kuschelstube mehr ist. Und die schrieben dann auch noch im Ressort “Internet-Ratgeber”, damit auch in Zukunft jeder ratlos vor seinem gepwnten Rechner sitzt.

Ach ja: Warum ich das, obwohl ich es schnell bemerkt hatte und wusste, nicht an die vielen Menschen weitergegeben habe, die aus dem einen oder anderen (oft drängenden) Grund die Wikipedia benutzen wollten und sich nicht zu helfen wussten? Ganz einfach deshalb, weil ich die Entscheidung der Wikipedia-Gemeinschaft — im Gegensatz zur Webredaktion der Süddeutschen Zeitung und zur Deutschen Presseagentur — respektierte. Neben dem politischen Protest hat eine solche Schwarzschaltung bei vielen Menschen nämlich den Sinn dafür geschärft, wie viele im Alltag für die Menschen unendlich praktische Ressourcen verloren gehen können oder zumindest beschädigt werden können, wenn das Internet den unausgegorenen politischen Beglückungsideen irgendwelcher lobbygesteuerter Spezialexperten in den Parlamenten überlassen wird. Denn das allgemeine Schwarz, das sich nach einer willkürlich durchführbaren DNS-Verhunzung im Sinne der Contentindustrie im Web (und nicht nur dort) breit machen würde, ließe sich nicht mehr mit einfachen Tricks oder Browser-Plugins vertreiben. Es wäre das Web 3.0 derer, die kein Interesse an der natürlichen Nutzung verfügbarer technischer Möglichkeiten haben können, weil ihnen damit ihr bisheriges Geschäftsmodell mit industriell erstellten Kopien von Inhalten wegfällt.

Ach, die Journaille gehört auch dazu, na sowas… :mrgreen:


Experten für Whois-Abfragen

Innsbruck – Frau Doreen aus Hall ist geschockt! Ein Portraitfoto der Wahltirolerin taucht seit einigen Monaten auf verschiedenen Sex-, Seitensprung und Kontaktanzeigen im Internet auf. Alle Unternehmungen ihr Konterfei von den ungustiösen Seiten nehmen zu lassen, schlugen fehl [...]

Erst nachdem Doreen die Anwaltskanzlei Waizer&Waizer in Hall beauftragte, gab es erste kleine Erfolge: “Wir haben zwei IT-Unternehmen beauftragt, die herausfinden sollten, wer diese Internetdienste betreibt”, erklärt Anwalt Hansjörg Waizer. “Die IT-Experten brachten schließlich in Erfahrung, dass die betreffenden Seiten, auf denen auch das Foto von Doreen auftauchte, auf Servern in Holland, England, der Schweiz und in Panama gespeichert sind. Auf der Suche nach den Betreibern führte die Spur dann nach Nassau auf den Bahamas.”

Tiroler Tageszeitung Online: Hilfe! Mein Firmenfoto taucht bei Sex-Anzeigen im Internet auf

Kurzkommentar

Wow, da konnten gleich zwei Unternehmen ihre Rechnung schreiben, weil sie mal eben an der Kommandozeile ein whois -H getippt haben oder einen geeigneten Webservice verwendet haben, wenn sie für die Bedienung der Kommandozeile nicht qualifiziert genug waren. Groß auch die Leistung der zitierten Tageszeitung, in deren Redaktion offenbar niemand auch nur Grundkenntnisse im Internet hat — was natürlich nicht davon abhält, einen solchen Vorgang, der übrigens eine deutliche Mahnung ist, den im Artikel zitierten Anwalt besser nicht mit einer Internet-Sache zu beauftragen, als ganz normal darzustellen.

Die “Experten für Whois-Lookups” freut es zumindest, denn dank derart “gut” informierter Menschen und Anwälte werden sie auch weiterhin gesalzene Rechnungen für eine Nulldienstleistung stellen können.


Der Schadstoff aus dem DNS…

Kann man sich gar nicht ausdenken, so etwas!

Schadprogramm im DNS / Internetpolizei ruft zur PC-Prüfung auf / 11.01.2012 ·  Eine neue Schadstoffsoftware aus dem Internet kann weitreichende Schäden auf Computern verursachen. Von März an könnten sie wichtige Teile ihrer Funktionalität verlieren. In Deutschland infizieren sich täglich 30.000 Rechner. Von Stephan Finsterbusch / Das Schadstoffprogramm kommt über das Domain Name System in den Computer

Frankfurter Allgemeine

Ähhm… muss man das noch kommentieren?

Ach, ich glaube, ein kurzer Kommentar ist doch erforderlich. Zum Beispiel für die armen Seelen, die ihre Kenntnisse über das Internet und die dort verwendete Technik von derartigen “Qualitätsjournalisten” wie diesem Herrn Finsterbusch erhalten haben.

Leider enthalten die abgebildete Überschrift, der Teaser des Artikels und die Bildbeschriftung des lustigen Symbolbildes mit den vielen Netzwerksteckern in passenden Buchsen so viele Fehler, dass es mir nicht möglich ist, dazu in kurzen Worten den Nebel der blinden Unwissenheit durch ein paar richtige Informationen zu vertreiben, deshalb folgt hier nur eine Liste der Fehler ergänzt um ein paar Links auf weiterführende Informationen:

  1. Es handelt sich nicht um ein “Schadprogramm im DNS”, was auch gar nicht möglich wäre, sondern um ein Schadprogramm auf den infizierten Rechnern, das als DNS-Server einen ursprünglich von Kriminellen kontrollierten Server eintrug. Bei einem davon befallenen Rechner kann der gesamte Netzwerkverkehr, bei dem Rechner im Internet über ihren Domainnamen identifiziert werden — also zum Beispiel die Mehrzahl der URLs, die in einem Browser aufgerufen wurden, und insbesondere auch die URLs von Kreditinstituten — auf von Kriminellen kontrollierte Rechner umgeleitet werden. Dieses Schadprogramm hat sich auf gewöhnlichen Wegen verbreitet; etwa als Mailanhang, in Form von “Trojanern” (zum Beispiel in “verseuchten” illegalen Downloads) oder über ausgebeutete Sicherheitslücken des Betriebssystemes oder der verwendeten Internet-Software.
  2. Es gibt keine “Internetpolizei”. Die Mitteilung, auf die sich der Artikel bezieht, kommt vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Wenn Herr Finsterbusch, der dieses Meisterwerk der Idiotie verfasst hat, wenigstens diese Pressemitteilung übernommen (und vielleicht ein wenig gekürzt hätte), dann wäre das Ergebnis wohl weit weniger peinlich geraten. Leider hat er aber in seiner Ahnungslosigkeit geglaubt, dass er die Materie gut genug versteht, um es selbst formulieren zu können.
  3. Das Schadprogramm ist nicht “neu”, sondern schon seit längerer Zeit im Einsatz. Es erfüllt im Moment nicht die von den Kriminellen erwünschte Funktion. Der von den Kriminellen als DNS-Server eingetragene Rechner steht seit Mitte November unter Kontrolle des FBI. Das zurzeit größte Problem besteht darin, dass dieser von Kriminellen mit einer Schadsoftware auf vielen Rechnern eingetragene DNS-Server unter ehemals krimineller Kontrolle, demnächst, am 8. März, abgeschaltet wird, so dass auf den dann noch befallenen Rechnern keine Namensauflösung mehr möglich ist. Deshalb soll die Schadsoftware umgehend von befallenen Rechnern entfernt werden, und deshalb gibt es eine Testseite, mit der überprüft werden kann, ob der eigene Rechner von diesem Problem betroffen ist¹.
  4. Es gibt zwar Schadstoffe, und es gibt auch Schadsoftware, die meistens mit dem englischen Wort “Malware” bezeichnet wird, aber das von der FAZ erfundene Wort “Schadstoffsoftware” erweckt den Eindruck, als habe mal eben schnell ein völlig ahnungsloser Praktikant den Artikel runtergetippt, der das Ganze eher für eine Art Umweltproblem hielt.
  5. Die Ausdrucksweise, dass so eine üble Schadsoftware “aus dem Internet” kommt, ist zwar nicht falsch, aber auch nicht informativ. Zum Einen kann derartige Schadsoftware auch über Wechselmedien wie USB-Festplatten oder Speichersticks den Weg auf dem Rechner finden, zum anderen ist “das Internet” verdammt groß und größtenteils viel harmloser als die Spams und Websites der organisierten Kriminalität.
  6. Die “weitreichenden Schäden auf Computern” kann jede von Kriminellen klandestin installierte Software anrichten, und sie tut es in der Regel auch. Das ist ebenfalls nichts Neues, und das einzige, was dagegen hilft, ist die Verwendung aktueller Software und das Einschalten des Verstandes bei der Nutzung des Internet. (So genannte “Sicherheitssoftware” ist nur eine Ergänzung zum Verstand, kein Ersatz.) Wer nicht in Spams herumklickt, keine PDFs aus unsicherer Quelle im Adobe Reader öffnet und seinen Browser so konfiguriert, dass besonders anfällige Funktionalitäten wie die Einbettung von Plugins und die Ausführung von JavaScript in Webseiten standardmäßig deaktiviert sind, wird sich kaum jemals eine Schadsoftware einfangen.
  7. “Von März an” meint exakt: Ab dem 8. März.
  8. Unter “wichtige Teile ihrer Funktionalität” ist hier “nur” die Namensauflösung im Internet zu verstehen, also die Zuordnung eines Domainnamens wie google.de zu einer IP-Adresse wie 173.194.69.94 — die sonstige Funktionalität des Rechners bleibt unangetastet. Er fährt weiterhin hoch, es können weiterhin Programme gestartet und Dokumente bearbeitet werden. Die gewählte Formulierung ist ein überdeutlicher Hinweis darauf, dass hier ein “Qualitätsjournalist” einer renommierten deutschen Tageszeitung über ein Thema geschrieben hat, ohne dass er auch nur die Spur einer Ahnung hätte. Diese Ahnungslosigkeit hat er durch ca. eine Minute Querlesen in einem Google-Suchergebnis — natürlich ohne Klicks auf die gefundenen Seiten, weil Lesen wohl zu lange fürs flotte Content-Erstellen gedauert hätte — und durch das unreflektierte Ablassen einer Nichts sagenden Standardphrase ausgleichen wollen, um dann mit der autoritären Kraft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Unsinn und Unwissen zu einem üblen Brei zusammenzumixen, dass einem nur so schwindlig beim Genuss des Ergebnisses wird.
  9. Zu guter Letzt noch eine richtige, klare Falschinformation. Es infizieren sich in Deutschland nicht jeden Tag 30.000 neue Rechner, sondern das FBI stellt jeden Tag etwas über 30.000 Zugriffe auf den ursprünglich von Kriminellen kontrollierten DNS-Server ausgehend von IP-Adressen aus Deutschland fest. Es gibt also ingesamt ungefähr etwas mehr 30.000 infizierte und im Internet regelmäßig aktive Rechner in Deutschland.
  10. Und weil ein dicker Fehler nicht genug ist, steht unterm Symbolbild noch der falsche Text “Das Schadstoffprogramm kommt über das Domain Name System in den Computer”.

Ich hoffe, dass auch weniger technikkundigen Lesern nach diesen kurz gefassten Erläuterungen zu den Fehlern aus drei Zeilen Text und einer Überschrift klar geworden ist, dass ich mich mit der gnadenlosen Hirnfreiheit des zugehörigen Artikels nicht mehr in jeder Nuance auseinandersetzen wollte.

Aber eine Zusammenfassung darf ruhig sein: Wer diesen Artikel gelesen hat und vorher keine Ahnung hatte, der hat auch hinterher keine Ahnung, aber zusätzlich diffuse Ängste “vor dem Internet”, bei denen er sich dank dieser unerträglichen Tintenkleckserei auch noch “aufgeklärt” fühlt. Was im Artikel steht, ist, dass das Internet seinen Rechner kaputt machen kann, denn es macht ja jeden Tag 30.000 Computer in Deutschland so kaputt, dass sie im März nicht mehr funktionieren. Jeglicher Hinweis darauf, wie die Schadsoftware auf einen Computer gelangen kann, fehlt — und somit fehlt auch jede Information darüber, wie man den Missbrauch seines Computers durch die organisierte Kriminaltät vermeiden oder wenigstens erschweren kann. Die völlige Inkompetenz des Autors ist beinahe mit jedem von ihm geschriebenen Wort greifbar und weckt die Frage, ob andere Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Themen, in denen ich mich zufällig weniger gut auskenne, wohl von vergleichbarer Inkompetenz, Dummheit und Unwilligkeit auch nur zur einfachsten Recherche geprägt sind. Schließlich fehlt auch jeder Hinweis dazu, mit welcher Software man versuchen kann, die von der Schadsoftware angerichteten Schäden zu reparieren, um sich eine Neuinstallation seines Rechners und das Rücksetzen seiner Netzwerkhardware auf den Auslieferungszustand zu ersparen; vielmehr wird weder erwähnt, dass Ersteres in einigen Fällen möglich ist und dass Letzteres geboten ist, wenn keine andere Abhilfe möglich ist.

Ein tolles Stück Qualitätsjournalismus aus einer angesehenen deutschen Tageszeitung!

Nachtrag 13. Januar

38 372 Nutzer stellten dabei die Verseuchung ihres Geräts fest und konnten Abwehrmaßnahmen ergreifen

Die Berliner Morgenpost liefert eine Zahl, die anders klingt als das verängstigende “dreißigtausend täglich neu infizierte Rechner” der Frankfurter Allgemeinen Internetangstausbreitung. Auch ansonsten findet sich in dem Artikel eine alles in allem für die Menschen hilfreiche Aufklärung über das Problem und die Gründe, warum jetzt Handeln geboten ist.

¹Diese Testseite ist nicht so zuverlässig, wie sie in einer solchen Situation sein sollte. Sie zeigt manchmal auch bei infizierten Rechnern “Grünes Licht”.


Eingeklickt

Ich habe mich mal aus Interesse da über Weihnachten eingeklickt, und ich muss Ihnen sagen, was da so unterwegs ist, ist jenseits meiner Vorstellungskraft

Horst Seehofer, Vorsitzender der CSU

Kurzkommentar

Auch, wenn sie in ihrem “Interesse” nicht ganz den hohen Standard ihrer Kollegin Bärbel Höhn erreichen, seien sie willkommen bei den Blindfischen.


Die tun nur, was sie dürfen

Ein Zitat aus dem Bundestrojaner-Monat Oktober 2011:

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat den Einsatz sogenannter Trojaner für die Kommunikationsüberwachung auf Computern verteidigt. “Unsere Beamten halten sich strikt an das, was sie dürfen” [...]

Anstelle eines Kommentares…

…nur ein Verweis auf eine aktuelle Meldung:

Misstrauen eines Bundespolizisten gegenüber seiner Tochter scheint einen spektakulären Angriff auf die Computer der Bundespolizei ausgelöst zu haben: Ausgangspunkt war eine Schadsoftware, die der Vater auf dem Computer der Tochter installiert hatte.

Schon klar, Polizeibeamte sind moralisch überlegene Übermenschen, die die Instrumente, die sie zur Verfügung haben, niemals missbrauchen würden. Außer vielleicht manchmal ein kleines bisschen…


Deutsche Probleme lassen wir die EU “erledigen”

Der Deutsche Bundestag hat vor wenigen Wochen eine Novelle des Telekommunikationsgesetzes verabschiedet, die neben vielen anderen Änderungen auch ein paar verbraucherfreundliche Neuerungen mitbringt – Warteschleifen bei Servicerufnummern werden zum Beispiel kostenlos. Die berüchtigten Abofallen und ähnliche unlautere Vertragsabschlüsse im Internet werden aber erst im Laufe des Jahres, voraussichtlich im Sommer 2012, zum Gegenstand erweiterter Gesetzgebung, obwohl wir als SPD-Bundestagsfraktion schon länger wirksame Maßnahmen fordern. Die EU-Kommission hat übrigens vor kurzem einen weiteren Vorschlag für eine gemeinsame europäische Verbraucherschutzrichtlinie unterbreitet, von der wir uns auch bei grenzüberschreitenden Geschäften Verbesserungen in vielen Fragen versprechen.

Ingo Egloff, SPD, Bundestagsabgeordneter

Kommentar

Nun, Herr Egloff, die so genannten Abofallen — das Wort ist übrigens eine üble Verharmlosung gewerbsmäßigen Betruges — bedürfen keineswegs einer europäischen Regelung. Warum? Ganz einfach: Weil es dieses “Geschäftsmodell” in keinem anderen Staat außer der Bundesrepublik Deutschland gibt. In allen anderen Staaten, und insbesondere in jedem anderen Staat der Europäischen Union, ist die Beurteilung sehr klar, wenn eine Unternehmung im Internet den Menschen durch vorsätzliche Irreführung — es würde ja niemand Geld für etwas bezahlen, das es überall anders im Internet kostenlos gibt — so genannte “Abonnements” auf Websites oder so genannte “Nutzungsrechte” für Datenbanken im Internet mit einer angeblichen Kostenpflicht für einen Zeitraum von zwei Jahren aufdrängelt. Eine derartige betrügerische und asoziale Hinterhältigkeit wird außerhalb des Rechtsraumes der Bundesrepublik Deutschland mit empfindlich hohen Strafen behandelt, in einem aktuellen Fall in Italien wurde beispielsweise einem solchen Betrüger eine Strafzahlung von anderthalb Millionen Euro auferlegt.

Wenn es ihnen und ihren Kollegen im Bundestage wirklich um den Schutz der Menschen vor üblen Machenschaften geht, brauchen sie also keineswegs auf ein zeitraubendes europäisches Richtlinienverfahren zu warten, das dann übrigens noch einmal sehr zeitraubend in nationales Recht umgesetzt werden müsste, sondern sie können einfach die gesetzlichen Standards des Verbraucherschutzes in der Bundesrepublik einführen, die andernorts schon lange üblich sind.

Von daher drängt sich der Verdacht auf, dass es ihnen und ihren Kollegen im Bundestage nicht im Geringsten darum geht. Die Art, in der sie vergessen machen wollen, dass auch unter der Regierungsbeteiligung der SPD nichts in dieser Richtung geschah und dass immer noch nichts geschieht, ist angesichts der Millionengewinne in der BRD-typischen organisierten Internetkriminalität empörend und schmeckt nach Banane.

Was von der absehbar wirkungslosen, ja, den Verbraucherschutz zusätzlich beeinträchtigenden Initiative ihrer Kollegin, der Bundesministerin Ilse Aigner, zu halten ist, wurde hier bereits dargelegt.

Was allerdings davon zu halten ist, dass beinahe jeder Mitgestalter des Internet und jede Internetunternehmung in der Bundesrepublik Deutschland einen beachtlichen Standortnachteil wegen einer ins Absurde gehenden Überregulierung und der Bedrohung durch gewerbliche Abzockabmahner und sonstige Juratrolle hat, während die Internet-Kriminalität in der Bundesrepublik Deutschland einen klaren und weltweit einmaligen Standortvorteil hat; und wie diese Konstellation im Lichte der Tatsache wirkt, dass ihr seit Jahren gesetzgeberisch nichts entgegengesetzt wird, das brauche ich ihnen nicht weiter zu erklären. So viele Nebelschwaden können sie gar nicht beim Abplappern des typischen Politdeutsch aus ihrem Munde entlassen, dass man dahinter nicht mehr sähe, dass sie und ihre Kollegen die andere, die fördernde Seite der Internetkriminalität in der Bundesrepublik Deutschland sind. Und das schon seit vielen Jahren.

Die nahe liegende Frage, ob sie und ihre Kollegen direkt oder indirekt für diese für “normale” Internetnutzer unerträglichen Zustände bezahlt werden, lässt sich leider nicht zufriedenstellend klären. Klar ist aber, dass jeder erwachsene Mensch mit einem Funken von Lebenserfahrung aus täglich leicht zu machender Erfahrung weiß, dass die Politik ein Betätigungsfeld mit einer ganz besonderen Anziehungskraft auf machtgeile, korrupte und ethisch fragwürde bis offen kriminelle Zeitgenossen ist — und dass sich deshalb angesichts dieser unerträglichen Zustände eine gewisse Vermutung geradezu gebieterisch aufdrängt. Wenn sie mit ihrer Politik einen Beitrag dazu leisteten, diese Vermutung wenigstens für ihre Person, Herr Egloff, zu entkräften, wäre nicht nur ich darüber froh.

Ansonsten ersparen sie bitte mir und hunderttausenden Opfern asozialer Betrugsnummern die Häme ihrer nebulösen Aussagen!


“Internet Kompakt” mit Apfelgeschmack

Welt Online - Internet Kompakt ... Apple: Neues iPad schon im Januar? Die Flut von Gerüchten um neue Apple-Produkte reißt nicht ab. Jetzt heißt es in einem Bericht aus Taiwan, die nächste Generation der iPad-Tablets solle bereits Ende Januar präsentiert werden. Apple wolle bei der Messe Macworld/iWorld in San Francisco gleich zwei Modelle mit einer verbesserten Bildschirm-Auflösung und einem erneuerten Chip vorstellen, schrieb die DigiTimes

Kommentar

Welt Online, was hat eigentlich ein reiner Reklametext für ein überteuertes und seine Nutzer stark entrechtendes Produkt der Unterhaltungselektronik-Firma “Apple” mit dem Internet zu tun? Wieso muss da, wo zum Hohn für die Leser auch noch drübersteht, dass es “kompakt” sei, ausgebreitet werden, was von Werbern der Unterhaltungselektronik-Firma “Apple” gezielt als “Gerücht” gestreut wurde? Nur, damit eine speichelleckerische Journaille wie Du, Welt Online, mal wieder die Markennamen für ein überteuertes und seine Nutzer stark entrechendes Produkt der Unterhaltungselektronik-Firma “Apple” lanciert und nebenbei so tut, als handele es sich da um eine Internet-Meldung in einem besonders kompakten Newsticker zum Thema Internet und nicht um eine im redaktionellen Teil versteckte Schleichwerbung für die Produkte der Unterhaltungselektronik-Firma “Apple” und die “Messen”, die von dieser Firma veranstaltet werden?

Allerdings ist eine solche bewusste Fehlinformation der Leser in der Journaille aus dem Axel-Cäsar-Springer-Verlag nicht weiter überraschend. Es ist schließlich Mathias Döpfner persönlich gewesen, der den damals noch lebenden Steve Jobs dafür anbeten wollte, dass seine Unterhaltungselektronik-Firma “Apple” dieses überteuerte und seine Nutzer stark entrechende Produkt auf den Markt geworfen hat. Einfach nur, weil das aus der Sicht eines Verlegers, der die Zeit der besseren Technik verpasst hat, eine Fortsetzung des alten Geschäftes ermöglicht, dass nur auf der Oligopolisierung der Infrastruktur zur Anfertigung von Kopien beruhte. Denn zur Fortsetzung dieser Vermarktungsidee ist das richtige Internet als Netzwerk aus richtigen, vollwertigen universellen Computern nicht geeignet.

Schade nur für die paar Leser, die sich mangels anderer Kenntnisse auf dich verlassen müssen, Welt Online.


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