Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für September, 2011

Die größten Feinde der Elche waren früher selber welche

Zitat tagesschau.de, Meldung vom 27. September 2011, 13:21 Uhr:

Als Maßnahme gegen Urheberrechtsverletzungen hat der CDU-Politiker Siegfried Kauder einen Gesetzentwurf angekündigt, der Internetnutzer bei wiederholten Coypright-Verstößen für eine befristete Zeit den Netzzugang sperren kann [...]

“Ich denke da an drei Wochen”, sagte Kauder “Spiegel Online”.

Kein Kommentar nötig…

…sondern “nur” ein Link auf den offenen Brief an den werten Herrn Kauder auf piratig.de, denn dieser ist offenbarend — genau so, wie es offenbarend ist, dass Herr Kauder zwar nicht auf derartige Anwürfe eingeht (er könnte ja durchaus Lizenzen gehabt haben), sondern schnell noch von der Möglichkeit Gebrauch macht, die Spuren seiner eigenen mutmaßlichen Urheberrechtsverletzungen von seiner Website zu entfernen. Da zeigt jemand überdeutlich, wie sehr er charakterlich dazu geeignet ist, dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages vorzusitzen.

Weitere Quelle: Telepolis.

Nachtrag

Wenn der werte Herr Kauder wirklich — so wie bei Heise Online wörtlich zitiert, gesagt hat…

[...] dass die Urheberrechte an den beiden Fotos inzwischen mir zustehen.

…denn ist noch ein bisschen offenbarer geworden, dass dieser Mensch von seiner Qualifikation her nichts im Rechtsausschuss zu suchen hat. Er ist ganz offenbar nicht dazu imstande, die (nicht übertragbaren) Urheberrechte mit vom Urheber eingeräumten Nutzungsrechten auseinanderzuhalten. Dass ein Mensch, der so offensichtlich unbeleckt von jeder Sachkenntnis ist, abstruse Forderungen zum Schutz des Urheberrechts einzuführen gedacht hat, könnte sich ein Satiriker nicht besser ausdenken.

Nachtrag Zwei

Oh, der Herr Abgeordnete und Vorsitzende des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages ist ein Wohltäter. Na, das hat er bislang aber so erfolgreich verborgen, dass es gar nicht auffallen konnte. Und deshalb will es auch jetzt nicht überzeugen.

Was geschähe wohl mit einem “normalen” Menschen (also Nicht-Politiker mit Bundestagsmandat), der ein Rechtsverständnis wie Siegfried Kauder – der übrigens Jurist ist – an den Tag legte und so vorginge: Filme aus der Piratenbucht besorgen. Diese als attraktiven Inhalt in die eigene Website verbauen, damit auch ein paar Besucher vorbeikommen, die wegen der “richtigen” Inhalte eher nicht gekommen wären. Wenn man dabei irgendwann erwischt wird, einfach sagen, dass man jetzt die DVD gekauft hat (auch wenn das nicht stimmt) und behaupten, dass man damit auch das Urheberrecht an diesem Film hat. Anschließend sagen, dass man das mit dem Kauf der DVD aus völlig selbstlosen Motiven gemacht hat. Einfach nur, um den Filmemacher aus der Schusslinie zu nehmen.

Einer, der so tickt und handelt und redet, ist Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages und möchte Internetzugänge mit einer eigenwilligen Sondergesetzgebung willkürlich abschalten können, wenn wiederholte Urheberrechtsverletzungen von Providern behauptet werden. Die umfassende und unregulierte Überwachung der Nutzer durch die Provider ist in dieser Idee gleich inbegriffen, da dieser lupenreine Ochlokrat offenbar — wenigstens, wenn es andere Menschen als ihn selbst betrifft — das Urheberrecht für ein Gesetz hält, das noch über den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes steht.

Angesichts der unfassbaren Realitätsverluste des Herrn Siegfried Kauder ist nicht davon auszugehen, dass er selbst bemerken wird, dass er für den Vorsitz des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages und auch nur für die einfache Mitarbeit in diesem Ausschusse fachlich und charakterlich völlig ungeeignet ist und aus solcher Einsicht die erforderlichen persönlichen Konsequenzen ziehen wird. Von daher kann ich den Rest des Deutschen Bundestages nur nahelegen, diese offensichtliche Fehlbesetzung — die übrigens ein schäbigen, schändlichen, würdelosen Eindruck vom Kern des Gesetzgebungsverfahrens in der Bundesrepublik erweckt und somit geeignet ist, die Reputation des Verfassungsorganes Volksvertretung in den Schmutz zu ziehen — so schnell wie möglich zu korrigieren.

Dabei könnte das etwas ältere, aber keineswegs kleinere Problem namens Sebastian Edathy auch gleich behandelt werden.


Dritte und vierte Stunde: Internet

In der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen sind 2,4 Prozent internetabhängig. Bei 13 Prozent gilt das Verhalten als problematisch. Daran ist aber nicht das Internet schuld. Das Netz ist weder gut noch böse. Es ist ein Instrument wie ein Fernseher oder ein Buch [...]

Zunächst sind die Eltern für diese Interneterziehung verantwortlich. Doch heute, im Jahr 2011, gibt es grob zusammengefasst eben diese zwei Generationen: online und offline. Und leider zeigt sich diese Grenze besonders deutlich zwischen Jugendlichen im Schulalter und ihren Eltern [...]

Weil viele Familien zerrüttet sind, die nötige Netz-Bildung vielen Erwachsenen fehlt und Ganztagsschulen zum Normalfall geworden sind, ist also der Schulunterricht gefragt.

Kommentar von Manuel Bewarder in der Berliner Morgenpost

Kommentar

Die Eltern sind nicht dazu imstande, ihren Kindern eine vernünftige Nutzung von Medien — es gibt gewiss mehr Menschen mit pathologischem Fernsehkonsum als Menschen mit pathologischer Internetnutzung — beizubiegen, und deshalb soll es jetzt die Schule richten. Eine tolle Idee ist das!

Sie erscheint mir auch so neu, diese tolle Idee. Denn die Schule muss ja so viele Kompetenzen vermitteln, und sie tut das mit so überragendem Erfolg. Nur ein paar Beispielchen aus der Praxis der bundesdeutschen Totalverschulung:

  • Die Schule soll den Menschen die wegen ihrer vorwiegend analytischen Grammatik sehr einfach zu beherrschende englische Sprache vermitteln und unterrichtet diese über viele Jahre hinweg. Die Menschen in der Bundesrepublik, die dazu imstande sind, sich in englischer Sprache auszudrücken, sie sind dennoch eine — übrigens dank des Internet und des davon gegebenen Ansporns zum autodidaktischen Lernen stetig wachsende — Minderheit.
  • Die Schule soll anstelle der Eltern sexuelle Aufklärung leisten und behandelt das Thema in schulischer Weise mit Querschnittszeichnungen, Informationen über Verhütungsmittel und anschließenden bewerteten Leistungskontrollen. Rund 16 Prozent der Schwangerschaften in der Bundesrepublik sind — trotz allgemein verfügbarer, relativ sicherer Verhütungsmittel — so ungewollt, dass es zu einem Schwangerschaftsabbruch kommt; die medizinische und kriminologische Indikation für einen Abort tritt dahinter deutlich zurück. Es ist davon auszugehen, dass ein gewisser Teil ungewollter Schwangerschaften nicht zu einem Abbruch führt, dass das Problem also eher größer ist.
  • Die Schule soll in den naturwissenschaftlichen Fächern einen Einblick in das naturwissenschaftliche Denken und Vorgehen geben, und sie erfüllt diesen Auftrag mit unbrauchbaren Büchern, geistloser Ödnis und anschließenden bewerteten Leistungskontrollen. Dennoch werden in der Bundesrepublik im Jahr rund 400 Millionen Euro durch apothekenpflichtige, quacksalberische Scheinmedizin erwirtschaftet, deren Nutzlosigkeit jedem Menschen, der kein wissenschaftlicher Analphabet ist, unmittelbar auffallen müsste; und 65 Prozent der Bevölkerung gehören zu den Kunden von Quacksalbern und fragwürdigen “Heilern” ohne besondere Qualifikation*.
  • Die Schule soll im Biologieunterricht über die Risiken von Drogen aufklären und sie erfüllt diesen Auftrag mit… ach, ich wiederhole mich. Dennoch ist der Alkoholismus ein erhebliches Problem in der Bundesrepublik, das übrigens keine Erscheinung in einer Minderheit ist, sondern mitten in der Gesellschaft und ihrer vielen Rituale steht. Wer die letzte Aussage nicht glaubt, muss nur einmal auf einer Geburtstagsfeier oder bei einem vergleichbaren Anlass versuchen, einen Abend lang keine alkoholhaltigen Getränke zu trinken und kann sich über die vielen Fragen und die teilweise aufdringlichen Versuche, ihn zum Mittrinken zu überreden, wundern.

Die Beispiele ließen sich beliebig erweitern, um das zu zeigen, was in meinen Augen fest steht: Die Schule versagt, wenn dort Lehrer in ihrer Tätigkeit den Folgen menschlicher und gesellschaftlicher Missstände begegnen sollen. Bei einer Betrachtung der Situation des berufsmäßigen Lehrers, der für mehrere hundert unreife, heranwachsende Menschen — und damit Individuuen — eine Bezugsperson abgeben soll, welche die nachteiligen Folgen eines beschädigten oder aufgelösten sozialen Umfeldes auffängt, indem er dieses beschädigte oder aufgelöste Umfeld ersetzt, zeigt sich die Unmöglichkeit einer solchen Forderung. Dies würde ein individuelles, auf persönlicher Beziehung beruhendes Aufeinander-Eingehen erfordern, das den Lehrer in seiner Situation überfordert und im besten Fall nur in Einzelfällen, also durch willkürliche Bevorzugung bestimmter Schüler, zu leisten ist.

Aber einmal davon abgesehen, dass irgendwelche Autoren aus dem Bildungsbürgertum immer wieder mit idiotischer Vehemenz und entgegen allen leicht erkennbaren Fakten die Auffassung vertreten, dass die Schule die Antwort auf alle möglichen Probleme sei und zudem Bildung vermittele, sollte sich Herr Bewarder einmal eine ganz einfache Frage stellen: Wie soll ein Lehrer — der zumeist ebenfalls aus der “Generation Offline” stammt — eigentlich trotz viel schwierigerer Bedingungen den Heranwachsenden die Kompetenz und Selbstverantwortung im Umgang mit dem Internet vermitteln, wenn im gleichen Kommentar eingeräumt wird, dass die Eltern aus der “Generation Offline” trotz günstigerer Bedingungen daran scheitern?

Diese einfache Frage reicht bereits aus, um den Unsinn in dieser Idee zu enthüllen.

Aber Herr Bewarder hat sich mit diesem leicht durchschaubaren Unsinn der Aufgabe entledigt, einmal mehr in einem Presseprodukt von großen Gefahren des Internet zu schreiben, um die Menschen zu verunsichern und zu verängstigen. Er hat eine Scheinlösung postuliert, aber nicht einmal die Frage aufgeworfen, ob es für Sucht weitere Ursachen neben der Verfügbarkeit eines Suchtmittels geben könnte. Seine Scheinlösung ist unsinnig, hat aber den Anstrich von Sachlichkeit und überzeugt jenen Anteil der Menschen, der von der Journaille darin geschult wurde, andere für sich denken zu lassen. Ihre einzige Funktion ist es, den postulierten Anteil von 2,4 Prozent “Internetabhängigen” unter den jungen Menschen** für die reflektierende Denken noch unangreifbarer zu machen, indem er als Fakt hingestellt wird, der schnelles Handeln erfordert. Dass Herr Bewarder hingegen kein Problem mit der medizinisch und sozial viel zerstörerischeren Alkoholsucht sieht, die für zwei Prozent der Todesfälle in der Bundesrepublik unmittelbar — also durch “Totsaufen” — verantwortlich ist und deren mittelbarer Schaden kaum noch erfassbar, aber riesengroß ist, mag auch an den Werbekunden des Zeitungsproduktes liegen, für das Herr Bewarder schreibt. “Das Internet” gehört jedenfall nicht zu ihnen, wie könnte es auch…

*Die auf EsoWatch gegebenen Zahlen zum Umsatz der Alternativmedizin sind in dieser Betrachtung nicht brauchbar, weil hier pharmazeutisch durchaus wirksame Naturheilmittel mit offensichtlicher Quacksalberei in einer Zahl zusammengefasst wurden. Sie zeigen allerdings dennoch, dass das Problem größer ist, als es bei der Betrachtung eines Teilbereiches der Kurpfuscherei erscheint. So etwas zu erkennen wäre übrigens die Medienkompetenz, die nicht nur fürs Internet, sondern für jedes Medium erforderlich ist, aber im Rahmen der derzeitigen Beschulung der Kinder nicht wirksam vermittelt werden kann. Denn hierfür müsste etwas geschult werden, was in der derzeitigen Frontalbeschulung der Heranwachsenden mit allen Mitteln unterdrückt wird: Eigenständiges Denken beim Umgang mit Quellen. Stattdessen werden in den Schulen Bücher aufgeschlagen, und was in diesen Büchern steht, hat niemals hinterfragt zu werden, weil es stimmt. Ein großer Teil der Dummheit vieler Menschen hat seine Wurzeln in einer Schule, die eigentlich den Geist schulen sollte.

**Die ständige Verwechslung von Abhängigkeit und Sucht in den Massenmedien ist noch ein ganz anderes Thema. Viele Menschen sind inzwischen auch deshalb “vom Internet abhängig”, weil das Auftreten im Internet zu ihrem täglichen Broterwerb geworden ist. Diese werden hier wohl kaum gemeint sein, obwohl sie eine erhebliche Zeit ihres Lebens mit diesem Medium verbringen müssen. Desweiteren ist Abhängigkeit eine ganz gewöhnliche Bedingung des Daseins eines sozialen Wesens in biologischer Form, und niemand sieht ein Problem darin, dass Menschen von Trinkwasser oder zwischenmenschlichen Kontakten abhängig sind. Sucht ist ein pathologisches Verhalten, keine Abhängigkeit. Die Verwechslung dieser Begriffe vernebelt das Denken.


Sie starren auf das große @

Mädchen sind besonders anfällig für Internetsucht: Das Internet birgt Gefahren -- unter anderem die Abhängigkeit. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung stellte die erste repräsentative Studie zum Thema Online-Sucht vor. Danach sind 560.000 Deutsche betroffen -- vor allem junge Leute

Website der Berliner Morgenpost, Stand 27. September 2011, 23.53 Uhr

Kommentar

Gewiss, ihr Journalisten von der Berliner Morgenpost, ists ein treffliches Bild für Internetsucht, wenn jemand in einem dunklen Raum mit einer Sonnenbrille auf den Nüstern auf einen Monitor starrt, der anstelle irgendwelcher interessanter Inhalte nichts weiter als ein großes @ präsentiert. Das würde ich auch sofort als pathologisches Verhalten betrachten. Und wenn jemand so etwas Stumpfsinniges immer wieder machte, würde ich ihm auch nahelegen, professionelle Hilfe zu suchen.

Aber, ihr Journalisten von der Berliner Morgenpost, diese von euch so trefflich als krank beurteilte und porträtierte tolle Seite im Web habe ich noch nie gesehen. Wo habt ihr die gefunden? Ich habe immer nur Seiten mit so genannten “Inhalten” gesehen, und andere Seiten, auf denen Menschen in irgendeiner Form miteinander kommunizieren. Ich kenne auch keine einzige Clientsoftware für irgendein Internetprotokoll, die ihren Anwender mit einem derart dümmlichen Splashscreen begrüßte; und ich habe schon viel gesehen, darunter auch sehr viel schlechtes.

Aber dass sich in der Brille des symbolfotohaften Netzjunkies sehr viel näher an der Wirklichkeit des Netzes etwa die Website eurer tollen Zeitung spiegelt, das wäre doch wirklich nicht drin gewesen, gelle?! :mrgreen:

Nett für jeden Leser mit Interneterfahrung ist es jedenfalls, dass ihr schon bei der Auswahl dieses Bildes völlig klar macht, dass ihr die Nutzungsmöglichkeiten (und Gefahren) des Internet so wenig kennt, dass ihr nicht einmal zu einer treffenden Illustration imstande seid und deshalb schnell ein besonders dümmliches Bild der dapd lizenziert. Oder kurz gesagt: Dass ihr vom Internet sprecht wie ein Blinder vom Lichte.

Leseempfehlung

Bitte jetzt bei Farlion Inside weiterlesen — aber Vorsicht: Satirewarnung!


Für den bürgerrechtsfreien Raum!

Die Forderung der Piratenpartei nach einem freien Netz katapultiert die Inhalteproduzenten hinter den Stand der französischen Revolution zurück

Dr. Tilo Gerlach, Geschäftsführer der GVL

Kurzkommentar

Eine tollere, tollwütigere Rabulistik als die Aussage des Herrn Doktor Gerlach, dass die in der Französischen Revolution erstrittenen Menschen- und Bürgerrechte dadurch verloren gehen könnten, dass sie — wie die Piratenpartei fordert — im Internet Wirksamkeit entwickeln und Wirklichkeit behalten, ist kaum vorstellbar. Oder was meint der werte Akademiker sonst mit so einem unfassbaren Schwachfug?

Aber schön, dass mal jemand so deutlich macht, was das Internet nach den Wünschen der Rechteverwerter sein soll: Ein bürgerrechtsfreier Raum.


Keine Smartphones an die Front

Die Dienststellen können deshalb während eines Einsatzes oder in militärischen Sicherheitsbereichen die Verwendung von Smartphones generell, temporär oder personenbezogen untersagen

Dienstanweisung des Verteidigungsministeriums

Kurzkommentar

Hintergrund dieser Dienstanweisung ist, dass so genannte “smart phones” — they aren’t that “smart”, but their advertisers probably are, and people mindlessly repeating advertising are more than stupid — im Kriege eine Ortung ermöglichen. Wegen des bösen und gefährlichen Internet, das die GPS-Daten offenlegen könnte. Nun, werte Republikverteidiger (an den Fronten Afghanistans), vielleicht solltet ihr mal beim Innenministerium in Sachsen nachfragen, ob sich auch Handys, die nicht mit dem Attribut “smart” vermarktet werden, orten und zu Bewegungsprofilen machen lassen. In Sachsen hat man damit ja gewisse Erfahrung, und euer Minister Thomas de Maizière sollte als ehemaliger Innenminister des Bundes auch einen hinreichend kurzen Draht zum dortigen Innenminister haben. Vielleicht fällt euch dann ja auf, dass es wirklich sehr dumm ist, wenn man Soldaten mit einem Peilsender in Kriegsgebieten herumlaufen lässt. Fast so dumm, als ob man den Kampfanzug mit Zielscheiben bedruckte.


Wir überwachen nur, das ist kein Überwachungsstaat

Es geht nicht darum, dass wir zu einem Überwachungsstaat werden, sondern lediglich darum, zu speichern, wer wann mit wem und wo telefoniert hat.

Mechthild Ross-Luttmann (CDU)

Willkommen bei den Blindfischen! (Da muss ja heute ein ganzer Schwarm unterwegs sein.)


Die Glotzende

Ich guck auch Internet.

Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen)

Willkommen bei den Blindfischen!


Was in der Enquete keine Rolle spielt

Ich bin Mitglied in der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” des Deutschen Bundestages. Dort beschäftigen wir uns mit vielen unterschiedlichen Aspekten und Veränderungen, die das Internet und die Digitalisierung für unser aller Leben mit sich bringt bzw. vermutlich noch bringen wird. Neben aktuellen Fragen zum Urheberrecht oder zum Datenschutz diskutieren wir auch über die Veränderung in der Arbeitswelt oder wie staatliche Institutionen mehr Transparenz und Beteiligung schaffen können, Schlagworte sind in diesem Zusammenhang OpenGovernment, OpenData oder e-Partizipation.

Aydan Özoğuz (SPD)

Kommentar (der ein bisschen das Gras wachsen hört)

Was in der langatmig politdeutschen Aufzählung fehlt und offenbar in der so genannten “Enquete” zukünftig keine Rolle mehr spielen soll, ist die Netzneutralität.

Sie soll offenbar keine Rolle mehr spielen, obwohl es sich um eines der wichtigsten Themen handelt. Auf der Ebene des physikalischen Datentransportes und der darüber liegenden Protokolle spielt es keine Rolle, welche Art von Daten durch das Internet bewegt wird. Jeder Unterschied, der hier von Zugangsprovidern gemacht wird, um gewisse Anbieter zu begünstigen, ist sehr künstlich, technisch absurd und für alle Nutzer des Internet eine Zumutung.

Das Thema Netzneutralität wurde innerhalb der so genannten “Enquete” mit schmierigen Polittricks in den Herbst verschoben, und nach der merkwürdigen Auslassung in der Stellungname von Frau Özoğuz scheint es schon eine klare Sache zu sein, dass es nicht zu einer Festschreibung der Netzneutralität kommen wird.

In der Folge einer solchen Entwicklung könnten Zugangsprovider “Internetzugänge” anbieten, die auf vielerlei Weise verkrüppelt sind. Die Kunden dieser Provider könnten keine Rechte daraus ableiten, dass sie über die wirkliche Natur des so genannten “Internetzuganges” getäuscht wurden. Dass die Provider eine solche Möglichkeit zum Nachteil der Kunden — die meist keine Chance haben, in undurchsichtigen und verklausulierten AGB in einer 6-Punkt-Schriftart derart absurde “Vereinbarungen” zu finden — ausgenutzt würde, ist offenbar. Was hier geplant und vermutlich in Kürze durchgeführt wird, ist eine weitere Entrechtung aller Nutzer und Gestalter des deutschsprachigen Internet.


Die Süddeutsche schickt die Verfolger!

Werbebanner verfolgen Online-Shopper

Passau (dpa/tmn) – Yogamatte, Abnehmbuch oder Fernseher – wer hat sich nicht schon mal gewundert, warum die Werbung im Internet immer so gut zu den eigenen Wünschen passt? Retargeting heißt der Fachbegriff dafür. Was das für den Internetkäufer bedeutet, wird hier erklärt.

[...] “Beim Retargeting wird händlerübergreifend eine enorme Menge an Informationen gesammelt”, sagt Prof. Joachim Posegga vom Institut für IT-Sicherheit an der Universität Passau. Der Computernutzer werde so zum gläsernen Kunden.

Sueddeutsche.de: Werbebanner verfolgen Online-Shopper [bewusst nicht direkt verlinkt]

Kommentar

Was die Webpräsenz der Süddeutsche Zeitung in ihrem (nicht sehr tief gehenden) aufklärerischen Anfall über die diversen Tracker und Datensammler benannt hat, das ist die Motivation dieser Tracker und Datensammler: Möglichst umfassende Profile von Menschen erstellen, um sie so effizient wie nur möglich mit der systematischen Lüge der Reklame auf die Funktion eines Konsumtrottels zu reduzieren. Dabei wird Wert darauf gelegt, entsprechende Informationen zu erlangen, indem die heimlich arbeitende Software einer kleinen Gruppe von Anbietern in einer möglichst großen Vielzahl von Websites eingebettet wird.

Was sie nicht benannt hat, ist, dass derartige Profile noch ganz andere Anwendungen ermöglichen oder — zum Beispiel im Fall eines größeren politischen Umbruchs — sogar für die so getrackten Menschen hoch gefährlich werden könnten.

Was sie völlig verschwiegen hat, ist, dass sie den Trackern und Datensammlern selbst ganz ordentlich zuarbeitet. Der scheinbar aufklärerische Artikel ist mit den in JavaScript implementierten Tracking-Instrumenten von EyeWonder, Google AdSense, INFOnline, Right Media und Yahoo Analytics vergällt und hat sich damit vollständig selbst entwertet. (Es können durchaus noch einige mehr sein, ich habe den Quelltext der Seite nur kurz überflogen.)

Das macht aber auch nichts, denn dieser scheinbar aufklärerische Artikel stammt ja keineswegs aus Redaktion der Süddeutschen Zeitung, sondern er wurde dem NITF-Feed der Deutschen Presseagentur entnommen — nur zu dem Zweck, mit möglichst mühelos erstelltem Content ein paar Leser auf eine Website zu ziehen, innerhalb derer dieser Content von einer Flut von Reklame und Tracking-Skripten umgeben wird.

Das ist keine Satire, das ist die ganz normale Realität der Contentindustrie — die sich übrigens zurzeit durch intensive Lobbyarbeit ein paar Sonderrechte bei der gegenwärtigen Regierung abholt. Damit in Zukunft auch ja der mit Zwanggebühren aller Menschen in Deutschland finanzierte quasistaatliche Rundfunk noch weiter in seinem Informationsangebot kastriert wird, um derartigen “Qualitätsmedien” wie der Süddeutschen Zeitung einen Vorteil im Internet zu verschaffen.


Rabulistik für die Verlegerlobby

Qualität lässt sich durch Blogger nicht ersetzen. [...] Was nützt es, der Schnellste zu sein, wenn dadurch Verlässlichkeit und Qualität leiden?

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzler

Leseempfehlung

Statt des üblichen Kommentars nur ein Link auf den Offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel: Warum beleidigen sie Menschen, die ein Grundrecht wahrnehmen — denn dort ist fast alles zu Frau Merkels aktueller Rabulistik gesagt.


Die Spatzen twittern es aus den Köpfen

Wahlexperten und Demokratieforscher befürchten seit längerem, dass sich mit der verstärkten Nutzung von Plattformen wie Twitter und einer stärkeren Nutzung sozialer Medien im Extremfall auch ein Wahlausgang manipulieren ließe

Stern.de: Berlin-Wahlprognosen kursierten vorab im Netz

Kurzkommentar

Die namenlosen Spezialexperten “Wahlexperten” und “Demokratieforscher” müssen ja wirklich ein ganz besonders geringes Vertrauen in die Demokratiefähigkeit der Bevölkerung haben, wenn sie befürchten, dass sich ein nennenswerter Anteil der Wähler durch ein paar unautorisierte Tweets mit Prognoseergebnissen am Wahltag in seiner Wahlentscheidung beeinflussen lässt. Ja, ein so nennenswerter Anteil soll das in der Angst dieser forschen Forscher sein, dass dadurch der Wahlausgang manipuliert wird. Als nächstes fordern diese “Demokratieforscher” bestimmt die Abschaffung der Demokratie, weil die Wahlberechtigten leicht manipulierbare und völlig inkompetente Wesen sind, die überhaupt nicht mit ihrer Verantwortung als Wahlberechtigte umgehen können.

Von der viel wirksameren Manipulation der Wähler durch tendenziösen Journalismus sprechen diese namenlosen (vielleicht sogar ausgedachten) “Experten” und “Forscher” allerdings nicht.


Diebstahl! Die Weltnetzseiten!

[Die Angriffe haben] am 17. September 2011, einen Tag vor den Berliner Wahlen einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Kriminellen brachen in einen Anbieterserver ein und stahlen 179 Weltnetzseiten der NPD. Die Schadensbehebung wird eine Zeitlang in Anspruch nehmen, erklärte der IT-Fachmann der NPD. Die Dimension des Verbrechens ist so enorm, daß dieser eine große organisierte Bande als Drahtzieher vermutet.

Mitteilung der NPD

Kommentar

Sehen wir einmal von dem schönen, wenn auch ungewöhnlich und sektiererisch klingenden Wort “Weltnetzseite” ab, das leider völlig irreführend ist. Es handelt sich hier um Websites, also um Orte im World Wide Web; “Weltnetz” wäre hingegen ein viel treffenderes Wort für das Internet als Ganzes und keineswegs nur für einen einzigen Dienst im Internet. Oder wollen die das ganze Internet tatsächlich als “Zwischennetz” eindeutschen, um die erforderliche begriffliche Differenzierung zu erreichen? Wo die Ideologie eine gewisse Ausdrucksweise erzwingt, bleiben allerdings nicht nur bei der NPD Klarheit und Vernunft auf der Strecke.

Es handelt sich nicht um 179 Seiten, sondern um 179 Sites (die jeweils viele einzelne Seiten mit Inhalten zur Verfügung stellen könnten). Von einem IT-Fachmann der NPD sollte man hier bei allem Ringen um deutsche Bezeichnungen die erforderliche technische Klarheit erwarten können — tatsächlich ist der Angriff durch die unbeholfene Ausdrucksweise sprachlich verharmlost worden, etwa so, als ob in einem Blog mit tausenden Beiträgen ein paar hundert verschwunden wären. Diese Sites wurden auch nicht “gestohlen”, sondern im schlimmsten Fall wurden die auf dem Server verfügbaren Daten und Inhalte von einem Angreifer kopiert und anschließend auf dem Server gelöscht. Man sollte erwarten, dass der IT-Fachmann der NPD regelmäßig eine — Achtung, deutsches Wort — Datensicherung angelegt hat, um einem solchen, gar nicht unwahrscheinlichen Schaden zu begegnen. Wenn er das unterlassen hat und einfach darauf gehofft hat, dass auf einem “Opferrechner” wie einem ständig mit dem Internet verbundenen Serverrechner “schon nichts passieren” wird, handelt es sich nämlich nicht um einen Fachmann, sondern um einen Flachmann. Aber um einen ganz flachen!

Nicht nur das, auch ist die große organisierte Bande gar nicht erforderlich, wenn der angegriffene Server wirklich 179 Websites gehostet hat. Es reicht ein einziger erfolgreicher Angriff auf den Server, um sich heiter zu bedienen. So etwas kann einem einzigen, verpickelten Zwölfjährigen gelingen, was übrigens immer wieder einmal passiert. Dafür bedarf es keiner hoch organisierten, verbrecherischen Cyberangriffstruppe. Deshalb macht man von solchen Servern ja auch regelmäßig Datensicherungen, um nach einem erfolgreichen Angriff den Betrieb fortsetzen zu können. Natürlich hat der IT-Fachmann dann auch die Vorgehensweise des Angreifers zu analysieren und die ausgebeuteten Lücken in der zuvor gepflegten Sicherheitsstrategie zu stopfen. Aber das weiß der IT-Fachmann der NPD gewiss selbst, wenn er auch scheinbar ein bisschen überfordert mit diesem Anforderungsprofil zu sein scheint, denn diverse Websites von NPD-Strukturen liefern zurzeit immer noch nicht die üblichen Inhalte aus. In einer solchen Situation persönlicher Überforderung großtönende Worte von einem riesigen Verbrechen (kriminell ist es unbestritten, es handelt sich um Datensabotage) auszusprechen und von großen feindlichen Banden zu fantasieren, deren Opfer man geworden ist, ist kein adäquater Umgang mit einer derartigen Angriffssituation. Vielmehr zeigt ein solcher öffentlicher Auftritt, dass auch in der NPD in gleicher Weise vom Netz gesprochen wird, in der Blinde vom Licht reden: Vollkommen ahnungslos.


Stasi 2.0 ist keine “Verregelung”

Die ‘Vorratsdatenspeicherung’ ist als solche kein Beitrag zur “Verregelung” des Internets. Sie begründet jedoch – unter gebotenen Auflagen und Beschränkungen – erst die Möglichkeit, geltendes Recht (Strafprozessordnung und Gefahrenabwehrrecht) wirksam zur Anwendung zu bringen, wenn sich wesentliche Ermittlungsansätze auf Verkehrsdaten der Telekommunikation (Telefonie und/oder Internet) beziehen. Schließlich nützt es nichts, wenn Gesetze zwar unbestritten gelten, jedoch technisch-praktisch regelmäßig ins Leere laufen.

Dr. Hans-Peter Uhl (CSU)

Satirehaltiger Kommentar

Das allgemeine Erfassen aller mit der Post versendeten Briefe und das Speichern der erfassten Briefkontakte in einer Datenbank ist als solches kein Beitrag zur “Verregelung” des Postgeheimnisses. Es begründet jedoch — unter gebotenen Auflagen und Beschränkungen — erst die Möglichkeit, geltendes Recht wirksam zur Anwendung zu bringen, wenn sich wesentliche Ermittlungsansätze auf postalische Kontakte beziehnen. Schließlich nützt es nichts, wenn Gesetze zwar unbestritten gelten, jedoch technisch-praktisch ins Leere laufen.

Oder.

Das allgemeine Einpflanzen eines Ortungssystems in jeden Menschen in der Bundesrepublik Deutschland und das Speichern seines Bewegungs- und Kontaktprofiles in einer Datenbank ist als solches kein Beitrag zur “Verregelung” der Bewegungsfreiheit. Es begründet jedoch — blah blah blah — erst die Möglichkeit, geltendes Recht wirksam zur Anwendung zu bringen, wenn sich wesentliche Ermittlungsansätze auf den Aufenthalt und die Kontakte von Menschen beziehen. Schließlich nützt es ncihts, wenn Gesetze zwar unbstritten gelten, wir aber keine Stasi 2.0 haben.

Oder.

Der flächendeckende Einsatz polizeilich gesteuerter Drohnen mit biometrischem Erkennungssystem… blah blah… ist als solches kein Beitrag zur “Verregelung” der so genannten Grundrechte. Blah. Blah. Es schafft erst die Möglichkeit, unbestritten geltendes Recht zur Anwendung zu bringen, wenn sich wesentliche Ansätze zur Verhinderung von Rechtsbrüchen… blah… blah… sonst würde doch alles technisch-praktisch ins Leere laufen.

Oder.

Ach, denkt euch selbst etwas aus.

Das zumindest muss ich Herrn Doktor Uhl lassen: Eier hat er. Ich würde mich nicht trauen, so proll und offen die ersten neunzehn Artikel des Grundgesetzes zur Disposition zu stellen. Da lernt man als einfacher Bürger nämlich sehr schnell die dafür zuständigen Beamten kennen, was recht unangenehm sein kann. Aber für die Leute, die im Rechtsfreien Raum Bundestag sitzen, scheinen ja andere Maßstäbe zu gelten.


Todesdownloader, Mordkopierer

Illegale Downloads schuld an tödlichem Festivaldrama

HASSELT – Das Drama beim belgischen Popfestival “Pukkelpop“ Ende August war Experten zufolge eine indirekte Auswirkung des gestiegenen illegalen Downloads von Musik im Netz.

Megakonzerte sind für die Musikgruppen, die kaum noch CDs verkaufen, lebenswichtig geworden [...] Diese Konzerte finden auf riesigen Bühnen statt, die mit Licht- und Videoequipment völlig überbelastet werden. Der Regen und der Wind richten nicht mehr Schaden an als früher. Allerdings ist der Schaden insgesamt viel höher als früher.

DNews

Kommentar

Aha, das Internet bringt Leute um, mindestens die vier Toten in Hasselt sind “vom Internet” getötet worden. Weil in diesem Internetdingens Musik kopiert wird. Von skrupellosen Raubmordkopierern. Und weil sie nicht mehr wie früher, in der guten alten Zeit, von einer Contentindustrie kopiert wird, die ihre Produkte so allmedial vor jedes Ohr brachte, dass die Konzerte nur so voll mit zahlendem, begeistertem Publikum wurden.

Ich weiß nicht, wie es euch geht: Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass im Jahre 1985, als eines der größten und mit Sicherheit das größenwahnsinnigste Rockkonzert der bisherigen Geschichte auf wirklich riesigen Bühnen abgewickelt wurde, schon jemand über illegale Musikdownloads gesprochen hätte. Wie auch, mit einem 300-Baud-Akustikkoppler? Von einer Mailbox, die für neue Nutzer eher etwas undurchschaubar war? Und dennoch wurde dieses Konzert in der offen geäußerten Absicht veranstaltet, in möglichst kurzer Zeit einen möglichst großen Geldbetrag zu erwirtschaften, um diesen für humanitäre Zwecke zu spenden. Niemand ist auf die Idee gekommen, zu diesem Zweck Tonträger aufzunehmen und zu verkaufen. Schon damals waren also Konzerte für die Musiker ein besseres Geschäft als der Handel mit kopierter Musik durch die Contentindustrie — und ich spreche hier nicht von kleinen, unbekannten Bands, sondern von wirklichen Größen.

Der vom niederländischen Telegraaf — übrigens eine höchst fragwürdige Räuberpostille, die trotz ihrer größeren Textlastigkeit in den Niederlanden in einem ähnlichen Rufe steht wie in Deutschland die Bildzeitung — postulierte Zusammenhang zwischen Megakonzerten und übers Internet kopierter Musik ist also fragwürdig, wenn man mal der Höflichkeit halber das freundlichste Wort dafür nimmt. Übrigens ist es auch interessant, dass der niederländische Telegraaf in seiner kurzen und von der bundesdeutschen Contentindustrie drittverwerteten Meldung zwar Bezug auf “de deskundigen” nimmt (wir würden auf Deutsch “Experten” sagen), die im “Le Figaro” solche Zusammenhänge herstellen, diese aber doch lieber nicht beim Namen nennt. Sonst könnte ja womöglich auffallen, dass diese “Experten” nicht gerade unabhängig sind.

Ach ja, der “Figaro”, der aus alten Zeiten seinen guten Ruf in ein Jetzt gerettet hat, in welchem dieser gute Ruf kaum noch eine Grundlage hat, er steht in direkter Kooperation mit der seriös verkleideten Axel-Cäsar-Springer-Presse “Die Welt” — und dort hat man aus reinem Gewinninteresse etwas gegen das für alle frei zugängliche Internet, aber dies keineswegs so sehr, dass man aus den Google-Suchergebnissen verschwinden möchte.

Es ist mir übrigens nicht gelungen, die referenzierte Originalmeldung über die Suchfunktion auf der Website des Figaro zu finden. Die zurzeit letzte Meldung, die das Wort “Hasselt” beinhaltet, spricht nicht von Downloads (des téléchargements), sondern von einer Naturkatastrophe (une catastrophe naturelle). Es wäre wahrlich nicht das erste Mal, dass sich der “Telegraaf” eine Quelle einfach ausgedacht hat. In solchen Dingen ist auch der niederländische Boulevard ziemlich schmerzbefreit. Die technikverneinende Usance der Journaille im Web, Links auf Quellen grundsätzlich zu unterlassen, lässt es auch nicht weiter auffallen, wenn die behaupteten Quellen gar nicht existieren. Die ganze Meldung geht also auf eine zurzeit völlig unüberprüfbare Quelle in einem Revolverblatt zurück, und die Abschreiberlinge der Contentindustrie — die übrigens nichts weiter als eine Kopierindustrie ist, deren Geschäftsmodell durch die Kopiermaschine Internet gerade den Bach runtergeht — haben es nicht für nötig befunden, die Meldung auch nur in fünf Minuten Benutzung einer Suchmaschine zu überprüfen, bevor sie den offensichtlich idiotischen Text unter dem Banner der Autorität des Journalismus als eine Nachricht verbreiteten. Dabei ist es genau diese Überprüfung von Quellen eine Leistung, die man von Journalisten eigentlich erwarten würde. Wenn die Nachrichten bei ihrer Überprüfung eine derartige Nacharbeit machen wie in diesem Fall, ist das bereits ein Zeichen dafür, dass der Journalismus überflüssig geworden ist, dass darunter nur noch das flotte Erstellen von Füllmasse verstanden wird, die zwischen die Werbebanner geklatscht werden soll.

An Menschen, denen das richtige Internet schon vertraut ist und die es deshalb gewohnt sind, fragwürdig klingende Meldungen zu überprüfen, richtet sich eine derartig offenbare Desinformation auch gar nicht, die müssen sich schon vor jeder Recherche angesichts der Absurdität des postulierten Zusammenhanges erstmal für ihren Scherzinfarkt hinsetzen. So etwas richtet sich mehr an Menschen, denen die Freiheit des Internet nicht so vertraut ist; die nicht gewohnt sind, eine Meldung ihrer Lieblingszeitung auch nur zu hinterfragen; die wegen ihrer Unkenntnis keinen Unterschied zwischen dem Internet und dem Rundfunk wahrnehmen können; die es ganz toll finden, dass sie mit einem jailbreak etwas auf ihrem werksseitig kastrierten Datensichtgerät installieren können und gar nicht bemerken, dass sie schon mit diesem Wort einräumen, sich in einem Technikgefängnis zu befinden. Es richtet sich an konsumdoofe Deppen, die möglichst in diesem Zustand verharren sollen, weil Aufklärung ganz allgemein schlecht für das Geschäft ist. Ich wollte, diese Leute wären eine Minderheit! Das sind sie aber nicht. Und wenn die Beglückungsideen der Contentindustrie irgendwann nach viel undurchschaubarer Lobbyarbeit Gesetz werden, dann werden diese Leute auch niemals mehr eine Minderheit werden.

Eines nur noch zum Abschluss. Dass bei den oben kurz referenzierten, recht monströsen Live-Aid-Konzerten niemand durch einen Unfall ums Leben kam, war Glück. Ob hingegen die vier Toten von Hasselt wegen eines Unglücks gestorben sind, oder ob sie daran starben, dass der Konzertveranstalter in der Absicht der Profitmaximierung an der Sicherheit gespart hat, das kann ich nicht sagen. An Downloads sind sie jedenfalls nicht gestorben.


Der Datenschutz-Caspar

Nach Angaben des Hamburgischen Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar, der für Google zuständig zeichnet, ist für deutsche Webseitenbetreiber ein “beanstandungsfreier Betrieb von Google Analytics ab sofort möglich”.

[...] Außerdem muss der Betreiber die “IP-Masken-Funktion” der Google-Tracking-API in dem auf den Seiten implementierten Code aktivieren. Sie weist Google Analytics an, nicht die vollständige IP-Adresse Ihrer Nutzer zu speichern oder zu verarbeiten, sondern das letzte Oktett zuvor zu anonymisieren. Laut Google erfolgt die Anonymisierung “innerhalb Europas”.

Prof. Dr. Johannes Caspar, Datenschutzbeauftragter der Hansestadt Hamburg, indirekt nach Heise Online zitiert

Kurzkommentar

Ein wunderbares Beispiel für “gefühlten Datenschutz”, bei dem sich freilich nur Menschen ohne jede Sachkenntnis geschützt fühlen können. Dass im Rahmen einer europäischen Sonderbehandlung die IP-Adresse bei einem auf JavaScript basierenden Google-Dienst anonymisiert gespeichert wird (übertragen werden muss sie weiterhin vollständig, weil sonst gar kein Internet möglich ist), das ist ein kleiner Schritt für einen Schwachkopf, aber ein großer Schritt für die Ausbreitung der Datenschutzidiotie und technischen Inkompetenz in der Bevölkerung. Welcher trackingwillige Anbieter benötigt schon eine IP-Adresse, die übrigens durch einen Proxyserver verschleiert sein kann und die zudem in Zeiten der Smartphones, Pads und WLANs oft von vielen Menschen gleichzeitig verwendet wird, wenn ungleich bessere Instrumente zur eindeutigen Identifizierung eines Browsers (und damit meist eines Nutzers) zur Verfügung stehen. Aber Hauptsache, die IP-Adresse ist anonymisiert im Datenbestand, auf den Rest kommt es nicht an.

Ja, da ist jemand mit der geballten Wucht seiner ganzen “Kompetenz” um Datenschutz bemüht. Leider nur um gefühlten. Herzlichen Glückwunsch, Herr Caspar, mir tut immer noch das Gesicht vom Facepalmen weh.


Vorratsdaten statt Vaginae

Was vom Bundesverfassungsgericht verworfen wurde, ist der Zugriff auf Datensätze zum Zwecke der Aufklärung minder schwerer Taten, die mittels der Telekommunikations-Nutzung begangen wurden. Das ist eine grenzwertige Frage, die in Karlsruhe nun entschieden wurde. Ich hielt es nicht für falsch, auch solche Fälle mit dem Gesetz zu erfassen.

Ich nenne Ihnen mal ein konkretes und reales Beispiel: Auf meinen Namen wurde vor ca. einem Jahr über das Internet bei einem recht bekannten Flensburger Erotik-Versand eine künstliche Vagina bestellt, über deren Eintreffen in meiner Privatwohnung ich sehr überrascht war. Ist es legitim, herausfinden zu wollen, ob der Besteller identifiziert werden kann? Ich meine: Ja. Das Versandhaus, das die Ware zurücknehmen musste, wurde finanziell geschädigt und ich belästigt. Zumindest zu versuchen, den Bestellungs-Urheber zu identifizieren, sah das Gesetz vor.

Sebastian Edathy (SPD) erklärt eine Anwendung der Vorratsdatenspeicherung

Kurzkommentar

Schön, einmal zu lesen, für die Aufklärung welch schwerer, staatszersetzender, terroristischer und unmenschlicher Verbrechen nach Meinung einiger Angehöriger der classe politique denn so eine anlasslose Totalbespitzelung aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland benötigt wird.


Offener Brief an Sebastian Edathy

Dann können Sie gerne Folgendes hinzufügen: Sie können mich mal. [Auf Nachfrage präzisiert] Kreuzweise! [...] können Sie mich, wie gehabt, mal am Arsch lecken.

Sebastian Edathy (SPD) auf die Nachfrage des Rechteinhabers eines von ihm verwendeten Fotos

Werter Herr Edathy,

ich muss zugeben, dass ich angesichts ihrer Erwiderung gegenüber einem Rechteinhaber an einer von ihnen verwendeten Fotografie erheitert war.

Dies nicht nur, weil ich den Schwäbischen Gruß für ein viel zu wenig gepflegtes Gut in der Deutschen Sprache halte. Sondern auch, weil ich mich mehr als nur klammheimlich darüber freue, dass auch einmal ein Mitglied des Deutschen Bundestages in seiner volksfernen Parallelwelt mitbekommt, was das gegenwärtige Urheberrecht in der täglichen Praxis des Internet bedeutet. Denn der Fotograf, der sie so sehr mit seinem Anspruch zu nerven schien, dass sie auf die sonst in ihrer Klasse übliche, verschwurbelte Ausdrucksweise verzichteten, ist vollständig im Recht.

Jeder Mensch in Deutschland, der über begrenzte Geldmittel verfügt, wäre über einen persönlichen Hinweis ohne teuren Briefkopf einer Anwaltskanzlei, ohne gesalzen kostenpflichtige Abmahnung und ohne zu unterschreibende Unterlassungserklärung so froh gewesen, dass er sich beim Fotografen aufrichtig dafür bedankt hätte und auf die weitere Nutzung der Fotos verzichtet hätte. Denn die sonst unter den rechtlichen Bedingungen der BRD entstehenden Kosten können für “normale” Menschen leicht existenzbedrohend teuer werden. Wenn sie Näheres zu dieser Thematik wissen möchten, Herr Edathy, empfehle ich ihnen die Website von Rettet das Internet als erste Lektüre.

Und in der Tat, ihre Feststellung laut oben verlinkten Artikel…

[...] Wenn man so strenge Maßstäbe an die Veröffentlichung von Bildern anlege, würde das dazu führen, dass jeder dritte Facebook-Eintrag gelöscht werden müsse.

…entspricht völlig den Tatsachen. Es geht sogar noch weiter, es ist wohl auch gut ein Drittel aller Websites in der Bundesrepublik Deutschland davon betroffen. Von den vielen, meist privaten Sitebetreibern werden recht willkürlich einige herausgepickt und mit teuren Briefen bombadiert. Ich kenne über zwanzig in der Bundesrepublik Deutschland gehostete Websites, die aus derartigen Gründen geschlossen wurden; und ich gebe inzwischen jedem Menschen den Tipp, sein Internetprojekt außerhalb der Bundesrepublik Deutschland hosten zu lassen und jede Identifizierung unmöglich zu machen. Einer ihrer Genossen, der Herr Bartels, hat das schon seit einem halben Jahrzehnt hinter sich; vielleicht schauen sie mal hier, hier, hier, hier, hier und hier, wenn sie etwas über die Hintergründe erfahren möchten.

Verstehen sie mein Entzücken, Herr Edathy? Sie sind ein Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie sind Gesetzgeber. Sie sind für diese… sie werden mir diese kleine Entgleisung doch gewiss entschuldigen, sind ihre Aussprüche doch auch nicht von schlechten Eltern… sie sind für diese Scheiße verantwortlich. Es wäre an ihnen, Herr Edathy, nicht nur vor einer erheiterten Internetöffentlichkeit ihren deftigen Wortschatz zur Bezeichnung des Rektums zum Besten zu geben, sondern im Bundestage darauf hinzuwirken, dass das an den Bedingungen der Rundfunk- und Printmedien orientierte Urheberrecht in der Bundesrepublik Deutschland in einer Weise ausgestaltet wird, die auch den veränderten Bedingungen des Internet Rechnung trägt, ohne dass dabei der erforderliche Ausgleich zwischen Rechteinhabern und Nutzern auf der Strecke bleibt.

In welcher Form dies geschehen sollte, ist allerdings ein Thema, über das sich trefflich streiten lässt — wie es beim Interessenausgleich ja regelmäßig der Fall ist. Sicher ist nur, dass es geschehen muss. Es ist seit gut zehn Jahren überfällig.

Vielleicht sehen sie, Herr Edathy, ja jetzt einen Ansporn zu einer lobenswerten und notwendigen Tätigkeit im Bundestage.

Mit freundlichen Grüßen

Ein Mitgestalter des deutschsprachigen Internet


Das Internet darf kein rechtsverbindlicher Raum sein!

Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich und Vertreter von Facebook haben sich heute darauf verständigt, im Wege der Selbstregulierung den Schutz der Nutzer von sozialen Netzwerken zu stärken.

“Ich strebe mittelfristig einen allgemeinen Kodex für soziale Netzwerke an, der Regelungen zur Datensicherheit, sicheren Identitäten sowie Aspekten des Daten-, Verbraucher- und Jugendschutzes enthält”, erklärte Bundesinnenminister Dr. Friedrich. Die Inhalte der Selbstverpflichtung sollen breit gefächert sein und aktuelle Fragen einbeziehen. Sie reichen von einer Stärkung der Medienkompetenz bis hin zu den Verfahren der Datenübermittlung.

Pressemitteilung des Bundesministeriums des Innern

Kommentar

Die gleichen Leute, die in Bezug auf Privatpersonen — besonders solchen mit unerwünschten weltanschaulichen Einstellungen — so gern das Wort “Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein” im Munde führen, messen mit auffallend anderem Maß, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, bei deren Durchsetzung juristische Personen das geltende Recht zum Nachteile natürlicher Personen einfach ignorieren. Da soll es auf einmal eine Selbstkontrolle richten.

Ich bin dafür, dass dieses eigenwillige Rechtsverständnis des gegenwärtigen Innenministers deutlich ausgeweitet wird. Unter dem Motto “Die ‘reale Welt’ der ‘realen Menschen’ darf kein selbstregulierungsfreier Raum sein” sollte in größtmöglicher Allgemeinheit auf die Durchsetzung des geltenden Rechts gegenüber Organisationen und Personen, die aus niederen Motiven wie asozialer und hemmungsloser Bereicherungslust permanent und bewusst dagegen verstoßen, verzichtet werden. An die Stelle einer solchen Durchsetzung träte — wohlgemerkt: erst nach mehreren Jahren wiederholter und systematischer Rechtsverstöße, die selbstverständlich völlig folgenlos blieben — die Abgabe einer freiwilligen Selbstverpflichtung. Eine solche Haltung der “Neuen Selbstregulierung” würde nicht nur wertvolle wirtschaftliche Impulse zugunsten von Dieben, Hütchenspielern und Plünderern vermitteln, sie würde nicht nur die längst vergessene Kultur des heiteren Mordbrennens zu neuem Leben erwecken, sie führte auch zu momentan noch unvorstellbaren Einsparmöglichkeiten bei den Ordnungsämtern und Polizeien. Das wäre doch ein Gewinn für alle! Einmal ganz abgesehen von der inneren Komik beim späteren Rückblick, dass ausgerechnet unter einem CSU-Innenminister das Faustrecht ausgebrochen wäre.

Aber nein, ein solches Faustrecht will dieser werte Herr Innenminister ja nur im Internet haben. Und auch dort nur in höchst einseitiger Form, denn einem kleinem Unternehmer, der in der BRD bei seiner Website mal eben einen formalen Fehler in seinem Impressum oder seiner Datenschutzerklärung macht oder der irgendwo eine ihm unbekannte registrierte Markenbezeichnung verwendet, droht angesichts des Abmahnunwesens ein oft existenzbedrohend teurer Anwaltsbrief, während ein großes, milliardenschweres Unternehmen wie Facebook auch bei systematischem und bewusstem Rechtsbruch gar nichts zu befürchten hat. Und natürlich ist das von Herrn Friedrich angstrebte Faustrecht der “Selbstregulierung” nur zum Nachteile von Privatpersonen, die wie Konsumdeppen behandelt, in ihrer Internutzung getrackt, nach ihren Interessen kategorisiert, in ihren menschlichen Beziehungen analysiert, mit den Mitteln des Data Mining erschließbar gemacht werden sollen, damit einem so richtig 1984 vor Augen wird. Nicht durch einen Staat, was schlimm genug wäre, aber im günstigen Fall noch durch einen gesetzlichen Rahmen geregelt würde, der Missbrauch unwahrscheinlicher macht, sondern durch ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit zwielichtigem und unsicherem Geschäftsmodell, das sich übrigens unerhört teuer an der Börse selbst zu verkaufen gedenkt. Besser als in dieser Haltung des bedingungslosen Täterschutzes könnte der Herr Innenminister gar nicht dokumentieren, wie sehr er die Menschen verachtet, die das Internet jeden Tag nutzen, und wie sehr er bereit ist, sie völlig schutzlos den Machenschaften gewisser “Firmen” auszusetzen.

Für sein Amt als Innenminister hat sich Herr Friedrich mit dieser Haltung disqualifiziert.


Die klaren und verständlichen Bedingungen

Nach Ansicht facebooks, so Allan, seien sowohl Fanpages als auch der Like-Button sehr wohl von der Privacy Policy abgedeckt. Überhaupt hätte facebook eine der klarsten und verständlichsten AGB im Internet

Richard Allen für Facebook vor einem Ausschuss in Schleswig-Holstein

Kurzkommentar

“Klar und verständlich” nennt Facebook das, und wer wissen möchte, was nach seiner Registrierung mit seinen Daten geschieht, tja, der muss sich absurderweise zunächst einmal registrieren, um die “klaren und verständlichen” Bedingungen nachlesen zu können. Es steht leider zu befürchten, dass diese Kleinigkeit der Marke “Wir schließen einen Vertrag, du stimmst jetzt rechtsverbindlich zu und ich erkläre dir hinterher erst die Inhalte” von etlichen Teilnehmern einer solchen Gesprächsrunde gar nicht bemerkt wird. Ich bin mir sicher: In jedem anderen Geschäftsfeld als dem Angebot einer Web-Zwo-Nullklitsche würden derartige Geschäftspraktiken offen als sittenwidrig, wenn nicht gar als kriminell bezeichnet, und derartige “Verträge” wären entweder vollends nichtig oder doch zumindest die derart untergejubelten Punkte unwirksam. Nur, wenn derartiges im Internet geschieht, bricht auf einmal die große Blindheit aus.


Anonymität? Nirgends!

Es kann im Internet ebenso wie in der realen Welt kein grundsätzliches Recht auf Anonymität geben

Pressemitteilung von Günther Krings und Dr. Hans-Peter Uhl für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Kommentar

Die Leser mögen mir den verbitterten Stil der folgenden Worte verzeihen.

Der Herr Fraktionsvorsitzende und der Herr innenpolitsche Sprecher haben sich beim Verfassen dieses realsatirischen Einsteigersatzes so sehr auf die Totalüberwachung des Internet fixiert, dass sie gar nicht mehr bemerken, was sie da eigentlich über die “reale Welt” schreiben. Es muss ja ihre Wahrnehmung von der “realen Welt” sein, oder doch zumindest das Ideal einer “realen Welt”, die sie sich wünschen.

Zumindest in meiner “realen Welt” sind die allermeisten Menschen, die mir begegnen, völlig anonym. Ich kenne nicht ihren Namen, ihren Wohnort oder sonst etwas von ihnen. Ich bekomme einen flüchtigen Eindruck ihres Aussehens und ihrer Kleidung. Die werten Herren von der Partei für Willkürrecht und Knüppelordnung scheinen der Auffassung zu sein, dass dieser Zustand — der übrigens so natürlich ist, dass nicht einmal die schlimmsten Diktatoren der bisherigen Weltgeschichte auf die Idee gekommen wären, daran etwas zu ändern — kein “grundsätzliches” Recht ist. Da dies von Juristen geäußert wurde, darf das Wort “grundsätzlich” hier ruhig in seinem juristischen Sinne verstanden werden, so dass diese Aussage in alltäglichem und klarem Deutsch bedeutet: Es kann im Internet und in der “realen Welt” in der Regel kein Recht auf Anonymität geben.

Eine Vorstellung, die an die finstersten Dystopien des letzten Jahrhunderts gemahnt. Man stelle sich einmal so etwas wie eine belebte Innenstadt als eine Möglichkeit “realer Welt” vor. Dort soll es in der Regel kein Recht auf Anonymität geben. Jeder Mensch ist bei allem, was er dort tut, in der Regel beliebig deanonymisierbar. Jede seiner Aktionen lässt sich einer konkreten Person zuordnen, gleich, ob er einem Bettler eine Münze gibt, ob er kurz auf einer Bank Platz nimmt oder ein Eis kauft.

Mit Verlaub, CDU/CSU-Fraktion… eine solche Haltung eurer Innenpolitiker hätte auch einem Erich Mielke gut gefallen. Und vermutlich auch jedem anderen… Entschuldigung… volksunterdrückenden, gewalttätigen Arschloch. Ich wollte, es gäbe die DDR noch, werte Damen und Herren von der CDU/CSU-Fraktion, die ihr solche Experten für euch sprechen lasst, damit ich euch zurufen könnte: Geht doch nach drüben, wenns euch hier nicht gefällt!

Gegen diese Aussage, die einen tiefen Einblick in den Geist dieser Freiheitsfeinde, Volksüberwacher und Aufrichter der Stasi 2.0 gewährt, ist der Rest des Unsinns aus der gleichen kurzen Presseerklärung geradezu harmlos — obwohl er auch vor Ignoranz, Zynismus und Freiheitsverachtung schreit.

Deshalb nur ein kurzes Wort zum Abschluss: Das Internet ist ganz sicher ein Teil der “realen Welt” — deshalb auch die Anführungszeichen, um das Lächerliche dieser Unterscheidung zu markieren. Ob aber jeder Politiker Teil der “realen Welt” ist, das ist sehr fraglich.


Zeitgemäßere Kopfsteuer

Positiv ist, dass die Rundfunkgebühr nicht mehr auf die Fernsehgeräte in der Wohnung erhoben werden. In einer Welt, in der jedermann immer und überall per Handy, Laptop, Autoradio oder iPod Rundfunk und Fernsehen empfangen und im Internet alle Angebote der Rundfunkanstalten nutzen kann, wäre dies auch nicht mehr zeitgemäß.

Barbara Cárdenas (Die Linke), Abgeordnete in hessischen Landtag

Kurzkommentar

Die Beschränkung der Erhebung von Kurtaxen auf einige wenige Kurorte, die doch jedermann und jedefrau über öffentlich verfügbare Straßen und Verkehrsmittel erreichen und nutzen kann, wäre — nach der gleichen hirnrissigen “Logik” — ebenfalls nicht mehr zeitgemäß. Zeitgemäß ist eine Kopfsteuer für alle und für alles.

Was zu der “zeitgemäßen” Rundfunkgebühr “wegen des Internet” zu halten ist, das ist im Wesentlichen schon seit vielen Jahren gesagt und soll hier nicht erschöpfend wiederholt werden. Dass in der Bundesrepublik Deutschland “jedermann immer und überall [...] im Internet alle Angebote der Rundfunkanstalten nutzen” könne, ist angesichts des auf Druck der Contentindustrie durchgesetzten Zwanges der gebührenfinanzierten Anstalten zum “Depublizieren” darüber hinaus eine dreiste und ziemlich widerwärtige Lüge.


Vorratsdatenspeicherung jetzt hellsichtig

Der Innenexperte der Union im Bundestag, Clemens Binninger, sagte gegenüber der “Leipziger Volkszeitung” (Sonnabend-Ausgabe) zu der in erster Linie bisher von FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger blockierten Vorratsdatenspeicherung: “Ich könnte mir eine von sechs auf drei Monate verkürzte Speicherfrist vorstellen.” [...] Zugleich sagte Binninger, statt einer generellen Datenspeicherung könne man sich auch auf einen ganz konkreten begrenzten Straftatenkatalog beschränken.

Presseerklärung der Leipziger Volkszeitung: Union kommt FDP bei Streit um Vorratsdatenspeicherung deutlich entgegen

Kommentar

Tolle Sache! Wir beschränken die anlassunabhängige Totalüberwachung des Telefon- und Internetverkehrs in Deutschland jetzt auf Kriminelle, die vorher bei den Behörden anmelden, dass sie eine der Straftaten aus unserem Katalog begehen wollen. Und da die das wohl nicht machen, beschäftigen wir einfach Hellseher. Oder wie stellen sich Nebelbombenleger wie Clemens Binninger und die so einen markant duftenden Bullshit nicht hinterfragenden Spezialexperten der Leipziger Volkszeitung das vor?

Bitte beim BILDblog weiterlesen


Zum Mitmachen

Das “Mitmach-Internet”, das so genannte Web 2.0, wird auch in Meerbusch eifrig genutzt. Während die Stadt noch beim Einstieg in Facebook & Co. zögert, sind Vereine und viele Bürger auf den diversen Plattformen aktiv.

RP Online: Internet zum Mitmachen

Kommentar

Das Internet war beinahe immer ein Internet zum Mitmachen. Dafür gab es das (im ewigen September langsam zerstörte) USENET, IRC, Mailinglisten, später Webforen und interaktive Elemente in Websites; darüber hinaus auch schon sehr früh Netzwerkspiele.

Selbst das World Wide Web, das hier von der RP Online kurzerhand und laienhaft mit “dem Internet” gleichgestellt wurde, war von seinen ersten Entwürfen an als ein Angebot zum Mitmachen konzipiert — und es waren geschäftliche Interessen, im Wesentlichen die Verwechslung einer Website mit einem Versandhauskatalog, die diesen Teil des Konzeptes untergehen ließen. Die alten Ideen finden sich jedoch selbst heute noch als Ahnung in der Spezifikation des HTT-Protokolles in Form der Request-Methoden PUT, DELETE, LINK und UNLINK wieder. Das heute bestehende World Wide Web weicht deutlich von der ursprünglichen Intention eines Tim Berners-Lee ab, der nicht umsonst den von ihm programmierten, ersten Webbrowser mit Editorfähigkeiten ausgestattet hatte. Wer eine Ahnung von der wirklichen Absicht Berners-Lees bekommen möchte, sollte sich einmal die kurze Beschreibung der PUT-Methode in seinem Originaldokument anschauen (das natürlich in englischer Sprache verfasst ist). Daraus wurde nichts, weil es nicht zu den geschäftlichen Interessen passte, die nach der Veröffentlichung des Browsers Mosaic Netscape 0.9 beta im Herbst des Jahres 1994 maßgeblich die Absichten bei der weiteren Ausgestaltung des World Wide Web prägen sollten.

Was das so genannte Web 2.0 ausmacht, ist also nicht etwa die angeblich neue Möglichkeit zum Mitmachen, sondern die Tatsache, dass diese Möglichkeit von großen gewinnorientierten Unternehmen mit zweifelhaftem Geschäftsmodell angeboten wird, die allesamt die Eigenart haben, dass sie die Usancen und die gewachsene Kultur des Internet ihren Profitinteressen unterordnen, ihre Nutzer tendenziell enteignen und das Bedürfnis ihrer Nutzer nach Privatsphäre mit Füßen treten.

Facebook ist unter diesen Anbietern ein besonders übler und verachtenswerter Kandidat, der nicht einmal vor Spamwerbung an E-Mail-Adressen, die eher heimlich von den Nutzern übernommen werden, zurückschreckt.

Ich würde sogar glauben, dass Facebook bei Weitem nicht seine heutige Bedeutung erlangt hätte, wenn solche vollständig inkompetenten Desinformationsblätter wie RP Online nicht unentwegt darüber berichten würden, als sei diese Website die beste Erfindung seit dem Rade — oder doch zumindest das jetzt endlich fertige “Internet zum Mitmachen”. Wie viel Geld wohl im Hintergrund für diese permanente Werbung im redaktionellen Teil der Presseprodukte fließt, ist ein Geheimnis, das ich zu gern gelüftet sehen würde.


Verräter sprechen mit gespaltener Zunge

Screenshot der Website der Arbeitsgruppe SPD-Netzpolitik

Quelle des Screenshots: Website der Netzpolitiker in der SPD vom 3. September 2011

Dass die gleiche Gruppe von Politikern aus der SPD, die uns gerade erst die anlass- und verdachtsunabhängige Überwachung des gesamten Internet- und Telefonverkehrs in der Bundesrepublik Deutschland gegeben hat — es ist angesichts gleicher Beglückungsideen in der CDU so gut wie sicher, dass die Vorratsdatenspeicherung kommt — dass diese Gruppe von… ähm… Verrätern auf ihrer Website zur Teilnahme an einer Demonstration gegen genau diese Vorratsdatenspeicherung aufruft… tja, das bedarf wirklich keines weiteren Kommentares mehr.

Wer noch geglaubt hat, dass die politische Klasse der Bundesrepublik Deutschland reflexions- und diskussionfähig wäre, ist vielleicht ein bisschen enttäuscht. Ich bin es nicht mehr. Ich bin nur angewidert von dieser offenen Geste, mit der den am Internet teilhabenden Menschen unmissverständlich klar gemacht wird, wie sehr man sie verachtet.

Ein Alvar Freude, der mit diesem verlogenen und verrotteten Geschmeiß — ja, gern gebe ich so offen dargebotene Verachtung auch mit klarem Worte zurück — offen fraternisiert und sich gleichzeitig als “Internet-Aktivist” feiern lassen will, ist es nicht mehr wert, ernst genommen zu werden. Welche Formen des negativen sozialen Feedbacks gegenüber einem willigen Schergen dieses Lumpenpacks fernerhin angemessen sind, möge bitte jeder selbst entscheiden.


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