Sie reden vom Netz wie Blinde vom Licht

Archiv für August, 2011

Bürgerrechtsschonende Vorratsdatenspeicherung

Es ist schwierig, für diesen Eintrag einen passenden Titel zu finden — denn die alte Frage “Wer hat uns verraten” ist angesichts der Menschenrechte verachtenden Konstanz der SPD im Laufe der Zeit wenig spezifisch. Tatsächlich bringt diese Frage als Google-Suche zurzeit 363000 Treffer, und mutmaßlich alle diese Treffer reimen sich auf “Sozialdemokraten”. Passt ja auch.

Wegen der relativen Schwierigkeit des Themas wähle ich auch mal einen anderen Einstieg — ich mache einen kleinen Rückblick auf älteren Bullshit, der im Strom des immer wieder neuen Bullshits viel zu schnell vergessen wird.

Rückblick: 18. Juni 2009

Am 18. Juni 2009 hat Martin Dörmann, Bundestagsabgeordneter in der SPD-Fraktion, im Verlaufe der 227. Sitzung des Deutschen Bundestages eine bemerkenswerte Aussage über das Zugangserschwerungsgesetz von Frau Ursula von der Leyen, CDU, gemacht:

Hier sei noch einmal der “leckerste” Teil daraus (von 1:59 bis 2:50 im Video) in schneller Transkription wiederholt (alle Übertragungsfehler darin sind meine Schande):

Und ein wichtiger Punkt, der leider in der öffentlichen Debatte zurzeit kaum diskutiert wird, der aber ganz entscheidend ist: Es ist Tatsache, dass die Infrastruktur – und zwar auch ohne Gesetz – im Aufbau ist. Denn seit Frühjahr diesen Jahres [sic!] gibt es Verträge zwischen dem BKA und den wichtigstens Providern in Deutschland, die sich zur Einrichtung einer solchen Sperre eben verpflichtet haben. Ich hab das immer für den falschen Weg gehalten. Deshalb haben wir folgende Situation: Auch ohne Gesetz wird es diese Infrastruktur geben, da die Provider die Verträge pünktlich umsetzen und einhalten werden. Aber wenn es das Gesetz nicht gibt, dann gäbe es eben alle datenschutzrechtlichen und verfahrensrechtlichen Sicherungen, die wir jetzt eingebaut haben, dann gäbe es diese nicht, und das kann doch wirklich nicht ernsthaft keiner wollen.

Wenn man diese Aussage einmal komprimiert und die ganzen rhetorischen Nebelschwaden daraus entfernt, so sagt Martin Dörmann hier: Die Einführung einer gegen die Bürgerrechte im Internet missbrauchbaren Sperrinfrastruktur wollen wir von der SPD nicht, und deshalb stimmen wir einen Gesetz zur Einführung einer gegen die Bürgerrechte im Internet gerichteten Sperrinfrastruktur zu. Und das haben sie dann auch reichlich getan, und der politische Kindesmissbrauch einer recht schamlosen Frau von der Leyen (CDU) führte zu einem geltendem Recht der Bundesrepublik Deutschland — wenn es auch nie angewendet und schließlich wieder aufgehoben wurde, nachdem die Kinderlein ihre Schuldigkeit im Wahlkampf des Jahres 2009 getan hatten und wieder vergessen werden konnten.

Und Martin Dörmann hat sich allen Ernstes als Vertreter der SPD hingestellt und die Einführung einer gegen die Bürgerrechte im Internet gerichteten Gesetzgebung als Verbesserung der Bürgerrechte ausgegeben.

Helau!

Ende des viel zu schnellen Rückblicks

Warum dieser Rückblick?

Nun, Alvar Freude, parteilos, hat sich als “Internet-Aktivist” zu einer Gruppe von SPD-Politikern gesetzt und meint jetzt in seinem Blog, dass er die Ideen der SPD in Sachen verdachtslose Vorratsdatenspeicherung mittragen kann:

Insgesamt kann ich den Antrag mittragen; er besagt unter anderem, dass keine Mobilfunk-Standortdaten gespeichert werden dürfen, dass IP-Adressen (wie vor der Vorratsdatenspeicherung üblich) 80 Tage gespeichert werden dürfen [...] Er ist ein Kompromiss – und wie so oft, sind damit nicht alle glücklich [...]

Um es aber ganz klar zu sagen: ich halte die grundlegende Richtung des Antrages für richtig. Weg von einer Pauschalierung “alles lange speichern”, hin zu: Was wird gebraucht und wie hoch ist der Eingriff in die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger. Und da kann ich mich nur wiederholen: Bei der IP-Adress-Speicherung ist der Eingriff gering. Die richtige Balance zu finden ist nicht einfach, und für jeden wird die anders aussehen. So ist das eben in der Demokratie …

Wow, hier wird mit viel Geschwurbel die Einführung einer Infrastruktur zur Internetüberwachung aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland als “geringer Eingriff” verkauft.

Tja, deshalb der Rückblick. Ich hatte da so ein déjà vu. Nun, man mag von Fefe, diesem begnadeten Boulevardblogger des deutschsprachigen Internet, halten, was man will, aber nicht nur Fefe, sondern auch ich…

[...] Fefe sieht nun einen Verrat darin, dass nicht alle seine Meinung vertreten. Tjanu [...]

…halte Verräter für Verräter. Auch, wenn sie noch so viele Worte finden, um eine auch von gewohnheitsmäßigen rhetorischen Rauchbombenlegern wie Jörg Ziercke gewünschte Internetstasi als “bürgerrechtsschonend” zu verkaufen. Und ich halte Verräter für vollkommen ungeeignet, in meinem Namen zu sprechen und meine Stimme zu ergreifen, um mich verstummen zu machen.

Was in diesem ganzen… sorry für das vielleicht unschöne Wort… schamlosen verräterischen Gesülz immer wieder unterschlagen wird, ist die Antwort auf die naheliegende Frage, für die Aufklärung welcher Formen von Kriminalität denn überhaupt eine anlasslose Internetüberwachung aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland benötigt werden könnte. Und siehe da, auch RA Thomas Stadler bekam offenbar ein ähnliches déjà vu wie ich, als er den Bullshit aus der SPD gelesen hatte und diese Frage aufwarf.

Das Internet gehört den Menschen. Nicht einer bis ins Mark korrupten Politik, die sich längst gegen die Menschen richtet. Nicht wirtschaftlichen Unternehmen, die Menschen auf ein Dasein als Konsumtrottel reduzieren wollen. Nicht der Angst der Macht und des Besitzes, die Menschen überwachen will, um sie immer unter Kontrolle zu haben. Es gehört den Menschen, das Internet, und nur den Menschen in ihrer menschlichsten, persönlichsten Form. Denn es ist ein Netzwerk von Computern, nur dazu gemacht, Menschen zusammen zu bringen.

Ach ja, Alvar Freude. PLONK. Und viel Spaß noch an der Ersatzhaltestelle. Vielleicht gibts ja demnächst Pöstchen und Pfründe als Gegenleistung… es würde mich nicht weiter wundern.

Nachtrag, 20:45 Uhr:

Weiterlesen bei Fefe und vor allem bei Feynsinn!

Zweiter Nachtrag, 2. August 2011, 2:00 Uhr:

Eine interessante rechtliche Bewertung von RA Thomas Stadler wurde auf der Website der ct’ veröffentlicht; ferner ist vielleicht die politische Bewertung von Malte Spitz (Bündnis 90 / Die Grünen) von Interesse.


Auch wenn es sinnvoll wäre: Mach ich nicht!

Der gescheiterte Dialogversuch des Tages:

Markus Bickel fragt auf abgeordnetenwatch.de Dr. Michael Meister (CDU, MdB):

Frage zum Thema Demokratie und Bürgerrechte

Sehr geehrter Herr Meister,

“Warum muessen die Fragesteller ihre Fragen noch einmal an Sie mailen? Die Antworten kann man doch direkt hier einstellen. Das haette ausserdem den Vorteil dass jemand der eine aehnliche Frage hat, die Antwort schon vorfinden wuerde…”

Diese Frage wurde bereits gestellt und mich würde Ihre Antwort dazu sehr interessieren.

Mit freundlichen Grüßen

Und Herr Dr. Michael Meister antwortet:

Standard-Antwort von Dr. Michael Meister

Sehr geehrter Herr Bickel,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich pflege die direkte persönliche Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern. Dies impliziert, dass ich Anfragen nicht über eine Internet-Plattform, sondern im direkten Kontakt beantworte, so z.B. in meinen Bürgersprechstunden oder in meinen Antworten auf schriftliche Bürgeranfragen.

Bitte schicken Sie Ihre Anfrage an mich persönlich, damit ich Ihnen direkt antworten kann. Meine Email-Adresse lautet: mxxxxxl.mxxxxxr (at) bundestag.de

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Michael Meister, MdB

[Die Mailadresse habe ich im Zitat nicht übernommen, um niemanden zu dummen, destruktiven Akten zu motivieren. Sie findet sich allerdings in der verlinkten Quelle]

Grandios! Bitte schicken sie mir ihre Fragen in Form einer E-Mail, damit ich zu immer wieder aufkommenden, ähnlichen Fragen immer wieder die gleichen Antworten tippen muss. Das kann der werte Herr Doktor doch nicht ernst meinen, oder?

Aber: Was meint er dann?

Vielleicht meint er ja ungefähr so etwas: Bitte schicken sie mir ihre Fragen in Form einer E-Mail, die ich einfach ignorieren und löschen kann. Ohne, dass es gleich dauerhaft im Internet dokumentiert wird, wie mir als Volksvertreter die Menschen aus dem Volk mal den Buckel runterrutschen können, nachdem sie mir mit ihren Kreuzchen Posten und Pfründe zugeschoben haben?

Da muss es doch noch eine andere mögliche Interpretation geben. So eine arrogante, arschlochhafte Haltung würde doch selbst ein Mensch mit nur durchschnittlichen Ehrbegriffen niemals an den Tag legen. Wie viel weniger passt es da zu einem akademisch gebildeten Mitglied des Deutschen Bundestages… :mrgreen:


Deshalb Internetstasi

Es ist kaum zu fassen. Jörg Ziercke kann tatsächlich etwas Richtiges sagen:

Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, hat vor zu viel Sorglosigkeit beim Umgang mit dem Internet gewarnt. Viele Menschen hätten zum Beispiel kein Virenschutzprogramm, Firmen hätten keine Firewall – da sei noch einiges zu tun, sagte Ziercke am Freitag im Hörfunksender HR-Info. Internetnutzer müssten sich bewusst sein, dass man angegriffen werden könne.

Der BKA-Chef betonte, die Zeiten, in denen Computerfreaks zum Spaß Internetseiten aus der Garage heraus hackten, seien definitiv vorbei. “Inzwischen reden wir über organisierte Kriminalität”. [...]

Kaum ein Wort daran, das nicht wahr wäre — ich würde bestenfalls noch hinzufügen, dass viel zu viele Menschen mit dem Lieblingsbetriebssystem der Internet-Kriminellen, mit Microsoft Windows, im Internet unterwegs sind.

Hätte Jörg Ziercke an dieser Stelle aufgehört zu reden, ja, er wäre nicht hier gelandet. Er hat aber leider weitergeredet:

[...] Deswegen müsse es eine neue Regelung zur Vorratsdatenspeicherung geben.

Klar, mit einer verdachtslosen Totalüberwachung des Internet findet man Leute aus der organisierten Internet-Kriminalität. Die kommen ja niemals auf die Idee, Proxyserver zu verwenden oder ihre kriminellen Attacken über Botnetze zu machen, so dass sie kaum ermittelbar sind. Und die verdachtslose Totalüberwachung des Internet ist gar nicht gegen eher marginale Verstöße gerichtet und entspricht gar nicht den Bedürfnissen der Rechteverwertungsindustrie, die sich jetzt schon darauf freut, dass sie sich reichlich aus dieser Datensammlung bedienen kann. Großes Kino, Herr Ziercke, da reden sie endlich wieder wie gewohnt.

Aber wenn sie der organisierten Kriminalität im Internet den Kampf ansagen wollen, Herr Ziercke, denn haben sie mich durchaus auf ihrer Seite. Fangen sie doch bitte gleich mit diesen Abzock-Betrügern an. Ich glaube, dass gewerbsmäßiger Betrug mit fünfeinhalb Millionen Opfern und einem angerichteten Schaden von mindestens 50 Millionen Euro (untere Grenze) durchaus mal ein Anlass wäre, dafür zu sorgen, dass die Betrüger an einen Ort verfrachtet werden, an dem sie keinen Schaden mehr anrichten können. Dafür brauchen sie, Herr Ziercke, übrigens auch keine Vorratsdatenspeicherung. Die in betrügerischer Absicht gegründeten GmbH lassen sie bequem über das Handelsregister ermitteln, die Bankkonten werden selbstverständlich unter Vorlage eines Personalausweises eröffnet und die Gehilfen der Betrüger können ebenfalls offen auftreten. Da die gegenwärtige Gesetzeslage leider kaum Handhabe gegen die Gehilfen in diesem gewerbsmäßigen Betrug bietet, würde ich ihrer gewichtigen Forderung nach wirksamen Maßnahmen des Gesetzgebers nur zu gern mit meinem zageren Stimmchen zustimmen.

Aber nein, Herr Ziercke, sie bauen halt lieber eine Stasi 2.0 mit auf, statt sich um die Verbrechensbekämpfung zu kümmern.


Frankfurter Argumentative Zerrung

Die Verlage wollen die Expansion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet stoppen. ARD und ZDF greifen durch Steuern das Geschäftsmodell der privaten Presse an, sagt Nienhaus im F.A.Z.-Gespräch. Er ist für die Klage gegen die Tagesschau-App.

FAZ.net: Eine große Ignoranz und auch Angst der Politik

Kein Kommentar nötig

…denn diese ausgesprochen durchsichtige und — an den sonstigen Maßstäben der Frankfurter Allgemeinen gemessen — dumme Propaganda haben schon andere zerlegt. Ich bitte daher darum, im Pottblog oder bei Stefan Niggemeier weiterzulesen.

Ein Abo lässt sich übrigens kündigen. Diesen Baumbestemplern, die immer wieder mit allen Mitteln des Hirnficks und der Propaganda fordern, dass die Menschen in der BRD entweder für bereits über die Rundfunkgebühr bezahlte Inhalte im Internet noch einmal bezahlen sollen oder dass diese Inhalte eben nicht im Internet zur Verfügung stehen dürfen, um das Geschäftsmodell der Contentindustrie zu sichern… ja, denen muss man nicht auch noch sein sauer verdientes Geld in den Rachen werfen. Es gibt bessere Verwendungen für Geld als die Förderung einer zwielichtigen Bande von Technikverhinderern und Volksbevormundern. Ist schon der Mehrwert, den die FAZ dem Dasein hinzufügt, zuweilen fraglich (das Feuilleton ist in der Tat oft großartig), so ist er bei der WAZ und den von der WAZ-Gruppe herausgegebenen Pressesurrogatextrakten sicher im submikroskopischen Bereich.

Nachtrag: Coffee and TV: Offener Brief an Christian Nienhaus.


Die Zukunft des Fernsehens

Die Elektronikmesse IFA feiert in diesem Jahr einen Größenrekord: Auf 140.200 Quadratmetern präsentieren sich mehr als 1300 Aussteller [...]

Trends sind nach Angaben der Veranstalter vor allem [...] und Fernsehgeräte, die sich ans Internet anschließen lassen

AFP: Berliner Elektronikmesse IFA dieses Jahr groß wie nie

Ein etwas längerer Kommentar

An diesem Stück Journalismus der Agence France-Presse, das sich die Macher so genannter “Qualitätsmedien” natürlich gern als simulierten redaktionellen Inhalt in ihre tägliche Werke zwischen die Reklame stempeln, entzückt nicht nur, dass man es gar nicht von einer Reklame für die IFA 2011 unterscheiden kann.

Nein, es entzückt auch, dass es in diesem Jahr einen “Trend” gibt.

Zwei technisch und soziologisch vollständig inkompatible Medien — der inhärent zentralistische, passiv genossene Fernsehrundfunk und das strukturell dezentrale, aktiv mitgestaltete Internet — sollen also zusammenwachsen. Das ist ein toller Trend, bei dem man doch gleich viel lieber die “Rundfunkgebühr” dafür zahlt, dass man über eine Datenverarbeitungsanlage verfügt. :mrgreen:

Fragt sich nur eins bei diesem “Trend”: Wie sahen eigentlich die “Trends” in der Vergangenheit aus? Mal ein bisschen googlen.

2010 gab es zum Beispiel diesen tollen “Trend”:

IFA 2010: Rückblick, Durchblick, Ausblick
Internet im TV: Google webisiert das Fernsehen

[...] Nun aber haben die TV-Produzenten das Problem gelöst: Sie nutzen das Web, um noch mehr Inhalte an den Sendern vorbei zum TV zu liefern, nutzen Apps für Zusatz-Informationen und machen den Zuschauer unabhängig von den Sendezeiten der TV-Stationen

[...] Google plant für das Fernsehen eine ähnliche Revolution wie im Internet: Alle Inhalte unter einer Bedienoberfläche, auffindbar gemacht von Google. Die Sendezeit von “Marienhof”, “Tagesschau” oder “24” – egal [...]

Das “Hybrid Broadcast Broadband TV” ist die um Internet-Funktionen angereicherte Version des alten Videotextes [...]

Zugriff auf Mediatheken, Video-Seiten wie YouTube und Webseiten wie Wikipedia ermöglicht eine völlig andere Form der TV-Unterhaltung [...]

Oder 2009, da gab es folgenden tollen “Trend”:

IFA 2009: Die Trends der Funkausstellung

Dass das Internet in die Fernseher wandert, ist nur einer der IFA-Trends 2009 [...]

Internetfernsehen (IPTV) war 2008 eines der Top-Themen in der Technikwelt: Gemeint war damit die Übertragung von Fernsehen ins Internet [...] konzentrieren sich die Hersteller nun darauf, das Internet in den Fernseher zu locken und die Konsumenten nicht nur mit tollen Bildern, sondern auch mit allerlei Multimedia-Anwendungen aus dem Web zu ködern

Huch, das war 2008 auch schon ein Trend? Oh ja, in der Tat:

Das Internet erobert den Fernseher

IPTV ist noch immer auf dem Weg, sich einen Weg zum Massenmarkt zu erschließen [...]

Tja, scheint ja schon ein paar Jährchen auf dem Weg zu sein. Denn auch 2007 gab es diesen famosen Trend zum Fernsehen der Zukunft:

IFA 2007: Das Fernsehen der Zukunft

Einer der Trends der diesjährigen Funkausstellung ist hochauflösendes Fernsehen, am besten via Internet. Bereits im letzten Jahr startete das Angebot “T-Home” der Deutschen Telekom. Heute gab der Telekommunikationskonzern zusammen mit Microsoft einen Blick auf die weitere Zukunft des Internetfernsehens.

[...] IPTV ist erstmal reguläres Fernsehen. Alle Programme, die es in Deutschland gibt, können genutzt werden und auch alle Zusatzfeatures wie zum Beispiel Videotext. Aber die Plattform bietet durch die Rückkanalfähigkeit Individualisierbarkeit und Personalifizierbarkeit [...]

Genau dieses Angebot sei nun richtig reif, betonen alle anwesenden Sprecher

Aber so was von reif! Schade eigentlich, dass es sich nicht verkauft hat und dass Internet-Nutzer sich nicht mit den Formen der Interaktivität begnügen wollen, die ihnen von einem zentralen Medienbetreiber gnädig (und kostenpflichtig) eingeräumt werden.

Das war 2007 übrigens keine Neuigkeit, denn schon 2006 bekamen wir von der dpa über den zentralistischen Medienapparat verklickert

Hintergrund: Internet-Fernsehen

Bei IPTV (Internet Protocol Television) werden Fernsehbilder über das Internet übertragen.

Der Kunde benötigt für Fernsehen über das Internet ein spezielles Empfangsgerät [...], um die Signale für sein Fernsehgerät umzuwandeln.

[...] Als weiteren Vorteil betrachten die Anbieter „Video-on-Demand“, den Abruf von Filmen. Wer also beispielsweise den „Tatort“ am Sonntag verpasst, könnte ihn eventuell zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt ansehen

Für letzteren Anwendungsfall kennt übrigens jeder intensive Internetnutzer so etwas wie Filesharing — was bedauerlicherweise in dieser Anwendung kriminalisiert ist, obwohl es die einzige Form des Internet-Fernsehens ist, die man wirklich als einen “Trend” bezeichnen könnte. Wer allerdings erst einmal Filesharing kennengelernt hat und zudem auch eine andere Sprache als Deutsch beherrscht, bemerkt recht schnell, wie minderqualitativ und ungenießbar beinahe alle Produktionen im deutschen Fernsehen sind und kann schon nach kurzer Zeit völlig darauf verzichten. Im Gegensatz zu den Beglückungsideen unserer Contentindustrie kennt der Datenverkehr im Internet ja keine Staatsgrenzen. Ach ja!

Da hilft es auch nicht, dass man den Menschen auch 2005 schon in die Birne hämmern wollte, wie die Zukunft des Fernsehens aussieht:

DSL-Fernsehen: TV aus der Telefonbuchse

Bald sollen Fernsehen, Internet und Telefongespräche über eine Leitung ins Haus kommen. Im Ausland ist dies längst alltäglich. [sic! Das war im Sommer 2005!]

“Technisch ist es längst möglich, Telefon, Internet und Fernsehen über eine Leitung zu liefern”, erklärt Philipp Geiger von der Solon Management Consulting aus München [...]

“Wir haben dadurch die Chance, nicht nur die Kommunikationsbudgets, sondern auch die Unterhaltungsbudgets der Haushalte abzugreifen”, hofft Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke.

Die TV-Zukunft ist im Ausland längst Realität. In Japan lassen Hunderttausende ihren Fernsehapparat links liegen, um direkt im Internet populäre Seifenopern aus Korea zu verfolgen. In Italien empfangen viele Haushalte TV-Programme schon seit 2003 per DSL-Anschluss.

Tja, in diesem Ausland, also in dieser Nicht-Bundesrepublik-Deutschland, wird die Politik ja auch nicht in der Lobby des Reichstages von einer monströs gewordenen Contentindustrie gemacht, die durch das Internet ihr bisheriges Monopol dahinschwinden sieht. Da gibt es keinen Gesetz gewordenen Zwang für quasi-staatliche Rundfunkanstalten, ihre kostenlos im Internet verfügbaren und von der Allgemeinheit mit Steuern und Gebühren bezahlten Inhalte zu “depublizieren”, damit die Contentindustrie ein mediales Alleinstellungsmerkmal hat, mit dem sie ihr Geschäft machen kann. Menschen in Großbritannien können sich selbstverständlich auf der Website der BBC in hoher Qualität die Produktionen anschauen, wann immer sie die Sendungen sehen wollen. Ja, so sieht es in dem Großbritannien aus, das immer einen besonders gehobenen Wert auf wirtschaftsfreundliche Politik gelegt hat. Nur als ein Beispiel.

Während in der Bundesrepublik seit vielen Jahren jedes Jahr zur IFA in einem bescheuerten und von allen zentralen Medien wiedergekäuten Ritual davon schwadroniert wird, dass das gute alte Glotzen doch seine Zukunft darin haben soll, mit einem bisschen künstlich begrenzten Internet aufgewertet zu werden, sind Videodienste — auch hochwertige — über das Internet beinahe überall auf der Welt bereits viel und gern genutzte Realität.

Selbst eine Website wie YouTube ist nur in der Bundesrepublik Deutschland künstlich verkrüppelt worden, während alles Fernsehen und Internet in einem Atemzug nennt. Es ist völlig hinreichend, wenn bei der Aufnahme eines privaten Videos im Hintergrund ein Radio mitläuft, so dass ein paar Klangfetzen des wertvollen “geistigen Eigentums” dabei reproduziert werden, damit das Video auf YouTube so aussieht:

Leider ist dieses Video, das Musik von UMG beinhaltet, in Deutschland nicht verfügbar, da die GEMA die Verlagsrechte hieran nicht eingeräumt hat. Das tut uns leid.

Wer schon einmal in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Polen, Dänemark, Italien oder sonstwo die Muße gefunden hat, YouTube zu benutzen, wird erstaunt festgestellt haben, dass dort nicht nur richtige Musikvideos verfügbar sind, sondern dass sie sogar von den Musikverlegern selbst eingestellt werden — mit Möglichkeit zum Kauf eines Musikstückes oder eines Tonträgers. Und für ein genau so großes Erstaunen sorgt es beim künstlich volldeppert gehaltenen Deutschen, wenn er sehen muss, dass man beinahe überall im Ausland auf viele Fernsehproduktionen über YouTube zugreifen kann, und zwar direkt von den Produzenten eingestellt. Niemand scheint dort ein besonderes Problem darin zu sehen. Das ist nur in der Bundesrepublik Deutschland ein Problem, einer Deutschen, Demokratischen Republik, in der eine kleine Clique von Besitzenden allen anderen Menschen genau sagt, was sie wirklich wollen und was sie wirklich brauchen — und diese stümperhafte Volkserziehung im Zweifelsfall mit Lobbypolitik und geldherrschaftlicher Gewalt durchsetzt.

Ich bin ein ganz schlechter Hellseher. Aber trotzdem habe ich eine sehr deutliche Ahnung, wie einer der Trends auf der IFA 2012 heißen könnte. Und auf der IFA 2013, 2014, 2015… bis die Menschen in Deutschland endlich damit beginnen, das Internet nicht als eine zweite Glotze, sondern als ihren, von ihnen mitgestalteten Raum wahrzunehmen und es den Buchhaltern, Ausbeutern, Lobbyisten, Kaninchenzüchtern und Gartenzwergfreunden aus den Händen zu reißen. Zur Not mit Gewalt, wenn es nicht anders geht. Leider sind gerade Menschen in Deutschland so gestrickt, dass sie bei ihrem Bürgeramt einen Antrag stellen möchten, bevor sie für ihre eigenen Daseinsrechte eintreten, und deshalb wird das nicht so schnell gehen. Denn ein freier Fluss von Informationen und ein offener Austausch im Internet — das ist in der Bundesrepublik Deutschland weder von der Wirtschaft, noch von einer korrumpierten und von Wirtschaftsvertretern belaberten und bestochenen Politik erwünscht.


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